Zur Ordination von Frauen in der Katholischen Kirche
Am 29. Juni 2002 ließen sich sieben Frauen auf einem Schiff durch einen katholischen Bischof die Priesterweihe erteilen, ein Jahr später Gisela Forster und Christine Mayr-Lumetzberger sogar die Bischofsweihe. Die Antwort der Katholischen Kirche war die sofortige Exkommunikation. Da sich aber auch in Teilen der Anglikanischen Kirche durch Synodalbeschlüsse die Bischofsweihe für Frauen durchsetzte, fühlte sich der Vatikan offensichtlich in die Enge getrieben. Deshalb wollte Papst Johannes Paul II. in seinem Apostolisches Schreiben „Ordination Sacerdotalis“ (> Priesterweihe)vom 22. Mai 1994 unter die Auseinandersetzung um die Frauenordination in der Katholischen Kirche einen endgültigen Schlusspunkt setzen: „Die Priesterweihe, durch welche das von Christus seinen Aposteln anvertraute Amt übertragen wird, die Gläubigen zu lehren, zu heiligen und zu leiten, war in der katholischen Kirche von Anfang an ausschließlich Männern vorbehalten. An dieser Tradition haben auch die Ostkirchen getreu festgehalten“ ….. „Damit also jeder Zweifel bezüglich der bedeutenden Angelegenheit, die die göttliche Verfassung der Kirche selbst betrifft, beseitigt wird, erklärte ich kraft meines Amtes, die Brüder zu stärken (vgl. Lk22,32), dass die Kirche keine Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und dass sich alle Gläubigen der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu haben.“ Deutlicher geht es nicht mehr: Roma locuta, causa finita (> Rom hat gesprochen, die Sache ist erledigt), in Anlehnung an Augustinus.
Der Papst nennt zwei Gründe für die Ablehnung der Frauenordination. Einmal die „Tradition von Anfang an“, zum anderen weil „die Apostel nur Männer“ waren. Diese Entscheidung und ihre Begründung wurden zwischenzeitlich mehrmals von unterschiedlichen Vatikanischen Stellen wiederholt, jüngst durch den neuen Präfekten der Glaubenskongregation. Aber hier beginnt auch das Problem. Es gehört zwar zur bewährten Methode des Vatikans, Verteidigungspositionen stereotyp zu wiederholen, aber irgendwann hat sich immer diese Verweigerung gegenüber der Realität totgelaufen. Sklaverei, Altrömisches Recht, Kindstötung, Leibeigenschaft, Ständegesellschaft, Lehenswesen, „Monarchie aus Gottes Gnaden“, Gewissenfreiheit, Bücherverbot, Leichenverbrennung und Ablehnung der Religionsfreiheit sind nur einige Beispiele. Bei der jüngsten Übernahme von anglikanischen Gemeinden, Pfarren und Bischöfen wurde ohne Diskussion in den neuen Teilkirchen (>Jurisdiktionsbezirke) der Zölibat geopfert, um (auch) verheirateten anglikanischen Priestern und Bischöfen den Anschluss an die Katholische Kirche zu ermöglichen. [1]

Dir hl. Martha von Bethanien wurde in der Frühen Kirche sehr verehrt. Nach der legende ist sie mit einer Frauengruppe um Maria Magdalena bis Südfrankeich geflohen. Bis ins 5. Jahrhundert gab es groß Martha-Heiligtümer. Dieses Bild stammt aus dem Isabella – Stundenbuch. Quelle: Wikipeda. i
Die Frage ist also, wie lange der Vatikan das Verbot der Frauenordination durchhalten kann? Denn die gelieferten Begründungen sind nicht stimmig. Wir haben heute ein ziemlich genaues Wissen um die Frühe Kirche. Bereits 1988 schrieb der weltweit anerkannte katholische Exeget Anton Vögtle (†) in seinem Buch „Die Dynamik des Anfangs – Leben und Fragen der jungen Kirche“: „Es bedarf nicht vieler Einzelbelege, dass Frauen und Ehepaare eine beträchtliche Rolle im Dienst missionarischer Verkündigung, die ja Evangeliumsverkündigung bedeutet, gespielt haben.“ und „Von der apostolischen Generation, vor allem von Paulus her gesehen, ist die Frau eindeutig zu missionarischer Verkündigung der Christusbotschaft wie zu verkündigendem Reden im Gottesdienst befugt.“ Also nicht nur die Gruppe um Jesus bestand aus Männern und Frauen, sondern auch in der Kirche des Anfangs. Noch im vierten Jahrhundert schrieb Eusebius, Bischof von Cäsarea, in seiner Kirchengeschichte von den verheirateten Aposteln. In der seriös – katholischen Zeitschrift „Welt und Umwelt der Bibel“ (Herderverlag) wurde bereits vor Jahren mit Selbstverständlichkeit von Maria Magdalena als der bedeutendsten Jüngerin innerhalb der Jesusbewegung gesprochen. In einem anderen Beitrag heißt es da: „Auch wenn es (gemeint ist „in den Evangelien“ ), über Frauen keine Berufungserzählungen wie über männliche Jünger gibt, wird insgesamt deutlich, dass Frauen von allem Anfang an zur Jesusbewegung gehörten und das Leben Jesu teilten…. Zum Faszinierendsten der Jesusbewegung gehört es aber, dass Jesus die Frauen und Männer, die sich ihm angeschlossen haben, an seiner Sendung und an seinen Charismen beteiligten.“ (Heft 2/2002). Weil es keine biblisch – theologische Begründung gibt, ist für die Katholische Kirche das Verbot der Frauenordination wie ein HIV-Virus, sie wird ihn nicht mehr los. Der Papst kann festlegen, dass in der Katholischen Kirche wegen der Tradition nur Männer und Frauen Zugang zu den Geistlichen Ämtern haben. Aber wenn er diese Position auf den Stifterwillen Jesu oder auf die Apostel zurückführt, sagt er die Unwahrheit gegen besseres Wissen. Manche sprechen deshalb mit Recht von einer strukturellen Sünde der Päpste, weil sie ihre Machtposition gegen die Gesamtkirche missbrauchen.
Es ist aber noch eine andere Frage, ob sich die Katholische Kirche auf Dauer der säkularen Emanzipationsbewegung mit ihren fundamentalen Veränderungen im Selbst- und Rollenverständnis der Geschlechter entziehen kann? Es sind die die weltlichen [2] Strukturen außerhalb des traditionellen kirchlichen Amtes, die auch in der Katholischen Kirche immer mehr Raum einnehmen und deshalb den Römern Kopfschmerzen bereiten. Denken wir nur an die Mädchen am Altar, an die vielen Pastoral- und Gemeindereferentinnen, die Theologieprofessorinnen, Ordinariatsrätinnen, Caritasdirektorinnen und die Vorstandsfrauen in den unterschiedlichen Pastoralräten – alles noch vor weniger Zeit undenkbar. Nicht zu unterschätzen ist auch die Entwicklung in den jungen Kirchen, wo Frauen als Katechetinnen oder Gemeindeleiterinnen wie in den frühen christlichen Gemeinden oft de facto das Rückgrat katholischen Lebens sind. Nicht zu übersehen ist die Bewusstseinsveränderung, wenn in Deutschland katholische Bischöfe neben Bischöfinnen anderer Kirchen Hand in Hand sitzen, sich ernsthaft und in Solidarität austauschen, ihren Willen zu ökumenischer Gemeinsamkeit beteuern und sich auch mit offensichtlicher Freude von den Medien fotografieren lassen. Bei ökumenischen Gottesdiensten stehen katholische Pfarrer neben evangelischen Pastorinnen – beide öfters vereint durch eine farbenprächtige Stola. Ganz wesentlich für diesen Paradigmenwechsel in der Katholischen Kirche ist die wissenschaftliche Tätigkeit von Frauen in der Theologie, die in allen christlichen Kirchen zur Normalität gehört. Seit Frauen auf breiter Ebene theologisch forschen, akademisch lehren und aus der theologischen Literatur nicht mehr wegzudenken sind, ändern sich Blickwinkel und Fragestellungen in der gesamten Theologie. Gerade Frauen haben offensichtlich die Gabe, verdrängte Fragen und vergessene Antworten zurückzuholen und verständlich darzulegen. Der um sich greifende Paradigmenwechel in der Katholischen Kirche lässt sich übrigens auch in der amtskirchlichen Besorgnis erkennen, wie dem wachsenden Widerstand von Frauen begegnet werden kann, ohne dass es zu einem Einbruch kirchlichen Lebens kommt. Als gerüchteweise bekannt wurde, dass es im Vatikan Kreise gäbe, die die Ministrantinnen wieder abschaffen wollten, ging durch die katholische Kirche in Deutschland ein Aufschrei der Entrüstung, dem sich sogar viele Bischöfe anschließen bzw. das Gerücht kleinreden mussten. In Kirchenzeitungen durften Ministranten–Girlies ihre Entrüstung und Trauer äußern. Auch das Thema „Frauen am Altar“ hat die Katholische Kirche in vielen Ländern an der Basis erfasst und es schwindet im Kirchenvolk die Bereitschaft, die Macht der klerikalen Männerkirche weiterhin kritiklos hinzunehmen. Es ist sogar vorstellbar, dass die Rechtsdiskussion um die Frauenordination eine wesentlich schlagkräftigere Qualität bekommt. Wie heutzutage in der Zölibatsdiskussion selbstbewusst vom „apostolischen Recht der Heirat von Amtsträgern“ gesprochen wird, so könnte die Frauenordination durch die Forderung nach den Menschenrechten, die Selbstverständlichkeit der Geschlechtergleichwertung und das moderne Verfassungsverständnis die Katholische Kirche zu Umkehr zwingen. Nicht wenige Menschen – besonders die modernen Frauen – lehnen die katholische Männerkirche ab, empfinden sie als Ärgernis. Diese Männerkirche mit ihrem Kleiderkult, ihren Umzügen und Personenkult wird immer mehr zur Theaterkirche die man liebt und braucht, aber gleichzeitig das Leben nicht mehr bestimmt. Und das wäre bereits mittelfristig eine Sackgasse. Es gibt aber darüber hinaus auch Anlass zur Sorge. Gerade die Römische Kirche ist nicht nur durch imperialistisches Gehabe gekennzeichnet, sondern hat auch einen Hang zur Selbstzerstörung. Der Niedergang der Katholischen Kirche in den Niederlanden und in Holland ist das jüngste Beispiel, wie lieber die Existenz von blühenden Kirchen aufs Spiel gesetzt wird als eigene Positionen aufzugeben. In ganz Europa stellt sich mittlerweile die Frage, was in das Vakuum einströmt, wenn die Katholische Kirche weiterhin und vielleicht noch stärker als bisher an Bedeutung verliert.
[1] Zwar wurde die Bischofsweihe für Verheiratete ausgeschlossen, aber die Übertragung von Ordinationsrechten (kirchenrechtliche Leitungsfunktion wie ein Bischof) mit Stab und Mitra war kein Problem.
[2] Der Papst sprach in Freiburg in seiner letzten Rede nicht zufällig von Entweltlichung.