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Das Martinshaus im Bendorfer Wenigerbachtal

Das Martinshaus: Berliner Stil der 50er Jahre in Bendorf.

Dieter Kittlauß

In Anlehnung an das Weimarer Bauhaus und den Berliner Stil der 50er Jahre, steht das Martinshaus wie ein feststehender Block mitten im Tal. Gerade Linien, Gliederung durch die Fenster, im Erdgeschoss die Bewegungszone. Der Aufzug ist hinter dem Haus, die SAtuerkammer guckt ein wenig über das Flachdach.

Unter der Leitung von Anneliese Debray veränderte sich ab 1952 das Bendorfer Hedwig-Dransfeld-Haus in einem rasanten Tempo. Eine neue Kapelle wurde gebaut und der Waldgasthof „Sonnenhof“ durch ein Bettenhaus zu einem damals ganz modernen Müttergenesungsheim umgestaltet. Zu Müttererholung und Frauenbildung kamen als neue Ziele Berufsbildung für Mädchen vom Land und Bildungsarbeit mit Behinderten, internationale Begegnungen und ökumenische Erneuerung der christlichen Kirche. Dazu gehörte auch der Dialog mit dem Judentum und die Annäherung an den Islam.   1968 bis 1971 wurde für die breit gefächerte Bildungsarbeit ein neues Haus gebaut und zwar quer in das Tal. Der berühmte Architekt Johannes Jackel brachte so den Berliner Stil der 50er Jahre nach Bendorf: Gerade Linien, Beton, Glas und Kunsstofffassade; natürlich im Keller auch ein Schwimmbad.  Doch der Architekt war zwar berühmt, aber auch weit weg, denn er lebte und arbeitete in Westberlin, so dass die Bauleitung delegiert werden musste.  Noch gravierender waren die Finanzierungslücken, so dass der Bau ständig unterbrochen werden musste und schließlich drei Jahre dauerte. An allen Ecken musste gespart werden, was der Qualität nicht guttat, und der Trägerverein musste sich darüber hinaus hoch verschulden. Schließlich gelang die Fertigstellung   und das Haus bekam den Namen „Martinshaus“. Für die kleine Stadt am Mittelrhein wurde die Einweihung erneut zum großen Bahnhof. Dr. Bernhard Vogel, Kultusminister von Rheinland – Pfalz, hielt die Festansprache: „Konfliktgruppen zusammenführen – für Verständigung und Frieden sorgen, helfen durch Zusammenleben, durch Information, Studium, Feier, Gebet – und Aktion! – Möchten die Patrone dieses letzten Hauses, Martin von Tour, Martin de Porre, Martin Luther, Martin Luther Kind, Martin Buber uns Ermutigung bleiben – und Gottes Segen erbitten.“ [1]  Auf einem Stein vor dem Haus wurde in 17 Sprachen das Wort „Frieden“ gemeißelt. Aber wie in der realen Welt dieses „Suchet den Frieden, jaget ihm nach“ nicht immer nur Glück bringt, so ging es auch dem Hedwig – Dransfeld – Haus. Der Gegensatz von Wünschen und finanziellen Möglichkeiten wurde schließlich explosiv und begleitet von heftigen Konflikten verzichtete Anneliese Debray 1981 auf die Leitung. Erst als Notlösung, dann aber auf Dauer führt der katholische Theologe Dieter Kittlauß das HDH nun in eine neue Epoche. Die Aufgaben waren gewaltig, finanziell und organisatorisch, auch weil sich viele wichtige Mitarbeiter absetzten. Unter gewaltiger Anstrengung und mit Hilfe des Bistums Trier wurde die Krisensituation gemeistert und die Bausubstanz erneuert. Letzte Aufgabe war das inzwischen marode Martinshaus, das nach knapp 20 Jahren zum Sorgenkind geworden war. Die Heizung fiel oft aus, das Wasser tropfte durch das Flachdach, durch die nicht schließenden Fenster war die Beheizung nicht mehr bezahlbar. Ungenügend und gegen die gesetzlichen Vorschriften waren die sanitären Ausstattungen. Dann war noch das Fehlen eines großen Tagungsraumes die Quelle des ständigen Ärgernisses. Da aus Kostengründen ein hinreichender Tagungsraum nicht gebaut werden konnte, musste die Gymnastikhalle, die zur Müttergenesung gehörte, oft zugunsten von Bildungsveranstaltungen „fremdbelegt“ werden. Deshalb brauchte es dringend neben der Sanierung einen Tagungsraum. Aber es gab eine „knallharte Realität“ und die hieß Finanzierung. Das HDH zählte zu den Pionieren der Behindertenintegration, deshalb gab es die Zusage der Höchstförderung von der Aktion Sorgenkind über 600.000 DM. Das Land Rheinland – Pfalz konnte sich eventuell und bei sehr günstiger Haushaltslage einen Zuschuss über 300.000 DM vorstellen. Die Stiftung „Deutsche Bundesjugendmarke“ signalisierte wegen der deutschen Einheit nur ein zinsloses Darlehen über 400. 000 DM. Die voraussichtlichen Baukosten lagen aber mit Sicherheit bei 5 bis 6 Millionen DM. Es war vielleicht ein einmaliger Glücksfall, dass beim Bistum Trier Baumaßnahmen zurückgestellt und dadurch Mittel kurzfristig frei wurden. Jedenfalls war es wie ein Wunder, als seitens des Bistums eine Zuwendung von über 3 Millionen DM signalisiert wurde. Damit war die Sanierung immer noch ein finanzielles Abenteuer, aber es wurde gewagt. Aufgrund der Erfahrungen aus den bisherigen Sanierungen wurden enge Rahmenbedingungen gezogen:  keinerlei Änderungswünsche nach Abschluss der Planung, sorgfältige logistische Vorbereitung der Bauzeit, Durchführung einer Spendenaktion zur Erhöhung der Eigenmittel, erhebliche Eigenarbeiten beim Abbruch; vor allem aber genaue Termineinhaltung der Baudurchführung bis Oktober 1992. Ende August 1991 fand im Martinshaus das letzte Seminar statt und unverzüglich wurde das ganze Haus in einer konzertierten Aktion der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leergeräumt. Mit dem Koblenzer Architekten, Dietrich Zillinger, stand wieder ein hervorragender Partner zur Verfügung und für die Baudurchführung konnte die Bendorfer Firma Pompetzki gewonnen werden. Die Vorgabe für alle Handwerker: alle Termine werden eingehalten und die Bezahlung erfolgt unverzüglich und ungekürzt nach Vorlage der geprüften Rechnung. Spätestens als die schweren Bohrgeräte aus Frankfurt anrollten, die die Betonstelzen für den Anbau im Schwemmsand des Wenigerbachtales bohren und erstellen sollten, wurde allen klar, dass es schon wieder eine Großbaustelle gab. Es waren Zitterstunden als die Fassade abgehängt war und der Wind durch das nackte Betongerüst blies. Als während der Ostertagung 1992 die Jugendlichen aus dem nassen Rohbau ausziehen mussten, wo sie in Schlafsäcken der Bundeswehr übernachten sollten, und dann wegen Regen und Kälte in der physiotherapeutischen Abteilung des Mütterkurhauses ihr „Feldlager“ aufschlugen, waren die Grenze des Normalen schon lange überschritten. Ein distanzierter Beobachter sagte damals: „Ihr seid alle verrückt“. Er hatte Recht, aber vielleicht lässt sich dies auch vornehmer ausdrücken: es war ein von allen mit getragenes Abenteuer.

Das ganze Haus wurde entkernt, so dass nur noch das blanke Betongerippe dastand, Die Fassaden an den Längsseiten wurden abgenommen und auf dem ursprünglichen überkragenden Fundament wurden die neuen Längstmauern hochgemauert. Der Anbau wurde links angefügt. Das Haus erhielt ein Flachdach mit einer Solaranlage fzur Warmwasserbereitung. Für den Anbau mit dem neuen großen Tagungsraum wurden tiefgründende Bohrungen mit Beton gefüllt, um so den Schwemmsand zu stabilisieren.

Besondere Sorge bereitete das Schwimmbad, das mit Rücksicht auf die Mütterkuren erhalten werden sollte. In der Behördensprache hieß es: „Anpassung an die aktuelle Rechtslage“. Aus dem gesamten Becken wurden das Fließen abgehackt. Dann wurde das Becken so verändert, dass nach den Vorschriften der Abfluss rundherum und der Zufluss vom Boden erfolgte. Nach Erneuerung der gesamten technischen Ausrüstung zur Erhöhung der Filterleistung, musste das Becken neuabgedichtet und gefliest werden. Keinesfalls alltäglich war die architektonische Leistung von Dietrich Zillinger. Das bisherige Martinshaus hatte mit Rücksicht auf das Schwimmbad das Fundament an den Längsseiten in etwa 1,50 m Abstand zu den Gebäudewänden. Dies nutzte der Architekt aus. Das Haus wurde zunächst vollständig entkernt. Dann wurde die vordere Fassade entfernt, so dass nur das Betongerippe stehen blieb;  und eine neue Wand auf dem Fundament hochgemauert. Jedes Stockwerk wurde mit der neuen Mauer verbunden. Dadurch wurden die Zimmer um 1,50 m verlängert. Diese Prozedur wurde gleichfalls auf der Rückseite vollzogen. Das neue Steildach erhielt eine umweltfreundliche Warmwasser – Solaranlage; der Neubau fügte sich   organisch an der Seite an. Die Endreinigung übernahm wieder das HDH-Team. Mitte Oktober und auf den Tag genau konnte mit der Seminararbeit wieder begonnen werden. Zum Schluss noch eine kleine Geschichte. Wegen der Zufahrt der überdimensionalen Frankfurter Bohrgeräte musste die Mauer zur Straße durchbrochen werden. Im Weg stand auch eine vor vier Jahren gepflanzte junge Platane. Dieter Kittlauß als Chef setzte sich durch: Der Baum muss gerettet werden. Mit dem Bagger wurde der Baum ausgehoben und im Gelände wieder in die Erde gesetzt. Drei Jahre waren die Blätter klein und schrumplig; mittlerweile ist es wieder ein großer und gesunder Baum. Heute, also 28 Jahre später, steht das Martinshaus immer noch in seiner ganzen Schönheit quer im Tal und ist nach der Insolvenz des Hedwig-Dransfeld-Hauses ein gefragtes Hotel für Tagungen und auch für die Wanderer des Limes- und Rheinhöhenweges.[2]

Dem Architekten Dietrich Zillinger gelang es, die ursprüngliche Grundform zu erhalten.

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Panoramaansicht des Gesamtsanierungsprogramms. Oben im Bild der Komplex des sanierten und erweiterten Mütterkurheimes Gussie-Adenauer-Haus. In der Mitte das neue Martinshaus. Unten links das Gartenhaus und der neue Küchentrakt. Rechts unten der sanierte Altbau. Mit einem Investitionsvolumen von fast 20 Millionen Euro gelang es Dieter Kittlauß die gesamte Baussubstanz zu sanieren.

[1]Wird in der  Festschrift „50 Jahre Hedwig-Dransfeld-Haus Bendorf“, Graphische Werkstätten Schmidt Bendorf,  1975, berichtet.

[2] Die Fotos sind Eigentum des Autors.

Als der Hedwig-Dransfeld-Haus-Verein in Essen am 20. Mai 1951 gegründet wurde

Von Dieter Kittlauß

Am 20. Mai 1951 gründeten die jungen Frauen um Anneliese Debray einen gemeinnützigen Verein, um das traditionsreiche Hedwig-Dransfeld-Haus des Katholischen Deutschen Frauenbundes in Bendorf zu übernehmen. Ohne Übertreibung kann man sagen, dass sie mit unwahrscheinlichem Elan und visionärer Kraft ein neues Kapitel deutscher Geschichte begonnen haben.

Hedwig Dransfeld

Wenn man in Bendorf Richtung Höhr-Grenzhausen fährt und dann in die Mühlenstraße abbiegt, kommt man in das Wenigerbachtal mit einem Ensemble von ganz unterschiedlichen Gebäuden, die heute von der hotel friends group als Hotel angeboten werden. Hier baute  vor 140 Jahren Dr. Caspar Max Brosius, einer der renommierten Vertreter der neu orientierten (>sanften) Nervenheilkunde, eine neue Klinik.  Fast 50 Jahre später kaufte der Katholische Deutsche Frauenbund das inzwischen verlotterte Anwesen, um in landschaftlich schöner Lage zwischen Rhein und Westerwald ausgelaugten Arbeiterfrauen eine Möglichkeit zu Ferien und Erholung zu bieten.

Haupteingang des Hedwig-Dransfeld-Hauses. Rechts die Freianlage. die Aufnahme ist vor 1933 entstanden.

Die „Frauen mit Hut“, wie man die Damen des Frauenbundes nannte, die in der Regel über ein Studium und qualifizierten Beruf verfügten, entsprachen gar nicht den drei K`s (Küche, Kinder, Kirche), deshalb kam zu dem Ferienzweck wie selbstverständlich auch der Bildungsgedanke. Mit der ganzheitlichen Sicht der Einheit von Seele, Geist und Leib wurde an die großen Bendorfer Sanatorien erfolgreich angeknüpft. Der Name der neuen Einrichtung war schnell gefunden, denn 1925 war Hedwig Dransfeld gestorben, die langjährige Präsidentin des Frauenbundes und eine der sechs katholischen Reichstagsabgeordnetinnen.  Entsprechend der allgemeinen Jugend- und Wanderbewegung hatte auch der Katholische Frauenbund eine bündische Mädchenbewegung, den Jugendbund, der die Gelegenheit ergriff, und in dem neuen Hedwig-Dransfeld-Haus seine Zentrale einrichtete. Das kleine Industriestädtchen Bendorf am Mittelrhein erhielt auf einmal Rang und Namen im ganzen Deutschen Reich, denn der Einzugsbereich für katholische Frauen und Mädchen reichte bis nach Schlesien und Ostpreußen. Im Dritten Reich war durch die Gleichschaltung auch dem Katholischen Frauenbund jegliche Bildungs- und Sozialarbeit verboten. Das Haus spiegelte mit seinen unterschiedlichen Verwendungszwecken als Lazarett, Entbindungsheim, Flüchtlingsstätte und Notunterkunft die damaligen Wirren wieder. Da die alliierten Besatzungsmächte nach Kriegsende das Hedwig-Dransfeld-Haus nicht für ihre Zwecke beschlagnahmten, wuchs auch hier in Bendorf – wie überall im zerstörten Nachkriegsdeutschland – neues Leben.   Diese neue Geschichte ist auf das engste mit Anneliese Debray verbunden, eine der vielen Frauen, denen Deutschland seine „Auferstehung“ zu verdanken hatte.  Anneliese Debray wurde am 30. Mai 1911 in Lünen in Westfalen geboren. Der Vater, ein künstlerisch begabter Mensch, war Kaufmann. Die Mutter starb schon 1918 und ließ drei kleine Kinder als Waisen zurück. Frühzeitig lernte Anneliese Debray die Härten des Lebens kennen und musste für die beiden jüngeren Geschwister Fritz und Monika Verantwortung übernehmen. Um der Familie aus wirtschaftlicher Not zu helfen, brach Anneliese Debray ihre Schulbildung am Gymnasium ab und ließ sich zur Sekretärin mit Fremdsprachenkenntnissen ausbilden. In Bonn, dem späteren Wohnsitz der Familie, lernte Anneliese Debray den Jugendbund des katholischen Deutschen Frauenbundes kennen und identifizierte sich schon bald mit dessen Zielen und Idealen. Durch Vermittlung ihrer früheren Schuldirektorin, einer Ursulinin, erhielt sie in Hamburg in der Ölwirtschaft eine Stelle als Chefsekretärin. 1945 verzichtete Anneliese Debray auf ihre berufliche Karriere und konzentrierte sich ganz auf die Neuformierung des Jugendbundes, indem sie die Leitung des Bendorfer Sekretariats übernahm. Innerhalb kurzer Zeit gab es 200 Gruppen, die Anneliese Debray durch viele Reisen und Rundbriefe inspirierte. Doch Anneliese Debray erkannte, dass die Zukunft nach anderen Strukturen verlangt. Sie gab deshalb 1950 die Leitung des Jugendsekretariates an Martha Griebel ab und übernahm dafür die Leitung des Hedwig—Dransfeld-Hauses. Doch nun entwickelte sich ein Generationenkonflikt. Die Führungsriege der „alten Damen“ in der Kölner Zentrale des Frauenbundes sind über die vielen Alleingänge der jungen Damen in Bendorf schon lange verärgert und empört. Da ergreift Anneliese Debray mit ihrem Kreis junger Frauen die Initiative, um das Hedwig-Dransfeld-Haus dem Frauenbund abzukaufen und ihm eine neue Trägerschaft zu geben. Am 20. Mai 1951 kommt es in Essen zur Gründungsversammlung eines Vereins, des Hedwig – Dransfeld – Haus e.V. Dieser will in alleiniger Verantwortung das Hedwig – Dransfeld -Haus in Bendorf übernehmen. Unter der Leitung von Frl. Dr. Krabbel sprechen 12 junge Frauen Anneliese Debray mehrheitlich das volle Vertrauen aus. Lediglich die bereits erfahrene Politikerin, Helene Weber „sagt, daß man nicht so viel von Vertrauen sprechen sollte, sondern nach einem Jahr das Fazit ziehen sollte“.

Helene Weber

Es geht um Umbaupläne in Bendorf, um die Annahme von Hilfsgeldern aus dem Mc- Cloy- Fonds, um die Trennung vom Frauenbund und um die Übernahme des Hedwig – Dransfeld – Hauses. Im Protokoll heißt es: „Zentrale und Hedwig – Dransfeld – Haus müßten auf verschiedenen Wegen für die Ziele des kath. Deutschen Frauenbundes und der katholischen Frauenbewegung arbeiten“. Damit war alles gesagt. In weiser Voraussicht der Realitäten war auf der vorangegangenen Mitgliederversammlung des Frauenbundes am 19.5.1951 bereits beschlossen worden, „dem neu zu bildenden E. V. Hedwig – Dransfeld – Haus das Heim für einen Kaufpreis von 51.000 DM anzubieten“. Der neue Verein ist nicht zimperlich. Das Kaufangebot wird angenommen und in der Vereinssatzung wird der kath. Deutsche Frauenbund nicht mehr genannt. Für die einzuleitenden Baumaßnahmen wird die Priorität festgelegt: Flüchtlingswohnungen, Jugendherberge, Verlegen der Küche, neue Kapelle, Erweiterung des Mütterhauses. Eine Woche später, nämlich am 28. Mai 1951 erfolgt in Köln die notarielle Beglaubigung und die erste Mitgliederversammlung des Hedwig-Dransfeld-Haus e.V. Die 10 Vereinsmitglieder wählen in den Vorstand: Renate Fuisting als Vorsitzende, Dr. Gerta Krabbel als ihre Stellvertreterin, außerdem Anna Heidermanns und Gerda Wintzen. Von den fünf Mitgliedern des Beirates werden drei vom Zentralvorstand des Frauenbundes benannt. Und dann geht es gleich zur Sache. Vermögensbestandsaufnahme, Stand der Bauplanung und -finanzierung (der Architekt Leitl hatte bereits die Pläne fertig und verlangte nach seinem Honorar). Auch ein Bauleiter muss besoldet werden. Die künftigen Reisekosten für Vorstand und Beirat trägt der neue Verein. Die Finanzierung der Transaktion wird genau beschrieben: Übernahme einer eingeschriebenen Hypothek der Sparkasse Koblenz in Höhe von 26.000,-DM durch den neuen Verein, Gewährung einer neuen Hypothek von 25.000,- DM zugunsten des Frauenbundes. Dass die Übergabe der Liegenschaft so relativ reibungslos ablief, ist wohl vor allem Helene Weber, der Lebens- und Kampfgefährtin von Hedwig Dransfeld zu verdanken. Helene Weber kam aus einer katholischen Lehrerfamilie in Wupperfeld-Barmen und war eine der ersten deutschen Studentinnen der Geschichte, Romanistik und Sozialpolitik. Sie gab 1916 ihren Beruf als Oberlehrerin auf und wurde in Köln Leiterin der neu gegründeten sozialen Frauenschule des Katholischen Deutschen Frauenbundes. 1919 zog Helene Weber mit der damaligen Frauenbund-Präsidentin Hedwig Dransfeld in die verfassunggebende Nationalversammlung ein. Nach dem Krieg wurde sie zu einer der Mütter des Grundgesetzes und war von 1949 bis 1962 Mitglied des Deutschen Bundestages, wo sie als anerkannte Sozialpolitikerin wirkte. Helene Weber erkennt in Anneliese Debray ihre religiösen, sozialen und politischen Visionen und versteht sich als Brücke zur nächsten Generation. Deshalb beteiligt sie sich aktiv an der Gründung des neuen Trägervereins für das Hedwig-Dransfeld-Haus.    Dass die Hauptakteurin, Anneliese Debray, meist im Hintergrund bleibt und nur bei der Erörterung von Aktivitäten und Geld auftritt, gehört offensichtlich zur Methode, um die Damen von der Frauenbundzentrale nicht zu reizen.  Bereits einen Monat später, am 29.6.1951, kommt es in Bendorf zur nächsten Mitgliederversammlung. Neun Damen sind anwesend. Es geht um Geld, Baupläne und Anstellungen. In einem atemberaubenden Tempo verändert sich nun das Hedwig – Dransfeld – Haus. Mit ihren Verlobten bringen die jungen Frauen die ersten Männer ins Haus. Die Gäste werden internationaler, denn Versöhnung und Frieden werden zentrale Themen. Die zaghaften Ansätze der kirchlichen Erneuerung aus der Jugendbundzeit werden von Anneliese Debray zielstrebig vorangetrieben. Viele junge Theologen und Ordensleute kommen in das HDH (wie es jetzt genannt wird) nach Bendorf, um ihre Visionen und Ideen zu verbreiten. Ökumene und Una Sancta – (die geeinte Kirche) – sind die neuen Zauberworte, für die sich im Bendorfer HDH Frauen verantwortlich fühlen. Wichtig ist für sie alle vor allem die Unabhängigkeit. Die jungen Frauen um Anneliese Debray wollen ihre eigenen Visionen verwirklichen. Das neu gegründete Hedwig-Dransfeld – Haus wird so zum Spiegelbild des Gestaltungswillens der deutschen Nachkriegszeit.

Die nachstehende Postkarte hat den Poststempel Luftkurort Sayn vom 28.1.53. Die neue Kapelle ist schon gebaut. Die große Fichte vor der Kapelle ist noch das. Die Anbauten mit dem Blauen Saal sind non nicht gebaut. Statt dessen geht die Treppe zum Berghaus.

(Erstveröffentlichung im Jahrbuch 2019 des Landkreises Mayen-Koblenz

Biographie von Dieter Kittlauß: Grengänge. Aus dem Leben eines Wanderpriesters

Es ist der lange und abenteuerliche Weg eines verheirateten katholischen Priesters, der hier erzählt wird. In den Wirren der Kriegs- und Nachkriegszeit führt er zunächst von Breslau bis nach Thüringen. In der Goethestadt Weimar wird das Flüchtlingskind neu beheimatet; die katholische Diasporagemeinde und die sozialistische Schule sind die beiden völlig widersprüchlichen Pole seines Lebens. Der lange Weg zum katholischen Priester und das Wirken als Kaplan und katholischer Jugendseelsorger bietet eine Innenansicht der DDR-Gesellschaft, die in der Literatur wohl einmalig sein dürfte. Auch die Religions- und Kirchenfeindlichkeit des DDR-Staates erhält in vielen Facetten ein neues Licht. Durch die schrittweise Abgrenzung von der Lebensweise eines katholischen Klerikers und die Entscheidung, den Zölibat aufzugeben, geriet der junge katholische Theologe zwangsläufig in die Front zwischen DDR-Staat und katholischer Kirche. Für den sozialistischen Staat ist er so etwas wie die fünfte Kolonne der Konterrevolution, für die katholischer Kirche bleibt er ein Abtrünniger und Verräter. Der holprige Berufsweg zwischen totaler Berufssperre, Zoopark, Versicherung und Tapetenladen wird dennoch zu einer intensiven Lebensschule, die schließlich dank der Helsinkiverhandlungen in die Übersiedlung in den Westen einmündet. Damit beginnt die neue Integration in die lange bekannte und doch so fremde westliche Welt. Diese ganz neue Geschichte ist nicht weniger rasant und abenteuerlich. Dieter Kittlauß bietet mit seiner Biographie eine Kulturgeschichte Nachkriegsdeutschlands aus der Sicht eines Ostdeutschen. Die Auseinandersetzung des Menschen und Theologen Dieter Kittlauß mit der christlichen Tradition und der heutigen Welt zieht sich wie ein roter Faden durch die 305 Seiten.

Die Madonna im Fenster

 

Die Madonna im Fenster2003 wurde ich gebeten, mich um die Altakten des insolventen Bendorfer Hedwig-Dransfeld-Hauses (HDH) zu kümmern. Ausgestattet mit allen Hauptschlüsseln, besuchte ich die einzelnen Büros – zuletzt auch die Kapelle. Es zerriss mir das Herz, als ich den wüsten Raum betrat, der über lange Jahre ein Herzstück der Ökumene gewesen war. Dann sah ich auf einer Bank einen Karton mit braunen Tonscherben und auf dem Fußboden eine stark beschädigte Figur ohne Kopf. Ich erkannte sofort, dass es die Madonna war, die ich so geliebt hatte. „ Ja sie ist beim Abtransport zu Boden gefallen und in Stücke zerborsten“, sagte der Hausmeister axelzuckend, „nehmen sie doch alles mit, wenn sie es wollen“. Das tat ich auch, denn ich hatte das Gefühl, dass es meine Aufgabe sei, die Madonna würdig zu beerdigen. Doch es kam anders. Heute steht die restaurierte Madonna bei mir im Fenster und immer, wenn ich vorbeigehe, schaut sie mich und ich schaue sie lächelnd und stolz an. Es hat zwei Jahre gedauert, bis ich mir eine geeignete Restaurationstechnik angeeignet hatte und die Madonna reparieren konnte. Ich erzähle das alles so ausführlich, weil diese Madonna eine lange Geschichte hat. Durch Jahreszahl 1948 und Signatur unter dem Fuß ist Eugen Keller (1904-1995), der international renommierte Künstler aus Höhr-Grenzhausen, als der bildende Urheber dokumentiert. Die Madonna feiert dieses Jahr ihren 65. Geburtstag. Eugen Keller war ein All-round-Künstler. Er arbeitete gleichermaßen mit Aquarell, Holz, Keramik, Ton und Bronze. Die Koblenzer können sich noch an die Fassade der früheren Rhein-Mosel-Halle erinnern können, die seine monumentale musikalische Arabeske (Guss) geschmückt hatte. Eugen Keller war ein Freund von Anneliese Debray (1911-1985), der langjährigen Leiterin des Hedwig-Dransfeld-Hauses in Bendorf. Es war wohl so etwas wie eine Seelenverwandtschaft zwischen den beiden. Bereits in der alten Kapelle des HDH, die der Deutsche Katholische Frauenbund durch den renommierten Kirchenarchitekten Rudolf Schwarz (1897-1961) bauen ließ, muss die Madonna von Eugen Keller gestanden haben. Es gibt ein Foto von 1952, auf dem zwei französische Jugendliche, die beim Abriss der alten Kapelle halfen, die Madonna aus der noch im Hintergrund zu sehenden Schwarz-Kapelle hinaustragen.

Aber die Madonna kehrt in die neue Kapelle nicht zurück. Durch eine Ungeschicklichkeit war die rechte Hand abgebrochen und nur sehr laienhaft repariert worden. Als ich 1980 die Leitung des HDH übernommen hatte, fand ich die Madonna in einem Abstellraum. Als das neue Hildegardhaus fertig gestellt war, erhielt die Madonna hier einen Ehrenplatz, geschmückt von einem uralten Weihnachtskaktus, der jedes Jahr im Advent zu einer geradezu explodierenden Fülle erblühte. Mein Mitarbeiter Rahamim Mizrachi schenkte eines Tages einen kunsthandwerklichen Weihnachtsstern und bat mich, diesen neben der Madonna an der Wand aufzuhängen. Rahamim war ein jüdischer Kurde, der viele Jahre im Bendorfer HDH „seinen Friedensdienst“ tat. Es war seine Antwort auf die Shoa.
Die Religionsgeschichte weiß zu erzählen, dass die christliche Madonna im Glauben der uralten Zeiten der Menschheit ihre Wurzeln hat. Im alten Ägypten war es die große Isis mit ihrem Sohn auf dem Arm. Das Geheimnis von Mutterschaft, Menschwerdung und gelebter Menschlichkeit findet in diesen mythologischen Frauen ihren Ausdruck. Die Madonna von Eugen Keller knüpft an diese Tradition an. Die Madonna verkündet unserer Welt, in der es so viel Gewalt gibt, die Botschaft des Lebens und der Zärtlichkeit. Mit der rechten Hand segnet sie, mit der linken Hand hält sie das Kind, das einen Ball (die Erdkugel) in den Händen hat.
Die Madonna am Fenster steht heute im Flur des Sayner Fünftannenhauses, das in eine Zeit lang Bordell war, früher ein gepflegtes Tanzlokal und im 19. Jahrhundert zur Klinik Brosius gehörte. Brosius gehörte zu den Gründern der „sanften“ Psychiatrie, durch die zum ersten Mal psychisch Kranke als Menschen behandelt wurden. Die Madonna von Eugen Keller, ist zurückgekehrt in unser Leben.
Dieter Kittlauß

Die Schwarzkapelle von innen. An der rechten Wand sieht man noch die erste Madonna, eine Arbeit aus dem Oberammergau.

Die Schwarzkapelle von innen. An der rechten Wand sieht man noch die erste Madonna, eine Arbeit aus dem Oberammergau.

 

 

Die Schwarzkapelle von der Seite

Der Deutsche Katholische Frauenbund errichtete 1924 in Bendorf am Rhein ein Zentrum für Frauenbildung und Müttererholung. Der international renommierte Kirchenarchitekt Rudolf Schwarz baute im Park des Hauses eine kline Kapelle. Auf diesem Foto sehen wir eine Außenansicht.

 

 

 

 

Frannzösische Studenten sichern die Keller Madonna

Bevor die Schwarzkapelle abgerissen und durch einen größeren Neubau ersetzt wurde, bringen zwei französische Studenten die Madonna in Sicherheit. Dabei oder später wurde die rechte Hand der Madonna beschädigt. Da die Reparatur nicht sachgemäß durchgeführt wurde, stellt man die Madonna in einem Magazin ab. Bei der Altbausanierung wurde sie gefunden und erhielt ihren Platz im neuen Speisesaal des Hildegard-Hauses. Sie wurde umrahmt von einem alten Weihnachtskaktus, der jedes Jahr zu Weihnachten eine große Blütenpracht entfaltete. Mein Mitarneiter Rahamim Mizrachi, ein jüdischer Kurde, der im HDH nach 1980 Friedensdienst leistete, schenkte der Madonna einen kostbaren mit Halbedelsteinen geschmückten Stern.

Der zugewachsene Aufgang

2003 ging das Hedwig-Dransfeld-Haus in Insolvenz. Hausinterne Fehlentwicklungen, Reduzierung der öffentlichen Zuwendungen und Streichung der Förderung des Bistums Trier waren ursächlich. Auch die Kapelle, einmal europäisches Zentrum der interreligiösen Versöhnung, verwaiste und steht heute noch leer.

Der leere Altar

Öd und leer ist die heilige Stätte. Das große Altarbild hängt schief an der Wand, die Alterdecke ist schmutzig und der Strick der kleinen Dachglocke ist abgeschnitten.

Die Hostien im Tabernakel

Der von Eugen Keller geschaffene Tabernakel war entleert, nur die Hostien waren achtlos eingewickelt in ein Tuch zurückgelassen.

Die Bruchstücke der zerbrochenen Madonna.

Auch die Madonna war beim Ausräumen beschädigt worden.

 

 

 

Dieter Kittlauß mit den Bruchstücken der Madonna

Tief traurig sitzt Dieter Kittlauß neben dem geöffneten Tabernakel und hält das Kopfteil der Madonna in der Hand.

Die Madonna im Fenster

In zweijähriger, mühsamer Arbeit restaurierte Dieter Kittlauß die Madonna. Heute steht sie im Fenster des Sayner Fünftannenhauses. Salve Regina, Mater misericordiae, vita, dulcedo et spes nostra salve. Ad te camamus, exsules filii Evae. Ad te suspiramus, gementes et flentes in hac lacrimarum valle.

Posted by Kittlauss on Okt 27th 2014 | Filed in Bendorfer Heimatgeschichte,Hedwig-Dransfeld-Haus (HDH),Heimatgeschichte | Comments (0)

Eine Hommage auf Maria Baldus-Cohen Or

Maria Baldus -Cohen Or 

„Eine zerbrechliche Frau und doch war sie so stark“, mit diesem Satz möchte ich mich von Maria Baldus – Cohen Or verabschieden, die am 18. März auf dem Bendorfer Friedhof beerdigt wurde. Maria Baldus – wie sie liebevoll meist auch nach ihrer Hochzeit mit Benni Cohen – Or genannt wurde – ist vorige Woche, am 13. März 2014, im Alter von 83 Jahren gestorben. Die lange Krankheit hat sie im wahrsten Sinne aufgezehrt, leicht wie eine Feder hat sie ihr Leben zurückgegeben.

Maria Baldus stammte aus einer großen Familie eines Westerwälder Dorfes. Sie machte ihr soziales Empfinden zu ihrem Beruf. Als Sozialarbeiterin und Eheraterin erwarb sie in Deutschland und in Irland breite Erfahrungen in der Jugend- und Familienarbeit, bis sie durch Anneliese Debray zur Leitung des neu erbauten Mütterkurheimes „Gussie-Adenauer-Haus“ in Bendorf gerufen wurde. Weiterlesen »

Posted by Kittlauss on Mrz 20th 2014 | Filed in Bendorfer Heimatgeschichte,Hedwig-Dransfeld-Haus (HDH) | Comments (0)

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