Nachdenkliches zum Weihnachtsfest

Liebe Freundinnen und Freunde,
allen in nah und fern,
zu allen Zeiten war es Brauch, sich an Festtagen und zu besonderen Anlässen. Briefe zu schreiben. Ganz in dieser Tradition, schicke ich meinen Weihnachtsbrief, der aus einer Reihe von Beiträgen bei facebook entstanden ist.

Unsere Krippe stammt aus Ägypten

Unsere Krippe stammt aus Ägypten

Weihnachten im Sommer.
Mit acht Jahren habe ich Weihnachten noch in Breslau verlebt, da gab es schon seit Allerheiligen die großen Schneehaufen am Straßenrand und mit meinem Bruder fuhr ich im Advent bereits Schlitten an der Oder. Heute haben wir uns daran gewöhnt, dass die Klimaerwärmung bei uns den Winter verschoben, wenn nicht sogar aufgehoben hat. Auch dieses Jahr blühen Gänseblümchen, wenn auf den Weihnachtsmärkten das wunderbare Lied „Leise rieselt der Schnee“ erklingt. Doch „Weihnachten im Sommer“ hat eine lange Geschichte. Lukas erzählt in seiner Kindheitsgeschichte Jesu, wie die Hirten auf dem Felde ihre Schafe hüteten. Sie schlafen nicht, sie sind wach, denn es ist Zeit der Lämmergeburten und damit Sommer. Für den Kirchenvater Clemens von Alexandrien (ca. 150 – 214) lag deshalb der Geburtstag Jesu zwischen Ostern und Pfingsten. Dahinter stand die jüdische Überzeugung, dass bei wichtigen Menschen Geburt und Tod zeitlich übereinstimmen. So dachte man auch in der Überlieferung, die Jesus als den Nachfolger des Urvaters Isaak deutete. Danach waren Jesus und Isaak nach dem Mondkalender am 14. Nisan geboren und das war Mitte März. Nach einer anderen Überlieferung war die Einführung des Sonnenjahres im Römischen Reich für die Verlegung des Geburtsfestes Jesu auf den 25. Dezember maßgeblich. Dahinter stand die Überzeugung, dass sich die kosmische Ordnung in der Heilsgeschichte wiederspiegelt. Deshalb wurde auf die Frühjahrs-Tagundnacht-Gleiche am 25. März die Verkündigung Jesu durch den Engel (Mariae Verkündigung) und damit die Zeugung Jesu durch den Geist Gottes gelegt. Für die Winter-Tagundnacht-Gleiche am 25. Dezember ergab sich dann nach neun Monaten die Geburt Jesu. Parallel dazu wurde die Geburt des Täufers Johannes, der in der frühen Kirche große Bedeutung hatte, auf die Sommersonnenwende gelegt, also auf den 25. September, und seine Geburt neun Monate später auf die Herbstsonnenwende, also auf den 25. September. Damit waren die vier wichtigsten Zäsuren des Jahres heilsgeschichtlich belegt. Wie tief sich diese Deutungen in das kollektive Bewusstsein der christlichen Menschen eingegraben haben, kann man daran erkennen, wie bedeutsam auch heute noch das Johannesfest und Weihnachten sind. Die Johannisfeuer in den Bergen sind Ausdruck der Freude, dass das halbe Jahr gut überstanden wurde. Die Lichter von Weihnachten künden, dass von nun an die Tage länger werden.
In der weströmischen Kirche setzte sich dann im vierten Jahrhundert der 25. Dezember als Termin für das Weihnachtsfest durch. Hier spielte wohl auch eine Rolle, dass die Römer nach alter Tradition an der Wintersonnenwende die Geburt des Sonnengottes Mithras feierten, der nach dem Mythos als Stier „aus einem Felsen geboren und von Hirten beschenkt wurde.“ Die oströmischen Kirchen dagegen behielten das schon lange bestehende Fest der Erscheinung des Herrn (Epiphanie, Darbringung und Taufe Jesu, die drei Weisen) am 6. Januar.

Am Weihnachtsabend. Carl Larsson 1904 Wikipedia

Am Weihnachtsabend. Carl Larsson 1904 Wikipedia

Ein Kind ist uns geboren
Aus den vielen sehr unterschiedlichen Geschichten über den jüdischen Gottesmann Joshua aus Nazareth haben die christlichen Kirchen in einer langen und konfliktreichen Auseinandersetzung die vier Evangelien ausgewählt und kanonisiert (anerkannt). Nur zwei Evangelien, nämlich Matthäus und Lukas, beginnen mit einer Kindheitsgeschichte. Matthäus bringt die kürzere Fassung, für ihn ist der Stammbaum Jesu wichtiger, deshalb führt er ihn bis auf Abraham zurück, um die Bedeutung Jesu für alle Menschen aufzuzeigen. Dazu passen ihm auch die Magier aus dem Osten und die Rettung vor dem Tyrannen Herodes durch den Engel des Herrn, diese jüdische Chiffre für den Ruf Gottes. Die längere und ausführlichere Kindheitserzählung steht im Lukasevangelium; sie ist in die Weltliteratur eingegangen. Wie bei den Gedichten von Rilke oder den Bildern von Chagall ist jedes Detail wichtig. Deshalb können wir auch diese Geschichte von Maria, Josef und dem Kind jedes Jahr von Neuem hören und immer wieder werden andere Seiten unserer Seele zum Klingen gebracht. Leider haben die christlichen Kirchen mit ihrem oft unerträglichen klerikalen Selbsterhaltungsbetrieb die Gestalt des Propheten aus Nazareth unkenntlich und zum Verblassen gebracht. Vielleicht werden wir Christen durch die Begegnung mit den anderen Religionen und durch die wachsende Säkularisierung wieder zurückgeführt an die Quellen unserer Jesusnachfolge. Denn obwohl uns dieser Jesus aus Nazareth in vielen Dingen so fremd ist, so sonderbar und zeitbedingt also, ist doch seine Botschaft wie ein Licht, das hell durch die 2000 Jahre bis zu uns leuchtet. Der Evangelist Lukas beendet seine Weihnachtsgeschichte mit dem Satz: „Und Jesus nahm zu an Weisheit und Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.“(Lk. 2,52b) Dieser Satz könnte auch bei Goethe oder bei Hesse stehen. Denn darum geht es, dass wir weise werden, aus der Vergangenheit lernen und das Vertrauen zum Leben nicht verlieren; dass wir uns unserer Zeitlichkeit, die immer auch Endlichkeit heißt, bewusst werden und diese uns geschenkte Zeit auskosten; dass wir bescheiden und dankbar bleiben für das Leben in das wir gerufen wurden. Wenn wir mit den Hirten und den Weisen unsere Knie vor der Krippe beugen, tauchen wir ein in die Jesusnachfolge der Menschen vor uns. Vielleicht lesen wir dann einmal die ganze Weihnachtsgeschichte des Lukas und stoßen auf den frommen Juden Simeon, den Lukas sagen lässt:“ Jetzt entlässt Du Deinen Diener, Herr, gemäß Deinem Wort in Frieden, denn gesehen haben meine Augen Dein Heil, welches du bereitest hast vor dem Angesicht aller Völker; ein Licht für alle Völker und zur Ehre Deines Volkes Israel.“ (Lk. 2,29).

IMG_0057Weltliche Deutungen des Weihnachtsfestes
Die Frage stellt sich mehr denn je, was Weihnachten, so wie wir es heutzutage in unserer Welt feiern, den anderen Menschen bedeutet, für die dieser Jesus nicht so wichtig ist. Anders gefragt: Welche Bedeutung oder welchen Tiefensinn hat das Weihnachtsfest über seine direkte Sinngebung als Geburts- und Glaubensgeschichte hinaus? Drei solcher weltlicher Deutungen möchte ich vorstellen.
1. Für die erste Deutung hilft uns der geschichtlich gewordene Termin zur Wintersonnenwende. Die Tage werden länger. Wir beginnen ein neues Kalenderjahr. Damit beginnt auch für jeden von uns ein neues Jahr unseres eigenen Lebensweges, der mit der Verschmelzung von Ei und Sperma einmal begonnen hat und mit unserem Tod endet. Wir machen uns bewusst, trotz aller Verschiedenheit der Sprache, Kultur, Hautfarbe, Religion und Lebensweise sind wir alle Menschen, deren Würde nach unserem Rechtsverständnis unantastbar ist. Und das ist das Band, das uns mit allen Menschen verbindet. Wir denken auch an den langen Weg, den die Menschheit in ihrer Entwicklung gegangen ist. Wir denken an die vielen Generationen vor uns, die nach ihrem Tod wieder Teil der Mutter Erde wurden. So ist Weihnachten ein Fest des Lebens – unseres Lebens. Wir feiern zu Weihnachten den universellen Geburtstag der Menschheit.
IMG_0038k2. Eine zweite Deutung weist in eine ganz andere Richtung. Wir sind es gewöhnt, die Krippe als Zeichen der Ärmlichkeit und Not zu deuten; Menschen auf der Flucht, Notunterkunft für Flüchtlinge, Stroh statt Windeln, Herzenskälte und Gefahren von außen. Nicht, als ob es das nicht gäbe. Wer Armut und Hunger erlebt hat, weiß, was es bedeutet. Man sagt, die Hälfte aller Deutschen stamme aus Flüchtlingsfamilien. Aber gerade das Lukasevangelium will uns Mut machen, will in uns eine tiefe Zuversicht wecken, neues Vertrauen auf die Kraft des Lebens. Letztlich gibt es nichts, was uns über den Tod hinaus schaden kann. Der Evangelist Lukas ist ein großer Künstler, der mit Bildern dieses Urvertrauen in das Leben malt. Die Geburt muss nicht in der freien Natur erfolgen, es gibt einen Stall (eine Höhle nach östlicher Lesart), der vor Regen und Kälte schützt. Das Kind bleibt nicht nackt, sondern wird in Windeln eingewickelt. Maria und Josef bleiben nicht allein, denn da kommen die Hirten, diese ungeschlachtenen Gesellen, die am Rand der damaligen Gesellschaft leben und nun sorgen für Mutter und Kind. Und da gibt es auch noch Gott, dessen Gegenwart ganz in jüdischer Weise durch Himmelswesen angezeigt wird. Egal wie Du das deutest, ob Gott für Dich in Deinem Glauben erfahrbar ist oder als ein bloßes Konstrukt unseres Gehirns gedeutet wird; Du sollst auf dein Herz hören und auf deine Einordnung in das Gesamt dieser Welt. Die Weihnachtsgeschichte will uns Mut machen zum Leben, sie ist eine Hoffnungsgeschichte für das Leben in unserer oft unwirtlichen und feindlichen Welt.
IMG_00503. Eine dritte Deutung zum Schluss. Weihnachten ist zu einem Fest des Schenkens geworden. Die Hirten des Lukasevangeliums und die Magier aus dem Osten sind die Vorbilder. In den Kriegs- und Nachkriegsjahren war meine Mutter unermüdlich bemüht, mich aus dem wenigen, was da war, am Heiligen Abend zu beschenken. Auch wenn die Strümpfe nachher entsetzlich kratzen, meine Mutter hatte lange Winterstunden dafür gestrickt. Nur weil uns andere Menschen in das Leben geführt haben, uns von ihrem Leben und von dem teilten, was sie selbst zum Leben brauchten, sind wir selbst geworden. In einem Regelkreis von Schenken und Beschenkt werden vollzieht sich unser Leben. Weihnachten will uns daran erinnern, dass Schenken und Beschenkt werden Grundexistentiale unseres Daseins sind

„Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren, und nicht in dir: Du bliebest doch in alle Ewigkeit verloren“, so schrieb der schlesische Mystiker Johann Scheffler (Angelus Silesius) im 17. Jahrhundert. Weihnachten ist das Fest, das uns ganz tief in unserer Menschlichkeit ansprechen will, gewissermaßen das Geschenk der Christen an die Völker.

Ich wünsche allen meinen Freundinnen und Freunden und allen in nah und fern ein Frohes Weihnachten und ein gutes Neues Jahr.
Bendorf, 22. Dezember 2015.

 

Kittlauss Jan 18th 2016 05:28 pm Aktuell Keine Kommentare bisher Facebook Kommentare Trackback URI Comments RSS

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