„Für uns gestorben“ – Studie über die Bedeutung des Todes Jesu

 

(Erstveröffentlichung Dezember 2009; hier: überarbeitete Fassung)

Das Rabula - Evangelium enthält das älteste Kreuzigungsbild der orthodoxen Kirchen. Quelle: Wikimedia.

Das Rabula – Evangelium enthält das älteste Kreuzigungsbild der orthodoxen Kirchen. Quelle: Wikimedia.

Inhalt

Zielstellung

Jesu Leben und Sterben

Die Jesusbewegung nach dem Tod Jesu

Jesus als Prophet und Menschensohn nach der Spruchquelle Q

Frühjudentum und Urchristentum

Biblische Bilder als Hintergrund für die Christologie

Die Christologie des Apostel Paulus: „Jesus als Sühnopfer“

Die Bedeutung des Todes Jesu in den Evangelien

Zur Christologie in nachbiblischer Zeit

Biblische Deutungen als Alternativen zur Opferchristologie

Ausblick

 

 

 

 

Zielstellung

In seinem Buch „Was ich glaube“ erzählt Hans Küng, dass er in seinem Arbeitszimmer statt eines Kruzifixes eine griechische Christus – Ikone habe, und er begründet dies mit seiner Distanz gegen die religiöse Vermarktung des Kreuzes. Küng beklagt, dass wir Christen kein Gespür mehr hätten für das Ärgernis des Kreuzes, und weist  darauf hin, dass das Kreuz nicht nur zu einem „Kampf- und Siegeszeichen“ verkommen ist, sondern auch durch eine einseitig verstandene „Kreuzesnachfolge“ zu einem Zeichen passiv erduldeter Demütigung.  Vor allem aber dürfte Küng mit vielen Christen übereinstimmen, die mit der theologischen Deutung des Kreuzes, dass der Tod Jesu uns von unseren Sünden reinige und uns dadurch vom Strafgericht Gottes gerettet habe, Schwierigkeiten haben. Er erinnert daran, dass mehr als tausend Jahre das Kreuz als Zeichen der Stärke verstanden wurde, als „Symbol des Todesnot leidenden Menschen“, der doch nicht dem Hass verfällt und das Vertrauen zu Gott bewahrt.

Diese Studie, Niederschlag einer mehrmonatigen Auseinandersetzung, fragt nach der Bedeutung des Todes Jesu in der Botschaft der biblischen Schriften. Sie geht also der Frage nach, ob die zweifellos zentrale Aussage der Schriften des Neuen Testamentes, dass Jesus für unsere Sünden gestorben ist,  nur im traditionellen Verständnis eines Opfertodes zu verstehen ist oder ob auch andere Deutungen möglich und in den biblischen Schriften zu belegen sind. Die Einbeziehung der kritischen Bibelwissenschaft wird vorausgesetzt.[1]

Jesu Leben und Sterben

Das englische Fernsehen speicherte im Computer alle zugängliche Daten über junge Männer im Nahen Osten und ließ dann ein Bild des jüdischen Weisheitslehrers Jesus von Nazareth erstellen. Quelle Wikipedia.

Das englische Fernsehen speicherte im Computer alle zugängliche Daten über junge Männer im Nahen Osten und ließ dann ein Bild des jüdischen Weisheitslehrers Jesus von Nazareth erstellen. Quelle Wikipedia.

Wir haben keine direkten Zeugnisse von Jesus selbst und keine Originalberichte der ersten Jüngergeneration. Auch alle neutestamentlichen Texte sind bereits Theologie – also Sammeln, Nachdenken, Ordnen, Auswahl, Gestaltung – und spiegeln den Glauben, die Hoffnungen und das Leben der Christen des ersten Jahrhunderts wieder.

Ohne es im Einzelnen hier zu belegen, können wir  davon ausgehen, dass Jesus zu einer Familie gehörte, die in der bäuerlich – jüdischen Tradition Galiläas lebte. Alle überlieferten Namen wie Josef, Mirjam, Elisabet, Zacharias, Jakobus, Joses, Judas und Simon sind jüdisch-traditionell. Jesus hat als Kind die jüdischen Bräuche kennen gelernt und nach den Evangelien  auch den Tempelkult. Er kannte sich aus im Gottesdienst der Synagoge und hat schon frühzeitig Kontakt zur Reformbewegung des Täufers Johannes bekommen. Nachdem der Lösung von der Täufergruppe  lebte er zwei bis drei Jahre als Wanderprediger und sammelte um sich eine Gruppe von Männern und Frauen. Sein Anliegen war die religiöse Erneuerung seines Volkes, so wie es von den Propheten in den alten Schriften üerliefert worden war.  Bereits seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. war der Opferkult auf die Tempel in Jerusalem und Samaria  eingeschränkt worden. Außerhalb des Tempels traten die Feier des Shabbats und der religiösen Feste mit Gebet, Schriftlesung, Loben und Danken an die Stelle der Tieropfer. Das ganze Leben sollte für den jüdischen Frommen zu einem Lobopfer des Allmächtigen werden.[2] In der prophetischen Tradition wurden Opfern, Fasten und Gebet ohne ein gerechtes Leben verworfen: Deshalb heißt es bereits beim Propheten Amos[3]: „Ich hasse eure Feste, ich verabscheue sie und kann eure Feiern nicht riechen. Wenn ihr mir Brandopfer darbringt, ich habe kein Gefallen an euren Gaben und eure fetten Heilsopfer will ich nicht sehen. Weg mit dem Lärm deiner Lieder! Dein Harfenspiel will ich nicht hören. sondern das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“. (Amos 5,21-24) Jesus dachte und lebte in dieser sozialkritisch-prophetischen Tradition. Innere Mitte seines Gottesbildes war für ihn die Güte Gottes, der seine Sonne über Gerechte und Ungerechte scheinen lässt und wie ein liebender Vater für seinen entfremdeten Sohn die Arme ausgebreitet hält. Dies heißt nicht, dass Jesus nicht auch unerbittlich fordernd sein konnte, wenn es um fundamentale Dinge ging. Er scheute sich nicht,  solche Bilder wie das Ausreißen eines Auges oder das Abhacken einer Hand zu gebrauchen und hat durchaus auch apokalyptische Strafandrohungen verwendet, um den Ernst unseres Lebensweges deutlich zu machen.

Der österreichische Künstler Andreas Feichtinger nannte sein Bild "Erlösung". Der Künstler hat freundlicherweise das Bild für diese Studie zur Verfügung gestellt. Weitere Werke von Andreas Feichtinger sind auf seiner Webseite einzusehen: http://www.feichtinger-art.org . .

Der österreichische Künstler Andreas Feichtinger nannte sein Bild „Erlösung“. Der Künstler hat freundlicherweise das Bild für diese Studie zur Verfügung gestellt. Weitere Werke von Andreas Feichtinger sind auf seiner Webseite einzusehen: http://www.feichtinger-art.org . .

Jesus kam mit den damaligen Machthabern in einen schließlich tötlichen Konflikt, also mit der Römischen Besatzungsmacht, der Jüdischen Selbstverwaltung und dem religiös – theologischen Establishment.   Mit dem grausamen Ritual der Kreuzigung wird er hingerichtet und seine Gruppe zerstreut sich voller Angst. Soweit der historisch feste Boden für das Leben und Sterben des „jüdischen Wanderpredigers und  Mystikers“ Jesus von Nazaret.

 

Die Jesusbewegung nach dem Tod Jesu

Für die Gruppe um Jesus muss dessen Hinrichtung ein Schock gewesen sein. Soweit wir aufgrund der Quellenlage die Situation nach dem ersten Karfreitag erkennen können, begann unter der Jesusgruppe ein Prozess, der aus vielen Komponenten gesteuert wurde. Der katholische Dogmatiker Walter Simonis rekonstruierte diesen Gruppenprozess und setzt für ihn den Zeitraum eines Jahres an.[4] Ohne genaue Kenntnis der Details, kennen wir doch die einzelnen Faktoren: Die Visionen der Propheten, das Warten auf einen Gottessohn und Messias,  die Unterdrückung durch die Römer und ihre einheimischen Vasallen, die aufgeheizte Spannung im Land, die allgemeine Heilserwartung im ganzen Römischen Reich;  dann die Erinnerungen an Jesus, an seine Worte und Handlungen, an seine ganze Persönlichkeit, sein Beten und Gottvertrauen, seine Souveränität mit dem Gesetz, sein Sterben am Kreuz,; und schließlich das leere Grab, die enttäuschten Hoffnungen, die Angst, aber auch  die eigenen Visionen und Hoffnungen und vor allem auch die Berichte der Frauen: aus diesem „Gebräu von Gedanken, Gefühlen, Erfahrungen und Informationen“ wuchs der Osterglaube, so beschreibt es sehr nachvollziehbar Simonis.

Die ursprüngliche Jesusgruppe verstand sich als Teil des Judentums und war in den Jerusalemer Kultbetrieb noch voll integriert. Alle waren sie Juden, allerdings auch in dieser frühen Phase gab es durch die Juden aus der Diaspora, die zweitweilig oder dauernd in Jerusalem lebten, ein internationales Flair[5]. Selbst in der verklärten Darstellung seiner  Apostelgeschichte erzählt Lukas: „Tag und Nacht verharrten sie einmütig im Tempel.“ (Apg 2, 46)  und er lässt Petrus zu den Tempelbesuchern sprechen: „Mit Gewissheit erkenne also das ganze Haus Israel: Gott hat ihn zum Herrn und Messias gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt.“ (Apg 2,36)

In der Apostelgeschichte gibt es auch einzelne Informationsreste, die darauf hindeuten, dass sich die Jesusbewegung außerhalb Jerusalems zuerst in Samarien ausbreitete. Nach dem jüdischen Historiker Flavius Josephus hatten sich lange vor dem Babylonischen Exil die Stämme Ephraim und Manasse anlässlich von Streitigkeiten über die Gültigkeit von Mischehen vom Jerusalemer Opferkult getrennt [6] Die Samaritaner hatten sich dann auf dem Berg Garizim[7] einen eigenen Tempel gebaut, der ebenso wie der Jerusalemer Tempel von Herodes d.Gr. prachtvoll ausgebaut wurde. Zwischen Judäa – Jerusalem und Samarien – Garizim herrschte so etwas wie Kalter Krieg. Die Forschung geht heute davon aus, dass Jesus mit seiner Gruppe, die alle im wesentlichen aus dem religiösen Mischgebiet Galiläa kamen, gegenüber den Samaritanern wesentlich liberaler waren als die Pharisäer und Jerusalemer Priesterschaft,  und deshalb in Samarien so etwas wie ein Rückzugsgebiet hatten.[8] Einen Hinweise geben die Geschichten vom barmherzigen Samariter [9] und vom dankbaren Samariter[10], die Lukas erzählt; sowie  die Begegnung am Jakobsbrunnen im Johannesevangelium.[11] In der Apostelgeschichte erzählt Lukas sehr ausführlich zwei Geschichten über die frühzeitige Missionstätigkeit der Apostel in Samarien[12]. Die erste Geschichte erzählt von einem (dem Apostel?) Philippus, der von den Samaritanern nicht nur freundlich aufgenommen wird, sondern auch großes Echo findet. In der zweiten Erzählung werden Petrus und Johannes von der Gemeinde nach Samarien geschickt, um schon vorhandene Jesusgruppen zu besuchen.

Wir müssen davon ausgehen, dass diese erste Schicht der Jesusbewegung des Aramäischen (als Volkssprache auf den Dörfern) und des Hebräischen ( als Kultsprache) noch voll mächtig waren. Die Forschung geht heute davon aus, dass Wanderprediger in Galliläa und Samaria Jesusworte in aramäischer Sprache, der Muttersprache Jesu, gesammelt hatten, vielleicht nach Stichworten geordnet und ins Hebräische übersetzt. Da durch die Auseinandersetzungen des Jüdischen Krieges (66-74) auch viele Jesusjünger fliehen müssen, werden die unterschiedlichen mündlichen und schriftlichen Erinnerungen an Jesus zu einem einheitlichen Text zusammengestellt und dann auch ins Griechische übersetzt. Weil die Evangelisten Lukas und Matthäus diesen Text neben anderen Quellen vor sich hatten, haben sie diesen in ihr Evangelium eingearbeitet. Die heutige Theologie kann diesen Text aus den Evangelien  rekonstruieren und gibt ihm den Namen Spruchquelle Q[13]. Offensichtlich ist aber Q frühzeitig verloren gegangen, denn in der frühchristlichen Literatur wird sie nirgends erwähnt.

Textseite aus der Septuaginta. Quelle: Wikimedia

Textseite aus der Septuaginta. Quelle: Wikimedia

Zu einer totalen Veränderung kam es, als die Jesusgruppen in den Städten Fuß fassten, denn diese waren hellenistisch geprägt. Hier gab es Schulen, Schwimmbäder, Banken und Gesundheitszentren; hier wurde vor allem Griechisch gesprochen und Latein als Sprache der römischen Besatzungsmacht. Hier gab es Wohlstand und Bildung. Wichtiger aber als die griechische Sprache war die griechische Geisteshaltung, die sich in den Philosophien und  Religionen, in Moral, Staatsverständnis, Lebensart, Geschlechterbeziehung, Erziehung und Verhalten in Krisen vermittelte.. Nach der Zerstörung Jerusalems (70 n.Chr.) war die jüdisch-christliche Bewegung bereits im griechischen Sprachraum angekommen. Deshalb wurden alle neutestamentlichen Schriften in Griechisch geschrieben.   Es gibt in den Evangelien  Reste dieser Entwicklung, wenn einzelne (griechische) Worte in ihrer aramäisch – hebräischen Bedeutung erläutert werden. In der lukanischen Ostergeschichte heißt es¨“ Da wandte sie (>Maria von Magdala) sich ihm zu und sagte auf Hebräisch zu ihm: Rabbuni, das heißt  Meister“.  Der Evangelist Lukas, der griechisch spricht, kennt noch einzelne hebräische Worte und nimmt diese in sein Evangelium auf. Dass dieser Wechsel vom Aramäisch/Hebräischen zum Griechischen nicht nur eine rein sprachliche Übersetzung war, sondern auch erforderte, dass sich die christliche Bewegung dem griechischen Denken, seiner Philosophie, seinem Menschenbild, seinen religiösen Metaphern, Bildern und Wertvorstellungen anpasste, begreift die heutige Theologie immer klarer.

 

Jesus als Prophet und Menschensohn nach

der Spruchquelle Q

Da wir mit der Spruchquelle Q der ursprünglichen aramäisch-hebräischen Jesus – Überlieferung sehr nahe kommen, ist ein gesonderter Blick auf den Inhalt angebracht.

Rembrandt Der Prophet Moses _ Wikipeia.

Der Prophet Moses, wie ihn Rembrandt malte. Quelle: Wikipedia

Die Spruchquelle Q beginnt mit drei erzählenden Texten: Ankündigung durch den Täufer Johannes, Jesu Taufe, Jesu Versuchung in der Wüste. Dann folgen gewissermaßen als Zusammenfassung der Gottesreich-Verkündigung Jesu die Seligpreisungen: Gott wird zugunsten der Benachteiligten eingreifen. Die nun folgenden Sprüche und Gleichnisse sprechen von der Liebe Gottes zu den Armen und Unterdrückten. Der Text ist wie „ein Evangelium der Bauern Galliläas“ und eine sehr grundsätzliche Kritik am damaligen Wirtschaftssystem .Die Vaterunserbitte „Und erlasse uns unsere Schulden, wie auch wir aus unseren Schulden erlassen“  bekommt auf dem Hintergrund der verarmten und überschuldeten Bevölkerung einen ganz anderen Klang. Nach Q hat die Verkündigung Jesu die damaligen gesellschaftlichen Wertsysteme und Verhaltensmuster auf den Kopf gestellt und zu einer grundsätzlichen Veränderung des eigenen Lebens aufgerufen. Neben seiner sozialkritischen Forderungen bringt Q viele Worte Jesu, die einen Impuls geben wollen, den Mechanismus von Hass und Gewalt zu durchbrechen. Offensichtlich verstand sich die Jesusbewegung als Alternative zum jüdischen Widerstand. Die Missionare in der  Nachfolge Jesu stellten sich als Friedensboten vor: “In welches Haus ihr auch geht, sagt zuerst: Friede diesem Haus.“

Auch Q ist nicht einfach eine Sammlung von Jesusworten. Wie später die Evangelisten haben bereits der Autor bzw. die Autoren von Q die ihnen zugänglichen Überlieferungen von Jesus nach ihrer Sicht ausgesucht, gestaltet und geordnet. Jesus wird als endzeitlicher Prophet dargestellt, der um sich Jünger sammelt und sendet. Der Kreuzestod klingt nur einmal indirekt in dem Nachfolge – Logion an: „Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir folgt, kann nicht mein Jünger sein“. [14]Q deutetet die Tötung des Propheten Jesus ganz auf dem Hintergrund der alttestamentlichen Überlieferung: „Jerusalem! Jerusalem! Du tötest die Propheten und steinigst die, die zu dir gesandt sind. Wie oft wollte ich deine Kinder sammeln wie eine Henne ihre Küken unter die Flügel sammelt, aber ihr habt nicht gewollt.“ (Q: Mt 23,37 – 39 / Lk 13,34 – 35) Der Tod Jesu ist die Konsequenz seines prophetischen Wirkens. Wie die Passion spielen auch die anderen Hoheitstitel für Jesus, die wir aus den neutestamentlichen Schriften kennen, kaum eine Rolle. Der Titel „Sohn Gottes“, mit dem Markus sein Evangelium beginnt, kommt in Q nur einmal vor und zwar  im Mund des Teufels bei der Versuchung Jesu in der Wüste.[15] Der Titel „Messias/Christos“ taucht überhaupt nicht auf. Q gebraucht jedoch den Titel „Menschensohn“ sowohl für den historischen Jesus wie für den endzeitlichen .Dass sich Jesus selbst als „Menschensohn“ bezeichnet hat, darauf deutet ein Nachfolgewort: „Und jemand sagte zu ihm: Ich werde dir nachfolgen, wohin du auch gehst. Und Jesus sagte ihm: Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester, der Menschensohn aber hat nichts, wo er seinen Kopf hinlegen könnte.“ (Q: Mt 8,18 – 20 / Lk 9,57 – 58). In der Spruchquelle ist aber der Tod des Propheten nicht das Ende der Geschichte Jesu. Der Menschensohn Jesus, der zu seinen Lebzeiten der Verkünder des kommenden Gottesreiches ist, wird wie es in den Büchern der Propheten Daniel und Malachias  vorausgesagt wurde, am Zeitenende der auf den Wolken Kommende, der wiederkommende Elias sein.  „Wie der Blitz vom Osten hervorkommt und bis zum Westen scheint, so wird der Tag des  Menschensohns sein“.[16] Wie stark Q in den Bildern der  frühjüdischen Apokalyptik denkt, zeigt ein anderer Text: „Denn wie in den Tagen Noachs, so wird es auch in den Tagen des Menschensohns sein. Sie aßen, tranken, heirateten, wurden verheiratet bis zu dem Tag, an dem Noach in die Arche ging und die Flut kam und sie alle wegraffte. So wird es auch an dem Tag sein, wenn der Menschensohn offenbar wird.“ [17]Aber es gilt auch: „Jeder, der sich zu mir vor den Menschen bekennt, zu dem wird sich auch der Menschensohn vor den Engeln bekennen; wer mich aber vor den Menschen verleugnet, der wird auch verleugnet werden vor den Engeln.“[18]

Auffallend ist auch, dass der Auferstehungsglaube in der Spruchquelle Q nicht vorkommt. Das Logion vom Propheten Jona, das der Evangelist Matthäus als Voraussage für die Auferstehung Jesu deutet,  hat bei Q eine durch und durch alttestamentlich-prophetische Aussagebedeutung: „Er aber sagte: Diese Generation ist eine böse Generation, sie fordert ein Zeichen, aber es wird ihr kein Zeichen gegeben werden – nur das Zeichen des Jona. Denn wie Jona für die Niniviten zum Zeichen wurde, so wird es auch der Menschensohn für diese Generation sein.“[19] Die Ermordung des Propheten Jesus ist für Q das Zeichen, das jeder Fromme sofort verstehen kann.

Auffallend ist ebenfalls der Verzicht auf Wundergeschichten. Hier ist ein deutlicher Unterschied zu den Evangelien zu erkennen. Möglicherweise waren vorgnostische Einflüsse mit ihrer starken Betonung von Ethos, Erkenntnis, Zeugnis und Identität stärker, als das bisher in der Forschung gesehen wurde.

 

Frühjudentum und Urchristentum

In der jüdischen Diaspora ereignen sich seit ca. 300 v.Chr. die sukzessive Übernahme der griechischen Sprache sowie ein oft widersprüchlicher Prozess von Annäherung und Abgrenzung zur hellenischen Philosophie / Religion / Ethik.  Der katholische Exeget Hubert Frankemölle[20]  vermeidet für diese Zeit zu Recht den Begriff  “Spätjudentum“, weil in ihm ein Ton der Abwertung mit klingt, so als ob das klassisch-prophetische Judentum in den Jahrhunderten vor der Zeitenwende einen deutlichen Substanzverlust erlitt. Frankemölle spricht stattdessen vom „Frühjudentum“ und sieht in ihm die Voraussetzung für die Trennung  des Urchristentums vom Rabbinischen Judentum.  Denn die Vielfalt des Frühjudentums übertrug sich auf die christologisch orientierte Theologie, die zunächst trotz aller Abgrenzung und Feindschaft lange Zeit nahe am Judentum blieb, dann jedoch Schritt für Schritt dessen Nachfolge übernahm. Eine besondere Rolle für die Entfremdung der beiden „Geschwister“ bedeutete die Entscheidung des traditionellen Judentums für die hebäische Sprache. Im Gegensatz dazu wurde die christliche Jesusbewegung durch das Koine-Griechisch bestimmt. Alle Schriften, die später im Neuen testament gesammelt wurden, sind in Griechisch geschrieben. Die Entscheidung des Rabbinischen Judentums für die hebräische Sprache bedeutete nicht nur die Neuformierung des Judentums und die Entstehung eines Kanons der hebräisch verfassten Schriften,  sondern initiierte auch einen gegenläufigen, immer stärker abwertenden Prozess gegenüber bisherigen griechisch beeinflussten jüdischen Theologie. Da sich die Reformatoren 1500 Jahre später an die Entscheidung des Rabbinischen Judentums, also für die Hebräische Bibel entschieden, ist bis in unsere Zeit die Bedeutung der hellenistischen Theologie unterbewertet worden. Dies hat sich in den letzten Jahrzehnten durch die Forschung verändert. [21]

Zu den griechischen Übersetzungen der hebräischen Texte:

Textseite aus der Septuaginta. Quelle: Wikimedia

Textseite aus der Septuaginta. Quelle: Wikimedia

Bereits im 3. Jahrhundert v.Chr. sind viele Diasporajuden der Hebräischen Sprache nicht mehr mächtig. Die hebräischen Texte werden deshalb ins Griechische, die allgemeine Verkehrssprache, übersetzt. Als besonders wichtig wird die Übersetzung der fünf Thora-Bücher gewertet. Die innerjüdischen Auseinandersetzungen über die Frage von Gültigkeit und Inspiration der Übersetzungen dürfte der Hintergrund für die Entstehung von Kultlegenden sein. So schickte nach einer Legende der ägyptische König Ptolomaios eine Botschaft nach Jerusalem mit der Bitte um 72 Gelehrte, aus jedem Stamm Israels je sechs. Diese Übersetzer hätten dann in Alexandrien die Thora übersetzt und seien unabhängig voneinander zu demselben Text gekommen. Auch die Evangelisten lesen die  (alttestamentlichen) biblischen Texte in der griechischen Übersetzung und beschränken sich auf einzelne Hinweise auf den ursprünglichen Wortlaut. Markus legt z.B. dem sterbenden Jesus den 22. Psalm in den Mund und zitiert den zweiten Vers: „Eloi, Eloi, lama sabachthani, das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34) Im 2. Jahrhundert führte der christliche Theologe Justin für die griechische Übersetzung der Thora in Anlehnung an eine Erzählung des Aristeas den Namen Septuaginta (LXX) ein. Später bürgerte sich der Name Septuaginta für die ganze von der christlichen Kirche gebrauchten griechischen Bibel ein. Für das Judentum verloren die griechischen Texte an Bedeutung.

Die Veränderung biblischer Überlieferungen durch das hellenistische Denken:

Die Übersetzung der alten Texte ins Griechische war nicht nur ein formal-technisches Verfahren, denn mit den Übersetzungen drangen auch hellenistische Vorstellungen in die jüdische Theologie ein. Als Beispiel für diesen Prozess kann der erste Vers des priesterlichen Schöpfungsberichtes dienen. Im hebräischen Text, der um 400/500 v. Chr. aufgeschrieben wurde, heißt es: „Bereschit barah Elohim ha shamayim we ha arez we ha arez hijtah tohu wabohu..“ Wörtlich übersetzt: „Am Anfang schuf die Gottheit (=Gott) die Himmel und die Erde und die Erde war wüst und wirr.“ Die griechischen Übersetzer wählten für elohim „ho Theos“ und für Himmel den Singular, also „der einzige Gott schuf Himmel  und Erde“, um ein polytheistisches Missverständnis von vornherein auszuschließen.. In der hellenistischen Welt des Polytheismus wurde mit der Übersetzung ein Bekenntnis zum Monotheismus verbunden. Ebenso wurde der zweite Teil des Satzes verändert: Die Erde war nun unsichtbar (aoratos) und ungemacht (akatasteuastos). Diese Übersetzung schloss die aristotelisch-stoische Vorstellung von einem präexistenten Urstoff aus. Wie wichtig diese inhaltlichen Korrekturen waren, kann man am 2. Makkabäerbuch erkennen, das um 124 v.Chr. in Griechisch geschrieben wurde. Da sagte die Makkabäermutter zu ihrem jüngsten Sohn, um ihn im Glauben zu bestärken: Ich bitte dich, mein Kind, schau dir den Himmel und die Erde an; siehe alles, was es da gibt, und erkenne: Gott (= ho Theos) hat dieses nicht aus den bestehenden Dingen (ouk ex onton) gemacht.“

Dass die christlichen Theologen diese jüdischen Neuinterpretationen der biblischen Überlieferungen benutzten, um ihre christologischen Absichten zu begründen, lässt sich auch an dem berühmten Jesaja – Text erkennen. In den frühen Übersetzungen des hebräischen Textes ins Griechische wurde in dem Vers  „Siehe, die junge Frau (> Alma) wird empfangen und einen Sohn gebären und du wirst seinen Namen Immanuel nennen“ (Je 7,14), das hebräische Wort „alma“ mit parthenos = Jungfrau übersetzt. Diese Übersetzung entsprach sowohl jüdischem Denken, wonach jeder Mensch drei Eltern hat, nämlich Gott, Vater und Mutter,  sowie den hellenistischen Vorstellungen, wonach die wichtigen Menschen immer direkt auf die Götter zurückgehen. Für Matthäus und Lukas wird aber daraus die Zeugung Jesu durch den Geist Gottes und damit die Schwangerschaft Marias ohne Geschlechtsverkehr.

Auch die Vorstellungen einer individuellen Auferstehung sind keinesfalls eine christliche Erfindung, sondern haben ihre Wurzeln in jüdisch-hellenistischen Glaubensvorstellungen, an die die christlichen Theologen anknüpfen konnten. So heißt es im Buch Hijob im hebräischen Text:“ Dann starb Ijob, hoch betagt und satt an Lebenstagen“. (Ijob 42,17) Die griechischen Übersetzer erweitern diesen Text mit einer ganzen Passage entsprechend den Vorstellungen einer individuellen Auferstehung. Dieser Text beginnt mit dem Satz: „Es steht geschrieben: Er wird wieder auferstehen mit denen, die der Herr auferwecken wird.“ Die lateinische Übersetzung braucht diese Erweiterung nicht mehr und übernimmt sie nicht, so auch die deutsche Einheitsübersetzung.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die ausschließliche Orientierung der christlichen Theologen an der griechisch – biblischen Theologie führt maßgeblich zu der Entwicklung der trinitarischen Christologie.

 

Biblische Bilder als Hintergrund für die

Christologie

Die Welt Jesu, der Apostel und der frühen Jesusgruppe ist das aramäisch-hebräische Frühjudentum. Die Jesuanische Relekture der alten Traditionen ist eine wichtige Komponente für die Entstehung der Jesusgruppe, die sich noch ganz im Rahmen des traditionellen Judentums vollzog. Einfach gesagt: Die Jesusjünger begannen die Alten Schriften zu sichten, ob es für Situationen ihrer Jesusgeschichte in den alten Texten Anhaltspunkte, Vergleiche oder Weissagungen gab. Das Alte Testament wurde so immer stärker unter dem christologischen Aspekt neu gelesen. Die wichtigsten christlich bedeutsamen  alttestamentlichen Metaphern können  diesen Prozess verdeutlichen.

Der Bock für Asasel : Im 16 Kapitel des Buches Leviticus wird von einem seltsamen Ritual erzählt, das offensichtlich bis in die Frühzeit des Volkes Israel zurück geht und als Ritual für den Versöhnungstag tradiert wird: Zwei Ziegenböcke sind auszuwählen und durch Los zu trennen. Der erste soll als „Ziegenbock des Herrn“ mit einem Jungstier geschlachtet werden und mit dem Blut beider Tiere ist  das Heiligtum des Tempels zu besprengen, um durch diese symbolische Handlung, die Sünden des Volkes zu sühnen. Dem anderen  Bock soll ein ausgewählter Priester wie Aaron beide Hände auf den Kopf legen und dabei alle Sünden des Volkes bekennen. Dann soll der Bock „zu Asasel in die Wüste“ gejagt werden. Da die griechische Septuaginta mit dem Wort „zu Asasel“ nichts anfangen kann[22], bezeichnet sie in  Vers 8 den Asaselbock „apopompaios“ und das heißt „ der Unheil abwendet“, Die lateinische Vulgate wählt „caprus emissarius“, als „der weggeschickte Ziegenbock“. Luther hält sich an den hebräischen Text und übersetzt mit „für Asasel“. Im Volksmund aber bürgerte sich dann in Anlehnung an die Septuaginta das Wort „Sündenbock“ ein.

Wie stark diese „Sündenbockgeschichte“ die frühe Kirche prägte, zeigt der Hebräerbrief. Für die hinter dem Text stehende Theologie ist Christus der neue und letzte Hohepriester, der „ein für allemal in das Heiligtum hineingegangen (ist), nicht mit dem Blut von Böcken und jungen Stieren, sondern mit seinem eigenen Blut, und so hat er eine ewige Erlösung bewirkt.“ (Hebr 9,11f) Der Kirchenvater Tertullian († 230) vergleicht beide Böcke mit dem Leiden Christi, der einerseits verhöhnt, verspottet und durchbohrt und andererseits am Kreuz geopfert wird.[23] 

Der Gottesknecht: Das Buch des Propheten Jesaja ist eine Komposition von verschiedenen Texten aus unterschiedlichen Zeiten.[24] Wahrscheinlich war mit dem Gottesknecht (hebr. Äb`äd) ursprünglich das ganze Volk Israel gemeint, in späterer Zeit war aber auch eine Übertragung auf einzelne Menschen möglich.[25] 

Im ersten Lied vom Gottesknecht (Jes 42,1-4) wird seine  Einsetzung durch Gott geschildert. „Seht, mein Knecht, den ich stützte, mein Erwählter, an dem ich mein Wohlgefallen habe! Ich lege meinen Geist auf ihn, dass er den Völkern die Wahrheit verkünde.“  (Jes 42,1)

Im zweiten Lied vom Gottesknecht  (Jes 49,1-6) spricht der Gottesknecht selbst: „Hört mich, ihr Inseln, und merkt auf, ihr fernen Völker! Jahwe berief mich vom Mutterleib, vom Mutterschoße an nannte er meinen Namen.“ (Jes 49,1) Dann bestätigt Gott die universale Sendung des Gottesknechtes:  „Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen. Ich mache dich zum Licht für die Völker, dass mein Heil bis an die Grenzen der Erde reiche.“ (Jes 49,6)

Im dritten Lied vom Gottesknecht (Jes 50,4-9) schildert der Gottesknecht die Verfolgungen und Misshandlungen. Aber er behält das Vertrauen zu Gott: „Ich hielt meinen Rücken denen hin, die mich schlugen, und denen, die mir den Bart ausrissen, meine Wangen, Mein Gesicht verbarg ich nicht vor Schmähungen und Speichel. Doch der Herr wird mir helfen, darum werde ich nicht in Schande enden.“ (Jes 50,6f)

Im vierten Lied vom Gottesknecht (Jes 52,13-53,12) wird die Qual des Gottesknechtes interpretiert als stellvertretendes und sühnendes Leiden: „Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht. Aber er hat unsere Krankheiten getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen, Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf, Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf.“ (Jes 3-7)

Die frühen christlichen Theologen lasen die Texte vom Gottesknecht als prophetische Vorausschau auf Jesus Christus und seine Sendung als Heilsmittler. Jesus ist der neue Moses und wie dieser (1 Chr 6,34)  Knecht Gottes. Im Kreuzeshymnus, den Paulus im Philipperbrief zitiert, wird Jesus als der Gottesknecht schlechthin beschrieben: „Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleicht. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tode, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht …“ Phil 2, 6ff)

Der Menschensohn: Die Vorstellungen vom Menschensohn finden wir in der apokalyptisch-endzeitlichen Literatur etwa für die Zeit 2. Jh. v. Chr. bis 2. Jh. n. Chr. Hintergrund waren immer besondere Krisenzeiten, die daran zweifeln ließen, dass die Schöpfung aus sich zu einem guten Ende kommt. Aufgrund des massiv erfahrenen politisch- wirtschaftlich-sozialen Unrechts richtete sich die Hoffnung auf ein Eingreifen Gottes, wodurch die Bösen bestraft und die Guten belohnt werden. Die Geschichte wird nicht mehr von Gott durch das Tun der Menschen gelenkt, sondern muss von Gott aufgrund der Bosheit der Menschen gewaltsam verändert und damit auch beendet werden. Dieser Katastrophenglaube verband sich mit dem Auferstehungsglauben. Der Glaube an die Auferstehung wurde zur Hoffnung für die verfolgten Gerechten. Von der apokalyptischen Literatur[26] wurde das Buch Daniel besonders wichtig bewertet und fand sogar Eingang in den jüdischen Kanon. Geschichtlicher Hintergrund ist die Verfolgung Israels durch den syrischen Herrscher Antiochus IV. Ganz in der Art der semitischen Erzählkunst wird die Geschichte von Daniel und seiner Familie in die Zeit Nebukadnezars zurückverlegt. Dem Leser soll vermittelt werden, dass Gott sein Volk nicht vergessen hat. Aus dem Buch Daniel stammt die Gestalt des Menschensohns: „ Da kam einer mit den Wolken des Himmels, einer wie ein Menschensohn. Er gelangte bis zu dem Hochbetagten und wurde vor ihn geführt. Ihm wurden Herrschaft, Würde und Königtum gegeben. Alle Völker, Nationen und Sprachen müssen ihm dienen. Seine Herrschaft ist eine ewiger, unvergängliche Herrschaft, sein Reich geht niemals unter.“ (Buch Daniel 7, 13 f) Wir können heute davon ausgehen, dass Jesus von Nazareth diesen apokalyptischen Titel des Danielbuches für sich angewendet hat.[27] Jedenfalls hat die frühe Jesusbewegung das Bild vom Menschensohn sowohl auf den irdischen Jesus wie auf seine erwartete endzeitliche Wiederkehr angewendet. So endet bei Markus die Verklärungsgeschichte mit einem umschriebenen Jesuslogion: “Während sie den Berg hinabstiegen, verbot er ihnen irgend jemand zu erzählen, was sie gesehen hatten, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei.“ (Mk 9,9) In der apokalyptischen Rede des Markusevangeliums ist die Anlehnung an die Danielprophezeiung ganz deutlich: „Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken kommen sehen.“ (Mk 13,26)

Die Schekhina (Einwohnung) Gottes[28]: Der jüdische Glaube weiß um die Gegenwart Gottes bei seinem Volk, die Schekhina (> von hebr. schakan = zelten). In der vorexilischen Zeit wurde diese Schekhina Gottes vorwiegend lokal gedacht: auf den Bergen, in der Feuersäule, im heiligen Zelt, im Tempel. In der exilischen und nachexilischen Zeit verfestigt sich die Vorstellung, dass Gott bei seinem Volk wohnt:  „Ich werde mitten unter den Söhnen Israels wohnen[29] und ihnen Gott sein. Sie sollen erkennen, dass ich der Herr, ihr Gott, bin, der sie aus Ägypten herausgeführt hat, um in ihrer Mitte zu wohnen: ich der Herr, ihr Gott.“ (Ex 29, 45 f)[30]  Für diese Gegenwart Gottes bilden sich  einzelne Vorstellungen[31] heraus:

Der Geist Gottes, gemeint ist die Kraft Gottes, mit der Gott die Welt, sein Volk und die Völker erhält sowie Gruppen oder einzelne Menschen für besondere Aufgaben ausstattet. „Samuel nahm das Horn mit dem Öl und salbte David mitten unter seinen Brüdern. Und der Geist des Herrn war über David von diesem Tag an.“ (1 Samuel 16,13)

Das Angesicht Gottes, das über den Menschen leuchtet (Ps 4,7) oder sie begleitet (Exodus 33,14).

Der Engel Gottes/ der Bote Gottes, der zum Synonym für Gottes Wirken wird: Der alte Jakob „segnete Josef und sprach: Gott, vor dem mein Väter Abraham und Issak ihren Weg gegangen sind, Gott, der mein Hirt war mein Lebtag bis heute, der Engel der mich erlöst, er segne den Knaben.“ (Genesis 48, 15f)

Die Herrlichkeit Gottes, die Gott in seiner Größe und Kraft meint: „Wer ist der König der Herrlichkeit? Der Herr stark und gewaltig, der Herr mächtig im Kampf.“ (Ps 24,8)

Frau Weisheit. Allegorische Figur des Alten Testamentes. Quelle: Bistum Augsburg Pressestelle.

Frau Weisheit. Allegorische Figur des Alten Testamentes. Quelle: Bistum Augsburg Pressestelle.

Die Weisheit Gottes, mit der die besonderen Gaben Gottes benannt werden: „ Ich erkannte aber, dass ich die Weisheit nur als Geschenk Gottes erhalten könne.“ (Buch der Weisheit 8,21). Im Frühjudentum wird die Weisheit Gottes zunehmend personifiziert und tritt als Frau Weisheit auf (hebr. chakmah; griech. Sofia): „Der Herr hat mich geschaffen im Anfang seiner Wege, vor den Werken in der Urzeit, in frühester Zeit wurde ich gebildet, am Anfang, beim Ursprung der Erde. Als die Urmeere noch nicht waren, wurde ich geboren, als es die Quellen noch nicht gab, die wasserreichen.“ (Buch der Sprüche 8 22 f)  Im Frühjudentum entwickelt sich eine breite Weisheitsliteratur: das Buch der Sprüche  das Buch der Weisheit, das Buch Jesus Sirach, das Hijobbuch und das Buch des Propheten Baruch.[32] Die Eigenschaften altorientalischer Göttinnen wie Ma’at und Isis färbten auf die jüdische Frau Weisheit ab. Wie die Ma’at vor ihrem Vater, dem Sonnengott RE, tanzt und singt die Weisheit im Buch der Sprüche:“ Als Er die Fundamente der Erde abmaß, da war ich als geliebtes Kind bei ihm. Ich war seine Freude Tag für Tag und spielte vor ihm allezeit.“ (Buch der Sprüche 8, 30 f)

Das Wort Gottes / der Logos (hebr. hadabar – griech. Logos) dürfte das wichtigste Bild für die Schekhina Gottes sein. „Denen er sein Wort sandte, die er heilte und vom Verderben befreite“, heißt es im Danklied der Erlösten (Ps 107,20). Und im Psalm 119 spricht der Beter:“ Herr dein Wort bleibt ewig, es steht fest wie der Himmel“. (Ps 119,89). Denn „der Himmel ist durch das Wort des Herrn gemacht“ (Ps 33,6) und „das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten.“ (Deuteronomium 30,14). Die Septuaginta übersetzt das hebräische hadabar (> das Wort) mit Logos. Mit der sprachlichen Übersetzung verändert sich auch der Bedeutungsinhalt. Logos[33] meint nun die innere Mitte des geordneten Kosmos, die von Gott kommt. Für die Stoa ist der Logos in jedem vernunftbegabten Lebewesen.[34] Von besonderer Bedeutung ist Genuswechsel vom weiblichen Hadabar zum männlichen Logos.[35]

Der Gesandte Gottes wird von Gott berufen. Es sind die Richter, Propheten und Könige, durch die nach dem jüdischen Glauben, Gott mit seinem Volk in Verbindung steht. In der königlosen Zeit richtet sich der Blick auf die Zukunft, Gott möge seinem Volk einen neuen „Gesalbten“ (>maschiach, christos, Christus[36]) schicken: „Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem. Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin.“ (Buch des Propheten Sacharja 9,9).

Alle diese Bilder der spätjüdischen Theologie wurden durch die frühe Kirche auf Jesus übertragen. Mehr und wichtiger als die Tora wurde   nun der Kyrios, dessen Gesicht beim Gebet die Herrlichkeit Gottes widerspiegelte, wie sich die Jünger erinnern können. Der Prophet aus Nazaret wird als der Christos erkannt, als der ewige Logos. Er ist der Anfang und das Ziel der Schöpfung: „Denn wenn du mit deinem Mund bekennst, Jesus ist der Herr, und in deinem Herzen glaubst, Gott hat ihn von den Toten auferweckt, so wirst du gerettet werden.“ (Röm 10,9)

Die Christologie des Apostel Paulus:

„Jesus als Sühnopfer“   

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Jesus stirbt für uns am Kreuz, um uns zu erlösen. Leidenskreuz im Essenrer Münster. Quelle: Münster Essen.

Die frühe Kirche entscheidet sich bei der Auswahl ihrer Überlieferungen (> Kanonbildung) nicht für die aramäisch – hebräische Deutung des Prophetentodes sondern für die Deutung des Todes Jesu als Sühnopfer (> das Lamm). Jesu Sterben am Kreuz und die Institutionalisierung  der Gemeinschaft der Jesusjünger – durch den Auferstehungsglauben verklammert –  werden Maßstäbe allen theologischen Denkens. Besonderen Einfluss bekommt der Völkerapostel Paulus, der eine Opfer – Christologie zu einem theologischen System entwickelt, das auch für Nichtjuden akzeptabel ist.

Paulus war Diasporajude aus Tarsus mit römischem Bürgerrecht. Als pharisäischer Theologe verfolgte er die Jesusjünger. Jesus von Nazaret hat er nicht kennen gelernt, wohl aber die Altapostel in Jerusalem. Nach der Schilderung des Lukas in der Apostelgeschichte kommt Paulus in Damaskus mit einer Jesusgemeinde in Kontakt und hat hier visionäre Erlebnisse.[37]  Die Forschung geht heute davon aus, dass Paulus tief in seinem Judentum verwurzelt war und seine „antijüdischen“ Ausfälle als innerjüdische Gruppenpolemik zu werten sind.  Bereits im Brief an die Jesusgemeinde von Saloniki spricht Paulus davon, dass unser Herr Jesus Christus für uns gestorben ist.[38] Im 1. Korintherbrief lesen wir den Satz, der Teil der Weltliteratur wurde: “Wir aber verkünden Christus als Gekreuzigten, den Juden einerseits Ärgernis, den Heiden andererseits Torheit, Ihnen aber, den Berufenen, Juden sowohl als auch Griechen (ist) Christus Gottes Kraft und Gottes Weisheit.“ (1 Kor 1,18 ff) Paulus argumentiert hier ganz im Sinne jüdischer Weisheitstheologie. Im Philipperbrief übernimmt er einen gottesdienstlichen Hymnus, in dem das biblische Bild vom leidenden und bis zum Tod gehorsamen Gottesknecht in liturgischer Sprache geformt ist. [39] Im Galaterbrief deutet Paulus ganz im Sinne der frühjüdischen Theologie die Beziehung zwischen Gott und den Menschen als ein Vertragsverhältnis. Auf diesem Hintergrund ist für ihn der Tod Jesu der Kaufpreis für unsere Befreiung: „Als aber die Fülle der Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau, unter das Gesetz gestellt, damit er (uns) die unter dem Gesetz (Lebenden) loskaufte, damit wir die Sohnschaft empfingen.“ (Gal 4,4) Im Römerbrief, den Paulus zwischen 54 und 55 schreibt, hat er seine christologische Theologie vollendet: Alle nämlich haben gesündigt  und ermangeln der Herrlichkeit Gottes. Sie werden gerecht gesprochen geschenkweise  durch seine Gnade  durch die Erlösung in Christus Jesus.“ (Röm 3,23f)

Für Paulus ist die  Sünden- und Todesverfallenheit der ganzen Menschheit  der Hintergrund für seine Christologie und der Tod Jesu der Rettungsweg Gottes für die Menschheit. Dahinter steht die rabbinische Lehre vom alten und neuen Adam. Adam und Christus werden als Gestalten einander antithetisch gegenübergestellt: Adam steht für den Menschen der Gottesferne, der sich Gott nicht anvertraut.und selbst Meister seines Lebens sein will. Paulus bezeichnet deshalb Adam als „typos tou mellontos“, als Typ jedes künftigen Menschen. [40]. Und zu der Gottesferne des alten Adam gehört das Sterben-Müssen. Demgegenüber steht Christus als neuer Adam. Durch sein Leben und  Sterben kommt es für alle Menschen zur Rechtfertigung, die zum Leben führt. Durch die Chiffre „Blut“ schafft Paulus eine Verbindung zur biblischen Tradition, die ganz aus dem jüdischen Denken kommt. Wie das Blut Abels zum Himmel schrie, so schreit nun das Blut Jesu zum Himmel; wie das Blut in der Paschanacht vor dem Racheengel schützte, so schützt das Blut Jesu vor dem Zorn Gottes. „Gott aber hat seine Liebe zu uns darin erwiesen, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht gemacht sind, werden wir durch ihn erst recht gerettet werden.“ (Röm 5,8f)

Die Bedeutung des Todes Jesu

nach denEvangelien  

Anders als Paulus, der streng theologisch denkt und auch seine Briefe schreibt, knüpfen die Evangelien eine Generation später an die sowohl im Judentum wie in der hellenistischen Literatur bekannte Erzähltradition an. Der katholische Theologe Martin Ebner weist in seinem kleinen Kommentar zum Markusevangelium auf diesen Umstand hin.[41] Die kritische Bibelwissenschaft ist einen langen Weg gegangen, um die Quellen und Entstehungsbedingungen der Evangelien zu erkennen und zeigt heute die frühe Jesusbewegung als Teil des damaligen breit gefächerten Judentums. Wir gehen hier von der Endgestalt der Evangelien aus und fragen, wie sie den Tod Jesu deuten. Alle vier Evangelien sind (in ihrer heutigen Endfassung) während bzw. nach der Zerstörung Jerusalems entstanden. Rückwirkend werden Jesus Unheilsprophezeiungen in den Mund gelegt, um so den Untergang des Tempeljudentums rückwirkend durch Worte und Taten Jesu als prophetische Voraussagen Jesu zu deuten.

Der Evangelist Markus  hatte vor sich viele mündliche und schriftliche Überlieferungen mit Jesusgeschichten, persönliche Erinnerungen, eine Passionsgeschichte und seine eigene religiöse Erfahrung. Er formte daraus eine Vita (>= Lebensbild)[42] als Evangelium (>= Frohe Kunde) vom Gottessohn und Messiaskönig Jesus, um seine Gemeinde aus Juden und Nichtjuden für die Nachfolge zu motivieren. Für Markus ist es sicher, dass sich Gott in dem Gottessohn Jesus neu geoffenbart hat. Schuld an Jesu Tod haben alle, die ihn beseitigen wollten und es auch erreicht haben.  Sie werden von Markus vorgeführt: Hohepriester, Schriftgelehrten, Herodianaer, Pharisäer, Älteste, Sadduzäer, Soldaten, Pilatus, die Menge vor der Präfektur. In der Geschichte von den bösen Winzern[43] werden diese Böslinge summarisch verurteilt[44] Aber auch die Zwölf und die Jünger Jesu sind für Markus in diese Unheilsgeschichte verwickelt. Sie verstanden nichts und erhoffen sich persönliche Vorteile von der Nachfolge Jesu; sie machen andere Heiler schlecht[45]; sie haben sehr konkret-politische Vorstellungen von dem, was Jesus zu tun hat;[46] Judas verrät Jesus. Zweimal erzählt Markus die Verleugnung Jesu durch  Petrus[47]. Man spürt geradezu die Verachtung, mit der Markus die schlafenden Jünger im Ölberg beschreibt[48].

Demgegenüber führt Markus die Gerechten als Vorbild  vor: Die Schwiegermutter des Petrus, der Gelähmte mit seinen Freunden, der Synagogenvorsteher Jairus und  die blutflüssige Frau , die Syrophönizierin, der Taubstumme, der Blinde von Betsaida, der Vater mit seinem besessenen Jungen, die Mütter mit ihren Kindern, der Blinde von Jericho, ein namenloser Schriftgelehrter , eine arme Witwe, Simon von Cyrene,  der römische Hauptmann und Joseph von Arimathäa. Die drei Frauen am Kreuz sind für Markus die Verkünderinnen der Auferstehung.  Weil es im Markusevangelium vor allem die kleinen Leute sind, die uns als Vorbilder vor Augen geführt werden, spricht die heutige Theologie von kleinen und großen Erzählfiguren. Nicht die Berufung ist für Markus maßgeblich, sondern die Forderung zur Nachfolge: „Wer mir nachfolgen will, nehme sein Kreuz auf sich.“ [49]

Markus ist noch ganz im hellenistischen Judentum beheimatet, dies gilt auch für die Gemeinde, für die er schreibt. Was diese jüdischen Jesusjünger von dem pharisäischen Judentum unterscheidet, ist die Relativierung  der Kultgebote. Das Judentum der Markinischen Jesusgemeinde ist nicht mehr am Opferkult des Tempels orientiert, sondern eine Herzens- und Gesinnungssache. Aber z.B. in der Geschichte vom Ährenlesen am Shabbat [50]ist es für den Evangelisten wichtig, auf die Kontinuität mit der Tradition hinzuweisen. Schon David und seinen Gefährten war es erlaubt, die heiligen Brote des Tempels in ihrer Notsituation zu essen. Doch wichtiger als das Halten der Kultgebote ist die innere Gesinnung. In der Lehreinheit über Reinheit und Unreinheit (Mk 7,1 ff) steht der Hinweis, dass Gottes Wort über den traditionellen Vorschriften steht.

In dem Abendmahlbericht, mit dem Markus die Passionsgeschichte einführt, erzählt Markus  von einem jüdischen Ostermahl „am ersten Tag des Festes der ungesäuerten Brote.“ Das Essen des Osterlamms deutet Markus allerdings nur an[51]. Es ist ihm wichtiger, noch einmal auf Judas hinzuweisen, eine Warnung an seine Gemeinde zu geben,  in Verfolgungen[52] nicht die Jesusnachfolge zu verraten. Dann ist es dem Evangelisten der Hinweis wichtig, dass sich auch hier die Voraussage Jesu erfüllt habe. Nun findet der Evangelist gerade noch Zeit, auf den Abschluss des Ostermahles hinzuweisen. Alles hat jüdischen Hintergrund, denn Markus beschreibt Jesus als Propheten. Das gebrochene Brot deutet auf den gebrochenen Leib Jesu, der Wein auf seinen blutigen Tod.  Das Trinken aus dem Becher ist der Bundesschluss in Anklang an den Sinaibund.[53] „Analog dazu verpflichten sich beim letzten Mahl in Jerusalem die Teilnehmer auf das Programm der Gottesherrschaft, wie Jesus es vorgelebt und gelehrt hat.“[54] Die Auferstehungsbotschaft hat Markus nicht im Blick., offensichtlich ist sie für ihn nicht so wichtig.

Der Evangelist Matthäus hatte vor sich das Markusevangelium sowie andere Überlieferungen und Berichte, darunter auch die Spruchquelle Q.. Er kam aus einer überwiegend judenchristlichen Gemeinde und schrieb für diese sein Evangelium. Matthäus zeigt in seiner Kindheitsgeschichte Jesus als Erfüllung der Verheißungen an Abraham, den Stammvater des auserwählten Volkes. Er stellt ihn in die Generationenfolge des Königs David und legitimiert ihn als den von Gott auserwählten Messias für die Völker. Er beschreibt Jesus als Geschenk des Gottesgeistes und sieht in den Magiern aus dem Orient, wie den Völkern der Welt die Augen geöffnet werden. Besonders wichtig ist es aber für Matthäus, Jesus als den neuen Moses vorzustellen. Die Geschichten von Herodes und den unschuldigen Kindern sowie die Flucht nach Ägypten dienen ihm hier als erzählerischer Hintergrund. Als neuer Moses ist Jesus für Matthäus der Lehrer des wahren Israels. Die Passion wird breit erzählt. Jesus wird sehr hautnah in seiner ganzen Ohnmacht gezeigt. Nur der heidnische Hauptmann erkennt für Matthäus das Sterben des Gottessohnes. Beerdigung und Auferstehungsbericht bilden die Klammer zu einem Ausblick in die künftige Kirche.

Der Evangelist Lukas kannte ebenfalls das Markusevangelium und, wie er es selbst erwähnt, eine Vielfalt von Traditionen, Erzählungen, Zeugnissen und geschichtlichen Fakten – wozu Passions- und Auferstehungsgeschichten gehören. Bei Lukas zeigten sich noch stärker als bei Matthäus erste Konturen der Abnabelung der Jesusgemeinschaften vom traditionell gebliebenen Judentum. Lukas verkündet die kommende christliche Kirche als das Reich Gottes. In dem Bericht über die Missionstätigkeit des Philippus heißt es: „ Als sie (> die Bewohner von Sichem) jedoch dem Philippus Glauben schenkten, der das Evangelium vom Reich Gottes und vom Namen Jesu Christi verkündete, ließen sie sich taufen, Männer und Frauen.“ (Apg 8, 12)   Für Lukas ist der Tod Jesu Voraussetzung für die Erfüllung seines Vermächtnisses und vollzieht sich ebenso wie die Auferstehung ganz als Erfüllung der prophetischen Voraussagen[55]. Die Gemeinde erlebt nach Lukas, dass der gekreuzigte Jesus bei ihr ist.

Der Evangelist Johannes verfügt über die umfangreiche Semeia[56] – Quelle, die von sieben Wundern Jesu erzählte.  Dazu kommen  ein sehr detaillierter Passionsbericht und Auferstehungsgeschichten. Daneben hatte der Evangelist viel Material mit konkreten historischen Angaben, auf die er nach Bedarf zurückgreift. Dazu gehört auch das so genannte Logos – Lied (>Prolog). Die Nähe zum gnostischen Denken ist im ganzen Evangelium deutlich zu spüren: Erkenntnis und identisches Leben verändern bereits die Gegenwart und öffnen Herz und Sinn für die Mysterien dieser Welt. Durch die Verbindung mit dem auferstandenen Herrn lebt der Jünger Jesu bereits in der vollendeten Welt.

Zur Christologie in der nachbiblischen Zeit

Forttragen der Menora. Quelle Internet. Bei TinEye wurden keine Rechte Dritter festgestellt und das Bild freigegeben zum nichtkommerziellen Gebrauch.

Forttragen der Menora. Quelle Internet. Bei TinEye wurden keine Rechte Dritter festgestellt und das Bild freigegeben zum nichtkommerziellen Gebrauch.

Je mehr sich nach der Zerstörung des Tempeljudentums die Jesusbewegung und das rabbinische Judentum voneinander entfernten und schließlich sogar verfeindeten, umso wichtiger wurde es für beide, die Unterscheidungen auszuarbeiten. Das rabbinische Judentum entschied sich für die hebräische Sprache und damit auch für die Weiterentwicklung der Synagogentheologie. Für den zerstörten und endgültig verloren gegangenen Jerusalemer Tempel mit seinem Kult und seiner Personalstruktur wurde die Bewahrung der alten Texte zur inneren Mitte eines erneuerten Judentums. Dies entsprach auch den Interessen der vielen und oft reichen jüdischen Diasporagemeinden. Die jüdische Jesusbewegung war zwar noch lange Zeit Teil des Judentums, aber entfernte sich vom Judentum durch die wachsende Aufnahme von Nicht-Juden (>Heiden) und durch die Entwicklung der Christologie. Vereinfacht lässt sich sagen: Für die Juden war die Thora der Weg zur Gott, für die Christen wurde der Erlöser Jesus Christus „Weg, Wahrheit und das Leben“. Mit der Konstantinischen Wende wurden auf einmal die Christen die Stärkeren und standen unter Kaiserlichem Schutz. Die Glaubenseinheit wurde zur Reichsangelegenheit. Deshalb griff bereits Kaiser Konstantin in die innerkirchlichen Auseinandersetzungen ein. Damit wurde eine Entwicklung eingeleitet, die die christliche Kirche unter dem staatlichen Schutzschirm favorisierte. Der Kaiser in seiner Eigenschaft als Pontifex (Brückenbauer zwischen den Parteien) und Oberster Priester zwischen Himmel und Erde wurde zur entscheidenden Gestaltungskraft für die christliche Kirche. Nun wurden alle innerkirchlichen Diskussionen mit staatlichen Machtkategorien  beendet und wer sich nicht beugte, wurde gnadenlos als Staatsfeind liquidiert.

Da das Christentum von Anfang an auch in der Auseinandersetzung mit den Myterienreligionen steht,  wird die Vergöttlichung Jesu zunnehmend ein wichtiges Anliegen. In geradezu klassischer Weise überträgt bereits der Evangelist Johannes die vorsophistische Logoslehre auf die Jesusüberlieferung. Die kommenden Reichskonzilien, die alle unter der Autorität des Kaisers standen, hatten in der Präzisierung der Christologie ihre Hauptaufgabe, um zwischen den sich bekämpfenden Gruppen der christlichen Kirchen zu vermitteln und das von allen Seiten angegriffene Reich zu stabilisieren. Der römische Staat dankte die erfahrene Loyalität mit zahlreichen Privilegien, Stiftungen  und Bauten. Die Kehrseite der Medaille ist die flächendeckende Ketzerverfolgung. Tempel und Bibliotheken werden verbrannt, Frauen und Kinder als Sklaven verkauft, die Erinnerungen ausgelöscht. Unter dem Schutzschirm des Staates und immer auch in seinem Interesse wird nun Theologie betrieben und die Mission forciert. Bei allen Konzilien und Synoden hat der Kaiser seine dirigierende Hand im Spiel. Die Reichskirche verband sich auch mit dem Antisemitismus der hellenistischen Welt. Aus einem innerjüdischen (oft erbitterten) Geschwisterstreit erwächst die Judenverfolgung. Die oft reichen und einflussreichen jüdischen Gemeinden werden an die Ränder des Reiches verdrängt oder verlieren an Bedeutung. Die Geschichte der frühen Kirche wird zu einer blutigen Verdrängungsgeschichte.

In der nachapostolischen Zeit  (> nach dem Tod der Apostel und Apostelschüler) suchte man nach weiteren Erklärungen für den Tod Jesu. Nachzuweisen ist bei Irenäus von Lyon (120 – 200) die Rekapitulationshypothese (> recapitulatio = Zusammenfassung). Dahinter stand die Vorstellung, dass sich in Jesus Christus die ganze Menschheit konzentriert. Jeder Mensch ist nach diesem Verständnis gewissermaßen eine Replik des Gottmenschen Jesus Christus. Dies bedeutet vor allem Teilnahme an Tod und Auferstehung. Bei Irenäus können wir erkennen, wie diese  theologische Spekulation schon sehr frühzeitig einsetzt.

Gravierender in ihrem Einfluss ist die Lösegeldhypothese, wie sie der östliche Theologe Origines (185-254) vertrat. Nach dieser Vorstellung konnte Satan die sündigen Menschen wie Geiseln in seinen Gewahrsam nehmen. Der Tod Christi war das Lösegeld, das die ganze Menschheit aus der Macht Satans befreite. Für Origines geschah durch den Tod Jesu eine Erlösung der ganzen Schöpfung (Apokatastasis = Allversöhnung). Seine endgültige Verurteilung im 6. Jahrhundert machten Raum für die dunklen Lehren von Verdammnis und Hölle. Bereits Augustinus (354-430)  verknüpfte diese Spekulation mit der Erbsündenlehre. Die mittelalterliche Kirche bietet Raum für unterschiedliche theologische Lehren. Während Anselm von Canterbury (1033-1109) die Genugtuungs-Hypothese vertrat, wonach Gott durch den Tod des Gottmenschen Jesus Christus seine Ehre wiederhergestellt hat und damit der Menschheit die Rückkehr zu ihm ermöglichte, verstand der französische Theologe Petrus Abaelard (1079-1142) im Gegensatz zu Augustinus den Opfertod Jesu als Zeichen der Liebe. Gott gibt der Menschheit durch das Leiden und Sterben Jesu die Gnade der Erlösung und damit die Chance zu einem Neuanfang. Auch unter den Reformatoren gab es unterschiedliche Deutungen: Während Calvin die Hypothese von der stellvertretenden Bestrafung vertrat, wonach Jesus für die sündige Menschheit starb und so den Zorn Gottes besänftigte, betonte Martin Luther das „Zudecken unserer Schuld“.

Biblische Deutungen als Alternativen

zur Opferchristologie

Die frühchristlichen und mittelalterlichen theologischen Spekulationen über den Tod Jesu sind relativ leicht abzutun, weil sie eben Spekulationen sind. Ernster ist die Frage, wie die Opfertheologie der neutestamentlichen Überlieferungen zu deuten und ob die Interpretation des Apostels Paulus zwingend die einzig mögliche Deutung ist? Anders gefragt: Bietet das Neue Testament als Ganzes alternative Erklärungen, die sowohl dem Jesusereignis selbst wie auch dem Glauben des Urchristentums gerecht werden?  Die heutige Theologie geht wie ein Restaurator vor, der  in einer romanischen Kirche die Putzschichten abträgt, eine nach der anderen, um nach den alten Fresken zu suchen und sie nach Möglichkeit wieder sichtbar zu machen. An einige dieser alten Bilder in den Schriften des Neuen Testamentes wird hier erinnert.

Dietrich Bonhoeffer. Quelle Bundesarchiv Wikimedia

Der treue Zeuge:  In der „Apokalypse Jesu Christi“, dem  letzten Buch des Neuen Testaments, wird Jesus als „der treue und zuverlässige Zeuge“ (Apk 3, 14) bezeichnet. Die Kirche hat diese theologische deutung Jesu verloren. Aber gerade wir Deutschen wissen um die Bedeutsamkeit dieser Bezeichnung. Nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler im Jahre 1933 übernahm der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer die Betreuung der deutschen evangelischen Gemeinde in London – Sydenham. Doch er hielt es in England nicht aus, kehrte nach zwei Jahren nach Deutschland zurück und übernahm die Leitung des Predigerseminars der Bekennenden Kirche, obwohl er auf der schwarzen Liste der Gestapo stand. Nach dem Entzug der Lehrerlaubnis für Hochschulen konnte Bonhoeffer nur noch im Untergrund lehren und musste jeden Tag seine Verhaftung befürchten. Deshalb nahm er 1939 die Einladung zu einer Vortragsreise in die USA an. Seine Freunde rieten ihm, in den USA zu bleiben. Dennoch kommt Bonhoeffer nach Deutschland zurück, um „im Angesicht des Todes“ seine Schwestern und Brüder nicht im Stich zu lassen. Heute können wir als Deutsche mit erhobenem Haupte leben, weil es solche Menschen wie Dietrich Bonhoeffer gegeben hat. Sie sind die Zeugen, dass es trotz aller Barbarei immer auch ein anderes Deutschland gegeben hat. Jesus ist seit 2000 Jahren für unzählige Menschen der Zeuge für Gottes liebende Zuwendung zu uns Menschen geworden. Er wurde zu der neuen Feuersäule für die Treue Gottes, er wurde zum Weg durch die Wüste dieses Lebens, zum Manna in Zeiten der Not, zum Wegbegleiter und Freund. Es lohnt sich an dieser Stelle den wunderschönen Text von Angelus Silesius (1657) zu meditieren: „Ich will dich lieben meine Stärke“ und zwar alle sieben Strophen.

Der Anfang der Schöpfung Gottes: Der Text der Apokalypse bringt  im selben Satz noch eine zweite Aussage, wenn er Jesus als „Anfang der Schöpfung Gottes“ bezeichnet. „Anfang“ ist in der biblischen Sprache ein Schlüsselwort. „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“, so beginnt der 1. Schöpfungsbericht. Im Buch des Propheten Jesaja wird Gott umschrieben:“ Er, der von Anfang an die Generationen (ins Dasein) rief“. (Jes 41,4)  Der 1. Johannesbrief beginnt mit dem Satz: „ Was von Anfang an war…“ (1 Joh 1,1). Hier geht es nie um eine Zeitaussage. Im Deutschen müssten wir eher mit „ursprünglich“ übersetzen. Gemeint ist, was der ursprünglichen Idee entspricht. Auf Jesus bezogen, heißt das, er war ein Mensch, der dem Schöpfungsplan Gottes  entspricht; also: er war kein Krieger, kein Ideologe, kein Mensch der Gewalttätigkeit, kein Mann, der Frauen oder Kinder missbraucht, kein reicher, der auf Kosten anderer Menschen lebt, kein Priester, der an dem Gefolterten achtlos vorbei geht.  In diesem Sinne war der Wanderprediger Jesus von Nazareth so etwas wie ein Bild des Menschen, wie ihn Gott eigentlich will.

Dalai Lama

Der Dalai Lama – ein Lehrer des Lebens. Quelle: wikipedia

Lehrer des Lebens: „Wie sollen wir leben?“, diese Frage beschäftigt die Menschen von Anfang an. „Du musst stark sein“, sagen die einen. „Du musst Deine Gruppe, zu der du gehörst, mit allen Mitteln verteidigen“, sagen andere. „Vor allem Gesundheit“, sagen die einen, „ich wünsche dir viel Glück“, sagen andere. Jesus, der Lehrer des Lebens, erinnert uns an das Grundgesetz allen Lebens, dass „das Weizenkorn sterben muss“ und dass es dennoch die Hoffnung gibt, dass alles gut wird. Und dann lebt er uns vor, dass jeder Mensch sogar Folter und Tod überleben kann, wenn er frei bleibt von den allzu menschlichen Gefühlen der Rache und das Vertrauen auf den Vater in den Himmeln bewahrt. Der jüdische Rabbiner Jesus von Nazareth wurde zum Lehrer des Lebens. Der Evangelist Johannes legt dem Ratsherrn Nikodemus in den Mund: „ Rabbi, wir wissen, du bist ein Lehrer, der von Gott gekommen ist“ (Jo 3,2) und gibt ein wenig später die Antwort: „ So, ja hat Gott die Welt geliebt, dass den Sohn, den Einziggeborenen er gab, damit jeder, der an ihn Glaubende an ihn nicht verloren geht, sondern hat ewiges Leben.“ Vielleicht müssen wir Jesus wieder aus seiner Exklusivität herausholen, in die ihn die christliche Dogmatik eingemauert hat, und ihn in die Reihe stellen, zusammen mit Laotse, Sokrates, Platon, Salomon, Gutenberg, Goethe und Rilke, um das Wort Lehrer des Lebens wieder zu verstehen. Vielleicht müssen wir auch das Wort Leben füllen; gemeint ist Gott, unser Leben, unsere Welt, unsere Zeit.

Brot des Lebens: Jeder jüdische Fromme kannte die Geschichte vom Manna, nach der Gott bei der großen Wüstenwanderung Brot vom Himmel regnen ließ.[57] Aber auch die Weisheit, dass „der Mensch nicht nur von Brot lebt, sondern dass der Mensch von allem lebt, was der Mund des Herrn spricht.“ (Deut 8,3) war in den alten Texten zu lesen. In der biblischen Sprache ist Brot ein Bild für das Leben. Der Evangelist Johannes übernimmt dieses Bild und meditiert es im 6. Kapitel seines Evangeliums. Dreimal lässt er Jesus sagen „ Ich bin wie Brot für euer Leben“[58] und das in Fülle, weshalb in der wunderbaren Geschichte von der Brotvermehrung von den fünf Gerstenbroten zwölf  Körbe mit den Stücken übrig bleiben.[59] Nach dem Tod Jesu werden die Jünger das Vermächtnis Jesu weiterreichen und das Brotteilen ein wichtiges Zeichen wählen.

Lebendiges Wasser: Der Evangelist Johannes liebt die alten Bilder. Deshalb greift er auch auf das Buch des Nehemia [60]zurück, wo vom Wasser aus dem Felsen gebrochen wird, das Gott mit dem Manna seinem Volk gibt[61]. Im Gespräch am Jakobsbrunnen lässt er Jesus zu der samaritanischen Frau sagen: „Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben, vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.“(Joh 4,14). Noch deutlicher heißt es im 7. Kapitel: „Am letzten Tag des Festes, dem großen Tag, stellte sich Jesus hin und rief: Wer Durst hat komme zu mir, und es trinke, wer an mich glaubt. Wie die Schrift sagt: „Aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen. Damit meinte er den Geist, den alle empfangen sollen, die an ihn glauben: denn der Geist war noch nicht gegeben, weil Jesus noch nicht verherrlicht war.“ Die Geheime Offenbarung nimmt das Bild vom lebendigen Wasser wieder auf: „ Wer durstig ist, den werde ich umsonst aus der Quelle trinken lassen; aus der das Wasser des Lebens strömt.“ (Apk 21,6b)

Die Betonung der Taufe mit dem Ritus des Untertauchens und die paulinische Opferchristologie (wie Christus untertauchen = sterben) hat dieses Bild vom Trinken des lebendigen Wassers zurückgedrängt. Eine Erinnerung finden wir in dem Jesuswort: „Wer euch einen Becher Wasser zu trinken gibt, weil ihr den Namen des Christus tragt, wahrlich, ich sage euch, keinesfalls wird er seinen Lohn verlieren“. (Mk 9, 41) In der Sprache der Mysterienkulte heißt es im ersten Johannesbrief: „Wer sonst besiegt die Welt, wenn nicht der, der glaubt, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Dieser ist es, der durch Wasser und Blut gekommen ist: Jesus Christus. Er ist nicht nur aus dem Wasser gekommen, sondern im Wasser und im Blut.“ (1 Jo 5,6)  Das Bild vom lebendigen Wasser weist darauf hin, dass die Jüngerschaft Jesu das Leben reich und lebendig machen will. So wie für den frommen Juden die Thora, so empfanden die frühen Christen „das Leben im Namen Jesu“ als Geschenk, Auszeichnung, Befreiung und Kraftquelle.

Wie Gott: Papst Benedikt hat in seinen Jesusbüchern darauf hingewiesen, dass uns Jesus „Gott gebracht hat“. Wenn wir dies nicht wie der Papst [62] magisch verstehen sondern so wie es die Schriften des Neuen Testamentes ausdrücken, dass der unsichtbare Gott durch Jesus in besonderer Weise erfahrbar wurde, dann bekommen die Christusikonen der Ostkirchen ihren ursprünglichen Sinn und ihren zentralen Platz auch in der Katholischen Kirche zurück. Mit Jesus wiederholt sich die Gotteserfahrung des Propheten Elias[63], dies war die Erfahrung und Überzeugung der frühen Apostel und Apostelschüler. So wie es der jüdischen Tradition entsprach, zurückhaltend über Gott zu sprechen, so wird auch im Neuen Testament immer nur angedeutet, wie tief dieser Jesus in mystischer Verbundenheit mit Gott lebte. Aber alles, was dieser Jesus über Gott in seinen Geschichten und Gleichnissen erzählte, nicht wie Gott aussieht sondern wie er sich zu uns verhält, das war wichtig und so sind aus den vielen Überlieferungen die vier Evangelien wie ein kostbarer Schatz aufbewahrt worden.

Ausblick

Abtei in Frankreich

Der Evangelist Markus machte am Schluss seiner Passionsgeschichte den römischen Hauptmann zum Zeugen: „Als der Zenturio, der dabeistand, ihm gegenüber, sah, dass er ausgehaucht hatte, sagte er: Wahrhaftig, dieser Mensch war ein Gottessohn.“ (Mk 15,38). Diese Übersetzung von Martin Ebert wird dem griechischen Text am besten gerecht.d

(Erstveröffentlichung Dezember 2009; hier: überarbeitete Fassung)

Das Rabula - Evangelium enthält das älteste Kreuzigungsbild der orthodoxen Kirchen. Quelle: Wikimedia.
Das Rabula – Evangelium enthält das älteste Kreuzigungsbild der orthodoxen Kirchen. Quelle: Wikimedia.

Inhalt

Zielstellung

Jesu Leben und Sterben

Die Jesusbewegung nach dem Tod Jesu

Jesus als Prophet und Menschensohn nach der Spruchquelle Q

Frühjudentum und Urchristentum

Biblische Bilder als Hintergrund für die Christologie

Die Christologie des Apostel Paulus: „Jesus als Sühnopfer“

Die Bedeutung des Todes Jesu in den Evangelien

Zur Christologie in nachbiblischer Zeit

Biblische Deutungen als Alternativen zur Opferchristologie

Ausblick

 

 

 

 

Zielstellung

In seinem Buch „Was ich glaube“ erzählt Hans Küng, dass er in seinem Arbeitszimmer statt eines Kruzifixes eine griechische Christus – Ikone habe, und er begründet dies mit seiner Distanz gegen die religiöse Vermarktung des Kreuzes. Küng beklagt, dass wir Christen kein Gespür mehr hätten für das Ärgernis des Kreuzes, und weist  darauf hin, dass das Kreuz nicht nur zu einem „Kampf- und Siegeszeichen“ verkommen ist, sondern auch durch eine einseitig verstandene „Kreuzesnachfolge“ zu einem Zeichen passiv erduldeter Demütigung.  Vor allem aber dürfte Küng mit vielen Christen übereinstimmen, die mit der theologischen Deutung des Kreuzes, dass der Tod Jesu uns von unseren Sünden reinige und uns dadurch vom Strafgericht Gottes gerettet habe, Schwierigkeiten haben. Er erinnert daran, dass mehr als tausend Jahre das Kreuz als Zeichen der Stärke verstanden wurde, als „Symbol des Todesnot leidenden Menschen“, der doch nicht dem Hass verfällt und das Vertrauen zu Gott bewahrt.

Diese Studie, Niederschlag einer mehrmonatigen Auseinandersetzung, fragt nach der Bedeutung des Todes Jesu in der Botschaft der biblischen Schriften. Sie geht also der Frage nach, ob die zweifellos zentrale Aussage der Schriften des Neuen Testamentes, dass Jesus für unsere Sünden gestorben ist,  nur im traditionellen Verständnis eines Opfertodes zu verstehen ist oder ob auch andere Deutungen möglich und in den biblischen Schriften zu belegen sind. Die Einbeziehung der kritischen Bibelwissenschaft wird vorausgesetzt.[1]

Jesu Leben und Sterben

Wir haben keine direkten Zeugnisse von Jesus selbst und keine Originalberichte der ersten Jüngergeneration. Auch alle neutestamentlichen Texte sind bereits Theologie – also Sammeln, Nachdenken, Ordnen, Auswahl, Gestaltung – und spiegeln den Glauben, die Hoffnungen und das Leben der Christen des ersten Jahrhunderts wieder.

Ohne es im Einzelnen hier zu belegen, können wir  davon ausgehen, dass Jesus zu einer Familie gehörte, die in der bäuerlich – jüdischen Tradition Galiläas lebte. Alle überlieferten Namen wie Josef, Mirjam, Elisabet, Zacharias, Jakobus, Joses, Judas und Simon sind jüdisch-traditionell. Jesus hat als Kind die jüdischen Bräuche kennen gelernt und nach den Evangelien  auch den Tempelkult. Er kannte sich aus im Gottesdienst der Synagoge und hat schon frühzeitig Kontakt zur Reformbewegung des Täufers Johannes bekommen. Nachdem der Lösung von der Täufergruppe  lebte er zwei bis drei Jahre als Wanderprediger und sammelte um sich eine Gruppe von Männern und Frauen. Sein Anliegen war die religiöse Erneuerung seines Volkes, so wie es von den Propheten in den alten Schriften üerliefert worden war.  Bereits seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. war der Opferkult auf die Tempel in Jerusalem und Samaria  eingeschränkt worden. Außerhalb des Tempels traten die Feier des Shabbats und der religiösen Feste mit Gebet, Schriftlesung, Loben und Danken an die Stelle der Tieropfer. Das ganze Leben sollte für den jüdischen Frommen zu einem Lobopfer des Allmächtigen werden.[2] In der prophetischen Tradition wurden Opfern, Fasten und Gebet ohne ein gerechtes Leben verworfen: Deshalb heißt es bereits beim Propheten Amos[3]: „Ich hasse eure Feste, ich verabscheue sie und kann eure Feiern nicht riechen. Wenn ihr mir Brandopfer darbringt, ich habe kein Gefallen an euren Gaben und eure fetten Heilsopfer will ich nicht sehen. Weg mit dem Lärm deiner Lieder! Dein Harfenspiel will ich nicht hören. sondern das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“. (Amos 5,21-24) Jesus dachte und lebte in dieser sozialkritisch – prophetischen Tradition. Innere Mitte seines Gottesbildes war für ihn die Güte Gottes, der seine Sonne über Gerechte und Ungerechte scheinen lässt und wie ein liebender Vater für seinen entfremdeten Sohn die Arme ausgebreitet hält. Dies heißt nicht, dass Jesus nicht auch unerbittlich fordernd sein konnte, wenn es um fundamentale Dinge ging. Er scheute sich nicht,  solche Bilder wie das Ausreißen eines Auges oder das Abhacken einer Hand zu gebrauchen und hat durchaus auch apokalyptische Strafandrohungen verwendet, um den Ernst unseres Lebensweges deutlich zu machen.

Jesus kam mit den damaligen Machthabern in einen schließlich tötlichen Konflikt, also mit der Römischen Besatzungsmacht, der Jüdischen Selbstverwaltung und dem religiös – theologischen Establishment.   Mit dem grausamen Ritual der Kreuzigung wird er hingerichtet und seine Gruppe zerstreut sich voller Angst. Soweit der historisch feste Boden für das Leben und Sterben des „jüdischen Wanderpredigers und  Mystikers“ Jesus von Nazaret.

 

Die Jesusbewegung nach dem Tod Jesu

Für die Gruppe um Jesus muss dessen Hinrichtung ein Schock gewesen sein. Soweit wir aufgrund der Quellenlage die Situation nach dem ersten Karfreitag erkennen können, begann unter der Jesusgruppe ein Prozess, der aus vielen Komponenten gesteuert wurde. Der katholische Dogmatiker Walter Simonis rekonstruierte diesen Gruppenprozess und setzt für ihn den Zeitraum eines Jahres an.[4] Ohne genaue Kenntnis des Ablaufs, kennen wir doch die einzelnen Faktoren: Die Prophezeiungen der Propheten, das Warten auf einen Gottessohn und Messias,  die Unterdrückung durch die Römer und ihre einheimischen Vasallen, die aufgeheizte Spannung im Land als allgemeine Rahmenbedingungen; dann die Erinnerungen an Jesus, an seine Worte und Handlungen, an seine ganze Persönlichkeit, sein Beten und Gottvertrauen, seine Souveränität mit dem Gesetz, sein Sterben am Kreuz,; und schließlich das leere Grab, die enttäuschten Hoffnungen, die Angst, aber auch  die eigenen Visionen und Hoffnungen und vor allem auch die Berichte der Frauen: aus diesem „Gebräu von Gedanken, Gefühlen, Erfahrungen und Informationen“ wuchs der Osterglaube, so beschreibt es Simonis.

Die ursprüngliche Jesusgruppe verstand sich ganz als Teil des Judentums und war in den Jerusalemer Kultbetrieb noch voll integriert. Alle waren sie Juden, allerdings auch in dieser frühen Phase gab es durch die Juden aus der Diaspora, die zweitweilig oder dauernd in Jerusalem lebten, ein internationales Flair[5]. Selbst in der verklärten Darstellung seiner  Apostelgeschichte erzählt Lukas: „Tag und Nacht verharrten sie einmütig im Tempel.“ (Apg 2, 46)  und er lässt Petrus zu den Tempelbesuchern sprechen: „Mit Gewissheit erkenne also das ganze Haus Israel: Gott hat ihn zum Herrn und Messias gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt.“ (Apg 2,36)

In der Apostelgeschichte gibt es auch einzelne Informationsreste, die darauf hindeuten, dass sich die Jesusbewegung außerhalb Jerusalems zuerst in Samarien ausbreitete. Nach dem jüdischen Historiker Flavius Josephus hatten sich lange vor dem Babylonischen Exil die Stämme Ephraim und Manasse anlässlich von Streitigkeiten über die Gültigkeit von Mischehen vom Jerusalemer Opferkult getrennt [6] Die Samaritaner hatten sich dann auf dem Berg Garizim[7] einen eigenen Tempel gebaut, der ebenso wie der Jerusalemer Tempel von Herodes d.Gr. prachtvoll ausgebaut wurde. Zwischen Judäa – Jerusalem und Samarien – Garizim herrschte so etwas wie Kalter Krieg. Die Forschung geht heute davon aus, dass Jesus mit seiner Gruppe, die alle im wesentlichen aus dem religiösen Mischgebiet Galiläa kamen, gegenüber den Samaritanern wesentlich liberaler waren als die Pharisäer und Jerusalemer Priesterschaft,  und deshalb in Samarien so etwas wie ein Rückzugsgebiet hatten.[8] Einen Hinweise geben die Geschichten vom barmherzigen Samariter [9] und vom dankbaren Samariter[10], die Lukas erzählt; sowie  die Begegnung am Jakobsbrunnen im Johannesevangelium.[11] In der Apostelgeschichte erzählt nun Lukas sehr ausführlich zwei Geschichten über die frühzeitige Missionstätigkeit der Apostel in Samarien[12]. Die erste Geschichte erzählt von einem (dem Apostel?) Philippus, der von den Samaritanern nicht nur freundlich aufgenommen wird, sondern auch großes Echo findet. In der zweiten Erzählung werden Petrus und Johannes von der Gemeinde nach Samarien geschickt, um schon vorhandene Jesusgruppen zu besuchen.

Wir müssen davon ausgehen, dass diese erste Schicht der Jesusbewegung des Aramäischen (als Volkssprache auf den Dörfern) und des Hebräischen ( als Kultsprache) noch voll mächtig waren. Die Forschung geht heute davon aus, dass Wanderprediger in Galliläa und Samaria Jesusworte in aramäischer Sprache, der Muttersprache Jesu, gesammelt hatten, vielleicht nach Stichworten geordnet und ins Hebräische übersetzt. Da durch die Auseinandersetzungen des Jüdischen Krieges (66-74) auch viele Jesusjünger fliehen müssen, werden die unterschiedlichen mündlichen und schriftlichen Erinnerungen an Jesus zu einem einheitlichen Text zusammengestellt und dann auch ins Griechische übersetzt. Weil die Evangelisten Lukas und Matthäus diesen Text neben anderen Quellen vor sich hatten, haben sie diesen in ihr Evangelium eingearbeitet. Die heutige Theologie kann diesen Text aus den Evangelien  rekonstruieren und gibt ihm den Namen Spruchquelle Q[13]. Offensichtlich ist aber Q frühzeitig verloren gegangen, denn in der frühchristlichen Literatur wird sie nirgends erwähnt.

Zu einer totalen Veränderung kam es, als die Jesusgruppen in den Städten Fuß fassten, denn diese waren hellenistisch geprägt. Hier gab es Schulen, Schwimmbäder, Banken und Gesundheitszentren; hier wurde vor allem Griechisch gesprochen und Latein als Sprache der römischen Besatzungsmacht. Hier gab es Wohlstand und Bildung. Wichtiger aber als die griechische Sprache war die griechische Geisteshaltung, die sich in den Philosophien und  Religionen, in Moral, Staatsverständnis, Lebensart, Geschlechterbeziehung, Erziehung und Verhalten in Krisen vermittelte.. Nach der Zerstörung Jerusalems (70 n.Chr.) war die jüdisch-christliche Bewegung bereits im griechischen Sprachraum angekommen. Deshalb wurden alle neutestamentlichen Schriften in Griechisch geschrieben.   Es gibt in den Evangelien  Reste dieser Entwicklung, wenn einzelne (griechische) Worte in ihrer aramäisch – hebräischen Bedeutung erläutert werden. In der lukanischen Ostergeschichte heißt es¨“ Da wandte sie (>Maria von Magdala) sich ihm zu und sagte auf Hebräisch zu ihm: Rabbuni, das heißt  Meister“.  Der Evangelist Lukas, der griechisch spricht, kennt noch einzelne hebräische Worte und nimmt diese in sein Evangelium auf. Dass dieser Wechsel vom Aramäisch/Hebräischen zum Griechischen nicht nur eine rein sprachliche Übersetzung war, sondern auch erforderte, dass sich die christliche Bewegung dem griechischen Denken, seiner Philosophie, seinem Menschenbild, seinen religiösen Metaphern, Bildern und Wertvorstellungen anpasste, begreift die heutige Theologie immer klarer.

 

Jesus als Prophet und Menschensohn nach

der Spruchquelle Q

Da wir mit der Spruchquelle Q der ursprünglichen aramäisch-hebräischen Jesus – Überlieferung sehr nahe kommen, ist ein gesonderter Blick auf den Inhalt angebracht.

Die Spruchquelle Q beginnt mit drei erzählenden Texten: Ankündigung durch den Täufer Johannes, Jesu Taufe, Jesu Versuchung in der Wüste. Dann folgen gewissermaßen als Zusammenfassung der Gottesreich-Verkündigung Jesu die Seligpreisungen: Gott wird zugunsten der Benachteiligten eingreifen. Die nun folgenden Sprüche und Gleichnisse sprechen von der Liebe Gottes zu den Armen und Unterdrückten. Der Text ist wie „ein Evangelium der Bauern Galliläas“ und eine sehr grundsätzliche Kritik am damaligen Wirtschaftssystem .Die Vaterunserbitte „Und erlasse uns unsere Schulden, wie auch wir aus unseren Schulden erlassen“  bekommt auf dem Hintergrund der verarmten und überschuldeten Bevölkerung einen ganz anderen Klang. Nach Q hat die Verkündigung Jesu die damaligen gesellschaftlichen Wertsysteme und Verhaltensmuster auf den Kopf gestellt und zu einer grundsätzlichen Veränderung des eigenen Lebens aufgerufen. Neben seiner sozialkritischen Forderungen bringt Q viele Worte Jesu, die einen Impuls geben wollen, den Mechanismus von Hass und Gewalt zu durchbrechen. Offensichtlich verstand sich die Jesusbewegung als Alternative zum jüdischen Widerstand. Die Missionare in der  Nachfolge Jesu stellten sich als Friedensboten vor: “In welches Haus ihr auch geht, sagt zuerst: Friede diesem Haus.“

Auch Q ist nicht einfach eine Sammlung von Jesusworten. Wie später die Evangelisten haben bereits der Autor bzw. die Autoren von Q die ihnen zugänglichen Überlieferungen von Jesus nach ihrer Sicht ausgesucht, gestaltet und geordnet. Jesus wird als endzeitlicher Prophet dargestellt, der um sich Jünger sammelt und sendet. Der Kreuzestod klingt nur einmal indirekt in dem Nachfolge – Logion an: „Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir folgt, kann nicht mein Jünger sein“. [14]Q deutetet die Tötung des Propheten Jesus ganz auf dem Hintergrund der alttestamentlichen Überlieferung: „Jerusalem! Jerusalem! Du tötest die Propheten und steinigst die, die zu dir gesandt sind. Wie oft wollte ich deine Kinder sammeln wie eine Henne ihre Küken unter die Flügel sammelt, aber ihr habt nicht gewollt.“ (Q: Mt 23,37 – 39 / Lk 13,34 – 35) Der Tod Jesu ist die Konsequenz seines prophetischen Wirkens. Wie die Passion spielen auch die anderen Hoheitstitel für Jesus, die wir aus den neutestamentlichen Schriften kennen, kaum eine Rolle. Der Titel „Sohn Gottes“, mit dem Markus sein Evangelium beginnt, kommt in Q nur einmal vor und zwar  im Mund des Teufels bei der Versuchung Jesu in der Wüste.[15] Der Titel „Messias/Christos“ taucht überhaupt nicht auf. Q gebraucht jedoch den Titel „Menschensohn“ sowohl für den historischen Jesus wie für den endzeitlichen .Dass sich Jesus selbst als „Menschensohn“ bezeichnet hat, darauf deutet ein Nachfolgewort: „Und jemand sagte zu ihm: Ich werde dir nachfolgen, wohin du auch gehst. Und Jesus sagte ihm: Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester, der Menschensohn aber hat nichts, wo er seinen Kopf hinlegen könnte.“ (Q: Mt 8,18 – 20 / Lk 9,57 – 58). In der Spruchquelle ist aber der Tod des Propheten nicht das Ende der Geschichte Jesu. Der Menschensohn Jesus, der zu seinen Lebzeiten der Verkünder des kommenden Gottesreiches ist, wird wie es in den Büchern der Propheten Daniel und Malachias  vorausgesagt wurde, am Zeitenende der auf den Wolken Kommende, der wiederkommende Elias sein.  „Wie der Blitz vom Osten hervorkommt und bis zum Westen scheint, so wird der Tag des  Menschensohns sein“.[16] Wie stark Q in den Bildern der  frühjüdischen Apokalyptik denkt, zeigt ein anderer Text: „Denn wie in den Tagen Noachs, so wird es auch in den Tagen des Menschensohns sein. Sie aßen, tranken, heirateten, wurden verheiratet bis zu dem Tag, an dem Noach in die Arche ging und die Flut kam und sie alle wegraffte. So wird es auch an dem Tag sein, wenn der Menschensohn offenbar wird.“ [17]Aber es gilt auch: „Jeder, der sich zu mir vor den Menschen bekennt, zu dem wird sich auch der Menschensohn vor den Engeln bekennen; wer mich aber vor den Menschen verleugnet, der wird auch verleugnet werden vor den Engeln.“[18]

Auffallend ist auch, dass der Auferstehungsglaube in der Spruchquelle Q nicht vorkommt. Das Logion vom Propheten Jona, das der Evangelist Matthäus als Voraussage für die Auferstehung Jesu deutet,  hat bei Q eine durch und durch alttestamentlich-prophetische Aussagebedeutung: „Er aber sagte: Diese Generation ist eine böse Generation, sie fordert ein Zeichen, aber es wird ihr kein Zeichen gegeben werden – nur das Zeichen des Jona. Denn wie Jona für die Niniviten zum Zeichen wurde, so wird es auch der Menschensohn für diese Generation sein.“[19] Die Ermordung des Propheten Jesus ist für Q das Zeichen, das jeder Fromme sofort verstehen kann.

Auffallend ist ebenfalls der Verzicht auf Wundergeschichten. Hier ist ein deutlicher Unterschied zu den Evangelien zu erkennen. Möglicherweise waren vorgnostische Einflüsse mit ihrer starken Betonung von Ethos, Erkenntnis, Zeugnis und Identität stärker, als das bisher in der Forschung gesehen wurde.

 

Frühjudentum und Urchristentum

In der jüdischen Diaspora ereignen sich seit ca. 300 v.Chr. die sukzessive Übernahme der griechischen Sprache sowie ein oft widersprüchlicher Prozess von Annäherung und Abgrenzung zur hellenischen Philosophie / Religion / Ethik.  Der katholische Exeget Hubert Frankemölle[20]  vermeidet für diese Zeit zu Recht den Begriff  “Spätjudentum“, weil in ihm ein Ton der Abwertung mit klingt, so als ob das klassisch-prophetische Judentum in den Jahrhunderten vor der Zeitenwende einen deutlichen Substanzverlust erlitt. Frankemölle spricht stattdessen vom „Frühjudentum“ und sieht in ihm die Voraussetzung für die Trennung  des Urchristentums vom Rabbinischen Judentum.  Denn die Vielfalt des Frühjudentums übertrug sich auf die christologisch orientierte Theologie, die zunächst trotz aller Abgrenzung und Feindschaft lange Zeit nahe am Judentum blieb, dann jedoch Schritt für Schritt dessen Nachfolge übernahm. Eine besondere Rolle für die Entfremdung der beiden „Geschwister“ bedeutete die Entscheidung des traditionellen Judentums für die hebäische Sprache. Im Gegensatz dazu wurde die christliche Jesusbewegung durch das Koine-Griechisch bestimmt. Alle Schriften, die später im Neuen testament gesammelt wurden, sind in Griechisch geschrieben. Die Entscheidung des Rabbinischen Judentums für die hebräische Sprache bedeutete nicht nur die Neuformierung des Judentums und die Entstehung eines Kanons der hebräisch verfassten Schriften,  sondern initiierte auch einen gegenläufigen, immer stärker abwertenden Prozess gegenüber bisherigen griechisch beeinflussten jüdischen Theologie. Da sich die Reformatoren 1500 Jahre später an die Entscheidung des Rabbinischen Judentums, also für die Hebräische Bibel entschieden, ist bis in unsere Zeit die Bedeutung der hellenistischen Theologie unterbewertet worden. Dies hat sich in den letzten Jahrzehnten durch die Forschung verändert. [21]

Zu den griechischen Übersetzungen der hebräischen Texte:

Bereits im 3. Jahrhundert v.Chr. sind viele Diasporajuden der Hebräischen Sprache nicht mehr mächtig. Die hebräischen Texte werden deshalb ins Griechische, die allgemeine Verkehrssprache, übersetzt. Als besonders wichtig wird die Übersetzung der fünf Thora-Bücher gewertet. Die innerjüdischen Auseinandersetzungen über die Frage von Gültigkeit und Inspiration der Übersetzungen dürfte der Hintergrund für die Entstehung von Kultlegenden sein. So schickte nach einer Legende der ägyptische König Ptolomaios eine Botschaft nach Jerusalem mit der Bitte um 72 Gelehrte, aus jedem Stamm Israels je sechs. Diese Übersetzer hätten dann in Alexandrien die Thora übersetzt und seien unabhängig voneinander zu demselben Text gekommen. Auch die Evangelisten lesen die  (alttestamentlichen) biblischen Texte in der griechischen Übersetzung und beschränken sich auf einzelne Hinweise auf den ursprünglichen Wortlaut. Markus legt z.B. dem sterbenden Jesus den 22. Psalm in den Mund und zitiert den zweiten Vers: „Eloi, Eloi, lama sabachthani, das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34) Im 2. Jahrhundert führte der christliche Theologe Justin für die griechische Übersetzung der Thora in Anlehnung an eine Erzählung des Aristeas den Namen Septuaginta (LXX) ein. Später bürgerte sich der Name Septuaginta für die ganze von der christlichen Kirche gebrauchten griechischen Bibel ein. Für das Judentum verloren die griechischen Texte an Bedeutung.

Die Veränderung biblischer Überlieferungen durch das hellenistische Denken:

Die Übersetzung der alten Texte ins Griechische war nicht nur ein formal-technisches Verfahren, denn mit den Übersetzungen drangen auch hellenistische Vorstellungen in die jüdische Theologie ein. Als Beispiel für diesen Prozess kann der erste Vers des priesterlichen Schöpfungsberichtes dienen. Im hebräischen Text, der um 400/500 v. Chr. aufgeschrieben wurde, heißt es: „Bereschit barah Elohim ha shamayim we ha arez we ha arez hijtah tohu wabohu..“ Wörtlich übersetzt: „Am Anfang schuf die Gottheit (=Gott) die Himmel und die Erde und die Erde war wüst und wirr.“ Die griechischen Übersetzer wählten für elohim „ho Theos“ und für Himmel den Singular, also „der einzige Gott schuf Himmel  und Erde“, um ein polytheistisches Missverständnis von vornherein auszuschließen.. In der hellenistischen Welt des Polytheismus wurde mit der Übersetzung ein Bekenntnis zum Monotheismus verbunden. Ebenso wurde der zweite Teil des Satzes verändert: Die Erde war nun unsichtbar (aoratos) und ungemacht (akatasteuastos). Diese Übersetzung schloss die aristotelisch-stoische Vorstellung von einem präexistenten Urstoff aus. Wie wichtig diese inhaltlichen Korrekturen waren, kann man am 2. Makkabäerbuch erkennen, das um 124 v.Chr. in Griechisch geschrieben wurde. Da sagte die Makkabäermutter zu ihrem jüngsten Sohn, um ihn im Glauben zu bestärken: Ich bitte dich, mein Kind, schau dir den Himmel und die Erde an; siehe alles, was es da gibt, und erkenne: Gott (= ho Theos) hat dieses nicht aus den bestehenden Dingen (ouk ex onton) gemacht.“

Dass die christlichen Theologen diese jüdischen Neuinterpretationen der biblischen Überlieferungen benutzten, um ihre christologischen Absichten zu begründen, lässt sich auch an dem berühmten Jesaja – Text erkennen. In den frühen Übersetzungen des hebräischen Textes ins Griechische wurde in dem Vers  „Siehe, die junge Frau (> Alma) wird empfangen und einen Sohn gebären und du wirst seinen Namen Immanuel nennen“ (Je 7,14), das hebräische Wort „alma“ mit parthenos = Jungfrau übersetzt. Diese Übersetzung entsprach sowohl jüdischem Denken, wonach jeder Mensch drei Eltern hat, nämlich Gott, Vater und Mutter,  sowie den hellenistischen Vorstellungen, wonach die wichtigen Menschen immer direkt auf die Götter zurückgehen. Für Matthäus und Lukas wird aber daraus die Zeugung Jesu durch den Geist Gottes und damit die Schwangerschaft Marias ohne Geschlechtsverkehr.

Auch die Vorstellungen einer individuellen Auferstehung sind keinesfalls eine christliche Erfindung, sondern haben ihre Wurzeln in jüdisch-hellenistischen Glaubensvorstellungen, an die die christlichen Theologen anknüpfen konnten. So heißt es im Buch Hijob im hebräischen Text:“ Dann starb Ijob, hoch betagt und satt an Lebenstagen“. (Ijob 42,17) Die griechischen Übersetzer erweitern diesen Text mit einer ganzen Passage entsprechend den Vorstellungen einer individuellen Auferstehung. Dieser Text beginnt mit dem Satz: „Es steht geschrieben: Er wird wieder auferstehen mit denen, die der Herr auferwecken wird.“ Die lateinische Übersetzung braucht diese Erweiterung nicht mehr und übernimmt sie nicht, so auch die deutsche Einheitsübersetzung.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die ausschließliche Orientierung der christlichen Theologen an der griechisch – biblischen Theologie führt maßgeblich zu der Entwicklung der trinitarischen Christologie.

 

Biblische Bilder als Hintergrund für die

Christologie

Die Welt Jesu, der Apostel und der frühen Jesusgruppe ist das aramäisch-hebräische Frühjudentum. Die Jesuanische Relekture der alten Traditionen ist eine wichtige Komponente für die Entstehung der Jesusgruppe, die sich noch ganz im Rahmen des traditionellen Judentums vollzog. Einfach gesagt: Die Jesusjünger begannen die Alten Schriften zu sichten, ob es für Situationen ihrer Jesusgeschichte in den alten Texten Anhaltspunkte, Vergleiche oder Weissagungen gab. Das Alte Testament wurde so immer stärker unter dem christologischen Aspekt neu gelesen. Die wichtigsten christlich bedeutsamen  alttestamentlichen Metaphern können  diesen Prozess verdeutlichen.

Der Bock für Asasel : Im 16 Kapitel des Buches Leviticus wird von einem seltsamen Ritual erzählt, das offensichtlich bis in die Frühzeit des Volkes Israel zurück geht und als Ritual für den Versöhnungstag tradiert wird: Zwei Ziegenböcke sind auszuwählen und durch Los zu trennen. Der erste soll als „Ziegenbock des Herrn“ mit einem Jungstier geschlachtet werden und mit dem Blut beider Tiere ist  das Heiligtum des Tempels zu besprengen, um durch diese symbolische Handlung, die Sünden des Volkes zu sühnen. Dem anderen  Bock soll ein ausgewählter Priester wie Aaron beide Hände auf den Kopf legen und dabei alle Sünden des Volkes bekennen. Dann soll der Bock „zu Asasel in die Wüste“ gejagt werden. Da die griechische Septuaginta mit dem Wort „zu Asasel“ nichts anfangen kann[22], bezeichnet sie in  Vers 8 den Asaselbock „apopompaios“ und das heißt „ der Unheil abwendet“, Die lateinische Vulgate wählt „caprus emissarius“, als „der weggeschickte Ziegenbock“. Luther hält sich an den hebräischen Text und übersetzt mit „für Asasel“. Im Volksmund aber bürgerte sich dann in Anlehnung an die Septuaginta das Wort „Sündenbock“ ein.

Wie stark diese „Sündenbockgeschichte“ die frühe Kirche prägte, zeigt der Hebräerbrief. Für die hinter dem Text stehende Theologie ist Christus der neue und letzte Hohepriester, der „ein für allemal in das Heiligtum hineingegangen (ist), nicht mit dem Blut von Böcken und jungen Stieren, sondern mit seinem eigenen Blut, und so hat er eine ewige Erlösung bewirkt.“ (Hebr 9,11f) Der Kirchenvater Tertullian († 230) vergleicht beide Böcke mit dem Leiden Christi, der einerseits verhöhnt, verspottet und durchbohrt und andererseits am Kreuz geopfert wird.[23] 

Der Gottesknecht: Das Buch des Propheten Jesaja ist eine Komposition von verschiedenen Texten aus unterschiedlichen Zeiten.[24] Wahrscheinlich war mit dem Gottesknecht (hebr. Äb`äd) ursprünglich das ganze Volk Israel gemeint, in späterer Zeit war aber auch eine Übertragung auf einzelne Menschen möglich.[25] 

Im ersten Lied vom Gottesknecht (Jes 42,1-4) wird seine  Einsetzung durch Gott geschildert. „Seht, mein Knecht, den ich stützte, mein Erwählter, an dem ich mein Wohlgefallen habe! Ich lege meinen Geist auf ihn, dass er den Völkern die Wahrheit verkünde.“  (Jes 42,1)

Im zweiten Lied vom Gottesknecht  (Jes 49,1-6) spricht der Gottesknecht selbst: „Hört mich, ihr Inseln, und merkt auf, ihr fernen Völker! Jahwe berief mich vom Mutterleib, vom Mutterschoße an nannte er meinen Namen.“ (Jes 49,1) Dann bestätigt Gott die universale Sendung des Gottesknechtes:  „Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen. Ich mache dich zum Licht für die Völker, dass mein Heil bis an die Grenzen der Erde reiche.“ (Jes 49,6)

Im dritten Lied vom Gottesknecht (Jes 50,4-9) schildert der Gottesknecht die Verfolgungen und Misshandlungen. Aber er behält das Vertrauen zu Gott: „Ich hielt meinen Rücken denen hin, die mich schlugen, und denen, die mir den Bart ausrissen, meine Wangen, Mein Gesicht verbarg ich nicht vor Schmähungen und Speichel. Doch der Herr wird mir helfen, darum werde ich nicht in Schande enden.“ (Jes 50,6f)

Im vierten Lied vom Gottesknecht (Jes 52,13-53,12) wird die Qual des Gottesknechtes interpretiert als stellvertretendes und sühnendes Leiden: „Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht. Aber er hat unsere Krankheiten getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen, Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf, Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf.“ (Jes 3-7)

Die frühen christlichen Theologen lasen die Texte vom Gottesknecht als prophetische Vorausschau auf Jesus Christus und seine Sendung als Heilsmittler. Jesus ist der neue Moses und wie dieser (1 Chr 6,34)  Knecht Gottes. Im Kreuzeshymnus, den Paulus im Philipperbrief zitiert, wird Jesus als der Gottesknecht schlechthin beschrieben: „Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleicht. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tode, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht …“ Phil 2, 6ff)

Der Menschensohn: Die Vorstellungen vom Menschensohn finden wir in der apokalyptisch-endzeitlichen Literatur etwa für die Zeit 2. Jh. v. Chr. bis 2. Jh. n. Chr. Hintergrund waren immer besondere Krisenzeiten, die daran zweifeln ließen, dass die Schöpfung aus sich zu einem guten Ende kommt. Aufgrund des massiv erfahrenen politisch- wirtschaftlich-sozialen Unrechts richtete sich die Hoffnung auf ein Eingreifen Gottes, wodurch die Bösen bestraft und die Guten belohnt werden. Die Geschichte wird nicht mehr von Gott durch das Tun der Menschen gelenkt, sondern muss von Gott aufgrund der Bosheit der Menschen gewaltsam verändert und damit auch beendet werden. Dieser Katastrophenglaube verband sich mit dem Auferstehungsglauben. Der Glaube an die Auferstehung wurde zur Hoffnung für die verfolgten Gerechten. Von der apokalyptischen Literatur[26] wurde das Buch Daniel besonders wichtig und fand Eingang in den jüdischen Kanon. Geschichtlicher Hintergrund ist die Verfolgung Israels durch den syrischen Herrscher Antiochus IV. Ganz in der Art der semitischen Erzählkunst wird die Geschichte von Daniel und seiner Familie in die Zeit Nebukadnezars zurückverlegt. Dem Leser soll vermittelt werden, dass Gott sein Volk nicht vergessen hat. Aus dem Buch Daniel stammt die Gestalt des Menschensohns: „ Da kam einer mit den Wolken des Himmels, einer wie ein Menschensohn. Er gelangte bis zu dem Hochbetagten und wurde vor ihn geführt. Ihm wurden Herrschaft, Würde und Königtum gegeben. Alle Völker, Nationen und Sprachen müssen ihm dienen. Seine Herrschaft ist eine ewiger, unvergängliche Herrschaft, sein Reich geht niemals unter.“ (Buch Daniel 7, 13 f) Wir können heute davon ausgehen, dass Jesus von Nazareth diesen apokalyptischen Titel des Danielbuches für sich angewendet hat.[27] Jedenfalls hat die frühe Jesusbewegung das Bild vom Menschensohn sowohl auf den irdischen Jesus wie auf seine erwartete endzeitliche Wiederkehr angewendet. So endet bei Markus die Verklärungsgeschichte mit einem umschriebenen Jesuslogion: “Während sie den Berg hinabstiegen, verbot er ihnen irgend jemand zu erzählen, was sie gesehen hatten, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei.“ (Mk 9,9) In der apokalyptischen Rede des Markusevangeliums ist die Anlehnung an die Danielprophezeiung ganz deutlich: „Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken kommen sehen.“ (Mk 13,26)

Die Schekhina (Einwohnung) Gottes[28]: Der jüdische Glaube weiß um die Gegenwart Gottes bei seinem Volk, die Schekhina (> von hebr. schakan = zelten). In der vorexilischen Zeit wurde diese Schekhina Gottes vorwiegend lokal gedacht: auf den Bergen, in der Feuersäule, im heiligen Zelt, im Tempel. In der exilischen und nachexilischen Zeit verfestigt sich die Vorstellung, dass Gott bei seinem Volk wohnt:  „Ich werde mitten unter den Söhnen Israels wohnen[29] und ihnen Gott sein. Sie sollen erkennen, dass ich der Herr, ihr Gott, bin, der sie aus Ägypten herausgeführt hat, um in ihrer Mitte zu wohnen: ich der Herr, ihr Gott.“ (Ex 29, 45 f)[30]  Für diese Gegenwart Gottes bilden sich  einzelne Vorstellungen[31] heraus:

Der Geist Gottes, gemeint ist die Kraft Gottes, mit der Gott die Welt, sein Volk und die Völker erhält sowie Gruppen oder einzelne Menschen für besondere Aufgaben ausstattet. „Samuel nahm das Horn mit dem Öl und salbte David mitten unter seinen Brüdern. Und der Geist des Herrn war über David von diesem Tag an.“ (1 Samuel 16,13)

Das Angesicht Gottes, das über den Menschen leuchtet (Ps 4,7) oder sie begleitet (Exodus 33,14).

Der Engel Gottes/ der Bote Gottes, der zum Synonym für Gottes Wirken wird: Der alte Jakob „segnete Josef und sprach: Gott, vor dem mein Väter Abraham und Issak ihren Weg gegangen sind, Gott, der mein Hirt war mein Lebtag bis heute, der Engel der mich erlöst, er segne den Knaben.“ (Genesis 48, 15f)

Die Herrlichkeit Gottes, die Gott in seiner Größe und Kraft meint: „Wer ist der König der Herrlichkeit? Der Herr stark und gewaltig, der Herr mächtig im Kampf.“ (Ps 24,8)

Die Weisheit Gottes, mit der die besonderen Gaben Gottes benannt werden: „ Ich erkannte aber, dass ich die Weisheit nur als Geschenk Gottes erhalten könne.“ (Buch der Weisheit 8,21). Im Frühjudentum wird die Weisheit Gottes zunehmend personifiziert und tritt als Frau Weisheit auf (hebr. chakmah; griech. Sofia): „Der Herr hat mich geschaffen im Anfang seiner Wege, vor den Werken in der Urzeit, in frühester Zeit wurde ich gebildet, am Anfang, beim Ursprung der Erde. Als die Urmeere noch nicht waren, wurde ich geboren, als es die Quellen noch nicht gab, die wasserreichen.“ (Buch der Sprüche 8 22 f)  Im Frühjudentum entwickelt sich eine breite Weisheitsliteratur: das Buch der Sprüche  das Buch der Weisheit, das Buch Jesus Sirach, das Hijobbuch und das Buch des Propheten Baruch.[32] Die Eigenschaften altorientalischer Göttinnen wie Ma’at und Isis färbten auf die jüdische Frau Weisheit ab. Wie die Ma’at vor ihrem Vater, dem Sonnengott RE, tanzt und singt die Weisheit im Buch der Sprüche:“ Als Er die Fundamente der Erde abmaß, da war ich als geliebtes Kind bei ihm. Ich war seine Freude Tag für Tag und spielte vor ihm allezeit.“ (Buch der Sprüche 8, 30 f)

Das Wort Gottes (hebr. hadabar – griech. Logos) dürfte das wichtigste Bild für die Schekhina Gottes sein. „Denen er sein Wort sandte, die er heilte und vom Verderben befreite“, heißt es im Danklied der Erlösten (Ps 107,20). Und im Psalm 119 spricht der Beter:“ Herr dein Wort bleibt ewig, es steht fest wie der Himmel“. (Ps 119,89). Denn „der Himmel ist durch das Wort des Herrn gemacht“ (Ps 33,6) und „das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten.“ (Deuteronomium 30,14). Die Septuaginta übersetzt das hebräische hadabar (> das Wort) mit Logos. Mit der sprachlichen Übersetzung verändert sich auch der Bedeutungsinhalt. Logos[33] meint nun die innere Mitte des geordneten Kosmos, die von Gott kommt. Für die Stoa ist der Logos in jedem vernunftbegabten Lebewesen.[34] Von besonderer Bedeutung ist Genuswechsel vom weiblichen Hadabar zum männlichen Logos.[35]

Der Gesandte Gottes wird von Gott berufen. Es sind die Richter, Propheten und Könige, durch die nach dem jüdischen Glauben, Gott mit seinem Volk in Verbindung steht. In der königlosen Zeit richtet sich der Blick auf die Zukunft, Gott möge seinem Volk einen neuen „Gesalbten“ (>maschiach, christos, Christus[36]) schicken: „Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem. Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin.“ (Buch des Propheten Sacharja 9,9).

Alle diese Bilder der spätjüdischen Theologie wurden durch die frühe Kirche auf Jesus übertragen. Mehr und wichtiger als die Tora wurde   nun der Kyrios, dessen Gesicht beim Gebet die Herrlichkeit Gottes widerspiegelte, wie sich die Jünger erinnern können. Der Prophet aus Nazaret wird als der Christos erkannt, als der ewige Logos. Er ist der Anfang und das Ziel der Schöpfung: „Denn wenn du mit deinem Mund bekennst, Jesus ist der Herr, und in deinem Herzen glaubst, Gott hat ihn von den Toten auferweckt, so wirst du gerettet werden.“ (Röm 10,9)

Die Christologie des Apostel Paulus:

„Jesus als Sühnopfer“

Die frühe Kirche entscheidet sich bei der Auswahl ihrer Überlieferungen (> Kanonbildung) nicht für die aramäisch – hebräische Deutung des Prophetentodes sondern für die Deutung des Todes Jesu als Sühnopfer. Jesu Sterben am Kreuz und die Institutionalisierung  der Gemeinschaft der Jesusjünger – durch den Auferstehungsglauben verklammert –  werden Maßstäbe allen theologischen Denkens. Besonderen Einfluss bekommt der Völkerapostel Paulus, der eine Opfer – Christologie zu einem theologischen System entwickelt, das auch für Nichtjuden akzeptabel ist.

Paulus war Diasporajude aus Tarsus mit römischem Bürgerrecht. Als pharisäischer Theologe verfolgte er die Jesusjünger. Jesus von Nazaret hat er nicht kennen gelernt, wohl aber die Altapostel in Jerusalem. Nach der Schilderung des Lukas in der Apostelgeschichte kommt Paulus in Damaskus mit einer Jesusgemeinde in Kontakt und hat hier visionäre Erlebnisse.[37]  Die Forschung geht heute davon aus, dass Paulus tief in seinem Judentum verwurzelt war und seine „antijüdischen“ Ausfälle als innerjüdische Gruppenpolemik zu werten sind.  Bereits im Brief an die Jesusgemeinde von Saloniki spricht Paulus davon, dass unser Herr Jesus Christus für uns gestorben ist.[38] Im 1. Korintherbrief lesen wir den Satz, der Teil der Weltliteratur wurde: “Wir aber verkünden Christus als Gekreuzigten, den Juden einerseits Ärgernis, den Heiden andererseits Torheit, Ihnen aber, den Berufenen, Juden sowohl als auch Griechen (ist) Christus Gottes Kraft und Gottes Weisheit.“ (1 Kor 1,18 ff) Paulus argumentiert hier ganz im Sinne jüdischer Weisheitstheologie. Im Philipperbrief übernimmt er einen gottesdienstlichen Hymnus, in dem das biblische Bild vom leidenden und bis zum Tod gehorsamen Gottesknecht in liturgischer Sprache geformt ist. [39] Im Galaterbrief deutet Paulus ganz im Sinne der frühjüdischen Theologie die Beziehung zwischen Gott und den Menschen als ein Vertragsverhältnis. Auf diesem Hintergrund ist für ihn der Tod Jesu der Kaufpreis für unsere Befreiung: „Als aber die Fülle der Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau, unter das Gesetz gestellt, damit er (uns) die unter dem Gesetz (Lebenden) loskaufte, damit wir die Sohnschaft empfingen.“ (Gal 4,4) Im Römerbrief, den Paulus zwischen 54 und 55 schreibt, hat er seine christologische Theologie vollendet: Alle nämlich haben gesündigt  und ermangeln der Herrlichkeit Gottes. Sie werden gerecht gesprochen geschenkweise  durch seine Gnade  durch die Erlösung in Christus Jesus.“ (Röm 3,23f)

Für Paulus ist die  Sünden- und Todesverfallenheit der ganzen Menschheit  der Hintergrund für seine Christologie und der Tod Jesu der Rettungsweg Gottes für die Menschheit. Dahinter steht die rabbinische Lehre vom alten und neuen Adam. Adam und Christus werden als Gestalten einander antithetisch gegenübergestellt: Adam steht für den Menschen der Gottesferne, der sich Gott nicht anvertraut.und selbst Meister seines Lebens sein will. Paulus bezeichnet deshalb Adam als „typos tou mellontos“, als Typ jedes künftigen Menschen. [40]. Und zu der Gottesferne des alten Adam gehört das Sterben – Müssen. Demgegenüber steht Christus als neuer Adam. Durch sein Leben und  Sterben kommt es für alle Menschen zur Rechtfertigung, die zum Leben führt. Durch die Chiffre „Blut“ schafft Paulus eine Verbindung zur biblischen Tradition, die ganz aus dem jüdischen Denken kommt. Wie das Blut Abels zum Himmel schrie, so schreit nun das Blut Jesu zum Himmel; wie das Blut in der Paschanacht vor dem Racheengel schützte, so schützt das Blut Jesu vor dem Zorn Gottes. „Gott aber hat seine Liebe zu uns darin erwiesen, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht gemacht sind, werden wir durch ihn erst recht gerettet werden.“ (Röm 5,8f)

Die Bedeutung des Todes Jesu

nach denEvangelien  

Anders als Paulus, der streng theologisch denkt und auch seine Briefe schreibt,  knüpfen die Evangelien eine Generation später an die sowohl im Judentum wie in der hellenistischen Literatur bekannte Erzähltradition an. Der katholische Theologe Martin Ebner weist in seinem kleinen Kommentar zum Markusevangelium auf diesen Umstand hin.[41] Die kritische Bibelwissenschaft ist einen langen Weg gegangen, um die Quellen und Entstehungsbedingungen der Evangelien zu erkennen und zeigt heute die frühe Jesusbewegung als Teil des damaligen breit gefächerten Judentums. Wir gehen hier von der Endgestalt der Evangelien aus und fragen, wie sie den Tod Jesu deuten. Alle vier Evangelien sind (in ihrer heutigen Endfassung) während bzw. nach der Zerstörung Jerusalems entstanden. Rückwirkend werden Jesus Unheilsprophezeiungen in den Mund gelegt, um so den Untergang des Tempeljudentums rückwirkend durch Worte und Taten Jesu als prophetische Voraussagen Jesu zu deuten.

Der Evangelist Markus  hatte vor sich viele mündliche und schriftliche Überlieferungen mit Jesusgeschichten, persönliche Erinnerungen, eine Passionsgeschichte und seine eigene religiöse Erfahrung. Er formte daraus eine Vita (>= Lebensbild)[42] als Evangelium (>= Frohe Kunde) vom Gottessohn und Messiaskönig Jesus, um seine Gemeinde aus Juden und Nichtjuden für die Nachfolge zu motivieren. Für Markus ist es sicher, dass sich Gott in dem Gottessohn Jesus neu geoffenbart hat. Schuld an Jesu Tod haben alle, die ihn beseitigen wollten und es auch erreicht haben.  Sie werden von Markus vorgeführt: Hohepriester, Schriftgelehrten, Herodianaer, Pharisäer, Älteste, Sadduzäer, Soldaten, Pilatus, die Menge vor der Präfektur. In der Geschichte von den bösen Winzern[43] werden diese Böslinge summarisch verurteilt[44] Aber auch die Zwölf und die Jünger Jesu sind für Markus in diese Unheilsgeschichte verwickelt. Sie verstanden nichts und erhoffen sich persönliche Vorteile von der Nachfolge Jesu; sie machen andere Heiler schlecht[45]; sie haben sehr konkret-politische Vorstellungen von dem, was Jesus zu tun hat;[46] Judas verrät Jesus. Zweimal erzählt Markus die Verleugnung Jesu durch  Petrus[47]. Man spürt geradezu die Verachtung, mit der Markus die schlafenden Jünger im Ölberg beschreibt[48].

Demgegenüber führt Markus die Gerechten als Vorbild  vor: Die Schwiegermutter des Petrus, der Gelähmte mit seinen Freunden, der Synagogenvorsteher Jairus und  die blutflüssige Frau , die Syrophönizierin, der Taubstumme, der Blinde von Betsaida, der Vater mit seinem besessenen Jungen, die Mütter mit ihren Kindern, der Blinde von Jericho, ein namenloser Schriftgelehrter , eine arme Witwe, Simon von Cyrene,  der römische Hauptmann und Joseph von Arimathäa. Die drei Frauen am Kreuz sind für Markus die Verkünderinnen der Auferstehung.  Weil es im Markusevangelium vor allem die kleinen Leute sind, die uns als Vorbilder vor Augen geführt werden, spricht der katholische Theologe Martin Ebner von kleinen und großen Erzählfiguren. Nicht die Berufung ist für Markus maßgeblich, sondern die Forderung zur Nachfolge: „Wer mir nachfolgen will, nehme sein Kreuz auf sich.“ [49]

Markus ist noch ganz im hellenistischen Judentum beheimatet, dies gilt auch für die Gemeinde, für die er schreibt. Was diese jüdischen Jesusjünger von dem pharisäischen Judentum unterscheidet, ist die Relativierung  der Kultgebote. Das Judentum der Markinischen Jesusgemeinde ist nicht mehr am Opferkult des Tempels orientiert, sondern eine Herzens- und Gesinnungssache. Aber z.B. in der Geschichte vom Ährenlesen am Shabbat [50]ist es für den Evangelisten wichtig, auf die Kontinuität mit der Tradition hinzuweisen. Schon David und seinen Gefährten war es erlaubt, die heiligen Brote des Tempels in ihrer Notsituation zu essen. Doch wichtiger als das Halten der Kultgebote ist die innere Gesinnung. In der Lehreinheit über Reinheit und Unreinheit (Mk 7,1 ff) steht der Hinweis, dass Gottes Wort über den traditionellen Vorschriften steht.

In dem Abendmahlbericht, mit dem Markus die Passionsgeschichte einführt, erzählt Markus  von einem jüdischen Ostermahl „am ersten Tag des Festes der ungesäuerten Brote.“ Das Essen des Osterlamms deutet Markus allerdings nur an[51]. Es ist ihm wichtiger, noch einmal auf Judas hinzuweisen, eine Warnung an seine Gemeinde zu geben,  in Verfolgungen[52] nicht die Jesusnachfolge zu verraten. Dann ist es dem Evangelisten der Hinweis wichtig, dass sich auch hier die Voraussage Jesu erfüllt habe. Nun findet der Evangelist gerade noch Zeit, auf den Abschluss des Ostermahles hinzuweisen. Alles hat jüdischen Hintergrund, denn Markus beschreibt Jesus als Propheten. Das gebrochene Brot deutet auf den gebrochenen Leib Jesu, der Wein auf seinen blutigen Tod.  Das Trinken aus dem Becher ist der Bundesschluss in Anklang an den Sinaibund.[53] „Analog dazu verpflichten sich beim letzten Mahl in Jerusalem die Teilnehmer auf das Programm der Gottesherrschaft, wie Jesus es vorgelebt und gelehrt hat.“[54] Die Auferstehungsbotschaft hat Markus nicht im Blick., offensichtlich ist sie für ihn nicht so wichtig.

Der Evangelist Matthäus hatte vor sich das Markusevangelium sowie andere Überlieferungen und Berichte, darunter auch die Spruchquelle Q.. Er kam aus einer überwiegend judenchristlichen Gemeinde und schrieb für diese sein Evangelium. Matthäus zeigt in seiner Kindheitsgeschichte Jesus als Erfüllung der Verheißungen an Abraham, den Stammvater des auserwählten Volkes. Er stellt ihn in die Generationenfolge des Königs David und legitimiert ihn als den von Gott auserwählten Messias für die Völker. Er beschreibt Jesus als Geschenk des Gottesgeistes und sieht in den Magiern aus dem Orient, wie den Völkern der Welt die Augen geöffnet werden. Besonders wichtig ist es aber für Matthäus, Jesus als den neuen Moses vorzustellen. Die Geschichten von Herodes und den unschuldigen Kindern sowie die Flucht nach Ägypten dienen ihm hier als erzählerischer Hintergrund. Als neuer Moses ist Jesus für Matthäus der Lehrer des wahren Israels. Die Passion wird breit erzählt. Jesus wird sehr hautnah in seiner ganzen Ohnmacht gezeigt. Nur der heidnische Hauptmann erkennt für Matthäus das Sterben des Gottessohnes. Beerdigung und Auferstehungsbericht bilden die Klammer zu einem Ausblick in die künftige Kirche.

Der Evangelist Lukas kannte ebenfalls das Markusevangelium und, wie er es selbst erwähnt, eine Vielfalt von Traditionen, Erzählungen, Zeugnissen und geschichtlichen Fakten – wozu Passions- und Auferstehungsgeschichten gehören. Bei Lukas zeigten sich noch stärker als bei Matthäus erste Konturen der Abnabelung der Jesusgemeinschaften vom traditionell gebliebenen Judentum. Lukas verkündet die kommende christliche Kirche als das Reich Gottes. In dem Bericht über die Missionstätigkeit des Philippus heißt es: „ Als sie (> die Bewohner von Sichem) jedoch dem Philippus Glauben schenkten, der das Evangelium vom Reich Gottes und vom Namen Jesu Christi verkündete, ließen sie sich taufen, Männer und Frauen.“ (Apg 8, 12)   Für Lukas ist der Tod Jesu Voraussetzung für die Erfüllung seines Vermächtnisses und vollzieht sich ebenso wie die Auferstehung ganz als Erfüllung der prophetischen Voraussagen[55]. Die Gemeinde erlebt nach Lukas, dass der gekreuzigte Jesus bei ihr ist.

Der Evangelist Johannes verfügt über die umfangreiche Semeia[56] – Quelle, die von sieben Wundern Jesu erzählte.  Dazu kommen  ein sehr detaillierter Passionsbericht und Auferstehungsgeschichten. Daneben hatte der Evangelist viel Material mit konkreten historischen Angaben, auf die er nach Bedarf zurückgreift. Dazu gehört auch das so genannte Logos – Lied (>Prolog). Die Nähe zum gnostischen Denken ist im ganzen Evangelium deutlich zu spüren: Erkenntnis und identisches Leben verändern bereits die Gegenwart und öffnen Herz und Sinn für die Mysterien dieser Welt. Durch die Verbindung mit dem auferstandenen Herrn lebt der Jünger Jesu bereits in der vollendeten Welt.

Zur Christologie in der nachbiblischen Zeit

Je mehr sich nach der Zerstörung des Tempeljudentums die Jesusbewegung und das rabbinische Judentum voneinander entfernten und schließlich sogar verfeindeten, umso wichtiger wurde es für beide, die Unterscheidungen auszuarbeiten. Das rabbinische Judentum entschied sich für die hebräische Sprache und damit auch für die Weiterentwicklung der Synagogentheologie. Für den zerstörten und endgültig verloren gegangenen Jerusalemer Tempel mit seinem Kult und seiner Personalstruktur wurde die Bewahrung der alten Texte zur inneren Mitte eines erneuerten Judentums. Dies entsprach auch den Interessen der vielen und oft reichen jüdischen Diasporagemeinden. Die jüdische Jesusbewegung war zwar noch lange Zeit Teil des Judentums, aber entfernte sich vom Judentum durch die wachsende Aufnahme von Nicht-Juden (>Heiden) und durch die Entwicklung der Christologie. Vereinfacht lässt sich sagen: Für die Juden war die Thora der Weg zur Gott, für die Christen wurde der Erlöser Jesus Christus „Weg, Wahrheit und das Leben“. Mit der Konstantinischen Wende wurden auf einmal die Christen die Stärkeren und standen unter Kaiserlichem Schutz. Die Glaubenseinheit wurde zur Reichsangelegenheit. Deshalb griff bereits Kaiser Konstantin in die innerkirchlichen Auseinandersetzungen ein. Damit wurde eine Entwicklung eingeleitet, die die christliche Kirche unter dem staatlichen Schutzschirm favorisierte. Der Kaiser in seiner Eigenschaft als Pontifex (Brückenbauer zwischen den Parteien) und Oberster Priester zwischen Himmel und Erde wurde zur entscheidenden Gestaltungskraft für die christliche Kirche. Nun wurden alle innerkirchlichen Diskussionen mit staatlichen Machtkategorien  beendet und wer sich nicht beugte, wurde gnadenlos als Staatsfeind liquidiert.

Da das Christentum von Anfang an auch in der Auseinandersetzung mit den Myterienreligionen steht,  wird die Vergöttlichung Jesu zunnehmend ein wichtiges Anliegen. In geradezu klassischer Weise überträgt bereits der Evangelist Johannes die vorsophistische Logoslehre auf die Jesusüberlieferung. Die kommenden Reichskonzilien, die alle unter der Autorität des Kaisers standen, sahen in der Präzisierung der Christologie ihre Hauptaufgabe, auch um das von allen Seiten angegriffene Reich zu stabilisieren. Der römische Staat dankte die erfahrene Loyalität mit zahlreichen Privilegien, Stiftungen  und Bauten. Die Kehrseite der Medaille ist die flächendeckende Ketzerverfolgung. Tempel und Bibliotheken werden verbrannt, Frauen und Kinder als Sklaven verkauft, die Erinnerungen ausgelöscht. Unter dem Schutzschirm des Staates und immer auch in seinem Interesse wird nun Theologie betrieben und die Mission forciert. Bei allen Konzilien und Synoden hat der Kaiser seine dirigierende Hand im Spiel. Die Reichskirche verband sich auch mit dem Antisemitismus der hellenistischen Welt. Aus einem innerjüdischen (oft erbitterten) Geschwisterstreit erwächst die Judenverfolgung. Die oft reichen und einflussreichen jüdischen Gemeinden werden an die Ränder des Reiches verdrängt oder verlieren an Bedeutung. Die Geschichte der frühen Kirche wird zu einer blutigen Verdrängungsgeschichte.

In der nachapostolischen Zeit  (> nach dem Tod der Apostel und Apostelschüler) suchte man nach weiteren Erklärungen für den Tod Jesu. Nachzuweisen ist bei Irenäus von Lyon (120 – 200) die Rekapitulationshypothese (> recapitulatio = Zusammenfassung). Dahinter stand die Vorstellung, dass sich in Jesus Christus die ganze Menschheit konzentriert. Jeder Mensch ist nach diesem Verständnis gewissermaßen eine Replik des Gottmenschen Jesus Christus. Dies bedeutet vor allem Teilnahme an Tod und Auferstehung. Bei Irenäus können wir erkennen, wie diese  theologische Spekulation schon sehr frühzeitig einsetzt.

Gravierender in ihrem Einfluss ist die Lösegeldhypothese, wie sie der östliche Theologe Origines (185-254) vertrat. Nach dieser Vorstellung konnte Satan die sündigen Menschen wie Geiseln in seinen Gewahrsam nehmen. Der Tod Christi war das Lösegeld, das die ganze Menschheit aus der Macht Satans befreite. Für Origines geschah durch den Tod Jesu eine Erlösung der ganzen Schöpfung (Apokatastasis = Allversöhnung). Seine endgültige Verurteilung im 6. Jahrhundert machten Raum für die dunklen Lehren von Verdammnis und Hölle. Bereits Augustinus (354-430)  verknüpfte diese Spekulation mit der Erbsündenlehre. Die mittelalterliche Kirche bietet Raum für unterschiedliche theologische Lehren. Während Anselm von Canterbury (1033-1109) die Genugtuungs-Hypothese vertrat, wonach Gott durch den Tod des Gottmenschen Jesus Christus seine Ehre wiederhergestellt hat und damit der Menschheit die Rückkehr zu ihm ermöglichte, verstand der französische Theologe Petrus Abaelard (1079-1142) im Gegensatz zu Augustinus den Opfertod Jesu als Zeichen der Liebe. Gott gibt der Menschheit durch das Leiden und Sterben Jesu die Gnade der Erlösung und damit die Chance zu einem Neuanfang. Auch unter den Reformatoren gab es unterschiedliche Deutungen: Während Calvin die Hypothese von der stellvertretenden Bestrafung vertrat, wonach Jesus für die sündige Menschheit starb und so den Zorn Gottes besänftigte, betonte Martin Luther das „Zudecken unserer Schuld“.

Biblische Deutungen als Alternativen

zur Opferchristologie

Die frühchristlichen und mittelalterlichen theologischen Spekulationen über den Tod Jesu sind relativ leicht abzutun, weil sie eben Spekulationen sind. Ernster ist die Frage, wie die Opfertheologie der neutestamentlichen Überlieferungen zu deuten und ob die Interpretation des Apostels Paulus zwingend die einzig mögliche Deutung ist? Anders gefragt: Bietet das Neue Testament als Ganzes alternative Erklärungen, die sowohl dem Jesusereignis selbst wie auch dem Glauben des Urchristentums gerecht werden. Die heutige Theologie geht wie ein Restaurator vor, der  in einer romanischen Kirche die Putzschichten abträgt, eine nach der anderen, um nach den alten Fresken zu suchen und sie nach Möglichkeit wieder sichtbar zu machen. An einige dieser alten Bilder in den Schriften des Neuen Testamentes wird hier erinnert.

Dietrich Bonhoeffer. Quelle Bundesarchiv Wikimedia

Der treue Zeuge:  In der „Apokalypse Jesu Christi“, dem  letzten Buch des Neuen Testaments, wird Jesus als „der treue und zuverlässige Zeuge“ (Apk 3, 14) bezeichnet. Gerade wir Deutschen wissen um die Bedeutsamkeit dieser Bezeichnung für einen Menschen. Nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler im Jahre 1933 übernahm der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer die Betreuung der deutschen evangelischen Gemeinde in London – Sydenham. Doch er hielt es in England nicht aus, kehrte nach zwei Jahren nach Deutschland zurück und übernahm die Leitung des Predigerseminars der Bekennenden Kirche, obwohl er auf der schwarzen Liste der Gestapo stand. Nach dem Entzug der Lehrerlaubnis für Hochschulen konnte Bonhoeffer nur noch im Untergrund lehren und musste jeden Tag seine Verhaftung befürchten. Deshalb nahm er 1939 die Einladung zu einer Vortragsreise in die USA an. Seine Freunde rieten ihm, in den USA zu bleiben. Dennoch kommt Bonhoeffer nach Deutschland zurück, um „im Angesicht des Todes“ seine Schwestern und Brüder nicht im Stich zu lassen. Heute können wir als Deutsche mit erhobenem Haupte leben, weil es solche Menschen wie Dietrich Bonhoeffer gegeben hat. Sie sind die Zeugen, dass es trotz aller Barbarei immer auch ein anderes Deutschland gegeben hat. Jesus ist seit 2000 Jahren für unzählige Menschen der Zeuge für Gottes liebende Zuwendung zu uns Menschen geworden. Er wurde zu der neuen Feuersäule für die Treue Gottes, er wurde zum Weg durch die Wüste dieses Lebens, zum Manna in Zeiten der Not, zum Wegbegleiter und Freund. Es lohnt sich an dieser Stelle den wunderschönen Text von Angelus Silesius (1657) zu meditieren: „Ich will dich lieben meine Stärke“ und zwar alle sieben Strophen.

Der Anfang der Schöpfung Gottes: Der Text der Apokalypse bringt  im selben Satz noch eine zweite Aussage, wenn er Jesus als „Anfang der Schöpfung Gottes“ bezeichnet. „Anfang“ ist in der biblischen Sprache ein Schlüsselwort. „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“, so beginnt der 1. Schöpfungsbericht. Im Buch des Propheten Jesaja wird Gott umschrieben:“ Er, der von Anfang an die Generationen (ins Dasein) rief“. (Jes 41,4)  Der 1. Johannesbrief beginnt mit dem Satz: „ Was von Anfang an war…“ (1 Joh 1,1). Hier geht es nie um eine Zeitaussage. Im Deutschen müssten wir eher mit „ursprünglich“ übersetzen. Gemeint ist, was der ursprünglichen Idee entspricht. Auf Jesus bezogen, heißt das, er war ein Mensch, der dem Schöpfungsplan Gottes  entspricht; also: er war kein Krieger, kein Ideologe, kein Mensch der Gewalttätigkeit, kein Mann, der Frauen oder Kinder missbraucht, kein reicher, der auf Kosten anderer Menschen lebt, kein Priester, der an dem Gefolterten achtlos vorbei geht.  In diesem Sinne war der Wanderprediger Jesus von Nazareth so etwas wie ein Bild des Menschen, wie ihn Gott eigentlich will.

Lehrer des Lebens: „Wie sollen wir leben?“, diese Frage beschäftigt die Menschen von Anfang an. „Du musst stark sein“, sagen die einen. „Du musst Deine Gruppe, zu der du gehörst, mit allen Mitteln verteidigen“, sagen andere. „Vor allem Gesundheit“, sagen die einen, „ich wünsche dir viel Glück“, sagen andere. Jesus, der Lehrer des Lebens, erinnert uns an das Grundgesetz allen Lebens, dass „das Weizenkorn sterben muss“ und dass es dennoch die Hoffnung gibt, dass alles gut wird. Und dann lebt er uns vor, dass jeder Mensch sogar Folter und Tod überleben kann, wenn er frei bleibt von den allzu menschlichen Gefühlen der Rache und das Vertrauen auf den Vater in den Himmeln bewahrt. Der jüdische Rabbiner Jesus von Nazareth wurde zum Lehrer des Lebens. Der Evangelist Johannes legt dem Ratsherrn Nikodemus in den Mund: „ Rabbi, wir wissen, du bist ein Lehrer, der von Gott gekommen ist“ (Jo 3,2) und gibt ein wenig später die Antwort: „ So, ja hat Gott die Welt geliebt, dass den Sohn, den Einziggeborenen er gab, damit jeder, der an ihn Glaubende an ihn nicht verloren geht, sondern hat ewiges Leben.“ Vielleicht müssen wir Jesus wieder aus seiner Exklusivität herausholen, in die ihn die christliche Dogmatik eingemauert hat, und ihn in die Reihe stellen, zusammen mit Laotse, Sokrates, Platon, Salomon, Gutenberg, Goethe und Rilke, um das Wort Lehrer des Lebens wieder zu verstehen. Vielleicht müssen wir auch das Wort Leben füllen; gemeint ist Gott, unser Leben, unsere Welt, unsere Zeit.

Brot des Lebens: Jeder jüdische Fromme kannte die Geschichte vom Manna, nach der Gott bei der großen Wüstenwanderung Brot vom Himmel regnen ließ.[57] Aber auch die Weisheit, dass „der Mensch nicht nur von Brot lebt, sondern dass der Mensch von allem lebt, was der Mund des Herrn spricht.“ (Deut 8,3) war in den alten Texten zu lesen. In der biblischen Sprache ist Brot ein Bild für das Leben. Der Evangelist Johannes übernimmt dieses Bild und meditiert es im 6. Kapitel seines Evangeliums. Dreimal lässt er Jesus sagen „ Ich bin wie Brot für euer Leben“[58] und das in Fülle, weshalb in der wunderbaren Geschichte von der Brotvermehrung von den fünf Gerstenbroten zwölf  Körbe mit den Stücken übrig bleiben.[59] Nach dem Tod Jesu werden die Jünger das Vermächtnis Jesu weiterreichen und das Brotteilen ein wichtiges Zeichen wählen.

Lebendiges Wasser: Der Evangelist Johannes liebt die alten Bilder. Deshalb greift er auch auf das Buch des Nehemia [60]zurück, wo vom Wasser aus dem Felsen gebrochen wird, das Gott mit dem Manna seinem Volk gibt[61]. Im Gespräch am Jakobsbrunnen lässt er Jesus zu der samaritanischen Frau sagen: „Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben, vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.“(Joh 4,14). Noch deutlicher heißt es im 7. Kapitel: „Am letzten Tag des Festes, dem großen Tag, stellte sich Jesus hin und rief: Wer Durst hat komme zu mir, und es trinke, wer an mich glaubt. Wie die Schrift sagt: „Aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen. Damit meinte er den Geist, den alle empfangen sollen, die an ihn glauben: denn der Geist war noch nicht gegeben, weil Jesus noch nicht verherrlicht war.“ Die Geheime Offenbarung nimmt das Bild vom lebendigen Wasser wieder auf: „ Wer durstig ist, den werde ich umsonst aus der Quelle trinken lassen; aus der das Wasser des Lebens strömt.“ (Apk 21,6b)

Die Betonung der Taufe mit dem Ritus des Untertauchens und die paulinische Opferchristologie (wie Christus untertauchen = sterben) hat dieses Bild vom Trinken des lebendigen Wassers zurückgedrängt. Eine Erinnerung finden wir in dem Jesuswort: „Wer euch einen Becher Wasser zu trinken gibt, weil ihr den Namen des Christus tragt, wahrlich, ich sage euch, keinesfalls wird er seinen Lohn verlieren“. (Mk 9, 41) In der Sprache der Mysterienkulte heißt es im ersten Johannesbrief: „Wer sonst besiegt die Welt, wenn nicht der, der glaubt, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Dieser ist es, der durch Wasser und Blut gekommen ist: Jesus Christus. Er ist nicht nur aus dem Wasser gekommen, sondern im Wasser und im Blut.“ (1 Jo 5,6)  Das Bild vom lebendigen Wasser weist darauf hin, dass die Jüngerschaft Jesu das Leben reich und lebendig machen will. So wie für den frommen Juden die Thora, so empfanden die frühen Christen „das Leben im Namen Jesu“ als Geschenk, Auszeichnung, Befreiung und Kraftquelle.

Wie Gott: Papst Benedikt hat in seinen Jesusbüchern darauf hingewiesen, dass uns Jesus „Gott gebracht hat“. Wenn wir dies nicht wie der Papst [62] magisch verstehen sondern so wie es die Schriften des Neuen Testamentes ausdrücken, dass der unsichtbare Gott durch Jesus in besonderer Weise erfahrbar wurde, dann bekommen die Christusikonen der Ostkirchen ihren ursprünglichen Sinn und ihren zentralen Platz auch in der Katholischen Kirche zurück. Mit Jesus wiederholt sich die Gotteserfahrung des Propheten Elias[63], dies war die Erfahrung und Überzeugung der frühen Apostel und Apostelschüler. So wie es der jüdischen Tradition entsprach, zurückhaltend über Gott zu sprechen, so wird auch im Neuen Testament immer nur angedeutet, wie tief dieser Jesus in mystischer Verbundenheit mit Gott lebte. Aber alles, was dieser Jesus über Gott in seinen Geschichten und Gleichnissen erzählte, nicht wie Gott aussieht sondern wie er sich zu uns verhält, das war wichtig und so sind aus den vielen Überlieferungen die vier Evangelien wie ein kostbarer Schatz aufbewahrt worden.

Ausblick

Abtei in Frankreich

Der Evangelist Markus machte am Schluss seiner Passionsgeschichte den römischen Hauptmann zum Zeugen: „Als der Zenturio, der dabeistand, ihm gegenüber, sah, dass er ausgehaucht hatte, sagte er: Wahrhaftig, dieser Mensch war ein Gottessohn.“ (Mk 15,38). Diese Übersetzung von Martin Ebert wird dem griechischen Text gerecht. Die „kleine Theologie“, die Jesus als Menschen deutet, entspricht durch und durch den biblischen Texten, ohne diesem etwas von seiner Größe und Einmaligkeit zu nehmen.

Am Schluss seines Buches „Was ich glaube“ zitiert Hans Küng einen Satz aus seinem früheren Buch „Christ sein“:

 

In der Nachfolge Jesu Christi

kann der Mensch in der Welt von heute

wahrhaft menschlich leben, handeln, leiden und sterben:

in Glück und Unglück, Leben und Tod

gehalten von Gott und hilfreich den Menschen.

 

 

 

 

 

 


[1] Darin unterscheide ich mich grundsätzlich von Joseph Ratzinger, dem jetzigen Papst Benedikt XVI., der die gesamte Bibel  als Buch der Römischen Kirche interpretiert und allein der Katholischen Kirche das Recht auf Auslegung zugesteht..

[2] Auch die Entwicklung vom Ganzopfer (>das ganze Tier wird verbrannt) zum Schlachtopfer (< ein Teil wird verbrannt, ein anderer verteilt) zeigt, wie sich auch im Opferkult der Akzent vom bloßen Verzicht zum Ausdruck der Gotteshingabe verändert.

[3] Prophet im 8. Jahrhundert im Südreich.

[4]„Auferstehung und ewiges Leben. Die wirkliche Entstehung des Osterglaubens“, Patmos Verlag 2002; „Jesus Christus, wahrer Mensch und unser Herr“, Christologie, Patmos Verlag 2004;

[5] Pfingstgeschichte Apg 2, 5

[6] Frankemölle S. 53; Joh 4,20

[7] Bei Sichem

[8] Geographisch liegt Galiläa im Norden, Judäa im Süden und Samarien dazwischen.

[9] Lk 10,30 ff

[10] Lk17,11 ff

[11] Joh 4,1 ff

[12] Apg 8,4 – 25

[13] An der Herausgabe des Textes war der katholische Theologe Paul Hoffmann maßgeblich beteiligt

[14] Q: Mt 10,38 / Lk 14,27

[15] Q. Mt 4,1-11/Lk 4,1-13

[16] Q: Mt 24,27/ Lk 17,24

[17] Q: Mt 24,37-39/Lk 17,26-30

[18] Q: Mt 10,32 – 33/ Lk 12,8 – 9

[19] Q: Mt 12,38 – 40 / Lk 11,16.29 – 30

[20] Hubert Frankemölle, Frühjudentum und Urchristentum, Kohlhammer Verlag Stuttgart 2006. Der katholische Neutestamentler Hubert Frankemölle stellte den heutigen Forschungsstand über die jüdischen Wurzeln der frühen Kirche gut lesbar zusammen. Ich beziehe mich hier auf seine Darstellungen

[21] Wobei sich die Katholische Kirche schwer tut, die heutige Forschungslage zu akzeptieren.

[22] Die ursprüngliche Bedeutung ist auch heute umstritten. Der Talmut spricht wage von einem Bergabhang. Der große jüdische Theologe Maimonides versteht Asasel als Name eines Dämons, diese Deutung findet sich auch in  den Qumran-Texten. Im Islam ist azazīl ein anderer Name für den  Satan.

[23] Adv. Marcionem 3,7.7; Adv. Judaeos 14,9; Bibliothek der Kirchenväter.

[24] Die biblische Forschung weist die ersten 39 Kapitel dem Propheten Jesaja zu  (8. Jahrhundert v. Chr.), Kapitel 40 bis 55 führt sie auf einen spätexilischen Propheten zurück, den sie Deuterojesaja nennt, die restlichen Kapitel auf den nachexilischen Tritojesaja.

[25] Jesaja 61, 1-3; Nach dem gegenwärtigen Stand der Exegese scheinen diese Lieder vom Gottesknecht ursprünglich einmal selbständig gewesen zu sein. Die vier Lieder stellten wohl eine eigene kleine Sammlung dar. Wahrscheinlich wurden sie dann von der deutero-jesajanischen Schule in das Prophetenbuch eingearbeitet

[26] Das ägyptische Henochbuch , das Noachbuch, das Engelbuch, die Tiersymbol-Apokalypse, das 4. Esrabuch, die syrische.Baruch-Apokalypse, das Martyrium des Jesaja, die Apokalypse des Mose, die Apokalpse Abrahams. Spätwerk der apokalyptischen Literatur ist die christliche Johannes-Apokalypse.

[27] S.u. die Ausführung zur Spruchquelle Q.

[28] Frankemölle S 155 ff

[29] Martin Luther übersetzt Joh 1,14: „hat unter uns gezeltet“.

[30] Die Paralellstelle ist im Buch Leviticus 26,12f

[31] Hebr. middot = Attribute

[32] Zur Weisheitsliteratur gehören auch viele frühjüdische Apokryphen: Die äthiopischen Hennochbücher, das slawische Hennochbuch, das 4. Makkabäerbuch, das 4. Esra-Buch, die Qumran-Schriften.

[33] In der klassischen griechischen Philosophie bezeichnet Logos die Klarheit des Denkens.

[34] Als Logos spermatikos.

[35] Eine analoger Genuswechsel findet bei der weiblichen Ruach zum neutralen Pneuma und dann zum männlichen spiritus.

[36] Die Septuaginta LXX übersetzt mit Christos.

[37] Apg 9,1 ff

[38] 1 Thess 5, 9-11

[39] Phil 2,5-8

[40] Röm 5,14

[41] Martin Ebner,Das Markusvevangelium, Katholisches Bibelwerk 2008: „Ein in der griechisch – römischen Kultur sozialisierter Zeitgenosse wird, wenn er die Erzählung liest, die Markus verfasst hat, sofort an die ‚Viten’ (Lebensdarstellungen) erinnert, die bekannte Schriftsteller seiner Zeit über große Männer der griechischen und römischen Geschichte verfasst haben. Insbesondere um die Zeitenwende kommen sie gerade in Mode. Erzählt wird von der Abstammung, von der Ausbildung, von den Worten und Taten sowie vom Tod des jeweils Beschriebenen. Ziel ist es, Handlungsprinzipien eines Menschen durch Anekdoten aus dessen Leben zu konkretisieren und dem Leser mögliche Lebensbegleiter vor Augen zu stellen.“ (S. 5)

[42] Martin Ebner, Markusevangelium

[43] Mk 12 1-12

[44] Mk 13,1

[45] Mk 9,30 – 41

[46] „Was wird nun der Besitzer des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Winzer töten und den Weinberg anderen geben.“  (Mk 8,31)  Markus hatte das bereits zerstörte Jerusalem vor Augen.

[47] Mk 14, 10 f; 26-3; .66-72

[48] Mk 14, 32 – 41

[49] Mk 8,34

[50] Mk 2, 23 ff

[51] Mk 14,14. 17

[52] Durch die staatlichen Organe wie auch durch die oft sehr einflussreichen traditionell-jüdischen Gemeinden

[53] Ex 24,8

[54] Ebner , Das Markusevangelium S. 148

[55] Lk 22, 37; 24,26; 24,46

[56] Griechisch: Zeichen, Wunder : Weinwunder in Kana, Heilungswunder in Kana, Speisungswunder am See Gennesaret,  Seewandel, Heilung am Betesda-Teich, Blindenheilung am Schiloach-Teich und die  Totenerweckung in Betaniën.

[57] Exodus 16,4

[58] Joh  6,35; 41; 48

[59] Für jeden der zwölf Stämme Israels einen Korb.

[60] Mit dem Buch Esra aus der Zeit ca. 400 v.Chr.

[61] Nehemia 9,15

[62] Wie der Papst – so verstehe ich ihn.

[63] 1 Könige 19,1 – 13 „kleine

 

Am Schluss seines Buches „Was ich glaube“ zitiert Hans Küng einen Satz aus seinem früheren Buch „Christ sein“:

 

In der Nachfolge Jesu Christi

kann der Mensch in der Welt von heute

wahrhaft menschlich leben, handeln, leiden und sterben:

in Glück und Unglück, Leben und Tod

gehalten von Gott und hilfreich den Menschen.

 

 

 

 

 

 


[1] Darin unterscheide ich mich grundsätzlich von Joseph Ratzinger, dem jetzigen Papst Benedikt XVI., der die gesamte Bibel  als Buch der Römischen Kirche interpretiert und allein der Katholischen Kirche das Recht auf Auslegung zugesteht..

[2] Auch die Entwicklung vom Ganzopfer (>das ganze Tier wird verbrannt) zum Schlachtopfer (< ein Teil wird verbrannt, ein anderer verteilt) zeigt, wie sich auch im Opferkult der Akzent vom bloßen Verzicht zum Ausdruck der Gotteshingabe verändert.

[3] Prophet im 8. Jahrhundert im Südreich.

[4]„Auferstehung und ewiges Leben. Die wirkliche Entstehung des Osterglaubens“, Patmos Verlag 2002; „Jesus Christus, wahrer Mensch und unser Herr“, Christologie, Patmos Verlag 2004;

[5] Pfingstgeschichte Apg 2, 5

[6] Frankemölle S. 53; Joh 4,20

[7] Bei Sichem

[8] Geographisch liegt Galiläa im Norden, Judäa im Süden und Samarien dazwischen.

[9] Lk 10,30 ff

[10] Lk17,11 ff

[11] Joh 4,1 ff

[12] Apg 8,4 – 25

[13] An der Herausgabe des Textes war der katholische Theologe Paul Hoffmann maßgeblich beteiligt

[14] Q: Mt 10,38 / Lk 14,27

[15] Q. Mt 4,1-11/Lk 4,1-13

[16] Q: Mt 24,27/ Lk 17,24

[17] Q: Mt 24,37-39/Lk 17,26-30

[18] Q: Mt 10,32 – 33/ Lk 12,8 – 9

[19] Q: Mt 12,38 – 40 / Lk 11,16.29 – 30

[20] Hubert Frankemölle, Frühjudentum und Urchristentum, Kohlhammer Verlag Stuttgart 2006. Der katholische Neutestamentler Hubert Frankemölle stellte den heutigen Forschungsstand über die jüdischen Wurzeln der frühen Kirche gut lesbar zusammen. Ich beziehe mich hier auf seine Darstellungen

[21] Wobei sich die Katholische Kirche schwer tut, die heutige Forschungslage zu akzeptieren.

[22] Die ursprüngliche Bedeutung ist auch heute umstritten. Der Talmut spricht wage von einem Bergabhang. Der große jüdische Theologe Maimonides versteht Asasel als Name eines Dämons, diese Deutung findet sich auch in  den Qumran-Texten. Im Islam ist azazīl ein anderer Name für den  Satan.

[23] Adv. Marcionem 3,7.7; Adv. Judaeos 14,9; Bibliothek der Kirchenväter.

[24] Die biblische Forschung weist die ersten 39 Kapitel dem Propheten Jesaja zu  (8. Jahrhundert v. Chr.), Kapitel 40 bis 55 führt sie auf einen spätexilischen Propheten zurück, den sie Deuterojesaja nennt, die restlichen Kapitel auf den nachexilischen Tritojesaja.

[25] Jesaja 61, 1-3; Nach dem gegenwärtigen Stand der Exegese scheinen diese Lieder vom Gottesknecht ursprünglich einmal selbständig gewesen zu sein. Die vier Lieder stellten wohl eine eigene kleine Sammlung dar. Wahrscheinlich wurden sie dann von der deutero-jesajanischen Schule in das Prophetenbuch eingearbeitet

[26] Das ägyptische Henochbuch , das Noachbuch, das Engelbuch, die Tiersymbol-Apokalypse, das 4. Esrabuch, die syrische.Baruch-Apokalypse, das Martyrium des Jesaja, die Apokalypse des Mose, die Apokalpse Abrahams. Spätwerk der apokalyptischen Literatur ist die christliche Johannes-Apokalypse.

[27] S.u. die Ausführung zur Spruchquelle Q.

[28] Frankemölle S 155 ff

[29] Martin Luther übersetzt Joh 1,14: „hat unter uns gezeltet“.

[30] Die Paralellstelle ist im Buch Leviticus 26,12f

[31] Hebr. middot = Attribute

[32] Zur Weisheitsliteratur gehören auch viele frühjüdische Apokryphen: Die äthiopischen Hennochbücher, das slawische Hennochbuch, das 4. Makkabäerbuch, das 4. Esra-Buch, die Qumran-Schriften.

[33] In der klassischen griechischen Philosophie bezeichnet Logos die Klarheit des Denkens.

[34] Als Logos spermatikos.

[35] Eine analoger Genuswechsel findet bei der weiblichen Ruach zum neutralen Pneuma und dann zum männlichen spiritus.

[36] Die Septuaginta LXX übersetzt mit Christos.

[37] Apg 9,1 ff

[38] 1 Thess 5, 9-11

[39] Phil 2,5-8

[40] Röm 5,14

[41] Martin Ebner,Das Markusvevangelium, Katholisches Bibelwerk 2008: „Ein in der griechisch – römischen Kultur sozialisierter Zeitgenosse wird, wenn er die Erzählung liest, die Markus verfasst hat, sofort an die ‚Viten’ (Lebensdarstellungen) erinnert, die bekannte Schriftsteller seiner Zeit über große Männer der griechischen und römischen Geschichte verfasst haben. Insbesondere um die Zeitenwende kommen sie gerade in Mode. Erzählt wird von der Abstammung, von der Ausbildung, von den Worten und Taten sowie vom Tod des jeweils Beschriebenen. Ziel ist es, Handlungsprinzipien eines Menschen durch Anekdoten aus dessen Leben zu konkretisieren und dem Leser mögliche Lebensbegleiter vor Augen zu stellen.“ (S. 5)

[42] Martin Ebner, Markusevangelium

[43] Mk 12 1-12

[44] Mk 13,1

[45] Mk 9,30 – 41

[46] „Was wird nun der Besitzer des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Winzer töten und den Weinberg anderen geben.“  (Mk 8,31)  Markus hatte das bereits zerstörte Jerusalem vor Augen.

[47] Mk 14, 10 f; 26-3; .66-72

[48] Mk 14, 32 – 41

[49] Mk 8,34

[50] Mk 2, 23 ff

[51] Mk 14,14. 17

[52] Durch die staatlichen Organe wie auch durch die oft sehr einflussreichen traditionell-jüdischen Gemeinden

[53] Ex 24,8

[54] Ebner , Das Markusevangelium S. 148

[55] Lk 22, 37; 24,26; 24,46

[56] Griechisch: Zeichen, Wunder : Weinwunder in Kana, Heilungswunder in Kana, Speisungswunder am See Gennesaret,  Seewandel, Heilung am Betesda-Teich, Blindenheilung am Schiloach-Teich und die  Totenerweckung in Betaniën.

[57] Exodus 16,4

[58] Joh  6,35; 41; 48

[59] Für jeden der zwölf Stämme Israels einen Korb.

[60] Mit dem Buch Esra aus der Zeit ca. 400 v.Chr.

[61] Nehemia 9,15

[62] Wie der Papst – so verstehe ich ihn.

[63] 1 Könige 19,1 – 13

Kittlauss Mrz 30th 2013 02:40 pm Aktuell,Biblische Studien Keine Kommentare bisher Facebook Kommentare Trackback URI Comments RSS

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