Tag Archive 'Theologie'

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Biographie von Dieter Kittlauß: Grengänge. Aus dem Leben eines Wanderpriesters

Es ist der lange und abenteuerliche Weg eines verheirateten katholischen Priesters, der hier erzählt wird. In den Wirren der Kriegs- und Nachkriegszeit führt er zunächst von Breslau bis nach Thüringen. In der Goethestadt Weimar wird das Flüchtlingskind neu beheimatet; die katholische Diasporagemeinde und die sozialistische Schule sind die beiden völlig widersprüchlichen Pole seines Lebens. Der lange Weg zum katholischen Priester und das Wirken als Kaplan und katholischer Jugendseelsorger bietet eine Innenansicht der DDR-Gesellschaft, die in der Literatur wohl einmalig sein dürfte. Auch die Religions- und Kirchenfeindlichkeit des DDR-Staates erhält in vielen Facetten ein neues Licht. Durch die schrittweise Abgrenzung von der Lebensweise eines katholischen Klerikers und die Entscheidung, den Zölibat aufzugeben, geriet der junge katholische Theologe zwangsläufig in die Front zwischen DDR-Staat und katholischer Kirche. Für den sozialistischen Staat ist er so etwas wie die fünfte Kolonne der Konterrevolution, für die katholischer Kirche bleibt er ein Abtrünniger und Verräter. Der holprige Berufsweg zwischen totaler Berufssperre, Zoopark, Versicherung und Tapetenladen wird dennoch zu einer intensiven Lebensschule, die schließlich dank der Helsinkiverhandlungen in die Übersiedlung in den Westen einmündet. Damit beginnt die neue Integration in die lange bekannte und doch so fremde westliche Welt. Diese ganz neue Geschichte ist nicht weniger rasant und abenteuerlich. Dieter Kittlauß bietet mit seiner Biographie eine Kulturgeschichte Nachkriegsdeutschlands aus der Sicht eines Ostdeutschen. Die Auseinandersetzung des Menschen und Theologen Dieter Kittlauß mit der christlichen Tradition und der heutigen Welt zieht sich wie ein roter Faden durch die 305 Seiten.

Kleine Studie zur Gottessuche

Wir alle sind Suchende

Dieter Kittlauß

 

Mit den riesigen Teleskopen auf Hawai wurde am 19. Oktober 2017 eine schwarzrote, um sich selbst rotierende kosmische Zigarre entdeckt, die aus den Weiten der Milchstraße diagonal in unser Sonnensystem eindrang; sie war ca. 500 Meter lang und 80 Meter breit. Die Schwerkraft der Sonne reichte nicht aus, um ihre Geschwindigkeit von 160.000 Stundenkilometer abzubremsen, so dass der blaue Planet Erde Gott sei Dank verschont blieb. Deshalb fliegen wir, die Kinder dieser Erde, weiter in elliptischer Bahn und wahnwitziger Geschwindigkeit um unsere Sonne. Die Philosophen und Theologen der Generationen vor uns haben erstaunlich präzise Modelle und Theorien des Sternenhimmels erstellt, wir aber können die Laufbahnen unserer Raketen, die wir zum Mond und zu den anderen Planeten schießen, über Jahre hinweg programmieren; können sogar bis an den Rand unserer Galaxis Himmelsstraße schauen und entfernteste kosmische Prozesse im Computer simulieren. Wir durchschauen die wechselseitige Bedingtheit von Raum und Zeit. Aber das gehört auch zu unserer Wirklichkeit: Selbst den von der Sonne am nächsten Stern Alpha Centauri sehen wir nur so, wie er vor 4,3 Jahren war; ganz zu schweigen von der Herrlichkeit des Sternenhimmels, die uns wegen der räumlichen Dimension verschlossen und verborgen bleibt. Was wir sehen, sind die Bilder aus der Vergangenheit.  Genauso verborgen ist uns der Blick in die Tiefe der Materie. Je genauer wir deren Strukturen erkennen und analysieren, umso weiter verschiebt sich die Erkennbarkeit und umso unschärfer wird das, was wir erkennen. Es geht uns wie der Zecke, die sich zwar am Grashalm mühsam hocharbeitet, und doch umso weniger von der Welt um sie herum versteht, je weiter sie klettert. Aber im Unterschied zur Zecke ist für uns Menschen die Deutung unserer Welt und unseres eigenen Lebens in ihr existentiell bedeutsam. Davon zeugen die Religionen und Weltanschauungen von der fernen Vergangenheit bis in die Gegenwart. Die frühjüdischen Priester im babylonischen Exil erkannten nur, was sie mit ihren biologischen Augen gesehen haben; aber ihre theologische Deutung vom Ursprung unserer Welt aus einer Mitte, ist beeindruckend bis heute; ihre bildhafte und abstrakt personalisierte Sprache genial. Um die Einmaligkeit der Weltentstehung für alle Generationen verbindlich festzulegen, begannen sie ihre Kosmologie (der priesterliche Schöpfungsbericht) mit dem Wort Bereschit  (> Am Anfang schuf), ohne dass dieses noch einmal wiederholt wurde. Ob diese Deutung noch gilt, ist eine Frage, die sich heute – vielleicht sogar dringlicher als früher – allen Menschen stellt. Denn weder mit unseren biologischen Augen noch mit unseren Teleskopen und Elektronenmikroskopen finden wir diese Mitte egal wie wir sie nennen mögen. Selbst wenn sich auf anderen Sternen oder Galaxien Leben gebildet hat, das mit uns kommunizieren könnte, wird es nach heutigen Erkenntnissen nie unser Nachbar. Die Gottesfrage entscheidet, ob wir allein sind oder „unter dem Schutz Seiner Flügel“. Aber die Deutungen, die eine Antwort ohne Gott finden, dürfen in ihrer Ernsthaftigkeit nicht grundsätzlich hinterfragt werden, denn auch alle religiösen Antworten bewegen sich in einem Raum des undurchschaubaren Geheimnisses (Paulus) und der existentiellen Unsicherheit (Mk 15,34). Was uns alle eint, ist die Abwesenheit Gottes in unserer Welterfahrung. Egal wo wir hingehen oder hinschauen, nirgendwo finden wir diese Mitte, der das Frühjudentum den Namen „der immer bei uns ist“ gaben. Das Psalmenwort „Stiege ich zum Himmel empor, so bist du dort, und machte ich die Unterwelt zu meinem Lager, du bist da!“ (Psalm 139,8), gilt für uns nicht mehr. Das ist die Situation für den heutigen Menschen.

Aber da gibt es ein Paradoxon. Viele Menschen – und es sind nicht nur wir Christen – haben dennoch die tiefe Überzeugung, dass es eine Kraft gibt, die uns alle verbindet und eint. Der deutsche ZEN -Meister Willigis Jaeger hat dafür das Bild vom Meer „gemalt“, das die Welle ausschickt und wieder zurückholt. Wir sind die Welle, aber nicht das Meer. Die mittelalterliche Scholastik hat das Bild vom SEIN gebraucht, das alles verbindet und durchdringt. Viel wichtiger aber ist die Sehnsucht, die uns in unserem oft mehr als beschwerlichen Leben ein Ziel gibt, das „Prinzip Hoffnung“ des Ohne–Gott– Philosophen Ernst Bloch, das Erahnen von Gerechtigkeit und Vollendung in aussichtsloser Extremsituation. Gott ist nicht da in dieser mal arktisch kalten und mal siedend heißen kosmischen Welt; er hat sich nicht versteckt in den Tiefen der Erde und auch nicht im Mikrokosmos des Materiellen; und doch gab es und gibt es Milliarden Menschen, die zutiefst überzeugt sind, zu einer Mitte zu gehören, aus der sie kommen und zu der sie zurückkehren werden. In der Neurologie gibt es gewichtige Stimmen, die von einem einheitlichen Bewusstsein sprechen, an dem jeder Mensch partizipiert. Die christliche Theologie hat dafür das uns heute fremde und doch so tiefsinnige Wort Gnade geprägt. Die Bibel gebraucht eine metaphorisch-bildhafte Sprache für dieses Gott-mit-uns-Wissen, so als ob da neben uns einer steht, der uns begleitet, uns stützt und uns hält. Und da gibt es noch ein auf den ersten Blick seltsames Faktum: Diese religiöse Erfahrung wird stärker, wenn wir uns darauf einlassen. Wer die Wahrheit tut, kommt ans Licht, drückt es die neutestamentliche Sprache aus.  Gotteserfahrung gibt es nicht ohne dass sich das Herz öffnet, wieder eines dieser unfassbaren Bilder unserer christlichen Tradition. Wir stehen in einer bis in weite Vergangenheit zurückreichende Kette von Menschen, die – jeder auf seine Art – diese religiöse Erfahrung haben, dass das Leben tiefer wird, wenn wir uns für die uns verborgene Mitte dieser unserer Welt öffnen. Wo Euer Schatz ist, da wird auch euer Herz sein, sagt es die biblische Sprache. „Wenn ihr mich sucht, werdet ihr mich finden. Ja, wenn ihr mich von ganzem Herzen sucht, will ich mich von euch finden lassen. Das verspreche ich euch.“ Diese Erfahrung wird uns von Jeremias überliefert; vor fast 3000 Jahren lebte dieser frühjüdische Prophet (Jeremia 29,13-14). Mit Gott scheint es wie mit der Liebe zu sein, die uns nur geschenkt wird, wenn wir sie vorher geschenkt haben.  Der französische Mathematiker und Theologe Blaise Pascal meinte sogar, dass der Gottesglaube rational die vernünftigere Lebensvariante sei. Es gäbe nur die Alternativen, sagte er, dass es Gott gibt oder ihn nicht gibt, und dazwischen gäbe es keinen Mittelweg. Wie bei einer Wette müsse sich jeder Mensch auf eine dieser Varianten einlassen. Und dann sieht Pascal die Gottesbejahung auf der Gewinnseite; denn „wenn Sie gewinnen, gewinnen Sie alles, wenn Sie verlieren, verlieren Sie nichts. Setzen Sie also ohne zu zögern darauf, daß es ihn gibt.“ Rein logisch hat Pascal recht. Wer ohne Gott leben will, weil er diesen nicht für eine Wirklichkeit, sondern für ein Phantom sieht, wird nicht ohne weiteres glücklicher und zufriedener, denn wir müssen mit der oft tödlichen Kälte und Grausamkeit dieser Welt ganz alleine fertig werden und zwar immer im Angesicht unseres eigenen Endes. Viele religiöse Menschen aber erleben zwar auch dieses Leben voller Rätsel und Unsagbarkeit, aber sie fühlen sich getragen und sogar geliebt. Zur Zeiten des Propheten Jeremias gab es einen solchen religiösen Menschen; sein Gebet ist uns durch die Jahrtausende erhalten geblieben: „Denn der Herr ist deine Zuflucht, du hast den Höchsten als Schutz erwählt. Dir begegnet kein Unheil, kein Unglück naht deinem Zelt. Denn er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf allen deinen Wegen. Sie tragen dich auf ihren Händen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt; du schreitest über Löwen und Nattern, trittst auf Löwen und Drachen.“ (Psalm 90, 9-13). Pascal hat insofern recht, dass sich jeder Mensch in seinem Leben wie bei einer Wette entscheiden muss, ohne eine Garantie zu haben. Aber richtig ist auch, dass ein Leben mit Gott keinesfalls die schlechtere Variante ist. Die neutestamentliche Tradition spricht deshalb von dem Schatz, den man suchen muss.

 

 

 

 

 

 

Posted by Kittlauss on Apr 16th 2018 | Filed in Aktuell,Spiritualität und,Theologie,Was das Leben angeht | Comments (0)

Nachdenkliches zum Weihnachtsfest

Liebe Freundinnen und Freunde,
allen in nah und fern,
zu allen Zeiten war es Brauch, sich an Festtagen und zu besonderen Anlässen. Briefe zu schreiben. Ganz in dieser Tradition, schicke ich meinen Weihnachtsbrief, der aus einer Reihe von Beiträgen bei facebook entstanden ist.

Unsere Krippe stammt aus Ägypten

Unsere Krippe stammt aus Ägypten

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Posted by Kittlauss on Jan 18th 2016 | Filed in Aktuell | Comments (0)

Zehn Theologische Wegweisungen für die Römische Synode im Oktober 2015

Synode 10 676780351326446966051. Nicht den Splitter im Auge des anderen sondern den Balken im eigenen sollst du sehen, wird uns in einem Jesuswort gesagt. Der Prophet aus Nazareth wusste um das Geheimnis der Veränderung im individuellen und gesellschaftlichen Leben. Sie muss immer bei jedem einzelnen anfangen. Auch wenn ich mit Berechtigung den Zeigefinger auf den Gegenüber zeige, werden immer drei Finger auf mich selbst zurückweisen. Für die Synodalen in Rom heißt diese Mahnung, das eigene Leben zu sichten – individuell und gruppenbezogen. Also wie ist es mit dem Leben und Treiben der Kardinäle, Erzbischöfe, Bischöfe, Prälaten und Monsignori – bis hin zu den Pastoren vor Ort? Wie ist es mit dieser Männerkaste in ihren wohl geschneiderten kostbaren Gewändern, geschmückt mit Ringen und edlen Kreuzen, viele schon jenseits des männlichen Klimakteriums? Weiterlesen »

Posted by Kittlauss on Okt 1st 2015 | Filed in Aktuell,Katholische Kirche kontrovers,Theologie | Comments (0)

Hommage auf Erwin Utters

Der-engagierte-Seelsorger-Erwin-Utters-privat-8221Ich möchte eine Hommage auf Erwin Utters ausgesprechen, der am 16. Juli 2015 im Alter von 82 Jahren „im Kreis seiner Lieben friedlich eingeschlafen“ ist. Erwin Utters war klein an Gestalt, aber er hatte ein weites Herz und einen großen Geist. Viele Jahre war er der katholischen Pfarrgemeinde St. Martin in Koblenz- Pfaffendorfer Höhe Mittelpunkt des gemeinschaftlichen Lebens und prägte ihre Spiritualität. Von nah und fern kamen Menschen, um mit ihm Gottesdienst zu feiern und seine Worte zu hören. An drei Szenen werde ich mich immer erinnern: Er stand nur am Altar, wenn er da in Funktion war; ansonsten saß er bescheiden mit den Ministrantinnen und Ministranten in der ersten Bank. Vor der Kommunion lud er alle ein, das Brot des Lebens zu empfangen; „es könne sich nur jeder selbst ausschließen“, fügte er immer hinzu. Und erst wenn die Gemeinde kommuniziert hatte, versammelte er die Gottesdiensthelfer um den Altar, um mit ihnen Brot und Wein zu teilen. Erwin Utters hatte das Charisma mit den biblischen und liturgischen Texten in Ehrfurcht und Freiheit um zu gehen. Er scheute nie, seine eigenen Zweifel und Fragen auszusprechen und hielt nie mit berechtigter Kritik auch am System Kirche zurück. Morgen findet in St. Martin das Traueramt um 11 Uhr statt und anschließend die Beerdigung. Aus dem Ganzen ist er gekommen und zum Ganzen kehrt er zurück. Wir aber halten einen frommen, bescheidenen, engagierten und weisen Priester in der Erinnerung.

Posted by Kittlauss on Jul 22nd 2015 | Filed in Aktuell,Katholische Kirche kontrovers,Spiritualität und | Comments (1)

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