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QUO VADIS Israel?

Israel ist ein kleines Land. Bei jeder Reise durch Israel erlebt man das hautnah. Und das Schlimme: rundherum sind nur Feinde, die den Staat Israel am liebsten „zur Hölle“ wünschen. Auch die internationale Welt ist keinesfalls israelfreundlich. Typisches Beispiel ist die Europäische Union, die sich in harmlosen Situationen zur Solidarität zu Israel bekennt, aber bei konkreten Problemen sich israelfeindlich verhält. Deutschland ist hier nicht herausgenommen. Der Antisemitismus hat nach dem kurzzeitigen Erschrecken über Holocaust und Shoa bereits mit vielen unterschiedlichen Gesichtern zurückgekommen. Es ist keineswegs abwegig, dass der Hass auf Israel erst zur Ruhe kommen wird, wenn der Staat Israel von der Landkarte des Nahen Ostens verschwunden ist, Das ist die Situation. Mir blutet das Herz. Trotz aller Widersprüche ist Israel ein wunderbares Land. In noch nicht einmal hundert Jahren wurden aus der Wüste fruchtbare Felder und richtige Wälder; es wurde ein moderner sozialer Staat geschaffen, obwohl die Selbstverteidigung so viele Mittel und Ressourcen verschlingt. Auch die „weiche Kriegstechnik“, also dem Feind nie alle Chancen nehmen, wird von der feindlichen Umwelt nicht honoriert, Die Integration von europäischen, afrikanischen und asiatischen Juden ist ein leuchtendes Beispiel; ebenso das Bemühen um die Integration der im Staat Israel verbliebenen muslimischen, christlichen und religiös anders orientierten Minderheiten. Israel ist ein Pulverfass und doch gleichzeitig ein Garten ‚Eden. In keinem Land Nordafrikas oder dem Nahen Osten wird so viel getan für Wohlstand und menschenwürdige Lebensbedingungen für möglichst Viele. Wir Deutschen stehen in besonderer Verantwortung, denn viele unserer nationalen Vorfahren waren an der industriell organisierten Ausrottung des europäischen Judentums direkt oder indirekt beteiligt. Aber vielleicht noch deprimierender: Sie (die Juden) sind unsere Brüder und Schwestern im Glauben an den Einen Gott, den Vater, den Allmächtigen. Wir singen ihre Lieder und sprechen ihre Gebete. KYRIE ELEISON sangen die ersten Jesusjünger, die noch echte Juden waren.

Posted by Kittlauss on Nov 13th 2019 | Filed in Aktuell,Theologie | Kommentare (0)

Dieter Kittlauss

ProfileWas wir nie verlieren dürfen, ist unsere Zuversicht. Was wir immer brauchen, ist Solidarität. (Autor unbekannt)

QUO VADIS katholische Kirche?

Nach meiner Erinnerung waren im Erfurter Priesterseminar Themen um die Sexualität völliges Tabu; dies galt auch für die Homosexualität und den sexuellen Missbrauch, zumal wir diese Vokabeln nicht in unserem Sprachschatz hatten, sowie für den Weggang eines Seminaristen aus unserem Semester. Im Pastoralseminar Neuzelle hatten wir bei dem 70jährigen Regens Ramatschi Vorlesungen zur Beichtpraxis, die sich aber im Wesentlichen auf die kirchlich erlaubte Empfängnisverhütung und das kirchliche Eherecht bezogen. Dies war die Zeit vor dem II. Vatikanum. Als durch das Konzil der Zölibat thematisiert wurde, gab es – jedenfalls in Deutschland – eine Wende, die (allerdings nicht in der DDR) bis zur Würzburger Synode (1971 – 74) führte. Doch das Diskussionsverbot von Papst Paul VI. noch während des Konzils und die „Zölibatszementierung“ der nachfolgenden Päpste, stürzten die Katholische Kirche in eine tiefgehende Krise; der priesterliche Zwangszölibat blieb bis heute ein zentrales Thema und wie eine schwärende Wunde. In Deutschland mussten Tausende – meist junger und engagierter – Priester den Dienst aufgeben.[1] Durch die Aufdeckung des sexuellen Missbrauchs (meist) junger Menschen durch katholische Priester, geriet die Katholische Kirche sogar weltweit in eine fundamentale Existenzkrise.[2] Dennoch ist die Hierarchie bis heute verzweifelt bemüht, den Zölibat „mit Klauen und Zähnen“ zu verteidigen. Typisch war die Einlassung des Wiener Kardinals Christoph Schönborn zur Amazonensynode, bei der er die dortige Zölibatsdebatte als „sekundär“ bezeichnete und lediglich die regional erlaubte Diakonats- und Priesterweihe für verheiratete (männliche) Katecheten befürwortete. Es ist ungewiss, welchen Weg Papst Franziskus nun einschlägt, aber auffallend ist es schon, wie stark immer noch die Auseinandersetzung um den Pflichtzölibat mit einem Tabu verbunden ist. Obwohl der priesterliche Pflichtzölibat auch in der Katholischen Kirche nur für den Lateinischen Ritus gilt und selbst in diesem öfters nicht praktiziert wird,[3] wird weiterhin von einer ganz engen und (eigentlich zwangsläufigen) Verbindung von Pflichtzölibat und priesterlichem Dienst gesprochen.  Auch alle Erkenntnisse über die Jesusgruppe[4] und die frühen Christusgemeinden[5] können dem „heiligen Zölibat“ nichts antun. Die neuen Richtlinien für die priesterliche Ausbildung in der Erzdiözese Köln erwecken den Eindruck , als ob es die Zölibatsproblematik nicht gibt: „Außerdem soll in Zukunft die Reifung der Persönlichkeit noch stärker professionell begleitet werden. Dazu gehört, dass Themen wie die zölibatäre Lebensweise und eine neue Kultur der Zusammenarbeit in gemischten Teams im Sinne des Pastoralen Zukunftswegs intensiv eingeübt werden.“[6] Doch  ist die Frage mehr als akut, ob der Priesterzölibat, also die von Beruf wegen geforderte Ehelosigkeit und sexuelle Enthaltsamkeit überhaupt noch bedeutsam sind? Während meiner Oberschulzeit waren die meisten Lehrerinnen unverheiratet; wir redeten sie mit „Fräulein“ an. Noch einige Jahrzehnte vorher, gab es in Deutschland überhaupt keine verheirateten Lehrerinnen. Niemand würde das heute behaupten, auch nicht, dass ein Chefarzt oder ein leitender Ingenieur zölibatär leben muss, wenn er den beruflichen Anforderungen gerecht werden will. Wenn schon Zölibat, dann aus freien Stücken, weil man das so will, oder weil man in einer (gleichgeschlechtlichen) Gruppe lebt, wie es für viele Ordensgemeinschaften gilt. Natürlich gibt es Situationen, die (zumindest auf Zeit) den Verzicht auf bestimmte Lebensformen erfordern[7]. Doch ein lebenslang geforderter sexueller Verzicht wegen des Berufes ist höchst  unglaubwürdig, was sich mittlerweile auch bei vielen (wenn nicht sogar den meisten) zölibatären Priestern zeigt. Aber es gibt noch eine viel tiefere Anfrage an den priesterlichen Zölibat und die ist durchaus theologischer Art. Wir wissen heute ziemlich genau, dass eigentlich alle Strukturen und Traditionen[8] der christlichen Kirchen geschichtlich geworden sind; auch der Priesterzölibat ist keine göttliche Stiftungsqualität und kann dem Verfall unterliegen. Deshalb stellt sich wohl für die Katholische Kirche die bitterernste Frage, ob sie in die Qualität einer Sekte abgleiten will.   Aber denkbar und zu erhoffen ist die positive Variante, dass mit der Amazonensynode eine Tür geöffnet wurde, um auch die Katholische Kirche aus der „Gefangenschaft des Zwangszölibates“ in die neue Zeit herauszuführen.

12. November 2019


[1] Die Amazonensynode hat gezeigt, dass die Situation der Katholischen Kirche in den „doch katholischen“ Ländern Südamerikas noch viel desaströser ist.

[2] Die Anklage gegen Kardinal Bell in Australien ist das jüngste Beispiel.

[3] Das beste Beispiel ist das neue Kirchenrecht für die konvertierten anglikanischen Bischöfe und Priester,

[4] In seiner Studie „Jesus von Nazaret in seiner Zeit“ erläutert der katholische Dogmatiker Martin Ebner die durchaus denkbare Variante von den zwölf Ehepaaren. (Stuttgarter Bibelstudien Nr. 196 /2003).

[5] 1 Tim 3,2-4

[6] Domradio 10.11.2019

[7] Wie das ja auch die eheliche Beziehung fordert.

[8] Dies gilt mittlerweile auch für die männliche Exklusivität des Priesterdienstes.

Posted by Kittlauss on Nov 13th 2019 | Filed in Aktuell,Katholische Kirche kontrovers,Theologie | Kommentare (0)

Ein sehr persönlicher Rückblick Von Dieter Kittlauß auf die Jahreshauptversammlung der Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen (VkPF) im Wilhelm-Kempf-Haus in Wiesbaden-Naurod am 23. bis 24. März 2019

Es waren 24 Männer und Frauen, die im Wilhelm-Kempf-Haus in Wiesbaden-Naurod zum Sonntagsgottesdienst in der Runde saßen; Anlass war die 35. Jahreshauptversammlung der Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen.   

In seiner Jesusstudie „Jesus von Nazaret in seiner Zeit“[1] hat der katholische Exeget Martin Ebner die kühne Frage aufgeworfen, ob die 12 Apostel nicht in Wirklichkeit 12 Ehepaare waren, also 24 Männer und Frauen, die mit Jesus aus Nazaret durch Galiläa zogen. Als mir dies durch den Kopf ging, bekam unser Kreis auf einmal eine ganz andere Bedeutung. Doch dann gab es noch einen anderen Bezug.  Martin Ebert beschreibt nämlich  die Jesusgruppe als soziale Aussteiger, geächtet und verachtet von den Frommen im Lande und der damaligen jüdischen Hierarchie. Waren nicht auch wir, die verheirateten Priester, und unsere Frauen, die sich auf eine Ehe mit einem katholischen Priester einließen, in den Augen vieler frommer Katholiken und vor allem auch immer der Bischöfe, Schwächlinge und Versager, die ihrer Berufung und ihrem Versprechen untreu geworden sind? Aber gehören wir vielleicht in Wirklichkeit zu den wahren Zeugen dieser mehr als 2000 Jahre alten Jesusnachfolge? Vielleicht war dieser Vergleich zu kühn, aber so abwegig war er gar nicht. Jedenfalls hatte ich auf einmal das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen und der Gottesdienst, den wir zusammen feierten, war nahe an den Ursprüngen der frühen Kirche. Kein goldener Kelch und kein prächtiges Messgewand, kein feierlicher Einzug und keine Trennung von Klerus und Laien; aber Brot und Wein und die uralten Worte der Verheißung und Zuversicht.

In der Liturgie gab eine Änderung, die mir bedeutsam erschien, nämlich dass der Friedensgruß am Anfang stand, ganz biblisch: bevor Du zum Altar gehst, versöhne dich erst mit Deinem Bruder.

Das Bibelwort motiviert mich, eine kleine Geschichte zu erzählen. Beim Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin fanden in der evangelischen Gethsemaniekirche zwei ökumenische Gottesdienste statt, zu denen die Initiativen „Kirche von unten“ und „Wir sind Kirche“ eingeladen hatten.  Etwa 2000 Personen waren jeweils in der Kirche, Tausende hörten draußen die Lautsprecherübertragung. Am Fest Christi Himmelfahrt war die katholische Messe, die der katholische Priester, Prof. Dr. Gotthold Hasenhüttl aus Saarbrücken, als Zelebrant leitete; der evangelische Gottesdienst erfolgte am Freitag. Hasenhüttl, ein schmächtiger Mann, betonte zu Beginn, dass es sich um eine Sonderform anlässlich des Ökumenischen Kirchentages handle, und dass sich jeder ernsthaft prüfen müsse, ob er zur Kommunion gehe. Beide Gottesdienste wurden auch als Abendmahlsfeier korrekt nach den liturgischen Regeln der eigenen Kirche durchgeführt; die Predigt hielt jeweils ein Vertreter der anderen Konfession, was im gewachsenen ökumenischen Verständnis – zumindest in Deutschland – durchaus nicht unüblich war. Ich war mit Ernst Sillmann (†), dem damaligen Vorsitzenden der VkPF, zwei Stunden vorher gekommen, so dass wir bei beiden Gottesdiensten in der Kirche waren. Bemerkenswert war die überaus emotionale Zustimmung bei beiden Gottesdiensten; wie bei den Kirchentagen ging mir durch den Sinn.  Als die große Gemeinde den Choral ‚Nun danket alle Gott’ sang, kamen manchem die Tränen. Im katholischen Binnenraum gab es nachher aufgrund des großen Medienechos Aufregung, aber es war auch deutlich Zurückhaltung und Respekt für die gewählte Form zu spüren. Doch ganz anders der Trierer Bischof Reinhard Marx; er sah wohl eine Chance, sich zu profilieren, weil er genau wusste, dass Joseph Ratzinger, der mächtige Chef der vatikanischen Glaubensbehörde,  den deutschen Theologieprofessor aus Saarbrücken schon lange im Visier hatte?  Jedenfalls am 17. Juli 2003 suspendierte Bischof Marx den Prof. Hasenhüttl vom Priesteramt und drohte ihm anschließend mit dem Entzug der kirchlichen Lehrerlaubnis, falls er nicht reumütig einlenke. Wie Martin Luther in Worms blieb sich allerdings Gotthold Hasenhüttl treu und widerstand. Auch die Schützenhilfe des Bundespräsidenten, der „als evangelischer Christ“ die Haltung der katholischen Kirche zum Abendmahlsstreit kritisierte, half nicht. Doch dann wurde es ganz schnell deutlich, worum es bei der ganzen Sache eigentlich ging. Wenige Tage später gab Kardinal Ratzinger der Koblenzer Rheinzeitung ein Interview: „Übrigens darf man nicht vergessen, dass Hasenhüttl eine Dogmatik geschrieben hat, in der er uns sagt, dass es Gott als eine in sich seiende Wirklichkeit gar nicht gibt, sondern lediglich ein Beziehungsereignis sei. Insofern ist das, was er auf dem Ökumenischen Kirchentag angestellt hat, noch relativ gering im Vergleich zu dem, was er im Ganzen von sich gegeben hat. Und Hasenhüttl weiß selber, dass das nicht der katholische Glaube ist.“ Auf die Frage des interviewenden katholischen Chefredakteurs Martin Lohmann „Würden Sie also sagen: Hasenhüttl ist nicht mehr katholisch?“, antworte Ratzinger ohne Wenn und Aber:  „Was im Innersten seines Herzens ist und vorgeht, das überlassen wir dem lieben Gott. Aber was er geschrieben hat, ist nicht katholisch.“ Damit war alles gesagt; Ratzinger als Vertreter der Römischen Kirche ließ eine Alternative nicht zu, und statt theologischem Disput gebrauchte die Römische Kirche ihre Macht. Anstatt sich als der zuständige Bischof wie ein guter Verteidiger schützend vor Gotthold Hasenhüttl zu stellen, schlüpfte Reinhard Marx sofort in die Rolle eines päpstlichen Vollzugsbeamten; sicherlich nicht zum eigenen Schaden. Aber diese schlimme Geschichte geht noch weiter,  denn ich habe in den Folgejahren nicht nur Reinhard Marx sondern anlässlich des Bischofswechsels auch den Diözesanverwalter, das Trierer Domkapitel und auch den neuen Trierer Bischof durch viele Briefe inständig und immer wieder gebeten, das Unrecht an Gotthold Hasenhüttl wieder gut zu machen und Frieden zu stiften. Doch ohne Erfolg und ohne eine einzige Antwort. 

Damit komme ich zu meiner Erinnerung an den Friedensgruß bei der Messfeier der Jahreshauptversammlung zurück. Eines der systemischen Grundübel der Katholischen Kirche ist die Macht des Klerus und dessen Bußunfähigkeit. Bis in die Gegenwart wurden katholische Eheleute, die (gleich aus welchen Gründen) zum zweiten Mal heirateten, lebenslang von der Kommunion ausgeschlossen. Seit dem II. Vatikanischen Konzil wurden allein in Deutschland Tausende Priester (und es waren nicht die schlechtesten) gnadenlos auf die Straße gejagt, nur weil sie das Versprechen der Ehelosigkeit korrigieren und ihren priesterlichen Dienst in Aufrichtigkeit führen wollten. Bis in unsere Zeit wurde Verzweifelten und psychisch Kranken, die keine Kraft zum Weiterleben hatten, die kirchliche Beerdigung verweigert und in katholischen Dörfern wurde Mädchen wegen einer außerehelichen Schwangerschaft lebenslang diskriminiert. Inzwischen haben sich die Zeiten etwas geändert. Als Antwort auf die Aufdeckung des Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen durch katholische Priester zeigt sich der Münchener Kardinal Reinhard Marx auf einmal auffallend bereit, sich für die schon lange überfälligen Reformen in der Katholischen Kirche einzusetzen: Machtverzicht des Klerus, Diskussion um den Zölibat und Verantwortung für Frauen sind  erstaunlicherweise seine sehr konkreten Forderungen. Doch Skepsis ist immer noch angebracht, ob die Römische Kirche zu tiefgreifenden Reformen fähig ist, denn offensichtlich lässt die Macht der rotgewandeten Prälaten selbst den guten Papst Franziskus erzittern. Aber auf der anderen Seite erinnerte „die kleine Herde“ hier im Tagungsraum des katholischen Wilhelm-Kempf-Hauses, die sich mit Brot und Wein im Namen Jesu versammelte, an „das kleine Senfkorn Hoffnung“ der immer noch ganz lebendigen Verheißung des Evangeliums. Und war es nicht ein Wunder, dass diese 24 Frauen und Männer, alle in die Jahre gekommen, so völlig frei von Hass und Rachsucht über erfahrenes Unrecht, sich mit dieser oft skandalgeschüttelten Kirche immer noch verbunden fühlten und wie die Jünger und Jüngerinnen vor 2000 Jahren zu der Frohbotschaft Jesu bekannten? Vor 48 Jahren bat ich den Erfurter Bischof Hugo Aufderbeck, mir trotz meines Heiratswillens den weiteren Dienst in meiner Kirche zu ermöglichen. Ich wusste, dass dieser Weg für alle nicht einfach werden würde. Was ich nicht wusste, war die ungeheure Welle an Verachtung und Ablehnung, die ich dann über Jahre erfuhr. Die katholische Diasporakirche in der DDR war damals von dem Geist der Würzburger Synode noch weit entfernt und hatte keinerlei Hemmungen, mich dem atheistischen Staat zum Fraß vorzuwerfen. Heutzutage hat sich auch in Erfurt das Blatt gewendet; der Erfurter Bischof schrieb mir einen freundlichen, ja sogar liebenswürdigen Brief.

Mit dem ITE MISSA EST gingen wir wieder auseinander; nach der christlichen Tradition immer auch Sendung in die Welt, unsere Mutter Erde, ein jeder an seinen Platz und in sein Leben.


[1] Stuttgarter Bibelstudien, Stuttgart 2004.

Hommage auf Horst Klemm von Dieter Kittlauß

Hommage auf Horst Klemm von Dieter Kittlauß

Lieber Horst, wegen der Schlosserlehre im Weimarer Mädrescherwerk nach dem Abitur war ich zwei Jahre älter als Du, als wir mit dem Einführungskurs in Bad Kösen zusammen mit 50 anderen „Priesteramtsanwärtern“, wie es damals hieß, unseren Weg der priesterlichen Ausbildung begannen. Es waren andere Zeiten als heute. Für den einzelnen Christen war es oft schwierig, in dem atheistischen Staat der DDR zu bestehen; der katholischen Diasporakirche aber ging es recht gut. In unserer Pfarrei Weimar gab es einen Pfarrer und zwei Kapläne, drei Pallottinerpatres, einen Jesuiten und mindestens zwanzig Ordensschwestern. Wir Theologen, wir waren zeitweilig sogar fünf an der Zahl, waren im Pfarrhaus zu Hause. Dechant Schneider liebte in den Ferien eine große Frühstücksrunde mit uns. Sieben lange Jahre haben wir studiert und zwischen den Semestern viel Gemeinsames unternommen. Den Abschluss bildete die Priesterweihe am 29. Juni 1961 durch Weihbischof Joseph Freusberg im Erfurter Mariendom; wir waren für das Generalvikariat Erfurt fünf Weihekandidaten. Am nächsten Tag durften wir mit der ganzen Weimarer Gemeinde die Primiz feiern, sukzessiv da es damals noch keine Konzelebration gab. Als junge Kapläne sind wir uns weniger begegnet, aber nach meiner Erinnerung haben wir in den Masuren zweimal zusammen gezeltet; auch durch die Jugendseelsorge gab es Gemeinsamkeiten. Dann gingen unsere Wege auseinander. Du wurdest Pfarrer im Eichsfeld, ich habe geheiratet und habe zwanzig Jahre im Rheinland ein großes Bildungshaus geleitet. Kurz vor der Wende sind wir uns nach 18 Jahren wieder begegnet, als ich Dich in Deinem Pfarrhaus besuchte.

Nun hat Dich Gott vor mir aus dem Leben gerufen. Ich bete in diesen Tagen für Dich das uralte Totengebet:

Zum Paradies mögen Engel Dich geleiten; die heiligen Martyrer Dich begrüßen und Dich führen in die heilige Stadt Jerusalem. Die Chöre der Engel mögen Dich empfangen und durch Christus, der für Dich gestorben ist, soll ewiges Leben Dich erfreuen.

Mit Dir verbunden. Dieter

Posted by Kittlauss on Apr 10th 2019 | Filed in Biographisches,Was das Leben angeht | Kommentare (0)

Das Martinshaus im Bendorfer Wenigerbachtal

Das Martinshaus: Berliner Stil der 50er Jahre in Bendorf.

Dieter Kittlauß

In Anlehnung an das Weimarer Bauhaus und den Berliner Stil der 50er Jahre, steht das Martinshaus wie ein feststehender Block mitten im Tal. Gerade Linien, Gliederung durch die Fenster, im Erdgeschoss die Bewegungszone. Der Aufzug ist hinter dem Haus, die SAtuerkammer guckt ein wenig über das Flachdach.

Unter der Leitung von Anneliese Debray veränderte sich ab 1952 das Bendorfer Hedwig-Dransfeld-Haus in einem rasanten Tempo. Eine neue Kapelle wurde gebaut und der Waldgasthof „Sonnenhof“ durch ein Bettenhaus zu einem damals ganz modernen Müttergenesungsheim umgestaltet. Zu Müttererholung und Frauenbildung kamen als neue Ziele Berufsbildung für Mädchen vom Land und Bildungsarbeit mit Behinderten, internationale Begegnungen und ökumenische Erneuerung der christlichen Kirche. Dazu gehörte auch der Dialog mit dem Judentum und die Annäherung an den Islam.   1968 bis 1971 wurde für die breit gefächerte Bildungsarbeit ein neues Haus gebaut und zwar quer in das Tal. Der berühmte Architekt Johannes Jackel brachte so den Berliner Stil der 50er Jahre nach Bendorf: Gerade Linien, Beton, Glas und Kunsstofffassade; natürlich im Keller auch ein Schwimmbad.  Doch der Architekt war zwar berühmt, aber auch weit weg, denn er lebte und arbeitete in Westberlin, so dass die Bauleitung delegiert werden musste.  Noch gravierender waren die Finanzierungslücken, so dass der Bau ständig unterbrochen werden musste und schließlich drei Jahre dauerte. An allen Ecken musste gespart werden, was der Qualität nicht guttat, und der Trägerverein musste sich darüber hinaus hoch verschulden. Schließlich gelang die Fertigstellung   und das Haus bekam den Namen „Martinshaus“. Für die kleine Stadt am Mittelrhein wurde die Einweihung erneut zum großen Bahnhof. Dr. Bernhard Vogel, Kultusminister von Rheinland – Pfalz, hielt die Festansprache: „Konfliktgruppen zusammenführen – für Verständigung und Frieden sorgen, helfen durch Zusammenleben, durch Information, Studium, Feier, Gebet – und Aktion! – Möchten die Patrone dieses letzten Hauses, Martin von Tour, Martin de Porre, Martin Luther, Martin Luther Kind, Martin Buber uns Ermutigung bleiben – und Gottes Segen erbitten.“ [1]  Auf einem Stein vor dem Haus wurde in 17 Sprachen das Wort „Frieden“ gemeißelt. Aber wie in der realen Welt dieses „Suchet den Frieden, jaget ihm nach“ nicht immer nur Glück bringt, so ging es auch dem Hedwig – Dransfeld – Haus. Der Gegensatz von Wünschen und finanziellen Möglichkeiten wurde schließlich explosiv und begleitet von heftigen Konflikten verzichtete Anneliese Debray 1981 auf die Leitung. Erst als Notlösung, dann aber auf Dauer führt der katholische Theologe Dieter Kittlauß das HDH nun in eine neue Epoche. Die Aufgaben waren gewaltig, finanziell und organisatorisch, auch weil sich viele wichtige Mitarbeiter absetzten. Unter gewaltiger Anstrengung und mit Hilfe des Bistums Trier wurde die Krisensituation gemeistert und die Bausubstanz erneuert. Letzte Aufgabe war das inzwischen marode Martinshaus, das nach knapp 20 Jahren zum Sorgenkind geworden war. Die Heizung fiel oft aus, das Wasser tropfte durch das Flachdach, durch die nicht schließenden Fenster war die Beheizung nicht mehr bezahlbar. Ungenügend und gegen die gesetzlichen Vorschriften waren die sanitären Ausstattungen. Dann war noch das Fehlen eines großen Tagungsraumes die Quelle des ständigen Ärgernisses. Da aus Kostengründen ein hinreichender Tagungsraum nicht gebaut werden konnte, musste die Gymnastikhalle, die zur Müttergenesung gehörte, oft zugunsten von Bildungsveranstaltungen „fremdbelegt“ werden. Deshalb brauchte es dringend neben der Sanierung einen Tagungsraum. Aber es gab eine „knallharte Realität“ und die hieß Finanzierung. Das HDH zählte zu den Pionieren der Behindertenintegration, deshalb gab es die Zusage der Höchstförderung von der Aktion Sorgenkind über 600.000 DM. Das Land Rheinland – Pfalz konnte sich eventuell und bei sehr günstiger Haushaltslage einen Zuschuss über 300.000 DM vorstellen. Die Stiftung „Deutsche Bundesjugendmarke“ signalisierte wegen der deutschen Einheit nur ein zinsloses Darlehen über 400. 000 DM. Die voraussichtlichen Baukosten lagen aber mit Sicherheit bei 5 bis 6 Millionen DM. Es war vielleicht ein einmaliger Glücksfall, dass beim Bistum Trier Baumaßnahmen zurückgestellt und dadurch Mittel kurzfristig frei wurden. Jedenfalls war es wie ein Wunder, als seitens des Bistums eine Zuwendung von über 3 Millionen DM signalisiert wurde. Damit war die Sanierung immer noch ein finanzielles Abenteuer, aber es wurde gewagt. Aufgrund der Erfahrungen aus den bisherigen Sanierungen wurden enge Rahmenbedingungen gezogen:  keinerlei Änderungswünsche nach Abschluss der Planung, sorgfältige logistische Vorbereitung der Bauzeit, Durchführung einer Spendenaktion zur Erhöhung der Eigenmittel, erhebliche Eigenarbeiten beim Abbruch; vor allem aber genaue Termineinhaltung der Baudurchführung bis Oktober 1992. Ende August 1991 fand im Martinshaus das letzte Seminar statt und unverzüglich wurde das ganze Haus in einer konzertierten Aktion der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leergeräumt. Mit dem Koblenzer Architekten, Dietrich Zillinger, stand wieder ein hervorragender Partner zur Verfügung und für die Baudurchführung konnte die Bendorfer Firma Pompetzki gewonnen werden. Die Vorgabe für alle Handwerker: alle Termine werden eingehalten und die Bezahlung erfolgt unverzüglich und ungekürzt nach Vorlage der geprüften Rechnung. Spätestens als die schweren Bohrgeräte aus Frankfurt anrollten, die die Betonstelzen für den Anbau im Schwemmsand des Wenigerbachtales bohren und erstellen sollten, wurde allen klar, dass es schon wieder eine Großbaustelle gab. Es waren Zitterstunden als die Fassade abgehängt war und der Wind durch das nackte Betongerüst blies. Als während der Ostertagung 1992 die Jugendlichen aus dem nassen Rohbau ausziehen mussten, wo sie in Schlafsäcken der Bundeswehr übernachten sollten, und dann wegen Regen und Kälte in der physiotherapeutischen Abteilung des Mütterkurhauses ihr „Feldlager“ aufschlugen, waren die Grenze des Normalen schon lange überschritten. Ein distanzierter Beobachter sagte damals: „Ihr seid alle verrückt“. Er hatte Recht, aber vielleicht lässt sich dies auch vornehmer ausdrücken: es war ein von allen mit getragenes Abenteuer.

Das ganze Haus wurde entkernt, so dass nur noch das blanke Betongerippe dastand, Die Fassaden an den Längsseiten wurden abgenommen und auf dem ursprünglichen überkragenden Fundament wurden die neuen Längstmauern hochgemauert. Der Anbau wurde links angefügt. Das Haus erhielt ein Flachdach mit einer Solaranlage fzur Warmwasserbereitung. Für den Anbau mit dem neuen großen Tagungsraum wurden tiefgründende Bohrungen mit Beton gefüllt, um so den Schwemmsand zu stabilisieren.

Besondere Sorge bereitete das Schwimmbad, das mit Rücksicht auf die Mütterkuren erhalten werden sollte. In der Behördensprache hieß es: „Anpassung an die aktuelle Rechtslage“. Aus dem gesamten Becken wurden das Fließen abgehackt. Dann wurde das Becken so verändert, dass nach den Vorschriften der Abfluss rundherum und der Zufluss vom Boden erfolgte. Nach Erneuerung der gesamten technischen Ausrüstung zur Erhöhung der Filterleistung, musste das Becken neuabgedichtet und gefliest werden. Keinesfalls alltäglich war die architektonische Leistung von Dietrich Zillinger. Das bisherige Martinshaus hatte mit Rücksicht auf das Schwimmbad das Fundament an den Längsseiten in etwa 1,50 m Abstand zu den Gebäudewänden. Dies nutzte der Architekt aus. Das Haus wurde zunächst vollständig entkernt. Dann wurde die vordere Fassade entfernt, so dass nur das Betongerippe stehen blieb;  und eine neue Wand auf dem Fundament hochgemauert. Jedes Stockwerk wurde mit der neuen Mauer verbunden. Dadurch wurden die Zimmer um 1,50 m verlängert. Diese Prozedur wurde gleichfalls auf der Rückseite vollzogen. Das neue Steildach erhielt eine umweltfreundliche Warmwasser – Solaranlage; der Neubau fügte sich   organisch an der Seite an. Die Endreinigung übernahm wieder das HDH-Team. Mitte Oktober und auf den Tag genau konnte mit der Seminararbeit wieder begonnen werden. Zum Schluss noch eine kleine Geschichte. Wegen der Zufahrt der überdimensionalen Frankfurter Bohrgeräte musste die Mauer zur Straße durchbrochen werden. Im Weg stand auch eine vor vier Jahren gepflanzte junge Platane. Dieter Kittlauß als Chef setzte sich durch: Der Baum muss gerettet werden. Mit dem Bagger wurde der Baum ausgehoben und im Gelände wieder in die Erde gesetzt. Drei Jahre waren die Blätter klein und schrumplig; mittlerweile ist es wieder ein großer und gesunder Baum. Heute, also 28 Jahre später, steht das Martinshaus immer noch in seiner ganzen Schönheit quer im Tal und ist nach der Insolvenz des Hedwig-Dransfeld-Hauses ein gefragtes Hotel für Tagungen und auch für die Wanderer des Limes- und Rheinhöhenweges.[2]

Dem Architekten Dietrich Zillinger gelang es, die ursprüngliche Grundform zu erhalten.

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Panoramaansicht des Gesamtsanierungsprogramms. Oben im Bild der Komplex des sanierten und erweiterten Mütterkurheimes Gussie-Adenauer-Haus. In der Mitte das neue Martinshaus. Unten links das Gartenhaus und der neue Küchentrakt. Rechts unten der sanierte Altbau. Mit einem Investitionsvolumen von fast 20 Millionen Euro gelang es Dieter Kittlauß die gesamte Baussubstanz zu sanieren.

[1]Wird in der  Festschrift „50 Jahre Hedwig-Dransfeld-Haus Bendorf“, Graphische Werkstätten Schmidt Bendorf,  1975, berichtet.

[2] Die Fotos sind Eigentum des Autors.

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