Der engelgleiche Priester am Altar – Die Umdeutung von Mk 12,18-27

 

 

Christus als Weisheitslehrer im Gewand eines römischen Consuls. 6. Jahrhundert. Heute: Berlin. Quelle: wikipedia Commens.

Anhand des Textes 12,18–27 aus dem Markusevangelium lässt sich sehr gut zeigen, wie die Irrlehre vom engelgleichen Priester biblisch begründet wurde und durch den Bezug auf das Evangelium geradezu wie ein unangreifbarer Virus geworden ist.

Die nachfolgende lineare (= wörtliche) Übersetzung  von Ernst Dietzfelbinger, lehnt sich an den griechischen (=ursprünglichen)  Originaltext an, auch wenn die deutsche Sprache dadurch sperrig wird: 

Markusevangelium 12,18-27  

18 Und es kommen Sadduzäer zu ihm, welche sagen, dass Auferstehung nicht ist, und fragten ihn, sagend:

19 Meister, Mose hat geschrieben uns: Wenn jemandes Bruder stirbt und zurücklässt eine Frau und nicht hinterlässt ein Kind, soll nehmen sein Bruder die Frau und soll erstehen lassen Nachkommenschaft seinem Bruder.

20 Sieben Brüder waren; und der erste nahm eine Frau, und sterbend, nicht hinterließ er Nachkommenschaft;

21 und der zweite nahm sie und starb; auch nicht hinterlassen habend Nachkommenschaft; und der dritte ebenso;

22 und die Sieben nicht hinterließen Nachkommenschaft. Zuletzt von allen auch die Frau starb.

23 In der Auferstehung, wenn sie auferstehen, wessen von ihnen wird sein die Frau? Denn die sieben haben gehabt sie als Frau.

24 Es sagte zu ihnen Jesus: Nicht deswegen irrt ihr, nicht kennend die Schriften und nicht die Macht Gottes.

25 Wenn nämlich von den Toten sie auferstehen, weder heiraten sie, noch lassen sie sich heiraten, sondern sie sind wie die Engel in den Himmeln.

26 Aber betreffs der Toten, dass sie auferstehen, habt ihr nicht gelesen im Buch des Mose, beim Dornbusch wie gesagt hat zu ihm Gott, sagend: Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs?

27 Nicht ist er Gott der Toten, sondern der Lebenden; sehr irrt ihr.

 

Nach den Kommentatoren handelt es sich um einen Text, den Markus vorgefunden hat; es spricht sogar vieles dafür, dass wir hier am Denken Jesu sehr nahe sind.

Geschildert wird ein innerjüdischer Theologendisput. Theologen aus der Schule der Sadduzäer sehen in Jesus den theologischen Gegner aus dem Rabbinerlager und fordern ihn mit einem fiktiven Beispiel heraus.

Zunächst zwei Hinweise, um den Text verstehen zu können.

  • Der ursprünglich jüdische Glaube geht davon aus, dass es nur dieses Leben gibt. Erst im Frühjudentum, also mit und nach dem Babylonischen Exil (598-539 v.Chr.) entwickelt sich der Glaube an die individuelle Auferstehung. Eine Ausnahme bildete nur die uralte Vision, dass die Urväter nach ihrem Tod bei Gott leben dürfen und dem auserwählten Volk Schutz und Fürsprache geben. Die Sadduzäer waren also theologisch gesehen Traditionalisten; sie lehnten die nachbabylonische jüdische Theologie und damit auch die Auferstehung ab.
  • Ein weiterer Hinweis: Im Text klingen alte und sich teilweise sogar widersprechende religiöse Vorstellungen an, die im Frühjudentum verbreitet waren: So etwa dass die Engel unsterblich und geschlechtslos seien;  dass Männer und Frauen im Paradies wie die Engel leben werden.

Markus  schildert in seiner Geschichte einen theologischen Disput zwischen Jesus und einigen Sadduzäern, die ihm offensichtlich nicht wohlgesonnen sind. Ganz in rabbinischer Weise lässt Jesus seine Gesprächsgegner zunächst auflaufen: Ihr glaubt zwar an die alten Überlieferungen, aber nicht die einmal kennt ihr. Denn auch nach den alten Lehren ist eure Geschichte Unsinn. Das dürfte in etwa der Sinn der Verse 24 und 25 sein. Jesus will sich offensichtlich nicht auf die Diskussionsebene seiner Antipoden einlassen.

Aber auf die wichtige Frage nach dem „Ob“ der Auferstehung gibt er eine klare Antwort. Er verweist auf den lebendigen Gott, der nach den alten Überlieferungen die Väter Abraham, Isaak und Jakob nicht in das Totenreich fallen ließ. Und weil Gott das Leben liebt, hat er auch für alle anderen Menschen eine Zukunft über den Tod hinaus. Das ist die Position Jesu und das ist der Topos (die Kernaussage) des überlieferten Textes. Der Text ist also in seiner theologischen Aussage ein österlicher Hoffnungstext. Jesu Gottesbild wird uns überliefert und mit ihm sein Vertrauen auf den lebendigen Gott. Die Antwort Jesu soll uns „jetzt und in der Stunde unseres Todes“ Hoffnung geben und die Angst vor dem Rückfall in das Nichts nehmen. Bereits im Judentum gab es dafür das Bild von der Hand Gottes, die uns auffängt. Der Priestermaler Sieger Köder hat diese Botschaft in unserer Zeit in dem wunderbaren Bild „Geborgen in Gottes Händen“ gemalt.

Doch in der Frühen Kirche haben Theologen den Markustext pervertiert. Einmal überwucherte der Volksglaube von Hölle und Vergeltung die Frohe Botschaft, zum anderen wurde der Vers 25 zum Schlüssel des ganzen Textes umgedeutet und zu einer zentralen Aussage der Botschaft Jesu umfunktioniert; etwa so: „Die eigentliche Bestimmung des Menschen ist die Ehelosigkeit der Engel.“ Nun war der Weg nicht weit, die Schlussfolgerung zu ziehen:“Es entspricht zutiefst der menschlichen Bestimmung schon jetzt engelgleich zu leben.“  Generationen von Christen haben das verinnerlicht: Vollkommenheit heißt sexuelle Enthaltsamkeit. Der „jungfräuliche“ Mensch, der schon auf Erden wie ein Engel lebt, ist der eigentliche Jünger Jesu. Deshalb haben in der römischen Kirche Verheiratete schlechte Chancen bei der Heiligsprechung.

Bei der ganzen Auseinandersetzung in der Römischen Kirche um den Zwangszölibat spielt das Leitbild vom „engelgleichen Priester am Altar“ eine ganz entscheidende Rolle, es ist tief im kollektiven Bewusstsein der römischen Kirche verankert, wie eine Festung, gegen die alle rationalen Argumente wirkungslos erscheinen: Weder biblische Argumentation (Petrus und die anderen Apostel waren verheiratet), noch soziologisch unwiderlegbare Fakten (es gibt Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Ausrichtungen),  noch tiefenpsychologische Analysen (freiwlliges Single-Leben ist etwas anderes als Verordneter Zölibat) werden akzeptiert.

So geht es auch heute in der Römischen Kirche um die Frage: Lassen wir uns auf ein Scheingefecht ein oder verinnerlichen wir wie Jesus in uns das Vertrauen auf das Leben.

 

 

 

Kittlauss Jul 3rd 2012 03:25 pm Katholische Kirche kontrovers,Theologie Keine Kommentare bisher Facebook Kommentare Trackback URI Comments RSS

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