Archive for März, 2019

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Es war ein Polenmädchen. Eine kleine Studie zum gelungenen Leben.


In den oberen Stockwerken des Annenhauses lebten die Zivildienstleistenden, die Vorpraktikantinnen und sonstige Mitarbeiter.

Es war Anfang der neunziger Jahre, als am Heiligabend ein junges Mädchen an unsere Wohnungstür klopfte und sich als Martina[1] aus Danzig vorstellte. Sie war nach Deutschland gereist, um im HDH ein soziales Jahr zu absolvieren. Ich fand es umwerfend, dass ein polnisches Mädchen vom Lande gerade zu Weihnachten nach Deutschland kam. Wir hatten im HDH immer neben den Zivildienstleistenden mehrere Mädchen zu einem sozialen Vorpraktikum nach dem Ende der Schulzeit. Sie wohnten zusammen in einem Nebengebäude und waren sehr wichtig, das HDH lebendig und kreativ zu erhalten, auch wenn oft die üblichen Generationenkonflikte nicht ausblieben. Martina kam aus einer kinderreichen und sehr armen Familie in einem kleinen Dorf im Landkreis von Danzig. Ihre Eltern hatten aber dafür gesorgt, dass sie eine qualifizierte Schulbildung erhielt und das Abitur erreichen konnte. Martina sprach schon leidlich Schuldeutsch und war wie die anderen Mädchen in unterschiedlichen Bereichen eingesetzt. Da sie ein ausreichendes Taschengeld erhielt und freie Pension hatte, war sie gegenüber den anderen Jugendlichen nicht benachteiligt. Nach einem guten Jahr ging Martina zurück nach Polen und ließ sich als Kinderhelferin ausbilden. Dann haben wir uns aus den Augen verloren. Aber eines Tages schrieb sie mir aus den Niederlanden, sie lebe jetzt da bei ihrer verheirateten Schwester. Hier lernte sie einen drogenabhängigen Jungen aus England kennen und zog zu ihm. Es waren wohl mehrere Jahre, dass sie in England lebte. Ob sie selbst drogenabhängig wurde, weiß ich nicht, aber das Leben mit einem Junkie war sicherlich kein Sonntagsspaziergang. Wir haben in dieser Zeit regelmäßig korrespondiert; Martina suchte offensichtlich jemanden zum Gespräch. Ich verstand mich als ihr Begleiter, ohne sie zu manipulieren. Sie musste wohl erst einen Tiefpunkt erreichen, um eine Entscheidung treffen zu können. Schließlich war ihr klar, dass sie sich von Patrick[2] trennen musste, aber hatte wohl Angst vor der Rückkehr nach Polen. Da ich in dieser Zeit beträchtliche Gewinne am Neuen Markt machen konnte, schlug ich ihr vor, ihr ein pädagogisches Studium zu finanzieren. Es ließ sich dann alles auch so regeln. Nach ihrem Studium ging Martina wieder nach den Niederlanden zu ihrer Schwester und arbeitete hier als Pädagogin und als Dolmetscherin. Hier lernte sie Henry[3] kennen, den Sohn irischer Einwanderer in den USA. Aus der Liaison wurde eine feste Beziehung. Martina und Henry heirateten in Polen und ließen sich im US-Bundesstaat Texas nieder. Henry ist ein IT-Spezialist. Mittlerweile sind zwei Kinder in der Familie. Martina arbeitet als Sprachlehrerin und es gibt einen intensiven Kontakt zu einer polnischen Kirchgemeinde. Mittlerweile hat Martina die US-Staatsbürgerschaft bekommen.   


[1] Name verfremdet.

[2] Name verfremdet.

[3] Name verfremdet.

Posted by Kittlauss on Mrz 10th 2019 | Filed in Aktuell | Comments (0)

Als der Hedwig-Dransfeld-Haus-Verein in Essen am 20. Mai 1951 gegründet wurde

Von Dieter Kittlauß

Am 20. Mai 1951 gründeten die jungen Frauen um Anneliese Debray einen gemeinnützigen Verein, um das traditionsreiche Hedwig-Dransfeld-Haus des Katholischen Deutschen Frauenbundes in Bendorf zu übernehmen. Ohne Übertreibung kann man sagen, dass sie mit unwahrscheinlichem Elan und visionärer Kraft ein neues Kapitel deutscher Geschichte begonnen haben.

Hedwig Dransfeld

Wenn man in Bendorf Richtung Höhr-Grenzhausen fährt und dann in die Mühlenstraße abbiegt, kommt man in das Wenigerbachtal mit einem Ensemble von ganz unterschiedlichen Gebäuden, die heute von der hotel friends group als Hotel angeboten werden. Hier baute  vor 140 Jahren Dr. Caspar Max Brosius, einer der renommierten Vertreter der neu orientierten (>sanften) Nervenheilkunde, eine neue Klinik.  Fast 50 Jahre später kaufte der Katholische Deutsche Frauenbund das inzwischen verlotterte Anwesen, um in landschaftlich schöner Lage zwischen Rhein und Westerwald ausgelaugten Arbeiterfrauen eine Möglichkeit zu Ferien und Erholung zu bieten.

Haupteingang des Hedwig-Dransfeld-Hauses. Rechts die Freianlage. die Aufnahme ist vor 1933 entstanden.

Die „Frauen mit Hut“, wie man die Damen des Frauenbundes nannte, die in der Regel über ein Studium und qualifizierten Beruf verfügten, entsprachen gar nicht den drei K`s (Küche, Kinder, Kirche), deshalb kam zu dem Ferienzweck wie selbstverständlich auch der Bildungsgedanke. Mit der ganzheitlichen Sicht der Einheit von Seele, Geist und Leib wurde an die großen Bendorfer Sanatorien erfolgreich angeknüpft. Der Name der neuen Einrichtung war schnell gefunden, denn 1925 war Hedwig Dransfeld gestorben, die langjährige Präsidentin des Frauenbundes und eine der sechs katholischen Reichstagsabgeordnetinnen.  Entsprechend der allgemeinen Jugend- und Wanderbewegung hatte auch der Katholische Frauenbund eine bündische Mädchenbewegung, den Jugendbund, der die Gelegenheit ergriff, und in dem neuen Hedwig-Dransfeld-Haus seine Zentrale einrichtete. Das kleine Industriestädtchen Bendorf am Mittelrhein erhielt auf einmal Rang und Namen im ganzen Deutschen Reich, denn der Einzugsbereich für katholische Frauen und Mädchen reichte bis nach Schlesien und Ostpreußen. Im Dritten Reich war durch die Gleichschaltung auch dem Katholischen Frauenbund jegliche Bildungs- und Sozialarbeit verboten. Das Haus spiegelte mit seinen unterschiedlichen Verwendungszwecken als Lazarett, Entbindungsheim, Flüchtlingsstätte und Notunterkunft die damaligen Wirren wieder. Da die alliierten Besatzungsmächte nach Kriegsende das Hedwig-Dransfeld-Haus nicht für ihre Zwecke beschlagnahmten, wuchs auch hier in Bendorf – wie überall im zerstörten Nachkriegsdeutschland – neues Leben.   Diese neue Geschichte ist auf das engste mit Anneliese Debray verbunden, eine der vielen Frauen, denen Deutschland seine „Auferstehung“ zu verdanken hatte.  Anneliese Debray wurde am 30. Mai 1911 in Lünen in Westfalen geboren. Der Vater, ein künstlerisch begabter Mensch, war Kaufmann. Die Mutter starb schon 1918 und ließ drei kleine Kinder als Waisen zurück. Frühzeitig lernte Anneliese Debray die Härten des Lebens kennen und musste für die beiden jüngeren Geschwister Fritz und Monika Verantwortung übernehmen. Um der Familie aus wirtschaftlicher Not zu helfen, brach Anneliese Debray ihre Schulbildung am Gymnasium ab und ließ sich zur Sekretärin mit Fremdsprachenkenntnissen ausbilden. In Bonn, dem späteren Wohnsitz der Familie, lernte Anneliese Debray den Jugendbund des katholischen Deutschen Frauenbundes kennen und identifizierte sich schon bald mit dessen Zielen und Idealen. Durch Vermittlung ihrer früheren Schuldirektorin, einer Ursulinin, erhielt sie in Hamburg in der Ölwirtschaft eine Stelle als Chefsekretärin. 1945 verzichtete Anneliese Debray auf ihre berufliche Karriere und konzentrierte sich ganz auf die Neuformierung des Jugendbundes, indem sie die Leitung des Bendorfer Sekretariats übernahm. Innerhalb kurzer Zeit gab es 200 Gruppen, die Anneliese Debray durch viele Reisen und Rundbriefe inspirierte. Doch Anneliese Debray erkannte, dass die Zukunft nach anderen Strukturen verlangt. Sie gab deshalb 1950 die Leitung des Jugendsekretariates an Martha Griebel ab und übernahm dafür die Leitung des Hedwig—Dransfeld-Hauses. Doch nun entwickelte sich ein Generationenkonflikt. Die Führungsriege der „alten Damen“ in der Kölner Zentrale des Frauenbundes sind über die vielen Alleingänge der jungen Damen in Bendorf schon lange verärgert und empört. Da ergreift Anneliese Debray mit ihrem Kreis junger Frauen die Initiative, um das Hedwig-Dransfeld-Haus dem Frauenbund abzukaufen und ihm eine neue Trägerschaft zu geben. Am 20. Mai 1951 kommt es in Essen zur Gründungsversammlung eines Vereins, des Hedwig – Dransfeld – Haus e.V. Dieser will in alleiniger Verantwortung das Hedwig – Dransfeld -Haus in Bendorf übernehmen. Unter der Leitung von Frl. Dr. Krabbel sprechen 12 junge Frauen Anneliese Debray mehrheitlich das volle Vertrauen aus. Lediglich die bereits erfahrene Politikerin, Helene Weber „sagt, daß man nicht so viel von Vertrauen sprechen sollte, sondern nach einem Jahr das Fazit ziehen sollte“.

Helene Weber

Es geht um Umbaupläne in Bendorf, um die Annahme von Hilfsgeldern aus dem Mc- Cloy- Fonds, um die Trennung vom Frauenbund und um die Übernahme des Hedwig – Dransfeld – Hauses. Im Protokoll heißt es: „Zentrale und Hedwig – Dransfeld – Haus müßten auf verschiedenen Wegen für die Ziele des kath. Deutschen Frauenbundes und der katholischen Frauenbewegung arbeiten“. Damit war alles gesagt. In weiser Voraussicht der Realitäten war auf der vorangegangenen Mitgliederversammlung des Frauenbundes am 19.5.1951 bereits beschlossen worden, „dem neu zu bildenden E. V. Hedwig – Dransfeld – Haus das Heim für einen Kaufpreis von 51.000 DM anzubieten“. Der neue Verein ist nicht zimperlich. Das Kaufangebot wird angenommen und in der Vereinssatzung wird der kath. Deutsche Frauenbund nicht mehr genannt. Für die einzuleitenden Baumaßnahmen wird die Priorität festgelegt: Flüchtlingswohnungen, Jugendherberge, Verlegen der Küche, neue Kapelle, Erweiterung des Mütterhauses. Eine Woche später, nämlich am 28. Mai 1951 erfolgt in Köln die notarielle Beglaubigung und die erste Mitgliederversammlung des Hedwig-Dransfeld-Haus e.V. Die 10 Vereinsmitglieder wählen in den Vorstand: Renate Fuisting als Vorsitzende, Dr. Gerta Krabbel als ihre Stellvertreterin, außerdem Anna Heidermanns und Gerda Wintzen. Von den fünf Mitgliedern des Beirates werden drei vom Zentralvorstand des Frauenbundes benannt. Und dann geht es gleich zur Sache. Vermögensbestandsaufnahme, Stand der Bauplanung und -finanzierung (der Architekt Leitl hatte bereits die Pläne fertig und verlangte nach seinem Honorar). Auch ein Bauleiter muss besoldet werden. Die künftigen Reisekosten für Vorstand und Beirat trägt der neue Verein. Die Finanzierung der Transaktion wird genau beschrieben: Übernahme einer eingeschriebenen Hypothek der Sparkasse Koblenz in Höhe von 26.000,-DM durch den neuen Verein, Gewährung einer neuen Hypothek von 25.000,- DM zugunsten des Frauenbundes. Dass die Übergabe der Liegenschaft so relativ reibungslos ablief, ist wohl vor allem Helene Weber, der Lebens- und Kampfgefährtin von Hedwig Dransfeld zu verdanken. Helene Weber kam aus einer katholischen Lehrerfamilie in Wupperfeld-Barmen und war eine der ersten deutschen Studentinnen der Geschichte, Romanistik und Sozialpolitik. Sie gab 1916 ihren Beruf als Oberlehrerin auf und wurde in Köln Leiterin der neu gegründeten sozialen Frauenschule des Katholischen Deutschen Frauenbundes. 1919 zog Helene Weber mit der damaligen Frauenbund-Präsidentin Hedwig Dransfeld in die verfassunggebende Nationalversammlung ein. Nach dem Krieg wurde sie zu einer der Mütter des Grundgesetzes und war von 1949 bis 1962 Mitglied des Deutschen Bundestages, wo sie als anerkannte Sozialpolitikerin wirkte. Helene Weber erkennt in Anneliese Debray ihre religiösen, sozialen und politischen Visionen und versteht sich als Brücke zur nächsten Generation. Deshalb beteiligt sie sich aktiv an der Gründung des neuen Trägervereins für das Hedwig-Dransfeld-Haus.    Dass die Hauptakteurin, Anneliese Debray, meist im Hintergrund bleibt und nur bei der Erörterung von Aktivitäten und Geld auftritt, gehört offensichtlich zur Methode, um die Damen von der Frauenbundzentrale nicht zu reizen.  Bereits einen Monat später, am 29.6.1951, kommt es in Bendorf zur nächsten Mitgliederversammlung. Neun Damen sind anwesend. Es geht um Geld, Baupläne und Anstellungen. In einem atemberaubenden Tempo verändert sich nun das Hedwig – Dransfeld – Haus. Mit ihren Verlobten bringen die jungen Frauen die ersten Männer ins Haus. Die Gäste werden internationaler, denn Versöhnung und Frieden werden zentrale Themen. Die zaghaften Ansätze der kirchlichen Erneuerung aus der Jugendbundzeit werden von Anneliese Debray zielstrebig vorangetrieben. Viele junge Theologen und Ordensleute kommen in das HDH (wie es jetzt genannt wird) nach Bendorf, um ihre Visionen und Ideen zu verbreiten. Ökumene und Una Sancta – (die geeinte Kirche) – sind die neuen Zauberworte, für die sich im Bendorfer HDH Frauen verantwortlich fühlen. Wichtig ist für sie alle vor allem die Unabhängigkeit. Die jungen Frauen um Anneliese Debray wollen ihre eigenen Visionen verwirklichen. Das neu gegründete Hedwig-Dransfeld – Haus wird so zum Spiegelbild des Gestaltungswillens der deutschen Nachkriegszeit.

Die nachstehende Postkarte hat den Poststempel Luftkurort Sayn vom 28.1.53. Die neue Kapelle ist schon gebaut. Die große Fichte vor der Kapelle ist noch das. Die Anbauten mit dem Blauen Saal sind non nicht gebaut. Statt dessen geht die Treppe zum Berghaus.

(Erstveröffentlichung im Jahrbuch 2019 des Landkreises Mayen-Koblenz