Nachdenken über meine Spiritualität

 

Am 1. September 1956 trafen sich alle, die keine hinreichenden oder gar keine lateinischen /griechischen Sprachkenntnisse auf der staatlichen Oberschule erwerben konnten, wieder in Halle beim Sprachenkurs. Adolf Brockhoff, der Studentenpfarre von Halle, war unser Chef. Wir lebten in Wohngemeinschaften. Messe, Frühstück, Unterricht und Mittagessen war in den Räumen der Studentengemeinde.3 persionierte Oberstudienräte standen vor der Aufgabe, uns die alten Sprachen beizubringen, obwohl wir nicht wussten, welchen Sinn das haben sollte..

1954: Aufeinmal war ich ein Priesteramtskandidat, nachdem der Erfurter Weihbischof, Joseph Freusberg, meinen Antrag zum Theologiestudium akzeptiert hatte. Sogleich wurde ich verpflichtet, an einem sechswöchigen Einführungskurs in Bad Kösen teilzunehmen. Mehr als 50 junge Männer aus der ganzen katholischen Kirche der DDR übten sich nun unter der Leitung des damaligen Magdeburger Seelsorgeamtsleiters, Hugo Aufderbeck, im geistlichen Leben. Im Unterschied zu meinen Mitseminaristen aus den katholischen Gebieten Eichsfeld, Rhön und Sorbei gehörte ich zu denen, die aus der Diasporakirche kamen. Kindheit und Jugend waren entscheidend von dem Leben der katholischen Gemeinde Weimar und der hier praktizierten Jugendarbeit geprägt. Zwischen dieser Welt und der Erfahrung der sozialistisch – atheistisch – militaristisch geprägten Oberschule gab es keinerlei Berührungspunkte. In der Woche an den Vormittagen waren wir in die Schule nahtlos eingefügt. Abends, am Wochenende, an Feiertagen und in den Ferien gehörte unser Herz der Kirche. Und Kirche hieß für uns: Kirchenjahr, Messen und Andachten, Samstagkomplet, Monatskommunion und Monatsbeichte, persönliches Dankgebet nach der Kommunion, Herz – Jesu – Freitag und Maiandachten, Fastenzeit, Ostern und Weihnachten, Allerheiligen und Fronleichnam, Rosenkranzmonat und Christkönigsfest, Ministrieren bis zum Umfallen, Küsterdienste, Jugendgruppen und tolle Feste, Wallfahrten und Ausflüge zu Fuß und per Rad. Als ich zum ersten Mal einen richtigen „Schott“ in der Hand hatte, war ich glücklich wie nie zuvor. Hier in Bad Kösen hörten wir zum ersten Mal vom geistlichen Leben, vom Silentium religiosum und der täglichen Schriftlesung. Wir erfuhren, dass das vor uns liegende Theologiestudium eine besondere Berufung sei und wir in die Geheimnisse Gottes eingeführt werden. Rat Aufderbeck imponierte uns durch sein diszipliniertes Leben, wie wir es eigentlich nur vom Sport her kannten, und sein Wissen über die griechischen Texte des NeuenTestamentes. Als er einmal frühzeitig von Magdeburg zurückkam (er war dort Seelsorgeamtsleiter), und uns in einer wüsten Bettenschlacht vorfand, war er so tief enttäuscht, dass wir selbst zu weinen anfingen. Am nächten Morgen musste ich als Delegierter vor der Messe in die Sakristei gehen und um Verzeihung bitten.

Ich werde dieses Jahr 76 Jahre alt. In meinem turbulenten Leben habe ich mehrere unterschiedliche, weichnstellende Lebensentscheidungen gefällt: Nach der 8. Klasse auf Empfehlung meiner Klassenlehrerin entschied ich mich für Oberschule, obwohl meine Eltern als Folge der Flucht arm waren.. Nach dem Abitur war ich mir ungewiss, ob ich Priester werden solle. Deshalb habe ich in Weimar im Mähdrescherwerk erst einmal Maschinenschlosser gelernt. Dann habe ich mich 1956 als Priesteramtskandidad (ein schreckliches Wort) beworben. 1971 wollte ich mein Leben nicht als Kleriker weiterführen. Alles weitere ergab sich. Als die Liebe kam, habe ich geheiratet. Beruflich war es mies. Für meine Kirche war ich ein Abtrünniger, für den DDR-Staat war ich 5. Kolonne. Es kam ein berufliches Wechselspiel: Arbeitslosigkeit, Versicherungsagent, Tapen verladen, Gemeindehelfer. Helsinki bot ein Schlupfloch für die Übersiedlung. Aber im „Goldenen Westen“ war alles schwierig. Doch dann 1976 kam die Lösung. Dann bekam ich eine schöne Zeit bis 1997. Nun Zwangsverrentung. Nun ja. Aber es ist alles gut geworden.

 

Unterdessen sind fast 76  Jahre vergangen. Auch mein Leben lief nicht gradlinig. Doch darüber möchte ich hier nicht berichten. Ich möchte vielmehr so eine Art Bestandsaufnahme machen: Wo stehe ich religiös? Was ist für mich wichtig? Was heißt für mich heute Spiritualität? Was bedeuten für mich Gott, Kirche und ewiges Leben? Ich möchte diese Bestandsaufnahme in einer verständlichen Sprache vornehmen und mich auch möglichst knapp halten, gewissermaßen nur die großen Linien zeichnen. Ich lasse die Leser gewissermaßen für einen Augenblick in mein Herz schauen. Weil ich von meiner Ausbildung her Systematiker bin, werde ich die für mich wichtigen Dinge Punkt für Punkt abarbeiten.

Suchet nach Gott und Euer Herz wird erstarken.

Gott wohnt in uns unzugänglichem Licht.

Unser Leben als Weg.

Nicht katholisches Kind sondern erwachsener  Christ.

Realität des sündigen Menschen.

Die spirituellen Schätze der Vorfahren.

Zu unserer priesterlichen Berufung.

Das Geheimnis der Erlösung.

Die offene Zukunft.

Was mir wichtig ist.

 

1. „Suchet nach Gott und euer Herz wird erstarken“.

Als Mensch habe ich keinen direkten Zugang zu unserer ganzen Welt. Strahlen, Schallwellen und Moleküle werden von meinem Gehirn in Farben, Töne und Gerüche übersetzt. Die Kernphysiker sagen uns, dass nach ihren Messmethoden der ganze uns zugängliche Kosmos aus Energie besteht. Bereits Einstein hat daraufhingewiesen, dass Zeit und Raum variable Größen sind. Wenn wir uns erinnern, ist dies eine Rekonstruktion der Vergangenheit durch unser Gehirn. Unsere Seele, von der wir nicht wissen, was und wo sie ist, ist dennoch eine Wirklichkeit in unserem Leben. Diese Beispiele lassen sich beliebig fortsetzen. Auch die innere Mitte unserer Welt, die wir in der deutschen Sprache „Gott“ nennen, ist uns direkt nicht zugänglich. Die moderne Theologie bietet uns deshalb andere Namen an: Mitte, Tiefe, Geheimnis, Ursprung, Sein.  Im Judentum wird der Name Gottes nie ausgesprochen, sondern durch Adonai (mein Herr) ersetzt oder umschrieben (z.B. Der DU alles erschaffen hast). Im Christentum haben wir leider das zweite Gebot, „Du sollst den Namen Gottes nicht ohne Ehrfurcht aussprechen“, verlernt.

Nun lehren alle Religionen, dass es dennoch Zugänge zu Gott gibt: Meditation, Wiederholungen, Schweigen, in sein Inneres horchen, Gott suchen und ihn finden wollen …. Ein zentrales Symbol für dieses „Gott-Finden wollen“ ist das Herz. Ein Wort der Bibel spricht das klassisch aus: „Du wirst Ihn (>Gott) auch finden, wenn du dich mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele um ihn bemühst.“ (Deuteronomium 4,29). Alle verfassten Religionen mit ihren Erfahrungen, Texten und Traditionen sind in der Menschheitsgeschichte die Spuren dieses Suchens nach Gott.  Deshalb sind alle Übungen, um Gottes Gegenwart zu erfahren, Grundlage meiner Spiritualität.   Und deshalb hege ich ein tiefes Gefühl der Ehrfurcht, für diese vielseitigen Wege der Menschen und ihrer Suche nach Gott und fühle mich aufgehoben in dieser großen Gemeinschaft der Gottsuchenden.

Die Unsicherheit, ob ich zusammen mit den Generationen vor mir nicht einer der Evolution immanenten Überlebens -Illusion ausgeliefert bin, ist in unserer Sprache durch die Triade “ wissen, glauben, hoffen“ ausgedrückt. Wir sind Pilger zwischen Himmel und Erde, zwischen dem Traum eines lichterfüllten Himmels und der unerbittlichen Kälte des Weltalls. Wir haben in uns eine transzendente Sehnsucht, aber keine verbriefte Sicherheit. 

 

2. Gott wohnt in uns unzugänglichem Licht.

Alle Aussagen über das Göttliche sind wie gemalte Bilder, wie Träume der Sehnsucht, sind unwahr und doch wahr, wie es die Mystiker sagen, sind Reflexionen von Wegen und Umwegen. Sie lassen sich nie genau zwischen Wirklichkeit und Fantasie abgrenzen. Dies gilt sowohl für unsere biblischen Schriften wie auch für die heiligen Bücher der anderen Religionen. Die verschiedenen Überlieferungen und Deutungen der Gotteserfahrung sind nie eindeutig, aber zusammen wie bei einem Orchester Teile eines Gesamtklanges.

Unsere Bibel ist die „fleischgewordene “ religiöse Botschaft der Generationen im jüdisch – christlichen Kulturkreis vor uns. Sie ist ein heiliges Vermächtnis, ein Lehrbuch des Lebens, weil sich die existentiellen Fragen trotz der Human -Evolution nicht geändert haben. Sie ist wie ein Wanderbuch auf dem Weg zu dem Ziel unseres Lebens. Aber neben den heiligen Schriften eröffnen uns die Maler, Musiker, Beter und Mystiker, Philosophen und Dichter, Schriftsteller, Gärtner und Architekten die Wege zu Gott, oft auch die einfachen und leidgeprüften Menschen mit ihrer tiefen Lebensweisheit.

Leider gibt es in den meisten Religionen eine Vermischung deser Gottessuche mit menschlichen Machtspielen, mit Dummheit und Bosheit. Deshalb müssen wir misstrauisch sein gegen alle, die sich zu Herren dieses Vermächtnisses machen oder von Amts wegen wissen wollen, wer und wo und wie Gott ist, was Er von uns will, wie Er uns bestraft und belohnt. Das überlieferte Wort Jesu „Hütet euch vor den falschen Propheten“ ist aktuell wie zu allen Zeiten. Es bedarf großer Nüchternheit gegenüber den selbst ernannten Prophetinnen und Propheten, wollen wir nicht Fanatismus und Inhumanität verfallen. Nüchternheit gegenüber allen religiösen Aussagen ist geboten.   

 

3. Unser Leben als Weg.

Nach dem Willen Gottes zu fragen“, wurde ich erzogen – besonders in wichtigen Situationen. Hier möchte ich heute eine andere Sprache wählen, vielleicht so: Vor Entscheidungen, die für die Richtung meines Lebens bestimmend sind, stehe ich immer auch vor der Frage, welchen Weg ich gehen soll. Das Wort „ Zeige mir Deine Wege, Herr, und lehre mich Deine Pfade“ spricht in Wirklichkeit von meinen Pfaden, die mir hier und jetzt für die Gestaltung meines Lebens und immer mit dem Blick nach rechts und links zu meinen Mitmenschen vorgegeben und möglich sind. Dabei stehe ich in einer Entscheidungskette zu meiner eigenen Vergangenheit und meinen Möglichkeiten, immer aber in personaler Einbindung auf das dialogische Du anderer Menschen angewiesen, Nicht selten muss ich mich für das kleinere Übel entscheiden oder Umwege gehen. Es gibt Unsicherheiten und schicksalhafte Situationen, die meine Entscheidungsmöglichkeit eingrenzen. Entscheidung kann auch bedeuten, etwas nicht zu tun, zu schweigen oder laut zu schreien. Die christliche Spiritualität ist sich gewiss, dass jeder Mensch in sich die Fähigkeit zu einem verantwortlichen Leben besitzt und spricht von der Stimme des Gewissens, die allein mir selbst vernehmbar ist. Der Trost: Wir sind eingebunden in die kleinen und großen Gemeinschaften. Und selbst in finsterer Nacht lässt ums Gott nicht allein. Die Bilder von der bergenden Hand Gottes, von der Nähe eines Engels, der Fürsprache der Heiligen und dem gemeinsam wandernden Gottesvolk wollen uns ermutigen. 

Wegfindung ist meine bleibende Lebensaufgabe. „ Was soll ich tun? Wie soll ich mich entscheiden? Wohin will ich gehen? “ – solche Fragen und ihre Beantwortung bestimmen die Qualität meines Lebens. Gott ist weder .für meine Entscheidungsschwäche verantwortlich noch für meine Dummheit oder Feigheit ein Alibi. Verantwortung für mein Leben trage ich ganz allein aber immer in der Kraft Gottes. 


4. Nicht katholisches Kind sondern erwachsener  Christ.

Meine Bindung an die katholische Kirche hat sehr viel mit Heimat zu tun und wird mir immer wertvoll bleiben. Es sind die Bräuche, Feste, Gebete und Lieder, die mich in meiner Kindheit und Jugend begleitet und geformt haben. Es ist die Erinnerung an meine Eltern und wichtige Menschen, die mich in die katholische Tradition eingefiihrt haben. Als Institution ist mir die katholische Kirche zunächst und vor allem der mir zugängliche Erinnerungsort für das religiöse Suchen früherer Generationen und das spirituelles Erfahrungsfeld der Generationen heute. Obwohl Papst und katholischer Klerus nicht müde werden,  die jetzige Gestalt der Katholischen Kirche im Sinne des Willens Jesu zu interpretieren, ist die äußere Gestalt – und zwar alles, was wir in dieser Kirche an institutionellen Formen finden -, geschichtlich geworden, interessenorientiert und veränderbar. Meine derzeitige äußere Bindung an die katholische Kirche beruht auf meiner jetzigen freien Entscheidung. Wenn es mir nur außerhalb der katholischen Kirche möglich wäre, meinen Lebensweg zu gehen, würde ich mich von ihr trennen, denn christliche Kirche ist in ihrem tiefsten Wesen Gemeinschaft der Jünger Jesu.

Die spirituellen Erfahrungen, die mir durch meine katholische Kirche zugänglich sind, betrachte ich als einen großen Schatz für mein Leben. Aber bei aller Hochschätzung kirchlicher Traditionen ist es unbedingt wichtig, dass ich mich von allen Abhängigkeiten befreie, die meiner gewonnenen Lebenserfahrung und meinen Erkenntnissen widersprechen. 


 5. Die Realität des sündigen Menschen.

Die Geschichte der Menschheit ist mit Blut, Leid und Tränen anderer Menschen getränkt. Nicht zufällig steht die Geschichte vom Brudermord am Anfang der Bibel. Die neutestamentliche Tradition schildert in atemberaubender Offenheit den Verrat im Jüngerkreis Jesu. Jesus stirbt als der erste Zeuge seiner Botschaft. Der Gekreuzigte ist zunächst und vor allem ein Bild für die Folgen menschlicher Bosheit. Denn das Böse lebt in uns. In der Sprache der Evolution heißt das: Wir fressen am Mittag, um nicht am Abend selbst gefressen zu werden. Deshalb sollen wir ohne Unterlass beten und damit in uns die erforderliche Ich – Stärke wach halten, damit wir nicht „in Gedanken, Worten und Taten“ dem Bösen verfallen.  Frömmigkeit, Kultur und Zivilisation bieten keinen sicheren Schutz vor dem Rückfall in die Barbarei, dies gilt für Völker, Gruppen und einzelne Menschen, dies gilt auch für mich. Aufgrund unserer Einbindung in die menschliche Gemeinschaft gilt das „Kyrie eleison“ immer für mich und die anderen: Herr, erbarme dich unser. In der Sprache der christlichen Tradition ist mit all dem die Sünde gemeint.  Aber die Verniedlichung von Sünde auf persönliche Fehler und Nachlässigkeiten ist lediglich ein klerikales Zuchtinstrument. Auch ist Gott nicht die gerichtliche Instanz für meine Irrtümer und Schwächen. Es gilt der Grundsatz, dass ich mit den Folgen meiner Fehler selbst leben muss. Wenn ich andere Menschen ungewollt oder durch Nachlässigkeit verletze, muss ich mich mit diesen versöhnen, sofern dies möglich ist. Zerstörte Beziehungen sind oft der Preis meiner Fehler. Wie die Freude über die Schönheit der Blumen gehört auch das “ Wandern im finstern Tale“ zum Leben eines jeden Menschen

Etwas ganz anderes ist die „religiöse Nacht“, von der die Mystiker sprechen, das Irrewerden an Gottes Liebe, die Verdunklung des Lebenssinnes. Hier geht es mir wie Jakob, der mit Jahve rang, wie Hiob, dem alles genommen wurde, wie Joshua am Ölberg. Hier bin ich immer ganz allein mit meinem Gott – dann ist es wie ein vorweggenommener Tod. Hier berührt uns das Mysterium der Schöpfung, hier spielt sich die eigentliche Versuchung ab, vor der wir uns im Vater Unser zu Recht ängstigen. 

 

6. Die spirituellen Schätze der Vorfahren.

Bei aller Veränderung der äußeren Lebensbedingungen bleiben die Ansprüche und Herausforderungen an das Gelingen menschlichen Lebens gleich. Die heiligen Schriften als die Lebensweisheit der Vorfahren wollen uns zum Nachdenken anregen aber auch vor Irrwegen bewahren. Die christliche Tradition, die den jüdischen Glauben des Joshua von Nazareth in die hellenistische Welt und über das germanische Denken in die Neuzeit eingebracht hat, ist meine spirituelle Heimat. Ich liebe sie über alles. Jeglicher Alleinvertretungsanspruch des Christentums ist Verzeichnung und bloßer Machtanspruch. Auch die biblische Tradition ist nicht nur Selbstzeugnis der ersten Christengeneration, sondern immer auch Irrweg, Hochmut und Abhängigkeit von äußeren Abhängigkeiten. Die Frage nach der Treue Gottes trifft heute Juden und Christen gleichermaßen. Dass uns die biblischen Schriften Leitschnur (norma normans) geworden sind, hat einen tiefen Sinn, denn hier wird uns der Zauber des Anfangs“ vermittelt, aber auch dessen Gefahr.

 

Ich stehe in einer Generationenkette und fühle mich als Jünger Jesu. Dies enthebt  mich aber nicht, meine Augen “ über die Berge “ schweifen zu lassen.  Um die biblischen Texte des Neuen Testamentes verstehen zu können, muss ich in die lange Geschichte des Volkes Israel eintauchen und dem Lebensweg der ersten Christengenerationen nachgehen, auch um zu begreifen, dass die christliche Kirche nicht nur Erfüllung der Verheißung sondern auch neuer Verrat bedeutet.

 

 7.  Zu unserer priesterlichen Berufung.

Bereits mit den Propheten begann die Relativierung des alttestamentlichen Opferkultes. Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und das zerknirschte (> demütig-bescheidene) Herz treten an erste Stelle. Jesus lebt und lehrt in dieser Tradition. Er kam nicht aus einer Priesterfamilie und verstand sich auch nie als Priester. Es gibt im NeuenTestament kein einziges Beispiel, dass Jesus im Tempel geopfert habe. Eine zentrale Botschaft des neuen Testamentes ist die Relativierung des traditionellen kultischen Priestertums. Anders als Maria und Josef, die im Tempel die vorgeschriebenen Tieropfer vollziehen, tritt Jesus nie in priesterlicher Rolle auf. Auch als er als Johannestäufer taufte, geschah dies weit weg vom Tempel als prophetisches Zeichen von Reue und Gesinnungsveränderung.  Selbst in der frühen Jesusgemeinschaft, die noch eng mit dem Frühjudentum verbunden war, spürt man die Distanz zum Opferkult. Priesterlicher Dienst vollzieht sich jetzt im Vollzug eines gläubigen Lebens im Angesicht des uns liebenden Gottes und immer im Blick nach rechts und nach links zu unseren Mitmenschen. Auf diesen Weg hat uns Joshua von Nazareth gerufen und uns die Güte und Menschenfreundlichkeit Jahves in das Herz geschrieben. Dieser priesterliche Dienst wird im Neuen Testament in vielen Bildern und Gleichnissen umschrieben, gemeint ist:

 

In der Finsternis menschlicher Grausamkeit nicht dem Hass verfallen,

dem unter die Räuber Gefallenen unter die Arme greifen,

 angesichts der Schrecklichkeit der Naturprozesse nicht verzweifeln,

 trotz der Umwertung von Werten in meinem gesellschaftlichen Umfeld standhaft bleiben,

auch unter Einschränkung von eigenen Möglichkeiten sich für andere Menschen und besonders für die nächste Generation verantwortlich fühlen,

 mein Leid und Sterben auf die Wagschale der Gerechtigkeit legen,

meine menschliche Macht nicht missbrauchen.

Dies sind die Kategorien unseres priesterlichen Lebensdienstes.

Und wenn andere Menschen uns brauchen, unseren Zuspruch, unsere Tröstung, unseren Dienst  -dann haben wir die uralten Symbole, Zeichen und Handlungen, die uns unsere christlichen Kirchen und die anderen Religionen überliefern, dann sollen wir tun was uns möglich ist: segnen, lossprechen, verwandeln, salben, beten, sprechen, singen, schweigen, die Hand reichen oder oft auch nur einfach da sein. Dies alles unabhängig, ob wir Frau oder Mann sind, in einer kirchlichen Gemeinschaft oder außerhalb, Auftrag haben oder nicht. Unsere Kirche hat dies immer gewusst. Deshalb hat sie sogar den von ihr vertriebenen Priestern die Pflicht auferlegt, im Angesicht des Todes die eigentlich von ihr verbotene Seelsorge zu betreiben. Denn  Es geht letztlich nicht um die Kirche sondern um Gott und seine Menschen. 

 

8. Das Geheimnis der Erlösung.

Der Mythos von unserer Erlösung durch das Blut Jesu Christi, den die Schriften des Neuen Testamentes an vielen Stellen bezeugen, ist die bildhafte Deutung, dass die dunklen Seiten unseres Lebens eine heilende Wirkung haben. Die uralte Weisheit „Durch das Leiden der Gerechten wird die Welt im Gleichgewicht gehalten“ entspricht auch unserer persönlichen Erfahrung, dass das Sterben eines Menschen andere Menschen vor Hass oder Depression erlösen kann. In der modernen Dichtung wird auf das sterbende Weizenkorn verwiesen, auf die sich verzehrende Kerze, auf das verzehrende Brot, auf die körperliche Hingabe jeder Mutter. Jesus von Nazareth wurde von Gott berufen und zu dieser Sendung vom Geist Gottes erfüllt, um uns das Mysterium vom Leben durch den Tod als das Grundgesetz der Schöpfung neu zugänglich zu machen. Er hat uns wieder daran erinnert, was es heißt Mensch zu sein. Der Mann aus Samarien war kein echter Jude im Sinne der Jerusalemer Hohenpriester, aber Jesus macht ihn zum ehtischen Vorbild für alle Menschen. Christliche Kirche, lebt nicht in der Nachfolge Jesu, sondern hat sich ihr eigenes Gesetz gemacht. Es ist schwer, aber lebensnotwendig, die befreiende Botschaft – die gute Nachricht -neu zu verinnerlichen.

Wir müssen es lernen, die grandiosen biblischen Bilder zu entschlüsseln, so  die Botschaft vom göttlichen Kind in der Krippe, damit wir verstehen, dass Kinder ein Geschenk Gottes sind; oder das Bild vom Heiler am Kreuz, dass wir den tiefen Sinngehalt von Schmerz und Tod als Reifung und Weitergabe verstehen.  

 

9. Die offene Zukunft.

Wir erschaudern vor der unvorstellbaren Größe und Kälte des Kosmos, in dem wir Menschen weniger als Staub sind. Wir erahnen die Komplexität der Evolution des Lebens, in der die Menschheit bisher einen Höhepunkt bildet. Wir wissen um die Endlichkeit aller uns bekannten Vorgänge, auch unseres eigenen Lebens. Das alles und viel mehr wissen wir. Aber wir tragen in uns auch einen Schatz der Zuversicht. Als Jünger des Joshua von Nazareth, tragen wir in uns Seine Hoffnung und Zuversicht, dass wir in der Liebe und Menschenfreundlichkeit unseres Gottes geborgen sind. Nicht weil wir besser sind als die anderen Menschen gehen wir unseren Lebensweg durch die irdische Zeit. Das Licht, das brennt, erhellt und sich verzehrt, ist nicht besser als die Dunkelheit, aber es bekommt seinen Sinn, dass er anderen den Weg weist.

Die Geschichten von der Auferstehung Jesu sind eine Botschaft der Hoffnung,

dass wir alle auch im Sterben und nach dem Tod umfangen sind von der Liebe Gottes.

 

 10. Was mir wichtig ist.

Dies ist kein abschließender Katalog sondern eine Momentaufnahme von Prioritäten.

Ich will keinen Beitrag leisten, um Frauen zu diskriminieren, als ob sie Menschen minderer Qualität seien, denn das Christentum ist auch eine Geschichte der Frauenfeindlichkeit. Wo ich es kann, will ich Widerstand leisten, wenn -egal mit welcher Begründung -Frauen allein aufgrund ihres Geschlechtes ausgegrenzt oder unterdrückt werden. 

Ich will keinen Beitrag leisten, wenn sich Katholiken oder Christen in Vermessenheit an die erste Stelle im Heilsplan Gottes rücken. Wo ich es kann, will ich Menschen anderer Religion oder Lebensanschauung achten und ehren, sofern sie wahre menschliche Menschen sind.

Ich will meine katholische Kirche nicht mehr freisprechen von Intoleranz, imperialem Gehabe und Inhumanität. Ich will die Übertretungen ihrer Funktionäre und Mitglieder beim Namen nennen und nichts vertuschen.

Ich will gegen die sexuelle Manie meiner Kirche kämpfen, weil sie wie das Krebsgeschwür des uralten Manichäismus alles verunstaltet und immer auch einen eklatanten Verstoß gegen die Menschenrechte darstellt.

Ich will die Frömmigkeit der früheren Generationen achten und ehren. Ich bin dankbar für alle Weisheiten, Gebete, Lieder, Gedichte, Geschichten und Bilder, die mit vermittelt wurden. Weil ich Mensch bin, will ich vorsichtig sein und bescheiden bleiben, um nicht ein Opfer meines eigenen Hochmutes und meiner Verblendung zu werden.

Ich will Kindern beistehen, dass sie ihren Weg in das Leben finden. Ich will Sterbenden helfen, ihren Übertritt aus unserer Zeit in “ das Leben der zukünftigen Welt“ zu vollziehen. Ich will Menschen in schwieriger Situation helfen. Ich möchte die Kraft haben, irgendwann- und dies kann heute oder morgen sein -mein Leben bereitwillig und dankbar in die Hand Gottes zurückzugeben.

(Erstveröffentlichung im Mai 2003; hier neue Überarbeitung)

 

Kittlauss Jul 18th 2012 02:38 pm Biographisches,Katholische Kirche kontrovers,Theologie Keine Kommentare bisher Facebook Kommentare Trackback URI Comments RSS

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