Anfragen an die Identität des verheirateten Priesters in der Römischen Kirche

 

Priesterweihe im Erfurter Dom am Fest Peter und Paul 1961. Die fünf Diakone knien vor dem Bischof und den um diesen versammelten Klerus.Die Weihe erteilt der Erfurter Weihbischof Joseph Freusberg. Links im Bild sein Coadjutor, Weihbischof Hugo Aufderbeck. .

 (Erstmalig veröffentlicht im Mitteilungsblatt 14 der Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen (VkPF). Jahrgang/Nr.1, März 1997)

Wer durch die klerikal-katholische Sozialisation gegangen ist, hat eine klerikale Identität bekommen. Das ist einfach so, jedenfalls bis jetzt. Natürlich gibt es da Abstufungen und extreme Formen, aber bereits das Normalmaß reicht bis in die Tiefenschichten der Person.  Was gemeint ist, will ich durch einige Eigenschaftsworte umschreiben: berufen, auserwählt, ausgesondert, eingegliedert, auf einen bestimmten Weg geschickt, höhergestellt, mit besonderen Fähigkeiten und Vollmachten unwiderruflich ausgestattet. Das an uns handelnde Subjekt war die Katholische Kirche in der institutionellen Form der römischen Tradition, vertreten durch konkrete Personen unter dem Anspruch des direkten Willensvollzuges Gottes. Zu der Identität gehören Pflichten und Vorzüge gleicherweise. Die Pflichten sind zum größten Teil juristisch festgelegt; dazu gehören: Brevier, klerikale Kleidung, unbedingter Gehorsam gegenüber Papst, Bischof und anderen Vorgesetzten, Vertretung der aktuellen Kirchenlehre, konkrete Einschränkungen im persönlichen Leben oder im politischen Engagement. Daneben gibt es eine ganze Menge mehr oder minder formulierter Anforderungen wie etwa das sog. geistliche Leben, Kontaktbeschränkungen gegenüber Frauen oder die Gemeinschaft mit Mitbrüdern. Für diese Verpflichtungen und Einschränkungen gibt es eine ganze Menge Vorrechte und Vorzüge, je nach gesellschaftlichem Umfeld und Einflussmöglichkeiten der Institution Kirche. Im Binnenraum freilich ist die Sonderstellung immer garantiert; bildhaft gesagt: in der Kirche sitzen Kleriker immer in der ersten Reihe. Jeder junge Kaplan kann ab ersten Tag seines Dienstes erfahren, wie viel Hochachtung und Vertrauensvorschuss er erhält. Selbst sichtliche Schwächen und Fehler werden dann übersehen und verziehen. Die klerikale Identität betrifft die ganze Person. Nach traditionellem Verständnis übt der Priester nicht nur einen Beruf aus. Die priesterliche Bildung zielt auf die Einheit von beruflichem Tun und persönlichem Leben. Deshalb kommt es zwangsläufig immer zum Identitätsbruch, wenn ein Priester in einen fundamentalen Konflikt mit dem ihm eingeimpften Ideal kommt und noch viel mehr, wenn er freiwillig oder erzwungenermaßen ausscheidet. Die Institution Kirche hält für diese Fälle eine Negativ – Identität bereit, die dem „sündigen“ Priester übergestülpt wird. Auch hier sind es Eigenschaften, allerdings ganz anderer Art. Als Beispiele seien nur genannt: abtrünnig, für die Kirche verloren (so Kardinal Ratzinger), gefährlich, sündig, in der Falle (semel sacerdos et semper = du kommst dennoch aus deiner priesterlichen Haut nicht heraus), unglücklich (= das kann nicht gut gehen). Diese Negativ-Identität wird auch hier je nach Einflussmöglichkeiten der Institution Kirche durch flankierende Maßnahmen verstärkt; dazu gehören Berufsverbot im kirchlichen oder auch (wie etwa bis in unsere Zeit in Italien) im staatlichen Bereich, Sakramentenausschluss, Entzug kirchlicher Grundrechte, Entlassung in soziale Unsicherheit, Druck auf Freunde und Verwandte, diskriminierende Bedingungen für die sog. Laisierung oder deren Verweigerung, Totschweigen (von Vergangenheit und Leistungen), Hinweis auf Persönlichkeitsdefizite, Einflussnahme auf die Gemeinde vor Ort, auf Staat und Gesellschaft. Diese Negativ-Identität kann durch mutige Personen (Priester, Bischöfe, einflussreiche Christen) oder institutionellen Prozesse (z.B. Würzburger Synode) modifiziert und auch entschärft werden, hat aber prinzipiell bis heute Gültigkeit. Im katholischen Kirchenvolk zeigt sich zwar bereits seit langem ein Umdenken an (Kirchenvolksbegehren, Toleranz gegenüber Priestern, Verständnis für Amtsaufgabe, Bedauern bei Amtsenthebung), allerdings kommt es überhaupt nicht zu aktivem Widerstand und offenem Protest.

Jeder ausscheidende römisch – katholische Priester muss sich mit dem Verlust seiner Identität und deren negativer Umdeutung durch die Institution Kirche auseinandersetzen. Wer bin ich? Was bin ich? Worin liegt mein persönlicher und beruflicher Wert? Wo ist ein Platz in der Kirche für mich? Was bedeutet überhaupt Kirche, mit der ich bisher beruflich und persönlich ganz eng verbunden war, für mich? Was mache ich mit meiner theologischen Ausbildung? Wie verbinde ich meine priesterliche Vergangenheit mit meiner nichtpriesterlichen Gegenwart und Zukunft? Solche Fragen sind für das Gelingen des eigenen Lebens genauso wichtig wie der Neuaufbau einer beruflichen Existenz und gegebenenfalls das Erlernen der Rolle eines Ehemanns und Vaters. Ich finde es z.B. sehr problematisch, wenn ein katholischer Priester heiratet und dann nach Amtsenthebung das von ihm lebenslang vertretene Kirchenbild einfach über Bord wirft, ohne dass es zu einer inhaltlich-theologischen Auseinandersetzung kommt. Ich habe auch große Verständnisschwierigkeiten, wenn Kirche in ihrer geschichtlich gewachsenen und damit soziologisch erklärbaren Gestalt einfach mit Idealvorstellungen in einen Topf geworfen wird. Dies geschieht etwa durch die Aussage: „Erst müssen die alten Strukturen verschwinden und sich die ursprünglichen des Evangeliums durchsetzen, bevor ich mich mit dieser Kirche wieder identifizieren kann.“ Es ist auch eigenartig, wenn ein Priester ohne Amt auf einmal die Sakramente als magische Riten empfindet, wo wir doch wissen, dass es menschliches und damit immer auch sozial organisiertes Leben ohne Riten gar nicht gibt. Ich finde auch die Frage nach der Teilidentifikation enorm wichtig. Bei jeder institutionellen Bindung (Verein, Partei, Betrieb usw.) gibt es – abgesehen von Sekten und radikal-fundamentalistischen Gruppen – immer nur eine Teilidentifikation. Das bedeutet: Obwohl mich vieles stört, vielleicht sogar abstößt, fühle ich mich mit dieser Gruppe verbunden, weil es in ihr genügend Werte gibt, die für mich wichtig sind. Dies gilt auch für meine früheren und heutigen Bindungen an meine Kirche. Es ist pubertär, wenn jemand an seine heutige Bindung an Kirche, die begreiflicherweise durch viele Konflikte belastet ist, auf einmal den Anspruch der Total-Identifikation stellt. Aus der gesamten biblischen und kirchlichen Geschichte kennen wir das Phänomen des „Weggehens“: Trennung (aus ganz unterschiedlichen Gründen) und Neuanfang aus persönlich empfundener Berufung. Sehen wir uns in dieser Tradition? Dies würde bedeuten, dass ich meine Rolle in meiner Kirche neu bestimmen muss. Will ich Priester (= sakramentaler Dienst) bleiben, obwohl mir dies momentan verwehrt wird? Oder will ich als Lehrer (= Theologe) wirken, selbst wenn ich keine haupt- berufliche Anstellung habe? Will ich Verantwortung (= Leiter) im kirchlichen oder kirchennahen Raum anstreben oder will ich lieber als Christ in der Welt (= Prophet und Zeuge) leben? Zu diesem ganzen Fragenkomplex gehört auch die ökumenische Dimension. Bin ich in dem traditionellen Bild von der alleinseligmachenden Kirche mit ihrer Überheblichkeit und ihrem Alleinvertretungsanspruch verhaftet? Wenn ja, gibt es möglicherweise nur die Alternative Bleiben oder Austreten. Wenn Nein, stellt sich auch die Frage, ob sich mir in einer anderen kirchlichen Tradition ein neuer Lebensraum eröffnen kann? Warum werde ich nicht Altkatholik oder Lutheraner oder Adventist? Warum gründe ich nicht eine Hauskirche, in der ich alles verwirklichen kann, was mir für Kirche wichtig ist? Wenn wir mit dieser ganzen Diskussion beginnen, stoßen über unsere eigene Existenz auf alle Fragen, die die Institution römische Kirche zu verschweigen und zu verdrängen sucht. Noch spannender wäre es, wenn es uns gelänge, unsere Frauen und Kinder an diesem Klärungsprozess zu beteiligen. Eine Schlussbemerkung zum besseren Verständnis. Wenn ich von „Institution“ spreche, geschieht das überhaupt nicht abwertend. Ich will damit lediglich die Aspekte von Kirche benennen, die zur strukturieren Gestalt gehören.

Mit der Priesterweihe ändert sich das Leben. Am späten Nachmittag des Weihetages holte einer der Kapläne den jungen Priester Dieter Kittlauß von Erfurt mit dem Pfarrauto ab und brachte ihn zur Weimarer Pfarrkirche, wo ihn um 18 Uhr die Gemeinde in Form einer Andacht begrüßte.

In feierlicher Prozession wird der Neupriester vom Weimarer Pfarrhaus in die Kirche geleitet. Mit der Gemeinde feiert er seine erste hl. Messe und erteilt am Nachmittag in einer Andacht den Primizsegen einzeln. Im katholischen Kirchenvolk gilt der Spruch: Für einen Primizsegen kann man sich eine Schusohle durchlaufen.

Am nächsten Tag feiert der junge Priester zum ersten Mal mit der Heimatgemeinde eine Messe. Hier auf dem Bild erteilt der Primiziant zum ersten Mal seinen Segen. Pfarrer, Kapläne und Ministranten knien ehrfürchtig nieder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kittlauss Jul 4th 2012 11:04 pm Biographisches Keine Kommentare bisher Facebook Kommentare Trackback URI Comments RSS

Hinterlassen Sie eine Nachricht