Es war ein Polenmädchen. Eine kleine Studie zum gelungenen Leben.


In den oberen Stockwerken des Annenhauses lebten die Zivildienstleistenden, die Vorpraktikantinnen und sonstige Mitarbeiter.

Es war Anfang der neunziger Jahre, als am Heiligabend ein junges Mädchen an unsere Wohnungstür klopfte und sich als Martina[1] aus Danzig vorstellte. Sie war nach Deutschland gereist, um im HDH ein soziales Jahr zu absolvieren. Ich fand es umwerfend, dass ein polnisches Mädchen vom Lande gerade zu Weihnachten nach Deutschland kam. Wir hatten im HDH immer neben den Zivildienstleistenden mehrere Mädchen zu einem sozialen Vorpraktikum nach dem Ende der Schulzeit. Sie wohnten zusammen in einem Nebengebäude und waren sehr wichtig, das HDH lebendig und kreativ zu erhalten, auch wenn oft die üblichen Generationenkonflikte nicht ausblieben. Martina kam aus einer kinderreichen und sehr armen Familie in einem kleinen Dorf im Landkreis von Danzig. Ihre Eltern hatten aber dafür gesorgt, dass sie eine qualifizierte Schulbildung erhielt und das Abitur erreichen konnte. Martina sprach schon leidlich Schuldeutsch und war wie die anderen Mädchen in unterschiedlichen Bereichen eingesetzt. Da sie ein ausreichendes Taschengeld erhielt und freie Pension hatte, war sie gegenüber den anderen Jugendlichen nicht benachteiligt. Nach einem guten Jahr ging Martina zurück nach Polen und ließ sich als Kinderhelferin ausbilden. Dann haben wir uns aus den Augen verloren. Aber eines Tages schrieb sie mir aus den Niederlanden, sie lebe jetzt da bei ihrer verheirateten Schwester. Hier lernte sie einen drogenabhängigen Jungen aus England kennen und zog zu ihm. Es waren wohl mehrere Jahre, dass sie in England lebte. Ob sie selbst drogenabhängig wurde, weiß ich nicht, aber das Leben mit einem Junkie war sicherlich kein Sonntagsspaziergang. Wir haben in dieser Zeit regelmäßig korrespondiert; Martina suchte offensichtlich jemanden zum Gespräch. Ich verstand mich als ihr Begleiter, ohne sie zu manipulieren. Sie musste wohl erst einen Tiefpunkt erreichen, um eine Entscheidung treffen zu können. Schließlich war ihr klar, dass sie sich von Patrick[2] trennen musste, aber hatte wohl Angst vor der Rückkehr nach Polen. Da ich in dieser Zeit beträchtliche Gewinne am Neuen Markt machen konnte, schlug ich ihr vor, ihr ein pädagogisches Studium zu finanzieren. Es ließ sich dann alles auch so regeln. Nach ihrem Studium ging Martina wieder nach den Niederlanden zu ihrer Schwester und arbeitete hier als Pädagogin und als Dolmetscherin. Hier lernte sie Henry[3] kennen, den Sohn irischer Einwanderer in den USA. Aus der Liaison wurde eine feste Beziehung. Martina und Henry heirateten in Polen und ließen sich im US-Bundesstaat Texas nieder. Henry ist ein IT-Spezialist. Mittlerweile sind zwei Kinder in der Familie. Martina arbeitet als Sprachlehrerin und es gibt einen intensiven Kontakt zu einer polnischen Kirchgemeinde. Mittlerweile hat Martina die US-Staatsbürgerschaft bekommen.   


[1] Name verfremdet.

[2] Name verfremdet.

[3] Name verfremdet.

Kittlauss Mrz 10th 2019 07:21 pm Aktuell Keine Kommentare bisher Facebook Kommentare Trackback URI Comments RSS

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