Tag Archive 'Schöpfung'

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Kleine Studie zur Gottessuche

Wir alle sind Suchende

Dieter Kittlauß

 

Mit den riesigen Teleskopen auf Hawai wurde am 19. Oktober 2017 eine schwarzrote, um sich selbst rotierende kosmische Zigarre entdeckt, die aus den Weiten der Milchstraße diagonal in unser Sonnensystem eindrang; sie war ca. 500 Meter lang und 80 Meter breit. Die Schwerkraft der Sonne reichte nicht aus, um ihre Geschwindigkeit von 160.000 Stundenkilometer abzubremsen, so dass der blaue Planet Erde Gott sei Dank verschont blieb. Deshalb fliegen wir, die Kinder dieser Erde, weiter in elliptischer Bahn und wahnwitziger Geschwindigkeit um unsere Sonne. Die Philosophen und Theologen der Generationen vor uns haben erstaunlich präzise Modelle und Theorien des Sternenhimmels erstellt, wir aber können die Laufbahnen unserer Raketen, die wir zum Mond und zu den anderen Planeten schießen, über Jahre hinweg programmieren; können sogar bis an den Rand unserer Galaxis Himmelsstraße schauen und entfernteste kosmische Prozesse im Computer simulieren. Wir durchschauen die wechselseitige Bedingtheit von Raum und Zeit. Aber das gehört auch zu unserer Wirklichkeit: Selbst den von der Sonne am nächsten Stern Alpha Centauri sehen wir nur so, wie er vor 4,3 Jahren war; ganz zu schweigen von der Herrlichkeit des Sternenhimmels, die uns wegen der räumlichen Dimension verschlossen und verborgen bleibt. Was wir sehen, sind die Bilder aus der Vergangenheit.  Genauso verborgen ist uns der Blick in die Tiefe der Materie. Je genauer wir deren Strukturen erkennen und analysieren, umso weiter verschiebt sich die Erkennbarkeit und umso unschärfer wird das, was wir erkennen. Es geht uns wie der Zecke, die sich zwar am Grashalm mühsam hocharbeitet, und doch umso weniger von der Welt um sie herum versteht, je weiter sie klettert. Aber im Unterschied zur Zecke ist für uns Menschen die Deutung unserer Welt und unseres eigenen Lebens in ihr existentiell bedeutsam. Davon zeugen die Religionen und Weltanschauungen von der fernen Vergangenheit bis in die Gegenwart. Die frühjüdischen Priester im babylonischen Exil erkannten nur, was sie mit ihren biologischen Augen gesehen haben; aber ihre theologische Deutung vom Ursprung unserer Welt aus einer Mitte, ist beeindruckend bis heute; ihre bildhafte und abstrakt personalisierte Sprache genial. Um die Einmaligkeit der Weltentstehung für alle Generationen verbindlich festzulegen, begannen sie ihre Kosmologie (der priesterliche Schöpfungsbericht) mit dem Wort Bereschit  (> Am Anfang schuf), ohne dass dieses noch einmal wiederholt wurde. Ob diese Deutung noch gilt, ist eine Frage, die sich heute – vielleicht sogar dringlicher als früher – allen Menschen stellt. Denn weder mit unseren biologischen Augen noch mit unseren Teleskopen und Elektronenmikroskopen finden wir diese Mitte egal wie wir sie nennen mögen. Selbst wenn sich auf anderen Sternen oder Galaxien Leben gebildet hat, das mit uns kommunizieren könnte, wird es nach heutigen Erkenntnissen nie unser Nachbar. Die Gottesfrage entscheidet, ob wir allein sind oder „unter dem Schutz Seiner Flügel“. Aber die Deutungen, die eine Antwort ohne Gott finden, dürfen in ihrer Ernsthaftigkeit nicht grundsätzlich hinterfragt werden, denn auch alle religiösen Antworten bewegen sich in einem Raum des undurchschaubaren Geheimnisses (Paulus) und der existentiellen Unsicherheit (Mk 15,34). Was uns alle eint, ist die Abwesenheit Gottes in unserer Welterfahrung. Egal wo wir hingehen oder hinschauen, nirgendwo finden wir diese Mitte, der das Frühjudentum den Namen „der immer bei uns ist“ gaben. Das Psalmenwort „Stiege ich zum Himmel empor, so bist du dort, und machte ich die Unterwelt zu meinem Lager, du bist da!“ (Psalm 139,8), gilt für uns nicht mehr. Das ist die Situation für den heutigen Menschen.

Aber da gibt es ein Paradoxon. Viele Menschen – und es sind nicht nur wir Christen – haben dennoch die tiefe Überzeugung, dass es eine Kraft gibt, die uns alle verbindet und eint. Der deutsche ZEN -Meister Willigis Jaeger hat dafür das Bild vom Meer „gemalt“, das die Welle ausschickt und wieder zurückholt. Wir sind die Welle, aber nicht das Meer. Die mittelalterliche Scholastik hat das Bild vom SEIN gebraucht, das alles verbindet und durchdringt. Viel wichtiger aber ist die Sehnsucht, die uns in unserem oft mehr als beschwerlichen Leben ein Ziel gibt, das „Prinzip Hoffnung“ des Ohne–Gott– Philosophen Ernst Bloch, das Erahnen von Gerechtigkeit und Vollendung in aussichtsloser Extremsituation. Gott ist nicht da in dieser mal arktisch kalten und mal siedend heißen kosmischen Welt; er hat sich nicht versteckt in den Tiefen der Erde und auch nicht im Mikrokosmos des Materiellen; und doch gab es und gibt es Milliarden Menschen, die zutiefst überzeugt sind, zu einer Mitte zu gehören, aus der sie kommen und zu der sie zurückkehren werden. In der Neurologie gibt es gewichtige Stimmen, die von einem einheitlichen Bewusstsein sprechen, an dem jeder Mensch partizipiert. Die christliche Theologie hat dafür das uns heute fremde und doch so tiefsinnige Wort Gnade geprägt. Die Bibel gebraucht eine metaphorisch-bildhafte Sprache für dieses Gott-mit-uns-Wissen, so als ob da neben uns einer steht, der uns begleitet, uns stützt und uns hält. Und da gibt es noch ein auf den ersten Blick seltsames Faktum: Diese religiöse Erfahrung wird stärker, wenn wir uns darauf einlassen. Wer die Wahrheit tut, kommt ans Licht, drückt es die neutestamentliche Sprache aus.  Gotteserfahrung gibt es nicht ohne dass sich das Herz öffnet, wieder eines dieser unfassbaren Bilder unserer christlichen Tradition. Wir stehen in einer bis in weite Vergangenheit zurückreichende Kette von Menschen, die – jeder auf seine Art – diese religiöse Erfahrung haben, dass das Leben tiefer wird, wenn wir uns für die uns verborgene Mitte dieser unserer Welt öffnen. Wo Euer Schatz ist, da wird auch euer Herz sein, sagt es die biblische Sprache. „Wenn ihr mich sucht, werdet ihr mich finden. Ja, wenn ihr mich von ganzem Herzen sucht, will ich mich von euch finden lassen. Das verspreche ich euch.“ Diese Erfahrung wird uns von Jeremias überliefert; vor fast 3000 Jahren lebte dieser frühjüdische Prophet (Jeremia 29,13-14). Mit Gott scheint es wie mit der Liebe zu sein, die uns nur geschenkt wird, wenn wir sie vorher geschenkt haben.  Der französische Mathematiker und Theologe Blaise Pascal meinte sogar, dass der Gottesglaube rational die vernünftigere Lebensvariante sei. Es gäbe nur die Alternativen, sagte er, dass es Gott gibt oder ihn nicht gibt, und dazwischen gäbe es keinen Mittelweg. Wie bei einer Wette müsse sich jeder Mensch auf eine dieser Varianten einlassen. Und dann sieht Pascal die Gottesbejahung auf der Gewinnseite; denn „wenn Sie gewinnen, gewinnen Sie alles, wenn Sie verlieren, verlieren Sie nichts. Setzen Sie also ohne zu zögern darauf, daß es ihn gibt.“ Rein logisch hat Pascal recht. Wer ohne Gott leben will, weil er diesen nicht für eine Wirklichkeit, sondern für ein Phantom sieht, wird nicht ohne weiteres glücklicher und zufriedener, denn wir müssen mit der oft tödlichen Kälte und Grausamkeit dieser Welt ganz alleine fertig werden und zwar immer im Angesicht unseres eigenen Endes. Viele religiöse Menschen aber erleben zwar auch dieses Leben voller Rätsel und Unsagbarkeit, aber sie fühlen sich getragen und sogar geliebt. Zur Zeiten des Propheten Jeremias gab es einen solchen religiösen Menschen; sein Gebet ist uns durch die Jahrtausende erhalten geblieben: „Denn der Herr ist deine Zuflucht, du hast den Höchsten als Schutz erwählt. Dir begegnet kein Unheil, kein Unglück naht deinem Zelt. Denn er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf allen deinen Wegen. Sie tragen dich auf ihren Händen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt; du schreitest über Löwen und Nattern, trittst auf Löwen und Drachen.“ (Psalm 90, 9-13). Pascal hat insofern recht, dass sich jeder Mensch in seinem Leben wie bei einer Wette entscheiden muss, ohne eine Garantie zu haben. Aber richtig ist auch, dass ein Leben mit Gott keinesfalls die schlechtere Variante ist. Die neutestamentliche Tradition spricht deshalb von dem Schatz, den man suchen muss.

 

 

 

 

 

 

Posted by Kittlauss on Apr 16th 2018 | Filed in Aktuell,Spiritualität und,Theologie,Was das Leben angeht | Comments (0)

Wie der Wille des Schöpfers auf den Kopf gestellt wurde.

Der hebräische Text Genesis 3,20 ist so zu übersetzen:
„Der von der Erde (Adàm – Adam`äh >Ackerboden) nannte seine Frau Leben (Chaw`äh), denn sie wurde die Mutter aller Lebendigen“.
Dass die Übersetzung von Chaw`äh mit „Leben“ richtig ist, wussten bereits die Autoren der Septuaginta (LXX), deshalb übersetzten sie mit ζωή (>Zoe> Leben). Die Vulgata übernahm das hebräische Wort und latinisierte es zu EVA.
Aus diesem Text zogen die Rabbinen den Schluss, dass die Ehe für alle Menschen verpflichtend sei und fügten Genesis 2,18 „ Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt“ als weiteren Beweis dazu.
Im Hellenismus werden die biblischen Texte kulturell umgedeutet. Bei Philon von Alexandrien, einem der berühmten jüdischen Philosophen und Theologen in der Zeitenwende, finden wir ein deutliches Beispiel:
Adam = Vernunft.
Eva = Sinnlichkeit.
Die Schlange = Sexuelles Begehren (Lust).
Je mehr sich die junge Kirche von ihrer jüdischen Wurzel entfernte, umso mehr verinnerlichte sie die hellenistischen Deutungen. Nicht mehr das Zusammenleben von Mann und Frau ist der Wille des Schöpfers sondern das Single-Dasein. Die Caelibati (>lat. Caelebs = ehelos) werden zum Idealtyp des erlösten Menschen.

Adam und Eva im Paradies - gemalt von Lukas Cranach d. Älteren

Adam und Eva im Paradies – gemalt von Lukas Cranach d. Älteren

Virgo inter vrgines

Virgo inter vrgines

Posted by Kittlauss on Sep 3rd 2015 | Filed in Biblische Studien | Comments (0)

Was sagte Kain dem Abel? Wie das Böse vor unserer Tür hockt.

 

Marc Shagall malt die Geschichte von Kain und Abel. Dabei gibt er dem Abel das Gesicht eines Mädchens und erinnert so an die weltweite Gewalt der Männer gegenüber Frauen und Mädchen. Quelle:  Chagall-  _ und Bibelausstellung Kandel 2003_ httpwww.pwhdesign.dechagall_kandelChagall_bibel8.jpg

Marc Shagall malt die Geschichte von Kain und Abel. Dabei gibt er dem Abel das Gesicht eines Mädchens und erinnert so an die weltweite Gewalt der Männer gegenüber Frauen und Mädchen. Quelle: Chagall- _ und Bibelausstellung Kandel 2003_ httpwww.pwhdesign.dechagall_kandelChagall_bibel8.jpg

 

Einstimmung:

Meldung eins: Am 29. September 1941 wurden 33 771 jüdische Männer, Frauen und Kinder teils zu Fuß, teils mit Lastwagen,  von Kiew zu der nahe gelegenen „Großmütterchen-Schlucht“ Babij Jar gebracht, nackt bis zu einem zehn Meter tiefen Abgrund getrieben und hier von einer Kompanie SS-Männer erschossen. Zwei Tage lang dauerte das Massaker. Mehr als hundert Lastwagenladungen Kleidung wurden für die NS-Wohlfahrt abtransportiert. Um Spuren zu beseitigen, sprengten Pioniereinheiten der Wehrmacht anschließend die Felswände der Schlucht.

Meldung zwei: Am 16. Dezember 2012 machten 6 junge Männer in Neu Dehli mit einem ausrangierten Bus eine Männertour durch die Stadt. Aus Spaß ließen sie eine 23-jährige Krankenschwester mit ihrem 28-jährigen Freund zusteigen.  Die beiden waren auf dem Heimweg von einem Kinobesuch. Dann schlugen die Huligans den jungen Mann mit einer Eisenstange zusammen und vergewaltigten einer nach dem anderen die junge Frau – und zwar stundenlang.

Meldung drei: Zwei Berliner Rechtsmediziner haben ein Buch herausgebracht mit dem Titel „Deutschland misshandelt seine Kinder. Es prangert das Versagen der deutschen Jugendämter an. Die Polizeigewerkschaft schätzt, dass in Deutschland pro Woche drei Kinder durch Misshandlung der eigenen Eltern sterben.

Drei Meldungen  – willkürlich herausgegriffen. Weil wir Menschen Teil der Natur sind, unterliegen wir dem unerbittlichen Entwicklungsgesetz der Evolution;  und das heißt: Verdrängen oder selbst verdrängt werden. Wir sind in die Evolution so stark eingebunden, dass wir uns nur mit der ganzen Anstrengung unseres Geistes  humanisieren und kultivieren können. Aber weil die Humanität kein bleibender Besitz ist sondern nur zeitweiliges Ergebnis unserer Anstrengung, ist der Rückfall in die Barbarei für Einzelne, Gruppen und ganze Völker unser ständiger Begleiter. Die Frage nach dem Bösen, das vor unseren Türen hockt, war eine Kernfrage der jüdischen Theologen bereits in früher Zeit. Im Jahre 597 v.der Zeitenwende  wurde die ganze Elite des jüdischen Volkes nach Babylon deportiert. „An den Flüssen von Babel, da saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten“, erinnert bis heute der Psalm 137 daran. Neben der Frage nach den Ursachen des Unheils für das Volk  waren es die großen Menschheitsfragen nach Leben und Tod, die Beziehungen zwischen Mann und Frau, die Bedrängnisse durch die Gefahren der Natur und die Feindschaften unter den Völkern. Und hinter all diesen Schicksalsfragen stand die Frage nach dem Gott der Väter. Als der persische Kyrios nach 50 Jahren die Rückkehr nach Jerusalem erlaubte, nahm die lange Kolonne der Heimkehrer auf den Papyrusblättern und Pergamentrollen eine neues Welt- und Gottesbild mit. Die Erfahrungen des eigenen Volkes und die uralten Geschichten aus dunkler Vergangenheit waren zu einer neuen Synthese verbunden und werden nun als Thora das jüdische Leben bestimmen. Neue Lieder werden sie singen und die heilige Stadt Jerusalem wieder aufbauen.

Eine der gesammelten alten Geschichten, die wir seit unserer Schulzeit kennen, ist die Geschichte,

Wie Kain den Abel erschlug?

In Anlehnung an den hebräischen Urtext.

(Nuch Genesis 4,1-17)

Und der Mensch erkannte Eva, seine Frau, und sie empfing und gebar den Kain. Und sie sagte: Ich habe mit Adonai[1] einen Mann erworben. Und sie fuhr fort zu gebären seinen Bruder, den Abel. Und Abel hütete eine Herde und Kain bearbeitete den Ackerboden. Und es geschah am Ende von Tagen, da brachte Kain von der Frucht des Ackerbodens eine Gabe für Adonai. Und Abel, er brachte auch von den Erstlingen seiner Herde und ihrem Fett. Und Adonai achtete auf Abel und auf seine Gabe, aber auf Kain und seine Gabe achtete ER nicht. d in Kain brannte es und sein Gesicht senkte sich. Da sagte Adonai zu Kain: Warum brannte es in dir und warum senkte sich dein Gesicht? Ist es nicht so, wenn du gut handelst, trägst du hoch (dein Gesicht), und wenn du nicht gut handelst, verlangt lauernd nach dir am Eingang der Fehltritt. Aber du sollst ihn beherrschen.. Und es sprach Kain mit seinem Bruder Abel. Dann geschah es bei ihrem Sein auf dem Feld. Da stand Kain gegen seinen Bruder Abel auf und schlug ihn tot. Da sagte Adonai zu Kain: Wo ist Abel, dein Bruder? Er sprach: Ich weiß es nicht. Bin ich etwa der Hüter meines Bruders. Und Er sagte: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders Abel schreit vom Ackerboden zu mir. Und nun –  Du (bist) verflucht von der Ackererde, die ihren Mund aufgetan hat, das Blut deines Bruders aufzunehmen. Wenn du mit deiner Hand bearbeitest die Ackererde, wird sie nicht fortfahren, dir Ertrag zu geben. Unstet und flüchtig wirst Du sein im (ganzen) Lande. Da sprach Kain: Du vertreibst mich heute von er Ackererde und vor deinem Antlitz. Ich muss mich verbergen. Ja ich werde unstet und flüchtig sein im (ganzen) Lande. Und es wird geschehen, jeder der mich findet, kann mich töten. Da sagte ihm Adonai: Vielmehr jeder der Kain tötet, wird siebenfach gerächt. Und es machte Adonai dem Kain ein Zeichen, damit ihn keiner erschlage, der ihn findet. Darauf ging Kain weg vom Angesicht Adonais und er wohnte im Lande Nod östlich von Eden.

Kommentar: Das hebräische Wort „Wayomer“, – übersetzt „Und er sprach“ –  verbindet diese Geschichte mit dem ersten Schöpfungsbericht, der Ackerboden erinnert an den zweiten. Warum Gott das Opfer des Kains nicht annahm, wird nicht gesagt und bleibt offen. Den jüdischen Rabbinen genügte als Erklärung, der Hinweis auf das Pascha-Lamm.  Stark ist das Bild vom Bösen, das vor der Tür lauert. Es erinnert an den 1. Petrusbrief, wo das Böse „wie ein brüllender Löwe umhergeht, suchend, wen er verschlinge.“ Die Antwort der Bibel: „Du sollst das Böse beherrschen“ ist eine erstaunlich moderne Antwort. Die Schöpfung Gottes ist als Werdewelt kein Paradies, damit auch das Leben der Menschen  nicht. Aber für den großen und den kleinen Terror sind wir ganz allein verantwortlich. Gott überlässt uns unserem Schicksal, das heißt, unseren eigenen Entscheidungen. Jeder von uns kann wie Abel oder wie Kain sein.

Die jüdischen Rabbinen aber hat besonders eine Frage beschäftigt, die sich nur aus dem hebräischen Text ergibt:[2]

Und es sprach Kain mit seinem Bruder Abel. Dann geschah es bei ihrem Sein auf dem Feld. Da stand Kain gegen seinen Bruder Abel auf und schlug ihn tot.

Was haben Kain und Abel besprochen? Die Geschichte erzählt es nicht. Doch im jüdischen Midrasch wird eine dreifache Antwort darauf gegeben, was Kain und Abel besprochen haben können, bevor es zur Bluttat kam:

Worüber debattierten Kain und Abel? Sie sagten: Wir wollen die Welt aufteilen! Einer nahm den Boden, der andere das Haus. Dieser sagt: Der Boden, auf dem du stehst, gehört mir! Jener sagt: Die Kleider, die du trägst, gehören mir! Jener sagt: ,Zieh sie aus! Dieser sagt: Flieg fort! Deshalb erhob sich Kain gegen seinen Bruder Abel und erschlug ihn. Die erste Antwort der Rabbinen: Die Gier nach Besitz war die Ursache der Bluttat.

Worüber debattierten Kain und Abel? Der eine sagt: Auf meinem Grundstück wird der Tempel gebaut! Der andere sagt: Auf meinem Grundstück wird der Tempel gebaut!‘ Denn das Feld meint nichts anderes als den Tempel, wie du liest beim Propheten Micha.[3] Deshalb erhob sich Kain gegen seinen Bruder Abel und erschlug ihn. Die zweite Antwort der Rabbinen: Die Gier nach Macht war die Ursache der Bluttat..

Worüber debattierten Kain und Abel? Eine Zwillingsschwester wurde zusammen mit Abel geboren. Der eine sagt: Ich nehme sie, bin ich doch der Erstgeborene! Der andere sagt: Ich nehme sie, ist sie doch mit mir zusammen geboren! Deshalb: erhob sich Kain gegen seinen Bruder Abel und erschlug ihn Die dritte Antwort der Rabbinen: Die Gier nach Sex war die Ursache der Bluttat.[4]

 Drei Ursachen hat das Böse:

Die Gier nach Besitz,

die Gier nach Macht,

die Gier nach Sex.

Und damit sind wir mitten in unserer Zeit. Denn Kain und Abel leben heute, hier, mitten unter uns. Sie sind keine Einzelgänger sondern ein Massenphänomen. Auch in der katholischen  Kirche, wie wir in jüngster Zeit erfahren konnten.  Ich erzähle dazu eine Geschichte:

Aufgrund der Herbststürme schaukelte die weiße Yacht hin und her, als sie von der Küstenwache entdeckt wurde. Auf dem  Luxusschiff war niemand. Man konnte dann rekonstruieren: Nach einer Party waren die Gäste mit der Mannschaft nackt ins Meer gesprungen, voll des süßen Weines, kreischend und mit Gelächter im kühlen Wasser. Weil man vergessen hatte, die Leiter herunterzuklappen, waren sie alle ertrunken.

Diese Geschichte hätte Jesus erzählen können – und er hat solche Geschichten dauernd erzählt. Weil er auch die Hohe Geistlichkeit nicht verschonte, wurde er schließlich gekreuzigt. Der römische Hauptmann war der einzige, der bei seinem Tod betete. Nein, da waren noch die Frauen. Es waren einige Frauen, schreibt der Evangelist und zählt sie einzeln mit Namen auf. Eigentlich sind diese Frauen die Säulen der Kirche.

Nicht Gier nach Besitz – sondern teilen, helfen, bescheiden und geschwisterlich leben; abgeben und die Härte der Schöpfung abmildern, wie es Adonai mit dem Kain gemacht hat. Das ist auch die Botschaft Jesu.

Nicht Gier nach Macht – sondern begleiten, die Hand reichen, aus der Grube ziehen; die Schwachen beschützen, Wunden verbinden. Für Gerechtigkeit sich einsetzen. Das ist auch die Botschaft Jesu.

 Nicht Gier nach Sex – sondern die Frauen achten und ehren. Ihnen die volle Menschenwürde zugestehen. Die Kinder beschützen und ihnen Heimat schenken. Das ist auch die Botschaft Jesu.

Unter euch soll es nicht so sein, so sagte es Jesus seinen Jüngern. Im Markusevangelium gibt es große und kleine Figuren. Die großen Figuren  sind die politischen Machthaber, aber auch die Theologen in ihren langen Talaren und mit goldenen Ringen an den Fingern. Die kleinen Figuren sind die Witwen und einfachen Leute, wie der alte Simeon und die Frau am Jakobsbrunnen. Jesus lässt keinen Zweifel, für wen sein Herz schlägt. Im Judentum gibt es bis heute die Vorstellung der Tikkùn  olàm, der Reparatur  der Welt. Gottes Schöpfung ist eine Werdewelt und Gott braucht und will uns als Reparateure. In der christlichen Tradition  haben wir die sieben Werke der Barmherzigkeit, wo wir aufgerufen werden zur Verantwortung für den Nächsten, der unter die Räuber gefallen ist.  Wie sagte Jesus? Wo euer Schatz ist, da wird auch euer Herz sein. Selig seid ihr, wenn ihr hungert und dürstet nach Gerechtigkeit (Mt. 5,5). Darum geht es. Wir sollen  Klempner Gottes sein in einer Welt, die immer noch in Wehen liegt und seufzt und ächzt unter den Gefahren ihrer Vorläufigkeit.

[1] Bereits im 6.-5. Jahrhundert wurde der Gottesname geschrieben aber nicht ausgesprochen. Um diese Praxis zu sichern, wurde, das Tetragramm nur mit Adonai = mein Herr ausgesprochen und dessen Punktuation unterlegt, allerdings diese auch noch einmal variiert.

[2] Die Einheitsübersetzung verwischt den Text:: „Hierauf sagte Kain zu seinem Bruder Abel: Gehen wir aufs Feld. Als sie auf dem Feld waren, griff Kain seinen Bruder Abel an und erschlug ihn.“

[3] Micha 3,12

[4] Sonderdrucke aus der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, GABRIELLE OBERHÄNSLI-WIDMER, Das Böse an Kains Tür. Die Erzählung von Kain und Abel in der jüdischen Literatur.

Originalbeitrag erschienen in:Kirche und Israel 19 (2004), S. 164-181

Posted by Kittlauss on Mrz 15th 2014 | Filed in Biblische Studien,Was das Leben angeht | Comments (0)

Der Garten der Religionen auf der Hamburger Buga 2013

Religionplatte

Auf der Hamburger BUGA 2013 gibt es einen Garten der Religionen. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte haben sich Vertreter von fünf Weltreligionen bereit erklärt, bei der BUGA 2012 in Hamburg, ein gemeinsames Zeugnis ihrer spirituellen Erfahrung zu geben. Auf einer Fläche von 6000 Quadratmetern können die Besucher fünf Gärten besichtigen, die sich um einen zentralen Brunnen gruppieren. Für die fünf Religionen ergießen sich in hohem Bogen fünf Wasserstrahlen in eine große überfließende Wasserschale aus Stein und Stahl, ein archetypisches Bild für den Reichtum der fünf Religionen. Weiterlesen »

Posted by Kittlauss on Aug 19th 2013 | Filed in Spiritualität und | Comments (0)

Auf den Spuren der Enkrateia (> sexuelle Enthaltsamkeit) in der frühen Kirche

 1. Allgemeiner Kontext:

Paulus und Thekla. Ägaptische Elfenbeinarbeit ca. 4. Jhrh. Quelle: Renate Eibner, s. Anmerkg. 7.

In der Institution Katholische Kirche sind die Schlüsselstellungen mit unverheirateten und kinderlosen Männern besetzt, die zudem zur geschlechtlichen Enthaltsamkeit verpflichtet sind. Auch nach der internen Wertskala ist die geschlechtliche Enthaltsamkeit das entscheidende ethische Kennzeichen für heiligmäßiges Leben[1]. Deshalb müsste eigentlich die Auseinandersetzung mit diesem Lebensstil ein wichtiges Thema sein. Dem ist aber nicht so.[2] Wichtigstes kirchliches Thema ist das Sexualleben der Laien.[3] Angesichts dieser Anomalie habe ich schon 2005 eine Studie „Auf den Spuren der Enkrateia“ veröffentlicht, die die Enthaltsamkeit zum Thema nahm. Diese Studie lege ich hier – kritisch durchgesehen und aktualisiert – erneut vor, da die Aktualität dringender ist als je zuvor. Weiterlesen »

Posted by Kittlauss on Aug 30th 2012 | Filed in Katholische Kirche kontrovers,Theologie | Comments (0)

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