Der Schoß ist fruchtbar. Wurzeln und Formen des Antisemitismus als bleibende Aufgabe der Heimatforschung

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Am Beispiel des Artikels „Juden in Bendorf“ des Bendorfer Schulrektors Heuser, abgedruckt in der Beilage der Bendorfer Zeitung am 3.6.1939, soll die Verwurzelung des Antisemitismus in Deutschland bewusst gemacht und als bleibende Aufgabe der Heimatforschung erläutert werden.

Judenhass und Judenfurcht gab es bereits in der Antike. Es war die Andersartigkeit des jüdischen Lebens, die die Entstehung ständig neuer Zerrbilder vom „Ewigen und hässlichen Juden“ begünstigte. Durch die christliche Kirche erhielten die Juden das Kainsmal der Gottesmörder. Der Text aus dem Matthäusevangelium „Da rief das ganze Volk: Sein Blut komme über uns und seine Kinder!“ diente als Beleg. Die Theologie entwickelt das etwas vornehmere Bild von der Synagoge und der Ekklesia. In dem Lehrbuch „Hortus Deliciarum“ (>Garten der Köstlichkeiten) der Äbtissin Herad von Landsberg im 12 Jahrhundert sind Kirche und Synagoge als zwei reitende Frauengestalten dargestellt. Links vom Kreuz die triumphierende Kirche, rechts die Synagoge. Der Vergleich der beiden Frauen zeigt die tiefe Verachtung des Judentums. Die verschleierte und mit einem blutroten Gewand bekleidete Synagoge reitet auf einem kraftlosen Esel, der entsetzt auf ein Skelett in einem offenen Sarg schaut. Im Arm hält sie ein Messer (Beschneidung), ein Opfertier (>Opferkult) und ein Buch (> Thora). Ganz im Gegensatz dazu die triumphierende Ecclesia. Die biblische Prophezeiung vom Untergang des abtrünnigen Israel gilt für die christliche Kirche für alle Zeiten. Dahinter steht die Überzeugung, dass die christliche Kirche allein und total das neue Volk Gottes ist und deshalb auch legitim das Erbe des Judentums übernommen hat. Im kulturellen Bewusstsein sind aber noch viele andere Bilder, oft viel tiefer verwurzelt und mit tödlicher Wirkung: Die Judensau , der Brunnenvergifter und der ewige Betrüger sind nur drei von vielen Beispielen. Bis in die Neuzeit hinterlässt der Antisemitismus eine breite Blutspur. Die Aufklärung entdeckte die Gleichwertigkeit der Religionen und damit auch die Integration der jüdischen Menschen als freie Bürger des modernen Staates. Die jüdischen Bürger wurden zur Hefe der europäischen Kultur und Wissenschaft. Doch der Schoß ist fruchtbar. Im zwanzigsten Jahrhundert kommt der alte Antisemitismus nicht nur in Europa sondern auch in Amerika zu neuer Blüte und kommt in der von den Deutschen betriebenen Shoa zu einem eruptiven Ausbruch. Die jüdischen Bürger in Deutschland, die mit ihren Familien stolz waren auf ihre gleichberechtigte Zugehörigkeit zur deutschen Geschichte, mussten ihren Irrtum mit dem Verlust der Heimat oder gar ihres Lebens bitter bezahlen. Als Beispiel für den im Denken und Fühlen vieler Deutscher tief verwurzelten Antisemitismus wird hier der Text „Juden in Bendorf“ des Bendorfer Konrektors R.P. Heuser vorgestellt, den dieser als Ruhestandsbeamter in der Beilage zur Bendorfer Zeitung vom 3.6.1939 veröffentlichen ließ.
In Bendorf hatten die Nationalsozialisten bei den Gemeinderatswahlen am 12. März 1933 fünf Mandate gewonnen, ihnen standen 13 Ratsherren der anderen Parteien gegenüber. Bereits fünf Monate später waren die nationalsozialistischen Ratsmitglieder unter sich und der amtierende Bendorfer Bürgermeister Lerner hatte seinen Ruhestand beantragt.Pogrom-Nov.1938-Dt Mit der bereits gleichgeschalteten Bendorfer Zeitung hatten die Nationalsozialisten ein williges Medium, um ihre Ziele zu propagieren. 1935 nahmen die nationalsozialistischen Rassengesetze auch den Bendorfer Juden die bürgerlichen Rechte. Der Artikel „Juden in Bendorf“ des pensionierten Schulrektors Heuser erschien am 3.6.1939 in der Beilage der Bendorfer Zeitung. Er war eingeordnet in den Rückblick „Bendorf vor 50 Jahren“ und zeigt, wie tief der Antisemitismus auch in Bendorf verwurzelt war. Heuser wählt als Bühne für seine Beschreibung der Bendorfer Juden den Bendorfer „Viehmarkt im
Gemeindegarten“, der „ohne Juden damals leblos und flau“ gewesen wäre. Es ist das Klischee des Juden als fahrender Händler, auf das er zurückgreift. „Das war ein Gemauschel , ein mit den Händen Reden, ein Klatschen der Hände ineinander, wenn ein Geschäft zustande kam. Unter dem Leinenkittel trugen sie meistens die fettigen Röcke und in der Hand den Stock, an dessen Ende eine Peitsche befestigt war.“ Dieses Zerrbild vom geschäftemachenden Juden überträgt Heuser dann auf alle männlichen Juden der Stadt, denn „immer waren sie da, wo ein `Rebbach` zu machen war und keine `schofe Masematte` . Historisch richtig ist es, dass die meisten jüdischen Männer im 19. Jahrhundert in den ländlichen Gegenden den Handel als Erwerbsquelle hatten; doch das Zerrbild vom hässlichen Juden atmet jeder Satz, den Heuser schreibt. So beschreibt er das Verhältnis der Juden zur Bevölkerung als „im allgemeinen ein erträgliches, denn der Jude war dafür zu verschlagen, zu gerissen, er war zu viel `Kochemche` , um sich verhaßt zu machen, was ihn aber nicht hinderte, die `Gojims` nach allen Regeln der Kunst zu begaunern und sein Profitchen zu machen.“ Selbst die positive Haltung der Anpassung wird auf negative Motive zurückgeführt. Dann erzählt Heuser als Beleg seiner Beschreibung der Juden die Geschichte vom jüdischen Großhändler Abraham, „der stets ein Schiff voll Mehl aus Rußland kommen ließ. Dieses Mehl grau und minderwertig, mußten die Bäcker, die bei dem Juden in Kreide waren, verarbeiteten. Wenn sie allmählich bankerott gingen durch die hohen Zinsen, und das war oft der Fall, ließ das den Juden kalt. Der hielt sich an der Masse schadlos.“ Die zweite Geschichte schildert zunächst ganz positiv, dass der Rabbi Okunski als Lehrer an die höhere Schule berufen wurde. Aber dann kommt sofort die Keule, denn Okunski war der „ geistige Vater der örtlichen Kommunisten und der Sozialdemokraten, der in Deutschlands größter Elendszeit auf die Idee kam, Erwerbslose durch Kurse umzuschulen, ein zweckloses Beginnen, das lediglich dazu diente, diesem raffinierten Juden, der als Leiter dieser `Erwerbslosen-Universität` nebenberuflich fungierte, die Taschen zu füllen.“ Dann zieht Heuser das Resümee. Die Bendorfer als „harmlose Rheinländer“ konnten über die vielen jüdischen stadtbekannten Originale lachen, aber sie wussten, „sie waren bei harter Arbeit wie andere Bendorfer Bürger im Feld, im Bergwerk, im Steinbruch niemals anzutreffen.“ Heuser hat noch einen Kronzeugen mit dem Gründer der Firma Carl Grieß. Dieser soll öfters geäußert haben: “Ich wünschte der jüngste Jude wäre 99 Jahre alt und säße am Rhein und täte sich totkreischen“. Es ist bedrückend, dass Heuser kein Einzelfall war. Der blutige Antisemitismus Adolf Hitlers und seiner brauen Kumpane fiel auch in der kleinen Stadt Bendorf am Mittelrhein auf fruchtbaren Boden. Beim Novemberprogrom 1938 wurde die Synagoge in der Judengasse angezündet und zerstört. 1942 war Bendorf „judenfrei“. Neben den jüdischen Familien waren auch die Patienten und Pflegekräfte der Jacoby`schen Anstalten vom Sayner Bahnhof deportiert – 573 Männer, Frauen und Kinder wurden auf deutschen Gleisen wie Vieh in die Mordfabriken transportiert. Nach Kriegsende hatte sich in Bendorf keine jüdische Gemeinde mehr gebildet. Die zerstörte Synagoge in der Judengasse wurde 1950 verkauft und abgerissen. Auf dem Grundstück wurde ein Neubau erstellt, an dem 1979 eine Gedenktafel angebracht wurde: „Hier stand die Synagoge der Israelitischen Gemeinde Bendorf. Sie wurde am 10. November 1938 unter der Herrschaft der Gewalt und des Unrechts zerstört“. Auf Veranlassung der Kirchengemeinden wurde eine zweite Tafel angebracht, die neben einer den Prophetenspruch (Maleachi 2,10) zitiert: „Haben wir nicht alle einen Vater“. Nach dem Krieg gab es Gott sei Dank auch in Bendorf Initiativen für die Rückkehr zum „aufrechten Gang“. Hier ist an erster Stelle das Hedwig-Dransfeld-Haus (HDH) mit Anneliese Debray (†) und Dr. Charlotte Schiffler (†) zu nennen, die im theologischen Dialog mit dem Judentum und in der Freundschaft zum Staat Israel eine wesentliche Aufgabe sahen. Mit der Jüdisch-christlichen Bibelwoche wagten sie den Sprung über einen abgrundtiefen Graben. . In Kooperation mit dem Leo-Baeck-Zentrum in Haifa kamen jedes Jahr israelische Gruppen (Juden und christliche Araber) nach Bendorf. Immer wenn 12 jüdische Männer zusammenkamen, wurde in der Kapelle des HDH der Schabbat gefeiert. Charlotte Schiffler gründete hier in Bendorf den Förderkreis für Neve Schalom“, einer Wohnsiedlung in Israel für Juden und Araber. Auf Einladung von Anneliese Debray kam Ende der 70iger Jahre der jüdische Künstler Beni Cohen – Or nach Bendorf und ließ sich hier nieder. Rahamin Mizrachi, ein kurdischer Jude, durfte mit Erlaubnis der Behörden 30 Jahre lang im Hedwig-Dransfeld-Haus für die Versöhnung mit Deutschland arbeiten und leben. 1988 eröffnete der jüdische Arzt, Dr. Albert Davila, in der Mühlenstraße seine Praxis. Jedes Jahr zog er beim Laubhüttenfest auf den Balkon und ließ sich dazu vom Hausmeister des HDH die Bäume für die naturnahe Abdeckung bringen. Karfreitag 1988 ging die HDH – Ostergemeinde unter Leitung von Dieter Kittlauß und Horst Eisel den Kreuzweg “ Auf den Spuren der Shoa in Bendorf“; die Stationen waren die Gedenktafel am Platz der früheren Synagoge, die ehemalige Jacoby’sche Heil- und Pflegeanstalt, der ehemalige Sayner Bahnhof und der alte jüdischer Friedhof in Sayn. 1992 hielt Prof. Dr. Schalom Ben Chorin, einer der Altmeister des jüdisch-christlichen Dialoges, ein Wochenendseminar im Hedwig-Dransfeld-Haus. Regelmäßige Gäste waren die Londoner Rabbiner Lionel Blue und Jonathan Magonet, Prof. Zwi Weinberg von der Bar Ilan-Universität und die israelische Malerin Hanna Bar Or. 2001 gründet sich ein Verein für ein Mahnmal vor der vormaligen Jacoby’schen Anstalt, die bis 1942 für nerven- und gemütskranke Juden in Sayn bestand, zu erinnern. Das Mahnmal soll für die nächsten Generationen die Erinnerung an die Vertreibung, Deportation und Vernichtung der jüdischen Patienten und Mitarbeiter dieser Psychiatrischen Klinik wachhalten. Im Hintergrund standen Forschungen von Dietrich Schabow zur Geschichte der Juden in Bendorf.
Im Nove001 Israel ist an allem schuldmber 2000 zeigte der Künstler Raimund Egbert-Giese im Kulturspeicher Dörenthe (bei Ibbenbüren) eine Ausstellung zum Thema „Die dritte Schuld. Der Schoß ist fruchtbar“. Er erinnerte daran, dass der Antisemitismus tiefe Wurzeln hat und von Generation zu Generation weitergegeben wird. Fünfzehn Jahre später erleben wir die Wahrheit dieser Vision. In Deutschland ist der Antisemitismus mit vielen Gesichtern wie eine Chimäre wieder aufgetaucht. Feindselige Haltung zum Staat Israel und Unverständnis für dessen Bedrohung durch die arabische Welt gehören dazu. Es muss uns nachdenklich machen, dass in Deutschland – und nicht nur hier – die jüdischen Einrichtungen des Schutzes durch Polizei und Sicherheitsdienste bedürfen. Es muss uns eine Gänsehaut bereiten, wenn auf deutschen Straßen wieder antijüdische Hassparolen aus heiseren Kehlen geschrien werden.
IMG_02921976 brachte ein polnischer Jude nach Bendorf ein Geschenk: ein schlichtes Kreuz mit einem Stein von einem Krematorium in Auschwitz. Es lag viele Jahre auf dem Altar der HDH – Kapelle. Durch die Insolvenz des HDH ist es heimatlos geworden, aber es erinnert diese und die kommenden Generationen der kleinen Stadt Bendorf am Mittelrhein, dass wir das unfassbare Verbrechen der Shoa nicht vergessen und wachsam bleiben. (Erstveröffentlichung mit allen Quellennachweisen im Heimatbuch 2016 des Landkreises Mayen- Koblenz).

Kittlauss Okt 1st 2015 05:49 pm Heimatgeschichte Keine Kommentare bisher Facebook Kommentare Trackback URI Comments RSS

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