Kleine Studie zur Gottessuche

Wir alle sind Suchende

Dieter Kittlauß

 

Mit den riesigen Teleskopen auf Hawai wurde am 19. Oktober 2017 eine schwarzrote, um sich selbst rotierende kosmische Zigarre entdeckt, die aus den Weiten der Milchstraße diagonal in unser Sonnensystem eindrang; sie war ca. 500 Meter lang und 80 Meter breit. Die Schwerkraft der Sonne reichte nicht aus, um ihre Geschwindigkeit von 160.000 Stundenkilometer abzubremsen, so dass der blaue Planet Erde Gott sei Dank verschont blieb. Deshalb fliegen wir, die Kinder dieser Erde, weiter in elliptischer Bahn und wahnwitziger Geschwindigkeit um unsere Sonne. Die Philosophen und Theologen der Generationen vor uns haben erstaunlich präzise Modelle und Theorien des Sternenhimmels erstellt, wir aber können die Laufbahnen unserer Raketen, die wir zum Mond und zu den anderen Planeten schießen, über Jahre hinweg programmieren; können sogar bis an den Rand unserer Galaxis Himmelsstraße schauen und entfernteste kosmische Prozesse im Computer simulieren. Wir durchschauen die wechselseitige Bedingtheit von Raum und Zeit. Aber das gehört auch zu unserer Wirklichkeit: Selbst den von der Sonne am nächsten Stern Alpha Centauri sehen wir nur so, wie er vor 4,3 Jahren war; ganz zu schweigen von der Herrlichkeit des Sternenhimmels, die uns wegen der räumlichen Dimension verschlossen und verborgen bleibt. Was wir sehen, sind die Bilder aus der Vergangenheit.  Genauso verborgen ist uns der Blick in die Tiefe der Materie. Je genauer wir deren Strukturen erkennen und analysieren, umso weiter verschiebt sich die Erkennbarkeit und umso unschärfer wird das, was wir erkennen. Es geht uns wie der Zecke, die sich zwar am Grashalm mühsam hocharbeitet, und doch umso weniger von der Welt um sie herum versteht, je weiter sie klettert. Aber im Unterschied zur Zecke ist für uns Menschen die Deutung unserer Welt und unseres eigenen Lebens in ihr existentiell bedeutsam. Davon zeugen die Religionen und Weltanschauungen von der fernen Vergangenheit bis in die Gegenwart. Die frühjüdischen Priester im babylonischen Exil erkannten nur, was sie mit ihren biologischen Augen gesehen haben; aber ihre theologische Deutung vom Ursprung unserer Welt aus einer Mitte, ist beeindruckend bis heute; ihre bildhafte und abstrakt personalisierte Sprache genial. Um die Einmaligkeit der Weltentstehung für alle Generationen verbindlich festzulegen, begannen sie ihre Kosmologie (der priesterliche Schöpfungsbericht) mit dem Wort Bereschit  (> Am Anfang schuf), ohne dass dieses noch einmal wiederholt wurde. Ob diese Deutung noch gilt, ist eine Frage, die sich heute – vielleicht sogar dringlicher als früher – allen Menschen stellt. Denn weder mit unseren biologischen Augen noch mit unseren Teleskopen und Elektronenmikroskopen finden wir diese Mitte egal wie wir sie nennen mögen. Selbst wenn sich auf anderen Sternen oder Galaxien Leben gebildet hat, das mit uns kommunizieren könnte, wird es nach heutigen Erkenntnissen nie unser Nachbar. Die Gottesfrage entscheidet, ob wir allein sind oder „unter dem Schutz Seiner Flügel“. Aber die Deutungen, die eine Antwort ohne Gott finden, dürfen in ihrer Ernsthaftigkeit nicht grundsätzlich hinterfragt werden, denn auch alle religiösen Antworten bewegen sich in einem Raum des undurchschaubaren Geheimnisses (Paulus) und der existentiellen Unsicherheit (Mk 15,34). Was uns alle eint, ist die Abwesenheit Gottes in unserer Welterfahrung. Egal wo wir hingehen oder hinschauen, nirgendwo finden wir diese Mitte, der das Frühjudentum den Namen „der immer bei uns ist“ gaben. Das Psalmenwort „Stiege ich zum Himmel empor, so bist du dort, und machte ich die Unterwelt zu meinem Lager, du bist da!“ (Psalm 139,8), gilt für uns nicht mehr. Das ist die Situation für den heutigen Menschen.

Aber da gibt es ein Paradoxon. Viele Menschen – und es sind nicht nur wir Christen – haben dennoch die tiefe Überzeugung, dass es eine Kraft gibt, die uns alle verbindet und eint. Der deutsche ZEN -Meister Willigis Jaeger hat dafür das Bild vom Meer „gemalt“, das die Welle ausschickt und wieder zurückholt. Wir sind die Welle, aber nicht das Meer. Die mittelalterliche Scholastik hat das Bild vom SEIN gebraucht, das alles verbindet und durchdringt. Viel wichtiger aber ist die Sehnsucht, die uns in unserem oft mehr als beschwerlichen Leben ein Ziel gibt, das „Prinzip Hoffnung“ des Ohne–Gott– Philosophen Ernst Bloch, das Erahnen von Gerechtigkeit und Vollendung in aussichtsloser Extremsituation. Gott ist nicht da in dieser mal arktisch kalten und mal siedend heißen kosmischen Welt; er hat sich nicht versteckt in den Tiefen der Erde und auch nicht im Mikrokosmos des Materiellen; und doch gab es und gibt es Milliarden Menschen, die zutiefst überzeugt sind, zu einer Mitte zu gehören, aus der sie kommen und zu der sie zurückkehren werden. In der Neurologie gibt es gewichtige Stimmen, die von einem einheitlichen Bewusstsein sprechen, an dem jeder Mensch partizipiert. Die christliche Theologie hat dafür das uns heute fremde und doch so tiefsinnige Wort Gnade geprägt. Die Bibel gebraucht eine metaphorisch-bildhafte Sprache für dieses Gott-mit-uns-Wissen, so als ob da neben uns einer steht, der uns begleitet, uns stützt und uns hält. Und da gibt es noch ein auf den ersten Blick seltsames Faktum: Diese religiöse Erfahrung wird stärker, wenn wir uns darauf einlassen. Wer die Wahrheit tut, kommt ans Licht, drückt es die neutestamentliche Sprache aus.  Gotteserfahrung gibt es nicht ohne dass sich das Herz öffnet, wieder eines dieser unfassbaren Bilder unserer christlichen Tradition. Wir stehen in einer bis in weite Vergangenheit zurückreichende Kette von Menschen, die – jeder auf seine Art – diese religiöse Erfahrung haben, dass das Leben tiefer wird, wenn wir uns für die uns verborgene Mitte dieser unserer Welt öffnen. Wo Euer Schatz ist, da wird auch euer Herz sein, sagt es die biblische Sprache. „Wenn ihr mich sucht, werdet ihr mich finden. Ja, wenn ihr mich von ganzem Herzen sucht, will ich mich von euch finden lassen. Das verspreche ich euch.“ Diese Erfahrung wird uns von Jeremias überliefert; vor fast 3000 Jahren lebte dieser frühjüdische Prophet (Jeremia 29,13-14). Mit Gott scheint es wie mit der Liebe zu sein, die uns nur geschenkt wird, wenn wir sie vorher geschenkt haben.  Der französische Mathematiker und Theologe Blaise Pascal meinte sogar, dass der Gottesglaube rational die vernünftigere Lebensvariante sei. Es gäbe nur die Alternativen, sagte er, dass es Gott gibt oder ihn nicht gibt, und dazwischen gäbe es keinen Mittelweg. Wie bei einer Wette müsse sich jeder Mensch auf eine dieser Varianten einlassen. Und dann sieht Pascal die Gottesbejahung auf der Gewinnseite; denn „wenn Sie gewinnen, gewinnen Sie alles, wenn Sie verlieren, verlieren Sie nichts. Setzen Sie also ohne zu zögern darauf, daß es ihn gibt.“ Rein logisch hat Pascal recht. Wer ohne Gott leben will, weil er diesen nicht für eine Wirklichkeit, sondern für ein Phantom sieht, wird nicht ohne weiteres glücklicher und zufriedener, denn wir müssen mit der oft tödlichen Kälte und Grausamkeit dieser Welt ganz alleine fertig werden und zwar immer im Angesicht unseres eigenen Endes. Viele religiöse Menschen aber erleben zwar auch dieses Leben voller Rätsel und Unsagbarkeit, aber sie fühlen sich getragen und sogar geliebt. Zur Zeiten des Propheten Jeremias gab es einen solchen religiösen Menschen; sein Gebet ist uns durch die Jahrtausende erhalten geblieben: „Denn der Herr ist deine Zuflucht, du hast den Höchsten als Schutz erwählt. Dir begegnet kein Unheil, kein Unglück naht deinem Zelt. Denn er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf allen deinen Wegen. Sie tragen dich auf ihren Händen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt; du schreitest über Löwen und Nattern, trittst auf Löwen und Drachen.“ (Psalm 90, 9-13). Pascal hat insofern recht, dass sich jeder Mensch in seinem Leben wie bei einer Wette entscheiden muss, ohne eine Garantie zu haben. Aber richtig ist auch, dass ein Leben mit Gott keinesfalls die schlechtere Variante ist. Die neutestamentliche Tradition spricht deshalb von dem Schatz, den man suchen muss.

 

 

 

 

 

 

Posted by Kittlauss on Apr 16th 2018 | Filed in Aktuell,Spiritualität und,Theologie,Was das Leben angeht | Kommentare (0)

Dieter Kittlauss

ProfileWas wir nie verlieren dürfen, ist unsere Zuversicht. Was wir immer brauchen, ist Solidarität. (Autor unbekannt)

Nachdenkliches zum Weihnachtsfest

Liebe Freundinnen und Freunde,
allen in nah und fern,
zu allen Zeiten war es Brauch, sich an Festtagen und zu besonderen Anlässen. Briefe zu schreiben. Ganz in dieser Tradition, schicke ich meinen Weihnachtsbrief, der aus einer Reihe von Beiträgen bei facebook entstanden ist.

Unsere Krippe stammt aus Ägypten

Unsere Krippe stammt aus Ägypten

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Posted by Kittlauss on Jan 18th 2016 | Filed in Aktuell | Kommentare (0)

Weihnachten im Sommer. Das Weihnachtsfest im Wechsel der Zeiten.

Am Weihnachtsabend. Carl Larsson 1904 Wikipedia

Am Weihnachtsabend. Carl Larsson 1904 Wikipedia

Mit acht Jahren habe ich Weihnachten noch in Breslau erlebt. Damals gab es schon seit Allerheiligen die großen Schneehaufen am Straßenrand und mit meinem Bruder fuhr ich Schlitten an der Oder. Heute haben wir uns daran gewöhnt, dass die Klimaerwärmung bei uns den Winter verschoben, wenn nicht sogar aufgehoben hat. Es ist nicht selten, dass die Gänseblümchen blühen, wenn wir das wunderbare Lied „Leise rieselt der Schnee“ singen. Doch „Weihnachten im Sommer“ hat eine lange Geschichte. Lukas erzählt in seiner Kindheitsgeschichte Jesu, wie die Hirten bei ihren Schafen auf dem Felde sind. Nein, sie schlafen nicht bei ihrer Herde, sie sind wach, denn es ist Zeit der Lämmergeburten und das heißt, es ist Sommer. Für den Kirchenvater Clemens von Alexandrien (ca. 150 – 214) lag der Geburtstag Jesu zwischen Ostern und Pfingsten. Dahinter standen die jüdische Überzeugung, dass bei wichtigen Menschen Geburt und Tod zeitlich nahe beieinander liegen, wenn nicht sogar übereinstimmen. Weiterlesen »

Posted by Kittlauss on Dez 20th 2015 | Filed in Aktuell,Christologie | Kommentare (0)

Genesis 3,20 in rabbinischer Exegese

Der hebräische Text Genesis 3,20 ist so zu übersetzen:
„Der von der Erde (Adàm – Adam`äh >Ackerboden) nannte seine Frau Leben (Chaw`äh), denn sie wurde die Mutter aller Lebendigen“.
Dass die Übersetzung von Chaw`äh mit „Leben“ richtig ist, wussten bereits die Autoren der Septuaginta (LXX), deshalb übersetzten sie mit ζωή (>Zoe> Leben). Die Vulgata übernahm das hebräische Wort und latinisierte es zu EVA.
Aus diesem Text zogen die Rabbinen den Schluss, dass die Ehe für alle Menschen verpflichtend sei und fügten Genesis 2,18 „ Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt“ als weiteren Beweis dazu.
Im Hellenismus werden die biblischen Texte kulturell umgedeutet. Bei Philon von Alexandrien, einem der berühmten jüdischen Philosophen und Theologen in der Zeitenwende, finden wir ein deutliches Beispiel:
Adam = Vernunft.
Eva = Sinnlichkeit.
Die Schlange = Sexuelles Begehren (Lust).

Je mehr sich die junge Kirche von ihrer jüdischen Wurzel entfernte, umso mehr verinnerlichte sie die hellenistischen Deutungen. Nicht mehr das Zusammenleben von Mann und Frau ist der Wille des Schöpfers sondern das Single-Dasein. Die Caelibati (>lat. Caelebs = ehelos) werden zum Idealtyp des erlösten Menschen.

Posted by Kittlauss on Dez 14th 2015 | Filed in Biblische Studien,Theologie,Was das Leben angeht | Kommentare (0)

Die Rückkkehr der russischen Wittgenstein nach Deutschland

 

ter Sohn des kaiserlich russischen Feldmarschalls Fürst Ludwig Adolph Peter aus einem jüngeren Zweig der Berleburger Linie, kehrte 1848 mit seiner Gemahlin Leonilla Barjatinsky (1816–1918) aus Russland zurück, erhielt vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV. die Burg Sayn geschenkt und erwarb 1848 auch das am Fuß des Burgberges gelegene, im Kern mittelalterliche und später barock umgestaltete Herrenhaus, das zuletzt der Familie Boos von Waldeck gehört hatte. Noch im selben Jahr beauftragte der Fürst gemeinsam mit seiner russischen Frau Leonilla den französischen Architekten François Joseph Girard, den späteren Generalintendanten des Louvre in Paris, das Herrenhaus gemäß dem Zeitgeschmack im Stil der Neugotik zu einem Schloss umzubauen und zu erweitern. An seinem Ostende wurde durch Hermann Nebel von 1860 bis 1862 eine Doppel-Kapelle nach dem Vorbild der Sainte-Chapelle errichtet. Das Schloss wurde im Zweiten Weltkrieg kurz vor Kriegsende stark beschädigt. Es verfiel zur Ruine, nur die Außenmauern blieben erhalten, die Kapelle bleib weitgehend unbeschädigt. Erst in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde der Wiederaufbau geplant und unter Wiederherstellung der alten Bausubstanz durchgeführt. Im Jahr 2000 wurden die Arbeiten abgeschlossen. Heutiger Eigentümer ist Alexander Fürst zu Sayn-Wittgenstein-Sayn.

Schloss Sayn, (Sammlung Duncker Wikimedia).  Fürst Ludwig Adolph Friedrich zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg (1799–1866), ältester Sohn des kaiserlich russischen Feldmarschalls Fürst Ludwig Adolph Peter, kehrte 1848 mit seiner Gemahlin, der russischen Fürstin Leonilla Barjatinsky (1816–1918) aus Russland nach Deutschland zurück. Er erhielt vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV. die verfallene Burg Sayn, den Stammsitz seiner Vorfahren, geschenkt und kaufte von der Familie Boos von Waldeck das Herrenhaus am Fuß des Burgberges. Dieses ließ er durch den französischen Architekten François Joseph Girard im Stil der Neugotik umbauen. 1860 wurde nach dem Vorbild der Chapelle Saint Etienne eine Doppelkapelle angebaut. Das Schloss wurde im Zweiten Weltkrieg kurz vor Kriegsende stark beschädigt. In den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts erfolgte mit staatlicher Förderung der Wiederaufbau.

 

 

Hintergrund

Die Aussiedlung der Seitenlinie Sayn-Wittgenstein-Berleburg-Ludwigsburg nach Russland und deren (teilweiser) Rückkehr nach Deutschland ist ein Teil  deutscher Geschichte und auch für die Heimatgeschichte bedeutsam. Mit dieser kleinen Studie wurde ein lesbarer Gesamtüberblick erstellt. Wichtige historische Ereignisse wie die Befreiungsbewegung gegen Napoleon, die Restauration durch den Wiener Kongress und die schrittweise Abschaffung von Adelsprivilegien sind der zeitgeschichtliche Hintergrund. Weiterlesen »

Posted by Kittlauss on Dez 2nd 2015 | Filed in Bendorfer Heimatgeschichte,Heimatgeschichte | Kommentare (0)

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