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Das Martinshaus im Bendorfer Wenigerbachtal

Das Martinshaus: Berliner Stil der 50er Jahre in Bendorf.

Dieter Kittlauß

In Anlehnung an das Weimarer Bauhaus und den Berliner Stil der 50er Jahre, steht das Martinshaus wie ein feststehender Block mitten im Tal. Gerade Linien, Gliederung durch die Fenster, im Erdgeschoss die Bewegungszone. Der Aufzug ist hinter dem Haus, die SAtuerkammer guckt ein wenig über das Flachdach.

Unter der Leitung von Anneliese Debray veränderte sich ab 1952 das Bendorfer Hedwig-Dransfeld-Haus in einem rasanten Tempo. Eine neue Kapelle wurde gebaut und der Waldgasthof „Sonnenhof“ durch ein Bettenhaus zu einem damals ganz modernen Müttergenesungsheim umgestaltet. Zu Müttererholung und Frauenbildung kamen als neue Ziele Berufsbildung für Mädchen vom Land und Bildungsarbeit mit Behinderten, internationale Begegnungen und ökumenische Erneuerung der christlichen Kirche. Dazu gehörte auch der Dialog mit dem Judentum und die Annäherung an den Islam.   1968 bis 1971 wurde für die breit gefächerte Bildungsarbeit ein neues Haus gebaut und zwar quer in das Tal. Der berühmte Architekt Johannes Jackel brachte so den Berliner Stil der 50er Jahre nach Bendorf: Gerade Linien, Beton, Glas und Kunsstofffassade; natürlich im Keller auch ein Schwimmbad.  Doch der Architekt war zwar berühmt, aber auch weit weg, denn er lebte und arbeitete in Westberlin, so dass die Bauleitung delegiert werden musste.  Noch gravierender waren die Finanzierungslücken, so dass der Bau ständig unterbrochen werden musste und schließlich drei Jahre dauerte. An allen Ecken musste gespart werden, was der Qualität nicht guttat, und der Trägerverein musste sich darüber hinaus hoch verschulden. Schließlich gelang die Fertigstellung   und das Haus bekam den Namen „Martinshaus“. Für die kleine Stadt am Mittelrhein wurde die Einweihung erneut zum großen Bahnhof. Dr. Bernhard Vogel, Kultusminister von Rheinland – Pfalz, hielt die Festansprache: „Konfliktgruppen zusammenführen – für Verständigung und Frieden sorgen, helfen durch Zusammenleben, durch Information, Studium, Feier, Gebet – und Aktion! – Möchten die Patrone dieses letzten Hauses, Martin von Tour, Martin de Porre, Martin Luther, Martin Luther Kind, Martin Buber uns Ermutigung bleiben – und Gottes Segen erbitten.“ [1]  Auf einem Stein vor dem Haus wurde in 17 Sprachen das Wort „Frieden“ gemeißelt. Aber wie in der realen Welt dieses „Suchet den Frieden, jaget ihm nach“ nicht immer nur Glück bringt, so ging es auch dem Hedwig – Dransfeld – Haus. Der Gegensatz von Wünschen und finanziellen Möglichkeiten wurde schließlich explosiv und begleitet von heftigen Konflikten verzichtete Anneliese Debray 1981 auf die Leitung. Erst als Notlösung, dann aber auf Dauer führt der katholische Theologe Dieter Kittlauß das HDH nun in eine neue Epoche. Die Aufgaben waren gewaltig, finanziell und organisatorisch, auch weil sich viele wichtige Mitarbeiter absetzten. Unter gewaltiger Anstrengung und mit Hilfe des Bistums Trier wurde die Krisensituation gemeistert und die Bausubstanz erneuert. Letzte Aufgabe war das inzwischen marode Martinshaus, das nach knapp 20 Jahren zum Sorgenkind geworden war. Die Heizung fiel oft aus, das Wasser tropfte durch das Flachdach, durch die nicht schließenden Fenster war die Beheizung nicht mehr bezahlbar. Ungenügend und gegen die gesetzlichen Vorschriften waren die sanitären Ausstattungen. Dann war noch das Fehlen eines großen Tagungsraumes die Quelle des ständigen Ärgernisses. Da aus Kostengründen ein hinreichender Tagungsraum nicht gebaut werden konnte, musste die Gymnastikhalle, die zur Müttergenesung gehörte, oft zugunsten von Bildungsveranstaltungen „fremdbelegt“ werden. Deshalb brauchte es dringend neben der Sanierung einen Tagungsraum. Aber es gab eine „knallharte Realität“ und die hieß Finanzierung. Das HDH zählte zu den Pionieren der Behindertenintegration, deshalb gab es die Zusage der Höchstförderung von der Aktion Sorgenkind über 600.000 DM. Das Land Rheinland – Pfalz konnte sich eventuell und bei sehr günstiger Haushaltslage einen Zuschuss über 300.000 DM vorstellen. Die Stiftung „Deutsche Bundesjugendmarke“ signalisierte wegen der deutschen Einheit nur ein zinsloses Darlehen über 400. 000 DM. Die voraussichtlichen Baukosten lagen aber mit Sicherheit bei 5 bis 6 Millionen DM. Es war vielleicht ein einmaliger Glücksfall, dass beim Bistum Trier Baumaßnahmen zurückgestellt und dadurch Mittel kurzfristig frei wurden. Jedenfalls war es wie ein Wunder, als seitens des Bistums eine Zuwendung von über 3 Millionen DM signalisiert wurde. Damit war die Sanierung immer noch ein finanzielles Abenteuer, aber es wurde gewagt. Aufgrund der Erfahrungen aus den bisherigen Sanierungen wurden enge Rahmenbedingungen gezogen:  keinerlei Änderungswünsche nach Abschluss der Planung, sorgfältige logistische Vorbereitung der Bauzeit, Durchführung einer Spendenaktion zur Erhöhung der Eigenmittel, erhebliche Eigenarbeiten beim Abbruch; vor allem aber genaue Termineinhaltung der Baudurchführung bis Oktober 1992. Ende August 1991 fand im Martinshaus das letzte Seminar statt und unverzüglich wurde das ganze Haus in einer konzertierten Aktion der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leergeräumt. Mit dem Koblenzer Architekten, Dietrich Zillinger, stand wieder ein hervorragender Partner zur Verfügung und für die Baudurchführung konnte die Bendorfer Firma Pompetzki gewonnen werden. Die Vorgabe für alle Handwerker: alle Termine werden eingehalten und die Bezahlung erfolgt unverzüglich und ungekürzt nach Vorlage der geprüften Rechnung. Spätestens als die schweren Bohrgeräte aus Frankfurt anrollten, die die Betonstelzen für den Anbau im Schwemmsand des Wenigerbachtales bohren und erstellen sollten, wurde allen klar, dass es schon wieder eine Großbaustelle gab. Es waren Zitterstunden als die Fassade abgehängt war und der Wind durch das nackte Betongerüst blies. Als während der Ostertagung 1992 die Jugendlichen aus dem nassen Rohbau ausziehen mussten, wo sie in Schlafsäcken der Bundeswehr übernachten sollten, und dann wegen Regen und Kälte in der physiotherapeutischen Abteilung des Mütterkurhauses ihr „Feldlager“ aufschlugen, waren die Grenze des Normalen schon lange überschritten. Ein distanzierter Beobachter sagte damals: „Ihr seid alle verrückt“. Er hatte Recht, aber vielleicht lässt sich dies auch vornehmer ausdrücken: es war ein von allen mit getragenes Abenteuer.

Das ganze Haus wurde entkernt, so dass nur noch das blanke Betongerippe dastand, Die Fassaden an den Längsseiten wurden abgenommen und auf dem ursprünglichen überkragenden Fundament wurden die neuen Längstmauern hochgemauert. Der Anbau wurde links angefügt. Das Haus erhielt ein Flachdach mit einer Solaranlage fzur Warmwasserbereitung. Für den Anbau mit dem neuen großen Tagungsraum wurden tiefgründende Bohrungen mit Beton gefüllt, um so den Schwemmsand zu stabilisieren.

Besondere Sorge bereitete das Schwimmbad, das mit Rücksicht auf die Mütterkuren erhalten werden sollte. In der Behördensprache hieß es: „Anpassung an die aktuelle Rechtslage“. Aus dem gesamten Becken wurden das Fließen abgehackt. Dann wurde das Becken so verändert, dass nach den Vorschriften der Abfluss rundherum und der Zufluss vom Boden erfolgte. Nach Erneuerung der gesamten technischen Ausrüstung zur Erhöhung der Filterleistung, musste das Becken neuabgedichtet und gefliest werden. Keinesfalls alltäglich war die architektonische Leistung von Dietrich Zillinger. Das bisherige Martinshaus hatte mit Rücksicht auf das Schwimmbad das Fundament an den Längsseiten in etwa 1,50 m Abstand zu den Gebäudewänden. Dies nutzte der Architekt aus. Das Haus wurde zunächst vollständig entkernt. Dann wurde die vordere Fassade entfernt, so dass nur das Betongerippe stehen blieb;  und eine neue Wand auf dem Fundament hochgemauert. Jedes Stockwerk wurde mit der neuen Mauer verbunden. Dadurch wurden die Zimmer um 1,50 m verlängert. Diese Prozedur wurde gleichfalls auf der Rückseite vollzogen. Das neue Steildach erhielt eine umweltfreundliche Warmwasser – Solaranlage; der Neubau fügte sich   organisch an der Seite an. Die Endreinigung übernahm wieder das HDH-Team. Mitte Oktober und auf den Tag genau konnte mit der Seminararbeit wieder begonnen werden. Zum Schluss noch eine kleine Geschichte. Wegen der Zufahrt der überdimensionalen Frankfurter Bohrgeräte musste die Mauer zur Straße durchbrochen werden. Im Weg stand auch eine vor vier Jahren gepflanzte junge Platane. Dieter Kittlauß als Chef setzte sich durch: Der Baum muss gerettet werden. Mit dem Bagger wurde der Baum ausgehoben und im Gelände wieder in die Erde gesetzt. Drei Jahre waren die Blätter klein und schrumplig; mittlerweile ist es wieder ein großer und gesunder Baum. Heute, also 28 Jahre später, steht das Martinshaus immer noch in seiner ganzen Schönheit quer im Tal und ist nach der Insolvenz des Hedwig-Dransfeld-Hauses ein gefragtes Hotel für Tagungen und auch für die Wanderer des Limes- und Rheinhöhenweges.[2]

Dem Architekten Dietrich Zillinger gelang es, die ursprüngliche Grundform zu erhalten.

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Panoramaansicht des Gesamtsanierungsprogramms. Oben im Bild der Komplex des sanierten und erweiterten Mütterkurheimes Gussie-Adenauer-Haus. In der Mitte das neue Martinshaus. Unten links das Gartenhaus und der neue Küchentrakt. Rechts unten der sanierte Altbau. Mit einem Investitionsvolumen von fast 20 Millionen Euro gelang es Dieter Kittlauß die gesamte Baussubstanz zu sanieren.

[1]Wird in der  Festschrift „50 Jahre Hedwig-Dransfeld-Haus Bendorf“, Graphische Werkstätten Schmidt Bendorf,  1975, berichtet.

[2] Die Fotos sind Eigentum des Autors.

Als der Hedwig-Dransfeld-Haus-Verein in Essen am 20. Mai 1951 gegründet wurde

Von Dieter Kittlauß

Am 20. Mai 1951 gründeten die jungen Frauen um Anneliese Debray einen gemeinnützigen Verein, um das traditionsreiche Hedwig-Dransfeld-Haus des Katholischen Deutschen Frauenbundes in Bendorf zu übernehmen. Ohne Übertreibung kann man sagen, dass sie mit unwahrscheinlichem Elan und visionärer Kraft ein neues Kapitel deutscher Geschichte begonnen haben.

Hedwig Dransfeld

Wenn man in Bendorf Richtung Höhr-Grenzhausen fährt und dann in die Mühlenstraße abbiegt, kommt man in das Wenigerbachtal mit einem Ensemble von ganz unterschiedlichen Gebäuden, die heute von der hotel friends group als Hotel angeboten werden. Hier baute  vor 140 Jahren Dr. Caspar Max Brosius, einer der renommierten Vertreter der neu orientierten (>sanften) Nervenheilkunde, eine neue Klinik.  Fast 50 Jahre später kaufte der Katholische Deutsche Frauenbund das inzwischen verlotterte Anwesen, um in landschaftlich schöner Lage zwischen Rhein und Westerwald ausgelaugten Arbeiterfrauen eine Möglichkeit zu Ferien und Erholung zu bieten.

Haupteingang des Hedwig-Dransfeld-Hauses. Rechts die Freianlage. die Aufnahme ist vor 1933 entstanden.

Die „Frauen mit Hut“, wie man die Damen des Frauenbundes nannte, die in der Regel über ein Studium und qualifizierten Beruf verfügten, entsprachen gar nicht den drei K`s (Küche, Kinder, Kirche), deshalb kam zu dem Ferienzweck wie selbstverständlich auch der Bildungsgedanke. Mit der ganzheitlichen Sicht der Einheit von Seele, Geist und Leib wurde an die großen Bendorfer Sanatorien erfolgreich angeknüpft. Der Name der neuen Einrichtung war schnell gefunden, denn 1925 war Hedwig Dransfeld gestorben, die langjährige Präsidentin des Frauenbundes und eine der sechs katholischen Reichstagsabgeordnetinnen.  Entsprechend der allgemeinen Jugend- und Wanderbewegung hatte auch der Katholische Frauenbund eine bündische Mädchenbewegung, den Jugendbund, der die Gelegenheit ergriff, und in dem neuen Hedwig-Dransfeld-Haus seine Zentrale einrichtete. Das kleine Industriestädtchen Bendorf am Mittelrhein erhielt auf einmal Rang und Namen im ganzen Deutschen Reich, denn der Einzugsbereich für katholische Frauen und Mädchen reichte bis nach Schlesien und Ostpreußen. Im Dritten Reich war durch die Gleichschaltung auch dem Katholischen Frauenbund jegliche Bildungs- und Sozialarbeit verboten. Das Haus spiegelte mit seinen unterschiedlichen Verwendungszwecken als Lazarett, Entbindungsheim, Flüchtlingsstätte und Notunterkunft die damaligen Wirren wieder. Da die alliierten Besatzungsmächte nach Kriegsende das Hedwig-Dransfeld-Haus nicht für ihre Zwecke beschlagnahmten, wuchs auch hier in Bendorf – wie überall im zerstörten Nachkriegsdeutschland – neues Leben.   Diese neue Geschichte ist auf das engste mit Anneliese Debray verbunden, eine der vielen Frauen, denen Deutschland seine „Auferstehung“ zu verdanken hatte.  Anneliese Debray wurde am 30. Mai 1911 in Lünen in Westfalen geboren. Der Vater, ein künstlerisch begabter Mensch, war Kaufmann. Die Mutter starb schon 1918 und ließ drei kleine Kinder als Waisen zurück. Frühzeitig lernte Anneliese Debray die Härten des Lebens kennen und musste für die beiden jüngeren Geschwister Fritz und Monika Verantwortung übernehmen. Um der Familie aus wirtschaftlicher Not zu helfen, brach Anneliese Debray ihre Schulbildung am Gymnasium ab und ließ sich zur Sekretärin mit Fremdsprachenkenntnissen ausbilden. In Bonn, dem späteren Wohnsitz der Familie, lernte Anneliese Debray den Jugendbund des katholischen Deutschen Frauenbundes kennen und identifizierte sich schon bald mit dessen Zielen und Idealen. Durch Vermittlung ihrer früheren Schuldirektorin, einer Ursulinin, erhielt sie in Hamburg in der Ölwirtschaft eine Stelle als Chefsekretärin. 1945 verzichtete Anneliese Debray auf ihre berufliche Karriere und konzentrierte sich ganz auf die Neuformierung des Jugendbundes, indem sie die Leitung des Bendorfer Sekretariats übernahm. Innerhalb kurzer Zeit gab es 200 Gruppen, die Anneliese Debray durch viele Reisen und Rundbriefe inspirierte. Doch Anneliese Debray erkannte, dass die Zukunft nach anderen Strukturen verlangt. Sie gab deshalb 1950 die Leitung des Jugendsekretariates an Martha Griebel ab und übernahm dafür die Leitung des Hedwig—Dransfeld-Hauses. Doch nun entwickelte sich ein Generationenkonflikt. Die Führungsriege der „alten Damen“ in der Kölner Zentrale des Frauenbundes sind über die vielen Alleingänge der jungen Damen in Bendorf schon lange verärgert und empört. Da ergreift Anneliese Debray mit ihrem Kreis junger Frauen die Initiative, um das Hedwig-Dransfeld-Haus dem Frauenbund abzukaufen und ihm eine neue Trägerschaft zu geben. Am 20. Mai 1951 kommt es in Essen zur Gründungsversammlung eines Vereins, des Hedwig – Dransfeld – Haus e.V. Dieser will in alleiniger Verantwortung das Hedwig – Dransfeld -Haus in Bendorf übernehmen. Unter der Leitung von Frl. Dr. Krabbel sprechen 12 junge Frauen Anneliese Debray mehrheitlich das volle Vertrauen aus. Lediglich die bereits erfahrene Politikerin, Helene Weber „sagt, daß man nicht so viel von Vertrauen sprechen sollte, sondern nach einem Jahr das Fazit ziehen sollte“.

Helene Weber

Es geht um Umbaupläne in Bendorf, um die Annahme von Hilfsgeldern aus dem Mc- Cloy- Fonds, um die Trennung vom Frauenbund und um die Übernahme des Hedwig – Dransfeld – Hauses. Im Protokoll heißt es: „Zentrale und Hedwig – Dransfeld – Haus müßten auf verschiedenen Wegen für die Ziele des kath. Deutschen Frauenbundes und der katholischen Frauenbewegung arbeiten“. Damit war alles gesagt. In weiser Voraussicht der Realitäten war auf der vorangegangenen Mitgliederversammlung des Frauenbundes am 19.5.1951 bereits beschlossen worden, „dem neu zu bildenden E. V. Hedwig – Dransfeld – Haus das Heim für einen Kaufpreis von 51.000 DM anzubieten“. Der neue Verein ist nicht zimperlich. Das Kaufangebot wird angenommen und in der Vereinssatzung wird der kath. Deutsche Frauenbund nicht mehr genannt. Für die einzuleitenden Baumaßnahmen wird die Priorität festgelegt: Flüchtlingswohnungen, Jugendherberge, Verlegen der Küche, neue Kapelle, Erweiterung des Mütterhauses. Eine Woche später, nämlich am 28. Mai 1951 erfolgt in Köln die notarielle Beglaubigung und die erste Mitgliederversammlung des Hedwig-Dransfeld-Haus e.V. Die 10 Vereinsmitglieder wählen in den Vorstand: Renate Fuisting als Vorsitzende, Dr. Gerta Krabbel als ihre Stellvertreterin, außerdem Anna Heidermanns und Gerda Wintzen. Von den fünf Mitgliedern des Beirates werden drei vom Zentralvorstand des Frauenbundes benannt. Und dann geht es gleich zur Sache. Vermögensbestandsaufnahme, Stand der Bauplanung und -finanzierung (der Architekt Leitl hatte bereits die Pläne fertig und verlangte nach seinem Honorar). Auch ein Bauleiter muss besoldet werden. Die künftigen Reisekosten für Vorstand und Beirat trägt der neue Verein. Die Finanzierung der Transaktion wird genau beschrieben: Übernahme einer eingeschriebenen Hypothek der Sparkasse Koblenz in Höhe von 26.000,-DM durch den neuen Verein, Gewährung einer neuen Hypothek von 25.000,- DM zugunsten des Frauenbundes. Dass die Übergabe der Liegenschaft so relativ reibungslos ablief, ist wohl vor allem Helene Weber, der Lebens- und Kampfgefährtin von Hedwig Dransfeld zu verdanken. Helene Weber kam aus einer katholischen Lehrerfamilie in Wupperfeld-Barmen und war eine der ersten deutschen Studentinnen der Geschichte, Romanistik und Sozialpolitik. Sie gab 1916 ihren Beruf als Oberlehrerin auf und wurde in Köln Leiterin der neu gegründeten sozialen Frauenschule des Katholischen Deutschen Frauenbundes. 1919 zog Helene Weber mit der damaligen Frauenbund-Präsidentin Hedwig Dransfeld in die verfassunggebende Nationalversammlung ein. Nach dem Krieg wurde sie zu einer der Mütter des Grundgesetzes und war von 1949 bis 1962 Mitglied des Deutschen Bundestages, wo sie als anerkannte Sozialpolitikerin wirkte. Helene Weber erkennt in Anneliese Debray ihre religiösen, sozialen und politischen Visionen und versteht sich als Brücke zur nächsten Generation. Deshalb beteiligt sie sich aktiv an der Gründung des neuen Trägervereins für das Hedwig-Dransfeld-Haus.    Dass die Hauptakteurin, Anneliese Debray, meist im Hintergrund bleibt und nur bei der Erörterung von Aktivitäten und Geld auftritt, gehört offensichtlich zur Methode, um die Damen von der Frauenbundzentrale nicht zu reizen.  Bereits einen Monat später, am 29.6.1951, kommt es in Bendorf zur nächsten Mitgliederversammlung. Neun Damen sind anwesend. Es geht um Geld, Baupläne und Anstellungen. In einem atemberaubenden Tempo verändert sich nun das Hedwig – Dransfeld – Haus. Mit ihren Verlobten bringen die jungen Frauen die ersten Männer ins Haus. Die Gäste werden internationaler, denn Versöhnung und Frieden werden zentrale Themen. Die zaghaften Ansätze der kirchlichen Erneuerung aus der Jugendbundzeit werden von Anneliese Debray zielstrebig vorangetrieben. Viele junge Theologen und Ordensleute kommen in das HDH (wie es jetzt genannt wird) nach Bendorf, um ihre Visionen und Ideen zu verbreiten. Ökumene und Una Sancta – (die geeinte Kirche) – sind die neuen Zauberworte, für die sich im Bendorfer HDH Frauen verantwortlich fühlen. Wichtig ist für sie alle vor allem die Unabhängigkeit. Die jungen Frauen um Anneliese Debray wollen ihre eigenen Visionen verwirklichen. Das neu gegründete Hedwig-Dransfeld – Haus wird so zum Spiegelbild des Gestaltungswillens der deutschen Nachkriegszeit.

Die nachstehende Postkarte hat den Poststempel Luftkurort Sayn vom 28.1.53. Die neue Kapelle ist schon gebaut. Die große Fichte vor der Kapelle ist noch das. Die Anbauten mit dem Blauen Saal sind non nicht gebaut. Statt dessen geht die Treppe zum Berghaus.

(Erstveröffentlichung im Jahrbuch 2019 des Landkreises Mayen-Koblenz

Biographie von Dieter Kittlauß: Grengänge. Aus dem Leben eines Wanderpriesters

Es ist der lange und abenteuerliche Weg eines verheirateten katholischen Priesters, der hier erzählt wird. In den Wirren der Kriegs- und Nachkriegszeit führt er zunächst von Breslau bis nach Thüringen. In der Goethestadt Weimar wird das Flüchtlingskind neu beheimatet; die katholische Diasporagemeinde und die sozialistische Schule sind die beiden völlig widersprüchlichen Pole seines Lebens. Der lange Weg zum katholischen Priester und das Wirken als Kaplan und katholischer Jugendseelsorger bietet eine Innenansicht der DDR-Gesellschaft, die in der Literatur wohl einmalig sein dürfte. Auch die Religions- und Kirchenfeindlichkeit des DDR-Staates erhält in vielen Facetten ein neues Licht. Durch die schrittweise Abgrenzung von der Lebensweise eines katholischen Klerikers und die Entscheidung, den Zölibat aufzugeben, geriet der junge katholische Theologe zwangsläufig in die Front zwischen DDR-Staat und katholischer Kirche. Für den sozialistischen Staat ist er so etwas wie die fünfte Kolonne der Konterrevolution, für die katholischer Kirche bleibt er ein Abtrünniger und Verräter. Der holprige Berufsweg zwischen totaler Berufssperre, Zoopark, Versicherung und Tapetenladen wird dennoch zu einer intensiven Lebensschule, die schließlich dank der Helsinkiverhandlungen in die Übersiedlung in den Westen einmündet. Damit beginnt die neue Integration in die lange bekannte und doch so fremde westliche Welt. Diese ganz neue Geschichte ist nicht weniger rasant und abenteuerlich. Dieter Kittlauß bietet mit seiner Biographie eine Kulturgeschichte Nachkriegsdeutschlands aus der Sicht eines Ostdeutschen. Die Auseinandersetzung des Menschen und Theologen Dieter Kittlauß mit der christlichen Tradition und der heutigen Welt zieht sich wie ein roter Faden durch die 305 Seiten.

Die Rückkkehr der russischen Wittgenstein nach Deutschland

 

ter Sohn des kaiserlich russischen Feldmarschalls Fürst Ludwig Adolph Peter aus einem jüngeren Zweig der Berleburger Linie, kehrte 1848 mit seiner Gemahlin Leonilla Barjatinsky (1816–1918) aus Russland zurück, erhielt vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV. die Burg Sayn geschenkt und erwarb 1848 auch das am Fuß des Burgberges gelegene, im Kern mittelalterliche und später barock umgestaltete Herrenhaus, das zuletzt der Familie Boos von Waldeck gehört hatte. Noch im selben Jahr beauftragte der Fürst gemeinsam mit seiner russischen Frau Leonilla den französischen Architekten François Joseph Girard, den späteren Generalintendanten des Louvre in Paris, das Herrenhaus gemäß dem Zeitgeschmack im Stil der Neugotik zu einem Schloss umzubauen und zu erweitern. An seinem Ostende wurde durch Hermann Nebel von 1860 bis 1862 eine Doppel-Kapelle nach dem Vorbild der Sainte-Chapelle errichtet. Das Schloss wurde im Zweiten Weltkrieg kurz vor Kriegsende stark beschädigt. Es verfiel zur Ruine, nur die Außenmauern blieben erhalten, die Kapelle bleib weitgehend unbeschädigt. Erst in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde der Wiederaufbau geplant und unter Wiederherstellung der alten Bausubstanz durchgeführt. Im Jahr 2000 wurden die Arbeiten abgeschlossen. Heutiger Eigentümer ist Alexander Fürst zu Sayn-Wittgenstein-Sayn.

Schloss Sayn, (Sammlung Duncker Wikimedia).  Fürst Ludwig Adolph Friedrich zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg (1799–1866), ältester Sohn des kaiserlich russischen Feldmarschalls Fürst Ludwig Adolph Peter, kehrte 1848 mit seiner Gemahlin, der russischen Fürstin Leonilla Barjatinsky (1816–1918) aus Russland nach Deutschland zurück. Er erhielt vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV. die verfallene Burg Sayn, den Stammsitz seiner Vorfahren, geschenkt und kaufte von der Familie Boos von Waldeck das Herrenhaus am Fuß des Burgberges. Dieses ließ er durch den französischen Architekten François Joseph Girard im Stil der Neugotik umbauen. 1860 wurde nach dem Vorbild der Chapelle Saint Etienne eine Doppelkapelle angebaut. Das Schloss wurde im Zweiten Weltkrieg kurz vor Kriegsende stark beschädigt. In den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts erfolgte mit staatlicher Förderung der Wiederaufbau.

 

 

Hintergrund

Die Aussiedlung der Seitenlinie Sayn-Wittgenstein-Berleburg-Ludwigsburg nach Russland und deren (teilweiser) Rückkehr nach Deutschland ist ein Teil  deutscher Geschichte und auch für die Heimatgeschichte bedeutsam. Mit dieser kleinen Studie wurde ein lesbarer Gesamtüberblick erstellt. Wichtige historische Ereignisse wie die Befreiungsbewegung gegen Napoleon, die Restauration durch den Wiener Kongress und die schrittweise Abschaffung von Adelsprivilegien sind der zeitgeschichtliche Hintergrund. Weiterlesen »

Posted by Kittlauss on Dez 2nd 2015 | Filed in Bendorfer Heimatgeschichte,Heimatgeschichte | Comments (0)

Der Schoß ist fruchtbar. Wurzeln und Formen des Antisemitismus als bleibende Aufgabe der Heimatforschung

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Am Beispiel des Artikels „Juden in Bendorf“ des Bendorfer Schulrektors Heuser, abgedruckt in der Beilage der Bendorfer Zeitung am 3.6.1939, soll die Verwurzelung des Antisemitismus in Deutschland bewusst gemacht und als bleibende Aufgabe der Heimatforschung erläutert werden.

Judenhass und Judenfurcht gab es bereits in der Antike. Es war die Andersartigkeit des jüdischen Lebens, die die Entstehung ständig neuer Zerrbilder vom „Ewigen und hässlichen Juden“ begünstigte. Durch die christliche Kirche erhielten die Juden das Kainsmal der Gottesmörder. Der Text aus dem Matthäusevangelium „Da rief das ganze Volk: Sein Blut komme über uns und seine Kinder!“ diente als Beleg. Die Theologie entwickelt das etwas vornehmere Bild von der Synagoge und der Ekklesia. In dem Lehrbuch „Hortus Deliciarum“ (>Garten der Köstlichkeiten) der Äbtissin Herad von Landsberg im 12 Jahrhundert sind Kirche und Synagoge als zwei reitende Frauengestalten dargestellt. Links vom Kreuz die triumphierende Kirche, rechts die Synagoge. Der Vergleich der beiden Frauen zeigt die tiefe Verachtung des Judentums. Die verschleierte und mit einem blutroten Gewand bekleidete Synagoge reitet auf einem kraftlosen Esel, der entsetzt auf ein Skelett in einem offenen Sarg schaut. Im Arm hält sie ein Messer (Beschneidung), ein Opfertier (>Opferkult) und ein Buch (> Thora). Ganz im Gegensatz dazu die triumphierende Ecclesia. Weiterlesen »

Posted by Kittlauss on Okt 1st 2015 | Filed in Heimatgeschichte | Comments (0)

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