Hommage auf den Trierer Priester Heinrich Deborre

 

Heinrich Deborre *23.8.1924 + 30.7.2014. Katholischer Priester der Diözese Trier. Religionslehrer am Gymnasium. Nach seiner Pensionierung ehrenamtlich als Seelsorger in unterschiedlichen Brennpunkten. Vielen jungen Menschen war er Lehrer und Wegbegleiter. Seine Schülerinnen und Schüler haben ihm als Nachruf geschrieben: "Wir danken dir und danken Gott, dass es dich gab!"

Heinrich Deborre *23.8.1924 + 30.7.2014. Katholischer Priester der Diözese Trier. Religionslehrer am Gymnasium. Nach seiner Pensionierung ehrenamtlich als Seelsorger in unterschiedlichen Brennpunkten. Vielen jungen Menschen war er Lehrer und Wegbegleiter. Seine Schülerinnen und Schüler haben ihm als Nachruf geschrieben: „Wir danken dir und danken Gott, dass es dich gab!“

„Tue, was Du musst, sieg oder stirb, und überlass Gott die Sache“, diesen Spruch des deutschen Freiheitsdichters Ernst Moritz Arndt möchte ich Heinrich Deborre zurufen, der am 30. Juli 2014 in Trier im Alter von 90 Jahren gestorben ist.
Ich lernte Heinrich Deborre nach seiner Pensionierung als Religionslehrer an einem Trierer Gymnasium kennen. Ein Leben lang hatte er junge Menschen geführt. In einer eigenen Traueranzeige nennen ihn ehemalige Schüler „einen wunderbaren Menschen und eine große Persönlichkeit.“ Heinrich Deborre verstand sich als katholischer Priester, Lehrer und Seelsorger. Spiritualität, Theologie und Führung junger Menschen waren ihm immer ein Anliegen. Als staatlicher Beamter musste er sich mit 65 Jahren pensionieren lassen, obwohl er noch voller Vitalität war. Deshalb suchte er eine Aufgabe, wo er als Seelsorger nahe bei den Menschen war. Auf keinen Fall wollte er sich von „den Leuten in Trier“, so und ähnlich prägnant nannte er den Trierer Bischof und seine Behörde, „verheizen“ zu lassen. Deshalb stand er eines Tages vor meiner Tür. Heinrich Deborre hatte von dem Bendorfer Hedwig-Dransfeld-Haus gehört, dass es im Geist des II. Vatikanums ein Anziehungspunkt für Tausende suchender Menschen geworden sei und sich besonders in der Müttergenesung um gestresste und ausgelaugte Frauen kümmerte. „Hier wäre mein Platz“, sagte er; „er würde nichts kosten, denn er habe eine staatliche Pension; nur ein Zimmer brauche er“. Nach mehreren Gesprächen, auch mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, kam der Kontrakt zustande. Heinrich Deborre wurde Mitglied des Teams im Mütterkurheim, dem Gussie-Adenauer-Haus. “Das tun, wozu er gebraucht würde und sich in das Team eingliedern“, hatte ich ihm als Goldene Regel auf den Weg gegeben. Keinesfalls wollten wir einen katholischen Pfarrer haben, der alles in der Hand hatte und alles nach seinem Willen regulierte. Es war ein Glücksfall, dass Heinrich Deborre in der Heilpädagogin Edith Müngersdorf, eine ehemalige Ordensschwester, eine Partnerin und Freundin fand. Sie erleichterte ihm den Einstand in die neue Rolle. Das Gussie-Adenauer—Haus hatte als Schwerpunkt Frauen in einer akuten Krisensituation. Deshalb war ein qualifiziertes Team wichtig. Maria Baldus (†), die Leiterin und Seele des Hauses, war Sozialarbeiterin und Ehebraterin mit internationaler Erfahrung; Dr. Stefan Hoblea, Rumäniendeutscher, war Psychologe mit dem Schwerpunkt für weibliche Sexualität; zwei Sozialarbeiterinnen und drei PhysiotherapeutInnen komplettierten das Team. Für Spezialaufgaben wurden Fachkräfte von außen dazu geholt. In 10 Vierwochenkuren wurde versucht, jeweils 50 Frauen in einer so genannten Kurzeittherapie so zu stabilisieren, dass sich eine langfristige klinische Therapie erübrigte und die Behandlung zu Hause ambulant fortgesetzt werden konnte. Innere Mitte des Therapieprozesses war die Gruppe. Wesentlich war es auch, dass Druck und Zwang entfielen. Die Frauen sollten es wieder lernen, eigene Entscheidungen zu suchen und Erfahrungen im Miteinander zu machen. Für Heinrich Deborre war das alles nicht unbedingt neu, denn er brachte solide Kenntnisse in der Gesprächsführung mit. Aber, um es ganz ehrlich zu sagen, es gab auch viele Konflikte mit ihm. Als Priester und Seelsorger nicht immer und überall für das Religiöse zuständig zu sein, war wohl die schwerste Lernherausforderung. Ich kann mich erinnern, dass wir uns ab und zu in meinem Büro heftig gestritten haben. Aber langsam wurden die Konflikte weniger. Heinrich Deborre spürte bald, dass in dem pluralen Team jeder seine „Klientinnen“ fand. Nach der politischen Wende wollte er wie ein Missionar in den „gottlosen Osten“, beendete deshalb sein Engagement in Bendorf und fand eine Aufgabe in der katholischen Gemeinde in Weimar. Trotz der äußeren Trennung, haben wir uns beide immer mehr schätzen gelernt. Wir schrieben uns regelmäßig lange Briefe und tauschten uns über theologische Fragen aus. Große Probleme hatte er allerdings mit meinem Christusglauben, manchmal erweckte er den Eindruck, dass er um mein Seelenheil Sorge habe. Aber diese Auseinandersetzungen waren unserer Beziehung nicht abträglich. Als ich 1997 durch eine abscheuliche Mobbingaffäre zwangsverrentet und persönlich tief verletzt wurde, kam Heinrich Deborre schon nach einigen Tagen eigens nach Bendorf, um mit mir zu sprechen und mich aufzurichten. Ich denke: so war er, immer mitfühlend und bereit, im Rahmen seiner Möglichkeiten zu helfen. Als 1999 meine Frau Rosemarie (†) tödlich erkrankte, kam er zweimal von Trier zu Besuch und feierte mit uns in unserem Wohnzimmer die Eucharistie.
Als ich vor einigen Tagen zufällig von seinem Tod las, überkam mich ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit, dass er mir in meinem Leben begegnet war. Diese Hommage soll ein kleines Zeichen meiner Verehrung und meines Dankes sein. Er war ein Mensch, der eine „unvergleichliche Art, Glauben zu leben und zu vermitteln“, er „hat unser aller Leben bereichert und nachhaltig geprägt“, steht im Nachruf seiner Schülerinnen und Schüler. Ich möchte mich dieser wunderbaren Erinnerung anschließen.
Dieter Kittlauß

 

Kittlauss Nov 18th 2014 04:49 pm Aktuell Keine Kommentare bisher Facebook Kommentare Trackback URI Comments RSS

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