Clemens Wenzeslaus – letzter Trierer Kurfürst

Erstveröffentlichung auf der Webseite der Gesellschaft für Geschichte und Heimatkunde von Bendorf und Umgebung GGH  www.bendorf-geschichte.de; Verkürzte Fassung im Heimatbuch des Landkreises Mayen-Koblenz 2013

Biografisches Portrait
des letzten Trierer Kurfürsten
Clemens Wenzeslaus
unter dem besonderen Aspekt seiner Rolle als katholischer Bischof in der Frühen Neuzeit

I. Einführung
II. Auf dem Weg
Geboren im Schoß der Sächsischen Herrlichkeit
Starke Frauen im Rücken
Der Prinz aus dem Sachsenland
Kriegskind und Offizier
Der steinige Weg zum Bischofsamt

III. Seine Eminenz
Erzbistum und Erzstift Trier
Die Vorgänger auf dem Trierer Kurfürstenstuhl
Seine Eminenz: Erzbischof und Kurfürst von Trier
Zwischen den Fronten: Die Auseinandersetzung um Febronius.
Clemens Wenzeslaus und die Aufklärung
Protestanten und Juden in Erzstift und Erzbistum
Königliche Hoheit, Kurfürstliche Gnaden, Fürstbischöfliche Eminenz
Auf der Flucht, Machtverlust und Säkularisation
Heimgang
Literatur
Resümee

I. Einführung

Am 27. Juli 1812 starb Clemens Wenzeslaus (Anm.:1), der letzte Kurfürst und Erzbischof von Trier, in Oberdorf (Anm.:2), seinem Augsburger Sommersitz im Allgäu. Er wurde 73 Jahre alt und an der östlichen Chorwand der Pfarrkirche begraben.
1979 hat die Sparkasse Koblenz eine Sonderprägung des halben Konventionsstalers aus dem Jahr 1770 mit dem Brustbild des Kurfürsten prägen lassen. Anlässlich seines 200. Todestages will diese Studie einen Beitrag leisten, dem Kurfürsten Clemens Wenzeslaus als katholischen Menschen und Bischof der Katholischen Kirche näher zu kommen. Dies erscheint auch deshalb angebracht, da das Bild der geistlichen Staaten und ihrer Fürsten bis in unsere Zeit verzeichnet ist; sie erscheinen oft als Relikte, die aus dem finsteren Mittelalter in die Aufklärung hineinragen und dann zu Beginn des 19. Jahrhunderts radikal beseitigt wurden. (Anm.:3 )Dahinter stand tief im allgemeinen Bewusstsein, selbst in der Vorstellung des gebildeten, von Aufklärung und Liberalismus geprägten deutschen Bürgertums, die Vorstellung, „daß der Katholizismus notwendig in der Dummheit, Absurdität, Einfalt befangen, abgeschmacktem Aberglauben hingegeben, ein Kind des Pharisäismus, der Werkheiligkeit und der Finsternis sei.“ (Anm.:4) Dieses ausschließlich negative Bild der katholischen Reichskirche im 19. Jahrhundert ist inzwischen wissenschaftlich revidiert, (Anm.:5 )aber immer noch in vielen Köpfen. Clemens Wenzeslaus, „der dem Ideal eines frommen, um Reformen bemühten, romtreuen, geistlichen Fürsten der katholischen Aufklärung nahe kommt – nach dem Zeugnis selbst seiner Feinde ein ‚gar frommer und bescheidener Herr“ (Anm.:6 ), lebte im Barock an der Schnittstelle zur Frühen Neuzeit. Er erlebte sowohl das traditionelle System der feudalistischen katholischen Kirche wie die neue Zeit, die durch Aufklärung (Aufwertung des Individuums) und Säkularisation (Trennung von Kirche und Staat) gekennzeichnet war. Er genoss mit Selbstverständlichkeit die Privilegien seines Standes, war aber auch bereit, Verantwortung für das Sozialwesen zu übernehmen, das ihm mit der kurfürstlichen Würde anvertraut war. Clemens Wenzeslaus lebte mit Selbstverständlichkeit in der damaligen katholischen Welt, war aber durchaus offen für die Reform von Gesellschaft und Katholischer Kirche. Aus dem Geist des Humanismus war er tolerant, soweit dies ihm möglich war, und doch traf ihn der Sturm der Französischen Revolution mit Wucht. Trotz der nicht unbedeutenden sozialen Absicherung durch den Reichsdeputationshauptschluss vom 15. Februar 1803 vollzogen sich seine letzten Lebensjahre jenseits seiner bisherigen Machtposition.
Clemens Wenzeslaus war ein Spross der albertinischen Wettiner. Die Wettiner stammten aus dem Gebiet der Saale und hatten um die Jahrtausendwende in Wettin ihre Stammburg. Im Zusammenhang mit der Ostland-Bewegung erweiterten die Wettiner ihr Herrschaftsgebiet durch die Markgrafschaft Meißen und die Landgrafschaft Thüringen. 1423 erhielt das Herzogtum Sachsen die Kurwürde. Aber bereits nach einem Lebensalter – nämlich 1485 – ereilte die zwei Wettiner Brüder Ernst und Albrecht die „deutsche Krankheit“: Sie trennten sich als Ernestiner und Albertiner. Durch ihr Engagement in der Reformation verloren die Ernestiner die Kurwürde und wurden bis in das südliche Thüringen gedrängt. Im Gegensatz dazu zählten die Albertiner bereits im 16. Jahrhundert zu den mächtigsten Fürstenhäusern in Deutschland, immer eng liiert mit dem Kaiserhaus. Als der sächsische Kurfürst August der Starke die polnische Wahlkrone errang, wurden die Albertiner zu Königlichen Hoheiten. Der siebenjährige Krieg hat in Europa die Gewichte verschoben, denn Brandenburg / Preußen wurde zur europäischen Großmacht. Blutige Kriege waren der Preis und alle europäischen Großmächte spielten dieses Spiel um Macht und Einfluss mit, bis die Französische Revolution nicht nur Frankreich sondern ganz Europa veränderte. In dieser Zeit lebte Clemens Wenzeslaus mit allen Privilegien seiner Klasse, aus der er geboren und in der er groß geworden ist.
Anmerkungen
1.) Vgl. Raab, Bischof und Fürst (1989); Wikipedia, Clemens Wenzeslaus von Sachsen (24.10.2011); Bautz, Biographisch – Bibliographisches Lexikon, Artikel „Clemens Wenceslaus von Sachsen“ (24.10.2011); Wikipedia, August der Starke und Friedrich August II. (24.10.2011); Marx, Geschichte des Erzstifts Trier (1864).
2.) Heutige Gemeinde Markoberdorf.
3.) Vgl. Raab, Bischof und Fürst (1989),322: Clemens Wenzeslaus von Sachsen und seine Zeit,(1962).
4.) Raab, Clemens Wenzeslaus und seine Zeit (1962), 20.
5.) In seiner Studie „Clemens Wenzeslaus von Sachsen und seine Zeit“ (1962) hat der katholischen Historiker Heribert Raab (†) die Quellenlage ausführlich dargestellt.
6.) Raab, Bischof und Fürst (1989), 329.

II. Auf dem Weg

1. Geboren im Schoß der Sächsischen Herrlichkeit.

Als Clemens Wenzeslaus am 28. September 1739 auf dem sächsischen Schloss Hubertusburg geboren wurde, war der Krieg der russisch – österreichischen Allianz gegen die Türken gerade 10 Tage vorbei. Vier Jahre hatten auch die sächsischen Truppen im Balkan gekämpft und begannen nun ihre Heimkehr vorzubereiten. Mit sechs Jahren, erlebte Clemens Wenzeslaus den Tod seines Großvaters: August der Starke, Kurfürst von Sachsen und Wahlkönig von Polen war am 1. Februar 1733 in Warschau im Alter von 62 Jahren am Diabetes mellitus gestorben. Die tagelangen Bestattungsfeierlichkeiten in Krakau und in Dresden entsprachen ganz dem extravaganten Lebensstil des „Starken August“. Der Leichnam wurde in der Königskrypta des Krakauer Wawel beigesetzt, die separierten Eingeweide in der Warschauer Kapuzinerkirche und das Herz in Dresden aufbewahrt. Seine Ehefrau Christiane, eine Prinzessin von Brandenburg-Bayreuth, war schon 1727 gestorben. Die Ehe der väterlichen Großeltern war nicht glücklich gewesen. Die Historiker zählen bei August dem Starken 10 Mätressen, zu denen er ein öffentliches Verhältnis hatte, und von diesen 8 illegitime Kinder. Aus der unglücklichen Ehe mit Christiane kam nur 1 Kind: Am 17. Oktober 1696 wurde mit Friedrich August ein Sohn geboren. Die Konversion August des Starken zum Katholizismus im Jahre 1697, die dieser zur Erlangung der polnischen Wahlkönigswürde vollzog, hatte Christiane tief verletzt. Sie verließ den Hof und zog sich auf das Schloss Pretzsch zurück, wo sie bis zu ihrem Tode blieb und auch nicht zum Katholizismus konvertierte.
Die Konversion des Starken August zum Katholizismus ermöglichte nicht nur die polnische Königswürde, sondern öffnete auch den Sächsischen Hof für die italienische und französische Lebensart, für die überschäumende Lebensfreude des Südens. Der Satz „Die Fürsten schaffen sich Unsterblichkeit durch ihre Bauten“ wird nicht zufällig König August zugeschrieben. Die tagelangen Feste und Feiern am Sächsischen Hof gaben der Minderheit des Adels einen Vorgeschmack auf die himmlischen Freuden. Der Starke August war als zweitgeborener Sohn des Kurfürsten Georg Friedrich August für die Erbfolge nur zweite Wahl und hatte so große Freiheiten für Reisen und Privatleben. Bereits jetzt zeigte sich seine Persönlichkeitsstärke, als er sich über das ungeschriebene Gesetz, protestantische Prinzen reisen in protestantische Länder, einfach hinwegsetzte und seine Reiseziele vor allem im Süden wählte, wobei ihm seine Sprachbegabung sehr förderlich war. Der starke August war hoch gebildet und sprach mehrere Sprachen. Als sein Bruder, Kurfürst Johann Georg, im April 1694 an den Pocken erkrankte und starb, hinterließ dieser nur eine uneheliche Tochter. So wurde der Starke August mit 24 Jahren unerwartet Kurfürst von Sachsen. In wenigen Jahren gestaltete er Sachsen zu einem der bedeutendsten Länder Europas. Er holte die Schönheit und Pracht des Südens nach Dresden, indem er italienische und französische Künstler und Baumeister scharenweise nach Dresden holte. Durch den Ankauf der Sammlungen des Fürsten Agostino Chigi und des Kardinals Albani legte August den Grund zur großen Antikensammlung. 1710 wird die erste europäische Porzellanmanufaktur in Dresden eröffnet. (Anm.:7)
Die Kehrseite der Medaille waren hohe Steuern und eine rücksichtslose absolutistischen Politik. In Ungnade gefallene Mitarbeiter wurden sofort ins Gefängnis geworfen. Durch seinen eigenen ungezügelten Lebensstil wurde das Mätressenwesen in Dresden zu einem Krebsgeschwür. Als sich seine langjährige Geliebte, die Gräfin Constantia von Cosel, nicht von ihm zurückziehen wollte, ließ er sie lebenslang einsperren.
August der Starke hatte frühzeitig die Karriere seines Sohnes Friedrich August im Blick. Bereits 1704 knüpfte er erste Kontakte mit dem Habsburger Kaiserhof in Wien für eine eheliche Verbindung seines Sohnes mit der kaiserlichen Prinzessin Maria Josepha.

Ihre Kaiserliche Hoheit, Prinzessin Maria Josepha. Quelle: Wikimedia.

(Anm.: 8) Ganz in Nachahmung der Habsburger Familienpolitik (Anm.:9 ) wollte er gegenüber dem aufstrebenden Preußen die Bindungen zwischen Sachsen und Österreich-Ungarn verstärken und vorsorglich für Sachsen die Kaiserkrone sichern, falls das Haus Habsburg aussterbe. Die Kaisertochter Maria Josepha war streng katholisch erzogen worden, die Ehe mit einem protestantischen Prinzen war undenkbar. Doch für den Starken August war die Konversion zum Katholizismus ein legitimes Mittel der Politik und für seinen Sohn ebenfalls kein Problem. Geschickt wurde alles hinter dem Rücken der sächsischen lutherischen Öffentlichkeit arrangiert.
Da Kaiser Joseph I. am 17. April 1711 verstorben war, musste zur Neuwahl der kurfürstliche Wahlconvent nach Frankfurt einberufen werden. Hier gelang es, den vierzehnjährigen Kronprinzen Friedrich August von den Hofbegleitern zu trennen, um ihn mit einer Gruppe Jesuiten zu einer Kunstreise nach Italien zu schicken. In Bologna war die Konversion zum Katholizismus bereits vorbereitet und wurde in aller Stille 1712 vollzogen. Dann setzte der junge Sachsenprinz seine Bildungsreise (Anm.:10) mit der üblichen Begleitung fort. Auf der Rückreise im Jahre 1717 wurde am Wiener Kaiserhof die Konversion öffentlich bekanntgegeben und gefeiert. Nun stand der Hochzeit mit der Kaisertochter Maria Josepha nichts mehr im Wege. Zunächst erfolgte am 20. August 1719 in Wien die offizielle Hochzeit mit allem Pomp, den der Kaiserhof zu bieten hatte. Im September wurde die Hochzeitsfeier in Dresden fortgesetzt. Mehr als zwei Wochen dauerten die Feierlichkeiten mit Umzügen, Konzerten und Treibjagden mit vielen ausländischen Gästen.

Friedrich August, der Vater von Clemens Wenzeslaus, als junger Prinz. Quelle: Wikimedia.

Nach dem Tod des Starken August 1733 trat Friedrich August in die Erbfolge der Landesherrschaft und der Kurfürstenwürde. Als Friedrich August II. setzte er zunächst die liberale Innenpolitik seines Vaters fort. Er erneuerte 1734 das Revisionsversicherungsdekret, das allen Bürgern, auch den jüdischen, Religionsfreiheit unabhängig von der Konfession des Landesherrn zugestand, im Zeitalter des „Cuius regio, eius religio“ (Anm.:11) ein Vorgriff auf die Josephinische Aufklärungspolitik und die Französische Revolution. Das neue Kurfürstenpaar wohnte oft auf der Hubertusburg, einem barocken Jagdschloss, dessen Bau schon der Starke August begonnen hatte. Während der Hofjagden reiste der ganze Hof mit allen Beamten und Dienern von Dresden dorthin.
Im Gegensatz zu seinem Vater war Friedrich August familienorientiert, er liebte seine Frau Maria Josepha und blieb ihr zeitlebens treu, auch wenn der intrigante Einfluss des Kanzlers Brühl auf den Kurfürsten zunehmend die Ehe belastete. Friedrich August war kunstliebend, liebte die großen Treibjagden, sammelte Maler, Bildhauer, Philosophen und Dichter um sich. Aber der Königsthron in Krakau reizte ihn ebenso wie seinen Vater. Nach dem Tod des Starken August war die polnische Königskrone vakant geworden, so dass sich Friedrich August darum bewerben konnte. Mit viel Geld und der Unterstützung durch Österreich und Russland konnte sich Friedrich August gegen den Kandidaten von Schweden und Frankreich durchsetzen. Als August III. wurde Friedrich August am 17. Januar 1734 zum polnischen König gekrönt und konnte auch im folgenden polnischen Erbfolgekrieg die Königskrone behaupten. Doch trotz großem persönlichem Einsatz scheiterte der neue König August III sowohl an der Macht des Adels (Magnaten) wie an den Interessen der Nachbarstaaten. So resignierte schließlich Friedrich August vor den Widrigkeiten der Politik und überließ ab 1738 die politischen Alltagsgeschäfte ganz dem neuen Kanzler Heinrich von Brühl.
Nun konnte er sich wieder seinen eigentlichen Interessen widmen: dem Familienleben, der Jagd, den Künsten, den rauschenden Festen, dem Sammeln von Porzellan und Gemälden, dem Bauen und Gestalten im Stil des Barock. Der Kanzler Brühl verstand es sehr geschickt, den Kurfürsten bei dessen künstlerischen Sammelleidenschaften zu unterstützen. Rubens, Tizian, Veronese – alles schaffte Brühl herbei. Das „Augusteiische Zeitalter“, das mit dem Starken August begann, fand unter Friedrich August seine Vollendung. Beide waren durch ihre Reisen nach Paris und Italien enorm geprägt. Wie sein Vater war auch Friedrich August fasziniert vom Herrschaftsstil des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. und holte sich hier die Inspiration für die Prachtentfaltung des sächsischen Hofes; Bau und Gartenkunst, höfische Feste und Spiele, internationale Musikpflege, Theater, Jagdwesen und insgesamt ein französischer Kunstgeschmack. Es gab geradezu einen Kulturtransfer von Paris nach Dresden. Zahlreiche Pariser Künstler und Gelehrte kamen an den Dresdner Hof und wurden zu einer tragenden Säule sächsischen Hoflebens. Neben dem absolutistischen Frankreich war es vor allem die italienische Kunst, die Einfluss auf das Kurfürstentum bekam und die sächsische Residenzstadt zum nördlichsten Vorposten der italienischen Kunst in Europa machte. Rings um die Baustelle der katholischen Hofkirche des Architekten Chiaveri wuchs das „Italienische Dörfchen“, in dem die jenseits der Alpen angeheuerten Künstler und Bauleute wohnten. In dieser Welt der „Sächsischen Barockherrlichkeit“ wuchs Clemens Wenzeslaus auf .
Anmerkungen.)

Vgl. Raab, Clemens Wenzeslaus (1962), 62ff
8.) Wikipedia, Josepha von Österreich (24.10.2011).
9.) Alii pugnant, tu autem felix austria nube = Die Anderen führen Kriege, du aber glückliches Österreich heirate.
10.) In ihrer Studie „Die Prinzenreise“ hat Eva Bender nachgewiesen, dass die Bildungsreisen des deutschen Prinzen eine feste Institution im Deutschen Reich waren. In den Prinzenreisen wurden die Söhne des deutschen Hochadels nach einer Grundausbildung am heimischen Hof auf Reisen geschickt. Für die katholischen Prinzen kamen in der Regel die katholischen Herrschaftshäuser infrage, also vor allem Frankreich, Italien und Spanien sowie das antike Griechenland. Die Prinzen reisten jeweils mit einem stattlichen Gefolge und hatten sich meist einem streng organisierten Ausbildungsprogramm zu unterwerfen
11.) Die Kompromissformel des Augsburger Religionsfriedens 1555 sah in der ausschließlichen Religion der Landesherrn die beste Garantie für Frieden und Sicherheit.

2. Starke Frauen im Rücken.

Von seinem Vater bekam Clemens Wenzeslaus den barockenen Lebensstil, allerdings modifiziert, denn die tagelangen rauschenden Feste waren nicht seine Art. Er liebte stattdessen schöne Räume und Möbel, Literatur, Kunst und Musik. Die Frauengeschichten seines väterlichen Großvaters waren ihm ein Gräuel, so wie die grausamen Jagden seines Vaters. Dass sich Clemens Wenzeslaus in wesentlichen Eigenschaften von seinem Großvater und seinem Vater unterschied, hat er der mütterlichen Linie zu verdanken. Seine musisch – spirituellen Eigenschaften sowie seine selbstverständliche Verankerung im Katholizismus gehen auf vier starke Frauen zurück: die Kaiserin Eleonore (Urgroßmutter), die Kaiserin Wilhelmine Amalia (Großmutter), die Kaisertochter, Kurfürstin und Königin Maria Josepha (Mutter) und die Kurprinzessin Maria Antonia (Schwägerin).

Die Hochzeit von Kaiser Ferdinand. Quelle: Wikimedia.

Das Bild zeigt die Hochzeit von Kaiser Leopold mit der Prinzessin Eleonore von der Pfalz am 14. Dezember 1676 in Passau. Der Maler ist nicht benannt. Quelle: Wikimedia Commons. Die Bilddatei ist gemeinfrei, da die urheberische Schutzfrist abgelaufen. Eleonore Magdalene, (Anm.:12) eine Pfälzer Prinzessin, hatte als junges Mädchen starke Ambitionen zu einem klösterlich – spirituellen Leben. Doch sie musste sich dem Willen der Familie beugen. Als Kaiser Leopold I. nach dem Tod seiner zweiten Gemahlin um sie warb, weil der Hof gerade von einer jungen Pfälzerin Nachwuchs erwartete, musste sie sich fügen und wurde im Dezember 1676 in Passau mit dem 36jährigen Kaiser vermählt. Eleonore bekam großen Einfluss am Hof, weil sie von Leopold abgöttisch geliebt wurde und ihm zehn Kinder schenkte. Der frommen und sittenstrengen Eleonore war es rasch gelungen, die Zuneigung ihres ebenso bigotten Gemahls zu gewinnen. Die Kaiserin lebte am Wiener Hof ein fast klösterlich – einfaches Lebens und war tief im Katholizismus verwurzelt. Aber sie war auch sehr lebenstüchtig. Für ihre zahlreichen Verwandten und Günstlinge besorgte sie ungeniert gut dotierte Stellen. Da der Kaiser nichts auf Französisch lesen wollte, diente sie ihm auch als Übersetzerin und war so bei allen wichtigen Staatsgeschäften direkt beteiligt. Eleonore war ihrem Gemahl treu ergeben und pflegte ihn hingebungsvoll in seiner letzten Krankheit bis zum Tod 1705.
Die Nachfolge im Kaiseramt übernahm der älteste Sohn Joseph, der als intelligent, sexsüchtig und wenig religiös beschrieben wurde. Doch nun konnte sich die Kaiserinmutter ganz ihrer Schwiegertochter, der neuen Kaiserin Wilhelmine Amalie,(Anm.:13) und deren beiden Töchtern, Maria Josefa und Maria Amalia widmen. Die beiden Frauen waren sehr religiös und katholisch, sie sprachen mehrere Sprachen, pflegten eine reiches Musikleben und waren in der europäischen Literatur bewandert. Sie engagierten sich in der Armen- und Krankenfürsorge und waren schwarz gekleidet. Zielstrebig wurden die beiden Mädchen Maria Josepha und Maria Amalia von Großmutter und Mutter in das Leben eingeführt. Allgemeinbildung, Sprachkenntnisse, katholische Religion, Musik, Familiengeschichte, höfisches Verhalten und Literatur gehörten zum straffen Ausbildungsprogramm der jungen Prinzessinnen. (Anm.:14) Nachdem die beiden Töchter verheiratet waren und bereits 1720 die Altkaiserin Eleonore verstorben war, entschloss sich Wilhelmine Amalie in das Kloster der Wiener Salesianerinnen zu gehen und vollzog 1722 diesen Schritt.
Maria Josepha, (Anm.:15) am 8. Dezember 1699 in Wien geboren, kaiserliche Prinzessin und damit Erzherzogin von Österreich, war ein Ebenbild ihrer Mutter und ihrer Großmutter: intelligent, polyglott, musisch-künstlerisch, spirituell und vor allem durch und durch katholisch. Durch die eheliche Verbindung mit dem sächsischen Kronprinzen Friedrich August kam sie an den Sächsischen Hof und wurde durch die Thronfolge ihres Gatten Kurfürstin von Sachsen. Als Hochzeitsgeschenk bekam sie von ihrem Schwiegervater, dem Starken August, das neue Opernhaus, ein neuer Bau Pöppelmanns, mit 2000 Plätzen damals das größte deutsche Theater, zusammen mit der Aufführung der Oper „Giove in Argo“ von Lotti geschenkt. Später wurde Maria Josepha Direktorin der Oper. Der Starke August organisierte in Dresden über 4 Wochen „minutiös geplante Feiern, die sich über den gesamten September erstrecken. Er kaufte das Holländische Palais von Flemming und baut das Türkische Palais um. Den beeindruckenden Auftakt der Festlichkeiten bildete Maria Josephas Ankunft in Dresden. Ein eigens gebautes Lustschiff brachte sie von Pirna in Begleitung von 15 holländischen Yachten in ihre neue Heimat.“ (Anm.:16) Die so genannten Planetenfeste fanden ganztägig statt: das Apollofest im Zwinger, das Marsfest auf dem Altmarkt und das Venusfest im Großen Garten. Als Maria Josepha bei dem Damenringrennen, wo Herren kutschierten und die Damen mit einer langen Lanze 2 aufgehängte Ringe treffen mussten, Siegerin wurde, erhielt sie als Preis eine kostbare Haarnadel. (Anm.:17) Abends nach einem voluminösen Bankett im neu gestalteten Riesensaal des Schlosses feierte die Hochzeitsgesellschaft mit Feuerwerk und vielen künstlerischen Darbietungen bis zum frühen Morgen. (Anm.:18) Im Hochzeitszug zeigten sich übrigens die sächsischen Bergleute zum ersten Mal in ihrer neuen Bergmannstracht, die später in den Schnitzereien von Seiffen verewigt wurden. Was später von den Chronisten oft verschwiegen wurde, war die Not unter der einfachen Bevölkerung, denn das Jahr 1719 war durch eine Missernte ein Hungerjahr. Verschwiegen wurde auch, dass die Uniformen der Bergleute und die Festkleidung der beorderten Statisten an den Straßen und Plätzen später von diesen selbst in langen Raten abgezahlt werden mussten. (Anm.:19)
Dem Starken August gefiel seine neue Schwiegertochter, besonders dass sie sich leidenschaftlich an den Hetzjagden beteiligte. Deshalb arrangierte er im Oktober eine nochmalige Festwoche auf der Moritzburg. Da er den Kronprinzen von allen Regierungsgeschäften fernhielt, hatte das junge Paar bis zur Regierungsübernahme genügend Zeit für eine glückliches Ehe- und Familienleben. Maria Josepha trennte sich kaum von ihrem Mann und begleitete ihn auch auf seinen Reisen, sie sprach lateinisch, italienisch, französisch und lernte nach der Königswahl auch perfekt polnisch. Sie liebte ihre Kinder und hatte diese immer um sich, soweit das nur ging. Zur Krönungsfeier am 17. Januar 1734 in Kraków nahm sie ihren dreijährigen Sohn Xaver mit. Im Herbst 1735 reiste sie hochschwanger mit ihrem Gatten nach Warschau, wo sie 21 Monate blieb und in dieser Zeit zwei Kinder gebar.
Viel Zeit widmete Maria Josepha der Ausbildung ihrer Kinder, plante diese sehr sorgfältig und überprüfte sie bis ins Detail; „Sie schrieb selbst mit eigener Hand eine Tagesordnung und ließ sie in den Kammern aufhängen, und kam zu unvermuteter Zein Zeiten nachzusehen, ob alles fleißig beobachtet werde“, schrieb ihr Beichtvater Hermann. (Anm.:20)
In der protestantischen Öffentlichkeit von Preußen und Sachsen wurde Maria Josepha allerdings negativ eingeschätzt. Man verspottete sie als hässliche Prinzessin, nannte sie die Fee Carabosse (Anm.:21), die nichts anderes tue als Rosenkränze beten und ihre lässlichen Sünden bereuen. Insgesamt 15 Kinder (Anm.:22) hat Maria Josepha geboren, von denen 12 das Kindesalter überlebten . Als Verehrerin des hl. Xaver, Mitbegründer des Jesuitenordens, gab sie allen Söhnen den Beinamen Xaver; als Marienverehrerin nannte sie alle Mädchen Maria. Frühzeitig begann Maria Josepha mit der Heiratsplanung. Die Prinzessin Maria Anna wurde mit dem Bayerischen Kurfürsten Maximilian verheiratet und Prinzessin Maria Josepha wurde die Mutter von drei französischen Königen. Die jüngsten Kinder waren Clemens Wenzeslaus und Maria Kunigunde. Für die fromme Maria Josepha war es ein tiefer Wunsch, dass sich einige ihrer Kinder für den geistlichen Stand entschieden, dies bezog sich auch auf Clemens Wenzeslaus.
Aus Wien hatte Maria Josepha ihren Hofstaat mitgebracht. Der Kanzler Brühl sorgte dafür, dass sie durch zusätzliche sächsische Oberhofmeisterinnen vom politischen Geschehen isoliert wurde. „Nur durch Zufälle erfuhr sie hie und da etwas über die Verhältnisse im Kurfürstentum. Ihr Wirkungskreis war ganz auf die Familie, auf die Erziehung ihrer Kinder beschränkt.(Anm.:23 Allerdings war es ihrem Einfluss zu verdanken, dass die Mätressenwirtschaft, die unter dem Starken August wie ein Krebsgeschwür die Hofgesellschaft überwuchert hatte, radikal abgebaut wurde. (Anm.:24) Im Unterschied zum Starken August, der seinen Konfessionswechsel als eine rein persönliche Sache betrachtet hatte, war es für Maria Josepha unbedingt wichtig, für sich und ihre Familie die Voraussetzungen für katholisches Leben zu schaffen. So war in ihrem Ehevertrag für sie persönlich, ihre Familie und ihren Hofstaat das Recht auf einen katholischen Friedhof verbürgt worden. August der Starke bestimmte dazu den Friedhof der katholischen Klosterenclave Marienstern. Im Februar 1724 erfolgte hier unter Ausschluss der Öffentlichkeit die erste katholische Beerdigung. Ein zweites Problem war die Beseitigung der lutherischen Kapelle auf dem Schloss. Dies gelang 1737 und auch hier unbemerkt von der Öffentlichkeit. Ab Pfingsten 1737 fand der lutherische Hofgottesdienst in der Sophienkirche (Anm.:25) statt. Um den offenen Streit mit dem lutherischen Stadtrat zu vermeiden, fanden jedoch katholische Gottesdienste zunächst nur in der kurfürstlichen Hauskapelle und in der Privatkapelle des Österreichischen Gesandten statt. Durch die konservativ katholische Kurfürstin Maria Josepha verschärfte sich der Gegensatz zwischen dem katholischen Dresdener Hof und dem lutherischen Sachsen. Da sich der Rat der Landeshauptstadt Dresden als Verteidiger der lutherischen Identität verstand, hatte er schon 1726 den Baumeister George Bähr mit dem Bau einer neuen lutherischen Stadtkirche (Frauenkirche) beauftragt. (Anm.:26) 1743 erfolgte die Einweihung durch den lutherischen Superintendenten. Um das konfessionelle Gleichgewicht zwischen dem Hof und der Stadt auszugleichen und dem katholischen Fürstenhof ein repräsentatives Gotteshaus zu bieten, erreichte Maria Josepha 1739, dass als Pendant zur evangelischen Frauenkirche der Bau einer katholischen Hofkirche erfolgte. Durch die zahlreichen italienischen Bauleute wuchs die katholische Gemeinde, so dass bis zur Fertigstellung der Hofkirche die katholischen Messen in dem neu erbauten katholischen Waisenhaus für Soldatenkinder öffentlich gefeiert wurden.1755 erstand ein barockes Repräsentativgebäude unter der Leitung des italienischen Architekten Gaetano Chiaveri. Die Einweihung der neuen Hofkirche erfolgte am 29. Juni 1751 durch den Apostolischen Nuntius in Polen. Bereits vier Tage nach der Kirchweihe der Hofkirche ließ Maria Josepha die Särge der drei verstorbenen Kinder der kurfürstlichen Familie in die Grabgewölbe überführt.

Bei aller leidenschaftlichen Katholizität hat Maria Josepha ihre Kinder im toleranten Geist der Aufklärung und des Humanismus erzogen. Nächstenliebe und Achtung der Meinung des Anderen waren ihr immer hohe Werte sowohl für sie persönlich wie in der Erziehung ihrer Kinder. (Anm.:27) Maria Josepha war berühmt für ihre Freigebigkeit und ihr soziales Engagement. 1746 gründete sie das „Josephinenstift“ für arme katholische Mädchen in der Seevorstadt. Vorbild waren das evangelische Ehrlichsche Stift zur „Fürsorge für geistig und verwaiste und arme Kinder ev.-luth. Bekenntnisses“. (Anm.:28) Persönlicher Hintergrund waren die Erlebnisse bei der Flucht mit den Kindern nach dem Einmarsch der preußischen Truppen. Die Finanzierung erfolgte aus einer persönlichen Erbschaft nach dem Aussterben der Wettiner Nebenlinie Sachsen-Weißenfels.
1756 brachte der siebenjährige Krieg mit Preußen eine völlige Veränderung der Lebenssituation der kurfürstlichen Familie. Als die kleine sächsische Armee am Lilienstein kampflos kapitulierte, konnte sich Friedrich August mit seinem ganzen Hof nach Warschau retten, weil die Polen Druck auf Friedrich II. ausübten und mit Krieg drohten, wenn er dem König von Polen und seiner Familie die Ausreise verweigere. Doch die kuragierte Kurfürstin Maria Josepha blieb mit dem Kurprinzenpaar Friedrich Christian und Maria Antonia sowie den kleinen Kindern in Dresden. (Anm.:29) Die Überlieferung berichtet, dass sich Maria Josepha vor das Staatsarchiv stellte, als es die Preußen öffnen wollten, und sich mit Händen und Füßen wehrte, als man sie mit Gewalt fortzerrte. (Anm.:30) Vergeblich versuchten die Preußen die Kurfürstin durch Schikanen zur Flucht zu bewegen. Am 17. November 1757 starb die Kurfürstin Maria Josepha. Sechs Jahre später kehrte der Kurfürst nach Dresden zurück und starb am 5. Oktober 1763. Er wurde bei seiner Frau in der Hofkirche beigesetzt. Mit ihnen starb die „Herrlichkeit Sachsens „.

Kurprinzessin Maria Antonia. Quelle Wikimedia.

Die vierte der starken Frauen, die den jungen Clemens Wenzeslaus prägten, war seine Schwägerin, die Kurprinzessin Maria Antonia. Die bayerische Prinzessin Maria Antonia malte mit unterschiedlichen Techniken und organisierte Literaturkreise für die ganze Familie. Nachdem sie Kompositionsunterricht bei mehreren italienischen Maestros erfolgreich genommen hatte, begann sie zu komponieren und pflegte vor allem das musikalische Leben in der Familie. Am Karsamstag 1750 wurde ihr erstes Werk „Die Bekehrung des heiligen Augustinus“ aufgeführt, vier Jahre später folgte „Triumpf der Treue“, bei der die Kurprinzessin die Rolle des Nice selbst sang. 1757 wurde sie unter dem Künstlernamen Ermelinda Tales Mitglied der Arcadia in Rom. Maria Antonia weckte in dem jungen Wenzeslaus die Liebe zur Musik und zum Theater, motivierte ihn Flöte und Viola intensiver zu üben und schärften seine Sinne für das Schöne. Gerade in der Besatzungszeit, als die kurfürstliche Familie ohne den Kurfürsten im Schloss auf eingeschränktem Raum zusammenleben musste und den Schikanen des Preußenkönigs hilflos ausgeliefert war (Anm.:31), als das kulturelle Leben in der Öffentlichkeit unter den Stiefeln der preußischen Soldaten zusammengebrochen war, da war Maria Antonia so etwas wie die lebendige Mitte der Familie. (Anm.:32)
Anmerkung
12.) Wikipedia, Eleonore Magdalene von der Pfalz (24.10.2011)
13.) Die Schwiegertochter Anna Amalia, die neue Kaiserin, war von ihrem Mann mit einer Geschlechtskrankheit infiziert worden und litt unter Unterleibsgeschwüren.
14.) Vgl. Palomino, Erziehung im mittelalterlichen Adel (1999), Auszug Online (24.10.2011)
15.) Wikipedia, Maria Josepha (24.10.2011); Fellmann Walter, Prinzessinnen (1996)
16.) http://terra-x.zdf.de/ZDFde/inhalt/12/0,1872,7527916,00.html
17.) Diese ist noch heute im Grünen Gewölbe ausgestellt.
18.) Vgl. http://www.visit-dresden.de/dstsepal.html
19.) Vgl. http://www.klaus-merten.de/sites/merten-produkte-05-1.htm (24.10.2011; Fellmann Walter, Prinzessinnen (1996).
20.) Richter, Erziehungswesen, (1913), 319.
21.) Die Fee Carabosse ist die böse Hexe aus dem Dornröschen – Ballett.
22.) Richter erwähnt nur 14 Kinder.
23.) Raab, Clemens Wenzeslaus (1962), 44.
24.) Vgl. ebd.
25.) 1945 zerstört.
26.) Vgl. Wikipedia, Artikel Frauenkirche (24.101.2011). Anlass für den Ratsbeschluss 1722 war der geplante Zuzug einer größeren Gruppe ausgewiesener Salzburger Protestanten nach Dresden. Da die Salzburger aber die Angebote des preußischen Königs akzeptabler fanden und lieber nach Brandenburg zogen, konnten die beträchtlichen Spendengelder für die Ansiedlung der Salzburger die Finanzierung der neuen Stadtkirche sichern, die als Dresdener Frauenkirche in die Geschichte einging.
27.) Raab, Clemens Wenzeslaus (1962), 44;101.
28.) Fellmann Walter, Prinzessinnen (1996), 129
29.) Der „junge Hof“ genannt.
30.) Vgl. FrauenWiki-Dresden, Maria-Josepha (24.10.2011).
31.) Raab weist daraufhin, dass Friedrich II. die Hoffamilie als eine Art menschliches Schutzschild betrachtete.
32.) Vgl. Raab, Clemens Wenzeslaus (1962), 67ff.

3. Der Prinz aus dem Sachsenland (Anm.:33).

Clemens Wenzeslaus als kleiner Prinz. Quelle: Uni Leipzig. Erlaubnis erteilt.

Am 28. September 1739 wurde Clemens Wenzeslaus als elftes überlebendes Kind auf Schloss Hubertusburg geboren. Die Taufe geschah gleich nach der Geburt durch den Päpstlichen Nuntius Fabricius Serbelloni. Als sich die Kurfürstin von der Geburt erholt hatte, wurden die feierlichen Zeremonien am 1. November 1739 in der Schlosskapelle wiederholt. Der neugeborene Prinz Clemens Wenzeslaus August Hubertus Franz Xaver erhielt den ersten Namen zu Ehren des blinden Papstes Clemens XII, um die enge Bindung zwischen dem Papsttum und den Sächsischen Wettinern als katholische Pfeilspitze in Deutschland deutlich zu machen. Der zweite Name Wenzeslaus, ein slawischer Name mit der Bedeutung „der Ruhmreiche“ erinnerte an die Bindungen mit Polen – Litauen. Der dritte Name August schloss an Vater und Großvater an. Der vierte Name Hubertus erinnerte an den Geburtsort, der fünfte und sechste Name bezog sich auf den hl. Franz Xaver, einen spanischen Jesuitenmissionar. Maria Josepha hatte ihn für alle Jungen ausgesucht, da der hl. Franz Xaver ihr Lieblingsheiliger war. (Anm.:34)
An den Wettiner (Anm.:35) Fürstenhöfen erhielt jedes Kind nach der Geburt eine Aja (Anm.:36), die in Vertretung der Mutter die Verantwortung für das Kind übernahm. Sie hatte eine Amme zur Seite, die für Ernährung und Pflege zuständig war. Nach den Sächsischen Hofkalendern, die alles Personal am Hof für jedes Jahr auflisteten, gab es von 1728 bis 1732 eine Gesamt-Aja für alle kleinen Kinder. Das Dienstpersonal des Kinderhofes war bewusst international ausgewählt, um die Kinder schon frühzeitig in die lebendigen Sprachen einzuführen. Die Verkehrssprache innerhalb der kurfürstlichen Familie war in der Regel französisch oder – allerdings in geringerem Maße – deutsch; die deutsche Sprache hatte damals für katholische Ohren immer noch einen „stark lutherischen Klang“; durch das italienische, tschechische und polnische niedere Hofpersonal (Dienerinnen und Diener, Pagen, Ausbilder) bekamen die Kinder frühzeitig Zugang zu deren Sprachen. Erhalten ist eine kleine Festschrift der Prinzessin Margarete zum Namenstag (Anm.:37) des Kurprinzen Friedrich Christian, in dem Gedichte der anderen Prinzessinnen, die im Alter zwischen 8 und 2 Jahren waren, in französischer Sprache enthalten sind. (Anm.:38) Sehr frühzeitig wurden Lehrer für Grundkenntnisse im Schreiben, Lesen und Rechnen der Kindergruppe beigefügt. Aber auch die musische Bildung wurde gepflegt. 1737 reiste die kurfürstliche Familie mit großem Gefolge zu einem Treffen mit der Kaiserinwitwe Amalia im Schloss Neuhaus, bei dem die Kinder das Singspiel „Timandra“ aufführten. In einem Bild hat der zu seiner Zeit berühmte Maler Louis de Silvestre die kurfürstlichen Eltern und den Kindern Friedrich Christian (15), Maria Amalia (13), Maria Anna (9), Xaver (7), Maria Josepha (6) und Karl (4) gemalt. (Anm.:39) An erster Stelle aber stand immer die religiöse Formung durch Unterricht, tägliches Gebet (zum Teil kniend zu verrichten), gemeinsame Andachten und Besuch der Hl. Messe. Im Alter von 5 bis 7 Jahren erhielt jedes Kind einen eigenen Hofstaat, der von einem Hofmeister geleitet wurde. (Anm.:40) Ihm stand ein „Präzeptor“ für die Bildungsvermittlung zur Seite. Ausgewählte junge Edelknaben bzw. Edeldamen lebten Tag und Nacht mit „der jungen Durchlaucht“ zusammen. Eine große Anzahl von Kammerjunker und Zofen, ein eigner Etat, eigene Räume mit einer Bibliothek und diversen Salons, ein vorgegebener Ausbildungs- und Lebensplan und die Wünsche der kurfürstlichen Eltern bestimmten das Lebens eines solchen Hofstaates im Hof.
Für die Prinzen wurde ein militärischer Hofmeister ernannt, der die sportliche und militärische Erziehung überwachte. In der Regel wurden die Prinzen frühzeitig einem Regiment zugewiesen und trugen dessen Uniformen. (Anm.:41) Körperliche Züchtigung bedurfte der vorherigen Genehmigung der kurfürstlichen Eltern. Wegen des Erhalts der Erbdynastie wurde der jeweilige Kurprinz (Kronprinz) besonders großzügig mit Mitteln und Personal ausgestattet. Die Ausbildungsphase wurde bei den Prinzen in der Regel mit einer Kavaliersreise abgeschlossen. (Anm.:42) Deshalb erhielt auch Clemens Wenzeslaus mit fünf Jahren einen eigenen Hofstaat, der jährlich mit achttausend Talern ausgestattet war. Nach der spielerischen Kleinkindphase begann nun für ihn das harte Leben eines Königlichen Prinzen. (Anm.:43) Um Polnisch zu lernen, erhielt Clemens Wenzeslaus erst einen und später zwei polnische Pagen. (Anm.:44) Da der Unterricht zusammen mit dem ein Jahr älteren Bruder Albert Kasimir erfolgte, wurde eine eigene Oberhofmeisterstelle geschaffen und der Geheime Konferenzminister Rupert Florian von Wessenberg (später dessen Sohn) dazu berufen. Zwei Jesuiten wurden die Beichtväter der Prinzen, mit Pater Ferdinand Söhr war Clemens Wenzeslaus lebenslang verbunden. (Anm.:45) Weil man sich am kurfürstlichen Hof auch um die Pflege der deutschen Sprache bemühte (Anm.:46), lernte Clemens Wenzeslaus neben Französisch, Italienisch und Polnisch auch deutsch zu sprechen. Seine Kenntnisse der deutschen Muttersprache waren nicht schlechter, als die vieler Fürsten seiner Zeit. Die Sprache seiner deutschen Hirtenbriefe und der ihm zugeschriebenen, offenbar aber von Joh. Michael Sailer verfaßten Schriften, hält den Vergleich mit anderen zeitgenössischen deutschen Prosaerzeugnissen aus, wie Raab bezeugt. Daß sich in seinem Leben – abgesehen von Sophie La Roche, Sailer und Bronner – kaum Spuren von Beziehungen zur deutschen Literatur der Zeit nachweisen lassen, kann nicht überraschen. Erst im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert lässt sich bei den deutschen Bischöfen ein größeres persönliches Interesse und ein aktiveres Verhältnis zu deutschen Literatur nachweisen. (Anm.:47)
Clemens Wenzeslaus lernte natürlich auch Lateinisch und Griechisch. (Anm.:48) Mathematik, Hof- und Kriegsgeschichte sowie Zeichnen standen ebenfalls auf dem Lehrplan. Clemens Wenzeslaus lernte außerdem das handschriftliche Schreiben, wie es sonst nur bei Gelehrten, Beamten und Schreibern zu finden war. Der Besuch der täglichen Hl. Messe, die persönlichen Gebete zu den Tagzeiten, Lektüre von Heiligenlegenden und die gemeinsamen Andachten des ganzen Hofes sowie die Aufführungen des Hoforchesters und des Kreuzchores ließen wenig Zeit für Privates. Clemens Wenzeslaus war ein ausgezeichneter Reiter, spielte vorzüglich Flöte und Geige (Viola), war ein versierter Fechter mit Säbel und Degen und liebte die Bildenden Künste und die Poesie. Von Clemens Wenzeslaus sind zwei mathematische Aufgabenhefte erhalten, die im zeitüblichen Deutsch (>Fremdwörter kursiv ) beschrieben sind. Dies lässt den Schluss zu, dass Clemens Wenzeslaus frühzeitig Deutsch geschrieben hat.
Ende November 1753 erkrankte Clemens Wenzeslaus an den Pocken und musste zwei Monate das Bett hüten. (Anm.:49) Doch er überstand die Krankheit und konnte seine Ausbildung fortsetzen. Durch das parallele Leben am Warschauer und am Dresdener Hof reduzierten sich die Begegnungen der beiden Prinzen mit ihren Eltern. Auch wirkten sich die politischen Spannungen direkt auf das Leben der Familie aus. Seit 1748 speisten die beiden Prinzen separat mit ihren Erziehern und begegneten der Mutter nur bei gemeinsamen Spielabenden und bei Gottesdiensten. (Anm.:50)
Als Clemens Wenzeslaus 1739 geboren wurde, waren bereits 3 Geschwister verstorben Aber auch die nächst ältere Schwester Maria Amalia kannte Clemens Wenzeslaus nur vom Gemälde eines Hofmalers, da sie mit 14 Jahren mit dem Bourbonen Don Carlos, dem späteren König von Spanien verheiratet worden war. Als der gerade einjährige Clemens Wenzeslaus seinen ältesten Bruder, den Kurprinzen Friedrich Christian, zum ersten Mal erlebte, kam dieser von seiner zweijährigen Prinzenreise durch Italien nach Dresden zurück. Der Kurprinz litt unter Lähmungserscheinungen in den Füßen und hatte deshalb den Italienaufenthalt auch zum Kuren benutzt. Der überaus gebildete Kurprinz hatte auf die weitere Entwicklung von Clemens Wenzeslaus großen Einfluss.
Clemens Wenzeslaus war acht Jahre alt, als er das Jahr der Hochzeiten erlebte, die die Wettiner unter dem Motto „Fortius ex gremio nexu“ (Anm.:51) noch stärker untereinander und mit dem europäischen Hochadel verbanden. Im Februar 1747 heiratete die Schwester Maria Josepha, die der kleine Clemens Wenzeslaus mit dem Kosenamen „Pepa“ rief, den französischen Dauphin Ludwig. Im Juli 1747 heiratete die Schwester Maria Anna, in der Familie Maritza gerufen, den bayerischen Kurfürsten Max. Zu gleicher Zeit wurde der Kurprinz Friedrich Christian mit der Schwester des bayerischen Kurfürsten, Maria Antonia, verheiratet. Eigentlich sollte es eine Doppelhochzeit in Dresden geben, die aber beim Münchener Hof auf Widerstand stieß. (Anm.:52) Zu den beiden älteren Brüdern Franz Xaver und Karl Christian hatte Clemens Wenzeslaus keine enge Bindung. Herzlich war aber seine Beziehung zu den beiden älteren Schwestern Marie Christine und Maria Elisabeth. Zu der jüngeren Schwester Kunigunde Dorothea, in der Familie „Cucu“ gerufen, entstand bereits im Kinderhof eine enge geschwisterliche Bindung. Clemens Wenzeslaus wird später mit ihr viele Jahre eng zusammenleben. Mit seinem ein Jahr älteren Bruder Albert Kasimir verbrachte Clemens Wenzeslaus seine Kindheit und Jugend. „Aufs Ganze gesehen war das Verhältnis der Geschwister am Dresdener Hof herzlich und ausgeglichen. Von Spannungen und Differenzen, die gewöhnlich unter Geschwistern nicht gerade selten sind, ist kaum etwas festzustellen. Ein ausgeprägter Familiensinn ließ sie in guten wie in bösen Tagen zusammenhalten. Trotz der großen Altersunterschiede, trotz der verschiedenen Berufe und Stellungen, die sie einnahmen, fühlten sie sich stets als Familie. Nur aus dieser gegenseitigen Unterstützung und dem ausgeprägten Familiensinn, nur aus der Beihilfe der Schwestern zu München, Versailles und der Schwägerin, der ‚chere Alte‘ Maria Antonia, ist der Aufstieg Clemens Wenzeslaus zum größten Teil zu erklären. Familiensinn musste ersetzen, was Sachsen seit der Kapitulation am Lilienstein, seit den Zerstörungen durch die preußische Armee an militärischem und politischem Potential verloren hatte.“ (Anm.:53)
Anmerkungen
33 Vgl. ebd. 55ff; Wächter , Degen und Krummstaat ( 1978)
34 Franz Xaver ( 1506 – 1552) missionierte in Indien, Indonesien und Japan. Er wurde auf Goa begraben. Ein Arm befindet sich als Reliquie in der Jesuitenkirche Roms.
35 Ernestiner (Sachsen-Weimar), Albertiner (Sachsen-Dresden), Wittelsbacher (Bayern).
36 Vgl. Richter, Erziehungswesen (1913).
37 Als katholische Familie wurde statt des Geburtstages der Namenstag gefeiert.
38 Vgl. Richter Erziehungswesen (1913), 322ff.
39 Ebd. 327.
40 Vgl. Reimann Ernst, Prinzenerziehung (1904); Palomino, Erziehung im mittelalterlichen Adel (1999), Auszug Online (24.10.2011)
41 Bei den Hohenzollern wurden die Prinzen bereits mit sieben Jahren in das Garde-Landwehr-Regiment aufgenommen. Ein höherer Offizier übernahm dann die militärische Erziehung, die einen großen Teil des straffen Stundenplans einnahm. Vgl. Feuerstein-Praßer Karin, Augusta, Kaiserin und Preußin (2011)
42 Vgl. Bender Eva, Die Prinzenreise (2011).
43 Vgl. Wächter Dorothea , Degen und Krummstaat ( 1978)
44 Richter Erziehungswesen (1913). 368: „Es waren demnach bis auf geringe Ausnahmen lauter polnische Jünglinge zur Gesellschaft der jüngeren Prinzen berufen.“
45 Vgl. Raab, Bischof und Fürst (1989).
46 Die Gründung einer Deutschen Akademie wurde durch den siebenjährigen Krieg unterbunden.
47 Raab, Clemens Wenzeslaus (1962), 58.
48 Weder Albert Kasimir noch Klemens Wenceslaus aber lernen es, akkurat Lateinisch zu sprechen.
49 Obwohl die Katholische Kirche Vorbehalte gegenüber den Impfungen hatte, führte das katholische Bayern als erster Land 1807 die Pockenimpfung ein. Vgl. Wikipedia, Artikel Pocken (23.01.2012).
50 Vgl. Richter Julius, Erziehungswesen (1913) 369ff.
51 Unter diesem Motto, stärker durch verwandtschaftliche Beziehung, wurde in München wochenlang die Hochzeit des Kurfürsten gefeiert. Vgl. Raab, Clemens Wenzeslaus (1962), 43 und Schmidt Alois, Max III. Joseph, gfd. Books.google.de, Stichwort „fortius gremio nexu“ (07.11.2011)
52 Raab, Clemens Wenzeslaus (1962) 46ff.
53 Vgl. Raab, Clemens Wenzeslaus (1962) 53f.

4. Kriegskind und Offizier.   (Anm.:54)

Clemens Wenzeslaus als kaiserlicher Offizier. Quelle: Wikimedia.

Ab 1740 wurde das militärisch bedeutungslose Kursachsen in die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Österreich, Frankreich und dem aufstrebenden Preußen hineingezogen. Der Preußenkönig Friedrich II. wollte durch die Eroberung Schlesiens seinen Staat aufbauen. Frankreich führte seine Machtpolitik gegen England und Mitteleuropa. Das Habsburger Österreich musste sich verteidigen und nicht nur sein Stammland. In den drei schlesischen Kriegen, von denen sich einer über sieben Jahre hinzog, wurde der sächsische Kurstaat auch direkt betroffen. 1744 wurden Leipzig und Meißen erobert, die sächsische Armee bei Kesselsdorf geschlagen, Dresden wurde bombardiert. Weihnachten 1745 marschierte Friedrich II. mit den preußischen Truppen in Dresden ein. Im Friedensabkommen von Dresden musste sich Sachsen verpflichten, eine Million Reichstaler als Kriegsentschädigung zu zahlen, Preußen behielt Schlesien und stimmte als Gegenleistung zu, dass der Gatte von Maria Theresia als Franz I. zum Deutschen Kaiser gewählt wurde. Am 29. August 1756 überrollte die preußische Militärmaschine das Sachsenland zum zweiten Mal. Als Dresden von den preußischen Truppen besetzt wurde, war Clemens Wenzeslaus 17 Jahre alt. Die beiden Prinzen Albert Kasimir und Clemens Wenzeslaus, die ihren gemeinsamen Hof im Pirnaischen Palais hatten, mussten in die Quarantäne des Schlosses, das von den Preußen überwacht wurde, und erlebten wie die ganze kurfürstliche Familie die auferzwungene Armut, denn Friedrich II. hatte die sächsischen Einkünfte des Hofes sperren lassen. Da die Zuwendungen aus dem Familieneinkommen bald ausgingen, verkaufte die Kurprinzessin Maria Antonia ihre Juwelen und ihr Porzellan und musste dann doch den Canossagang gehen, um Friedrich II. um ein Darlehen zu bitten. Die beiden Prinzen Albert Kasimir und Clemens Wenzeslaus erlebten den Geldmangel hautnah, da sie von der preußischen Verwaltung lediglich ein monatliches Taschengeld von 30 Talern bekamen. (Anm.:55) Das Leben auf engem Raum schweißte jedoch die Familie enger zusammen. Nach der Flucht des Kurfürsten nach Warschau widmet sich Maria Josepha wieder ganz der Familie und nach ihrem Tod 1757 übernahm der Kurprinz Friedrich Christian mit seiner Gattin Maria Antonia die Rolle des Familienoberhauptes. Weil es aber dem Kurprinzen gesundheitlich schlecht ging, wurde die künstlerisch begabte Maria Antonia immer mehr zum Mittelpunkt. Im Spätsommer zogen sich die kaiserlichen Truppen zurück. 1759 vereinigten sich die österreichischen und russischen Heere und brachten den preußischen Truppen bei Kunersdorf am 12. August 1759 eine vernichtende Niederlage bei. Mit nur 3000 Soldaten floh Friedrich II. Doch weil sich Russen und Österreich über den weiteren Verlauf des Krieges nicht einigten, zogen sich die kaiserlichen Truppen nach Sachsen zurück. Auch Dresden wurde so befreit. In der Neustadt auf den Elbwiesen hatte die Reichsarmee ihr Hauptquartier aufgeschlagen. Das war für die beiden Prinzen eine Gelegenheit, sich zur Musterung zu melden. Da sie aber eine Genehmigung des sächsischen Hofes nicht vorweisen konnten, wurden sie abgewiesen. Wenige Tage später wendete sich die Situation, denn die preußischen Truppen hatten sich neu formiert und marschierten unter General Wunsch auf Dresden zu. Hastig floh der kurprinzliche Hof mit einigen Wagen in Richtung Pirna, um über die dortige Schiffsbrücke die Elbe zu überqueren und nach Böhmen zu gelangen. Die beiden Prinzen Albert Kasimir und Clemens Wenzeslaus ritten voraus, um in Pirna die Übersetzung vorzubereiten. Da sich die preußischen Truppen plötzlich zurückzogen, befahl ihnen der Kurprinz die Rückkehr. In einem Brief an ihn beschrieb Clemens Wenzeslaus, wie er in der Neustadt von Dresden die Führung durch die aufgestellten österreichischen schweren Kanonen erlebte. Er erwähnte auch das Spalier der kaiserlichen Truppen, durch das 1000 preußische Deserteure marschieren mussten. (Anm.:56) Drei Tage später war die kurfürstliche Familie in Dresden wieder zusammen. Doch nach dem Dankgottesdienst kam die Nachricht von der erneuten Rückkehr der Preußen. Auf Anraten der Kaiserin Maria Theresia ließ der Kurprinz wieder die Wagen anspannen, um mit der ganzen Familie nach Prag zu fliehen. In einem Brief an ihren Bruder Franz Xaver beschrieb die Prinzessin Maria Elisabeth die bedrückende Situation der Flüchtlinge in Prag: „Der Wind wird mich mit nächsten zum Beth heraustragen; keine forhäng, kein Tisch, keine Kasten, nichts haben wir; heunt hab ich erst ein Beth bekommen, die andere Nächt hab ich müssen auf Stroh schlaffen….“.(Anm.:57) Da kamen die beiden Prinzen Albert Kasimir und Clemens Wenzeslaus auf die Idee, sich als Freiwillige bei der kaiserlichen Armee zu bewerben. Offensichtlich hofften sie, vom kommandierenden General Daun die Erlaubnis zum Militärdienst auch ohne die vorherige Zustimmung des Hofes zu erhalten. Daun willigte grundsätzlich ein und lud sie zu sich ein, um ihnen die Vertreibung der letzten preußischen Truppen vorzuführen. In Begleitung von drei kaiserlichen Offizieren kamen die beiden Prinzen in der Morgenfrühe des 1. Oktober 1759 im Hauptquartier der kaiserlichen Armee in Rothschönberg an. Doch es kam nicht zum Kampf, da die Preußen über Nacht geflohen waren. Wieder bewarben sich die beiden Prinzen zum Eintritt in die österreichische Armee. Diesmal werden sie angenommen und mit Rücksicht auf ihre königliche Herkunft im Generalsrang in die Armee des Prinzen Karl von Lothringen eingegliedert. Da die Truppen Winterquartier bezogen haben, nutzten die beiden neuen Generäle die Zeit zu einer Reise, gewissermaßen als Ersatz für die nicht stattgefundene Kavalierstour und folgten einer Einladung der Kaiserin Maria Theresia nach Wien. Um nicht die Familie bei späteren preußischen Attacken zu gefährden, mussten sie allerdings inkognito als Grafen von Meißen und Thüringen auftreten. Hier in Wien erlebten sie den trotz Krieg tanzenden kaiserlichen Hof mit seinen Festen, Konzerten und Schlittenfahrten. Prinz Albert Kasimir verliebte sich in Maria Christine, die Lieblingstochter der Kaiserin, während Clemens Wenzeslaus unter starkem Rheuma litt. Als die beiden Prinzen Ende Januar 1760 nach Warschau weiterfuhren, waren sie zwei Monate unterwegs, da Clemens Wenzeslaus wegen seiner Rheumaanfälle ständig Pausen einlegen musste. Der Besuch bei dem Vater dauerte ein viertel Jahr, dann fuhren die Prinzen nach Wien zurück. Hier wurden sie von Maria Theresia in deren Familienleben in der kaiserlichen Residenz Laxenburg integriert. Nach zwei völlig unbeschwerten Wochen meldeten sich die Prinzen bei ihrer Armeeeinheit.
Kaiserin Maria Theresia im Schloss Schönbrunn im Kreise ihrer Familie. Ihr Mann Franz Ferdinand von Lothringen sitzt links im Bild. Gemälde um 1754 von Martin van Meytens (1695-1770). Die Bilddatei ist gemeinfrei, da die urheberische Schutzfrist abgelaufen ist. Clemens Wenzeslaus erlebte nun den Krieg mit allen seinen Schrecken. Als Friedrich II. am 19. Juli 1760 Dresden beschießen lässt, musste Clemens Wenzeslaus ohnmächtig zusehen, wie die „Sächsische Herrlichkeit“ durch ein Großfeuer zerstört wurde. In der Winterpause 1961 fuhren die beiden Prinzen wieder nach Wien. Clemens Wenzeslaus erlitt jedoch neue rheumatische Schübe, bekam außerdem Scharlach und kam durch hohes Fieber in Lebensgefahr. Wenige Tage nach dem Tod des 16jährigen Prinzen Karl, Lieblingssohn der Kaiserin, erhielt Clemens Wenzeslaus durch den Abt des Wiener Schottenklosters die Sterbesakramente. Aber im Februar begann er sich erstaunlich gut und schnell zu erholen. Während der langen Krankheit reifte in ihm der Entschluss, „sein künftiges Leben in den Dienst der Kirche zu stellen.“ (Anm.:58) Nuntius Visconti schrieb dem päpstlichen Kardinalsstaatssekretär, „daß alles, was er von dem Prinzen wisse und erfahren habe, zu den besten Hoffnungen berechtige, und daß er ‚un degnissimo ecclesiastico‘ abgeben werde.“ (Anm.:59) Der Kölner Nuntius Lucini erwähnte später, dass Clemens Wenzeslaus „während seiner Krankheit in Wien erkannt habe, Gott habe ihn zu seinem Dienst berufen“. (Anm.:60) Heribert Raab war der festen Überzeugung, dass auf Clemens Wenzeslaus bei seiner Entscheidung zum kirchlichen Amt kein Druck von außen ausgeübt wurde, da die Mitglieder seiner Familie, die Druck ausüben gekonnt hätten, alle nicht in Wien waren, als Clemens Wenzeslaus auf seinem Sterbelager lag. (Anm.:61) Es ist eindeutig bezeugt, dass der Vater, Friedrich August, seinen Söhnen völlige Freiheit bei der Berufswahl gelassen hatte. Als Clemens Wenzeslaus 1761 bei seinem Besuch in Warschau, mit seinem Vater über die eigenen Pläne lange sprach, gab es keinerlei Differenzen. Ohne Zweifel war Clemens Wenzeslaus kein geborener Soldat. „Die Notwendigkeit des Krieges und des Kräftemessens, die von den meisten seiner Zeitgenossen bejaht wurde, hat er nie anerkannt. Rohe Gewalt und jene Härte, die nun einmal zum Kriegshandwerk gehört, waren ihm verhasst. Sein Bestreben war vielmehr immer darauf gerichtet, Differenzen auf gütlichem Weg beizulegen. Seine ganze Natur, seine körperliche Konstitution, Charakter und Erziehung wiesen ihn nicht in eine militärische Laufbahn.“ (Anm.:62) Durch seine Eltern und seine jesuitischen Lehrer, die auch seine Beichtväter waren, war Clemens Wenzeslaus in einer intensiven Atmosphäre katholischer Frömmigkeit groß geworden. Zur Katholischen Kirche, ihrer Liturgie, ihrer hierarchischen Ordnung und ihrer Bindung an den Papst, ihrem volksnahen Brauchtum und ihrer emotionalen Marienverehrung, vor allem ihrer Nähe zu Barock und Lebensfreude hatte er eine ganz natürliche Beziehung. Er war nie in der Versuchung, sich von der Katholischen Kirche zu entfernen. Aus seiner humanistischen Erziehung konnte er die Meinung der Anderen respektieren, soweit ihm dies möglich war. Später – nach der Priesterweihe – las er fast täglich „die Heilige Messe und widmete mehrere Stunden des Tages dem Gebet, der Betrachtung und geistlichen Lesungen. Natürliche Frömmigkeit und Herzensgüte zeichneten ihn aus; auch nach dem Urteil zahlreicher Zeitgenossen – selbst seiner Feinde – war er ein ‚gar frommer und bescheidener Herr‘, ein Bischof von ‚fast unerhörter Gottesfurcht‘, aber zugleich von ‚unglaublicher Majestät‘, wenn er ein feierliches Hochamt sang, Kirchen und Altäre konsekrierte oder bei der Fronleichnamsprozession in Koblenz oder Augsburg das Allerheiligste trug.“ (Anm.:63) Die Kriegserfahrung als Jugendlicher und Offizier hatte aber auf Clemens Wenzeslaus noch eine andere Wirkung. Den Preußenkönig erlebte er nicht nur als feindlichen Usurpator sondern auch als Beschützer des evangelischen Glaubens. Vor dem ersten schlesischen Krieg verpflichtete dieser zum Gebet für ein glückliches Ende des „zur Erhaltung der Wohlfahrt des Deutschen Reiches und zum Besten der bedrängten evangelischen Kirche unternommenen Feldzugs.“ (Anm.:64) In dieser Rolle betrieb der eigentlich freidenkerische Friedrich II. sehr konkrete Politik, als er sich für die Auflösung der geistlichen Landesherrschaften von Kurköln und Kurmainz einsetzte und deren Eingliederung in protestantischen Landesherrschaften vorschlug. Zu dieser evangelisch orientierten Machtpolitik gehörte auch der Versuch, das Bistum Mainz zu entmachten und so war es nicht verwunderlich, dass es Clemens Wenzeslaus innerlich reizte, sich nun mit „geistlichen Waffen“ in die Verteidigungsallianz der katholischen Welt einzusetzen. (Anm.:65)
Anmerkungen
54 Ebd. 75ff; s.a. Wächter, Degen & Krummstab (1978).
55 Raab, Clemens Wenzeslaus (1962), 75ff
56 Raab, Clemens Wenzeslaus (1962), 81f
57 Ebd. 82
58 Ebd. 96. – Albert Kasimir heiratete nach dem Tod des widerstrebenden Kaisers seine geliebte Maria Christina (genannt Mimi), die einzige Liebeshochzeit, die Maria Theresia ihren Kindern gestattete. Nach dem Tod des ersten Kindes blieb das paar kinderlos. Albert Casimir war längere Zeit Kaiserlicher Statthalter in den Niederlanden.
59 Ebd. 93
60 Ebd. 94
61 Ebd. 95f.
62 Ebd. 97
63 Ebd. 98f
64 Ebd. 115ff
65 Ebd.123

5. Der steinige Weg zum Bischofsamt.

Um den weiteren Lebensweg von Clemens Wenzeslaus zu verstehen, bedarf es zunächst eines kurzen Blickes auf die damalige Ordnung der katholischen Kirche in Deutschland. „Die politische und kirchlich folgenschwerste Eigentümlichkeit der aus einer Notsituation geborenen Reichskirche ist darin zu sehen, daß ihre Bischöfe durch Jahrhunderte hindurch Würdenträger der Hierarchie und zugleich Reichsfürsten gewesen sind, daß sie geistlich-kirchliche und weltlich staatliche Gewalt in ihrer Hand vereinigt haben“, so beschreibt der Historiker Heribert Raab das Geistliche Fürstentum. (Anm.:66) Nach der Reformation war dieses System der geistlichen Landesherren für die Erz- und Hochstifte in der katholisch gebliebenen Reichskirche beibehalten worden. Aber die personale Besetzung der höheren Ämter wurde geändert. Dem Vatikan blieb zwar das Recht der Prüfung und Anerkennung, aber für die Neubesetzung waren (von Ausnahmen abgesehen) die Kapitel zuständig; für das Bischofsamt war es das jeweilige Domkapitel, das in geheimer Wahl (bei mehreren Kandidaten) oder durch Proklamation (bei vorheriger Einigung) den neuen Bischof kürte (Anm.:67). Als Kandidaten kamen in der Regel nur Mitglieder des Adels infrage, da auch die Kapitel fest in der Hand des Adels lagen. Oft war es eine sehr grundsätzliche Entscheidung, ob Kandidaten „ex gremio“, also aus den eigenen Reihen, oder „extra gremium“, also von außerhalb, zugelassen wurden. Die Einwilligung des Vatikans wurde durch ein päpstliches Breve, vor der Wahl ausgesprochen oder zugesagt, eingeholt. Die römisch – katholische Kirche war innerkirchlich durch das Trienter Konzil (Anm.:68) [DK29] reformiert worden. Vorgeschrieben war für Bischöfe ein Mindestalter von 27 Jahren, wenigstens die Subdiakonatsweihe und ein theologischer Grad (Doktor oder Magister). Die Kumulation (mehrere Ämter in einer Hand) war verboten, der Zölibat wurde verlangt, ebenso die Residenzpflicht und in der Regel auch die vorherige Mitgliedschaft in einem Domkapitel. Aber die Beschlüsse des Konzils wurden bis zur Säkularisation durch die Möglichkeit einer Päpstlichen Ausnahmegenehmigung (Breve eligibilitatis) unterlaufen. Für den Vatikan waren diese Breven ein wichtiges Finanzierungsinstrument und keinesfalls eine Ausnahme und durch die Kumulationen konnte die eigentlich verlangte Residenzpflicht oft gar nicht wahrgenommen werden. Auch war es möglich, aus subjektiven Gründen (z.B. Verantwortung für die eigene Familie) im Laienstand zu bleiben bzw. nur die so genannten Niederen Weihen anzustreben, denn in diesem Fall war auch der Zölibat nicht verpflichtend. Ein System von Vertretern (Weihbischöfe und Koadjutoren für die sakral-kirchlichen Aufgaben, Generalvikare und Offiziale für das Staatswesen) garantierte den reibungslosen Ablauf auch bei Abwesenheit des Amtsinhabers. Nach der Wahl durch das Kapitel übergab ein kaiserlicher Kommissar mit den so genannten Regalien die Vollmacht zur Ausübung der politischen Macht (Landesherrschaft), durch die Päpstliche Konfirmation (Anm.:69) wurde der Gewählte zu den geistlichen Vollmachten befähigt, die durch die Weihe oder Inthronisation dann lebenslang übertragen wurden. Falls der Gewählte nicht zum Klerus gehörte bzw. nicht gehören wollte, erhielt er gleichzeitig einen geistlichen Koadjutor für die kultisch-sakralen Aufgaben an seine Seite. Für die gewählten oder vorgeschlagenen minderjährigen Kandidaten wurde oft ein Administrator in spiritualibus et temporalibus (Anm.:70) eingesetzt. Als Mitglied des Hochadels hatte Clemens Wenzeslaus das verbürgte Vorrecht, in diesem hierarchischen System Karriere zu machen. Die Familie sah es als eine wesentliche Aufgabe, die berufliche Integration und damit auch die materielle Versorgung des jungen Prinzen zu fördern. Dazu wurden alle Beziehungen, materielle Mittel und die politischen Situationen ausgenutzt. Clemens Wenzeslaus hatte so die Unterstützung des französischen Hofes, des Wiener Kaiserhauses, des bayerischen (Wittelsbacher) und natürlich des Sächsischen Kurfürsten hinter sich. Persönlich hatte er aufgrund seiner königlichen Abstammung die gesellschaftliche Voraussetzung für alle höheren kirchlichen Ämter; durch seine Ausbildung waren alle rechtlichen Voraussetzungen hinreichend erfüllt bzw. konnten durch päpstliche Dispensen ergänzt werden. (Anm.:71) Nach seiner grundsätzlichen Entscheidung für ein kirchliches Amt, entschloss sich Clemens Wenzeslaus von Anfang an, die Priesterweihe anzustreben und ein priesterliches Leben zu führen. Dies bedeutete für ihn das Halten des lebenslangen Zölibates, das regelmäßige Breviergebet, die tägliche Messe, ein klerikales Leben, die Unterstellung unter den Papst und die Einhaltung des gesamten katholischen Regelwerkes. Damit stellte er sich an die Spitze der katholischen Kirche im Deutschen Reich, die durch die Kunst des Barock und die Pflege der Volksfrömmigkeit das irdische Leben in diesem „Jammertal“ erleichtern wollte. Anfang Mai 1761 reiste Clemens Wenzeslaus nach Warschau, um sich auf den Empfang der Tonsur und die Niederen Weihen vorzubereiten. Am 26. Mai 1761 empfing er durch den päpstlichen Nuntius Visconti in der königlichen Hauskapelle zu Warschau die Tonsur und wurde damit in den Klerikerstand aufgenommen. (Anm.:72) Anfang 1761 war Clemens August, der Kurfürst von Köln (Anm.:73), bei einer Reise nach München unverhofft im kurtrierischen Schloss zu Ehrenbreitstein gestorben. Seit 1583 waren nur bayerische Wittelsbacher Prinzen vom Domkapitel zum Kölner Kurfürsten gewählt worden. Mit Ernst von Bayern war es den Wittelsbachern gelungen, die Gefahr eines protestantischen Kölner Kurstaates endgültig zu bannen. Der Vatikan unterstützte diese „Katholisierung des Norden“ durch Einrichtung einer Nuntiatur in Köln. Da es der gegenwärtigen Wittelsbacher Politik entsprach, den Einfluss auf wenigstens eines der drei geistlichen Kurwürden zu behalten, war es nicht verwunderlich, dass Clemens Wenzeslaus als Kandidat für den Kölner Kurfürstenstuhl ins Gespräch kam. Doch das Kölner Domkapitel entschied sich nicht für ihn, sondern für den amtierenden Domdechanten, also „ex gremio“, vielleicht auch, weil man in Köln einer Verwicklung in den Siebenjährigen Krieg entgehen wollte.
Auch der nächste Versuch auf den altehrwürdigen Bischofssitz Münster misslang. Als nächste Chance boten sich die vakanten und von der Säkularisation bedrohten Fürstbistümer Paderborn und Hildesheim an. (Anm.:74) In diesem Zusammenhang kam es auch zu einem ersten Kontakt zum Kurfürstentum Trier, da sich der Trierer Kurfürst von Walderhoff ebenfalls um das Fürstbistum Hildesheim beworben hatte. (Anm.:75) In dem geheimen Vertrag von Engers verzichtete Walderhoff auf seine Kandidatur in Hildesheim und sagte Clemens Wenzeslaus seine Unterstützung zu. Durch hohe Geldsummen von Sachsen sah Walderhoff eine Chance, die finanzielle Notsituation in Trier zu verbessern. Doch wie in den anderen vakanten Bistümern fiel auch hier die Entscheidung für einen Kandidaten „ex gremio“, und zwar aus dem familiären Umfeld des westfälischen Kapitels.
Für Clemens Wenzeslaus waren diese vergeblichen Bemühungen sehr entmutigend. Dazu kam sein schlechter Gesundheitszustand, denn er hatte ständig erhebliche rheumatische Schmerzen. Deshalb reiste er im Juli 1761 zu einer Kur nach Aachen, begleitet von zwei sächsischen Offizieren, seinem Leibarzt und seinem Beichtvater. Unterwegs besuchte er den Fürstbischof von Würzburg und den Kölner Nuntius Archinto, um sie für seine beruflichen Bemühungen zu gewinnen. Das vom Krieg heimgesuchte Aachen bot wenig Abwechslung. Clemens Wenzeslaus nutzte deshalb die Zeit für intensive Kontakte. Aber als ihm der Lütticher Fürstbischof Karl Theodor die Audienz verweigerte, erlebte er die Widerstände gegen seine Bemühungen hautnah. Anfang Oktober folgte Clemens Wenzeslaus einer Einladung seiner Schwester Maria Josepha, die er als Siebenjähriger das letzte Mal gesehen hatte, nach Versailles. Weil Maria Josepha Sorge hatte, ihr junger Bruder könne in der Eleganz des französischen Hofes negativ auffallen, musste Clemens Wenzeslaus unter dem Pseudonym eines Grafen von Meißen in klerikaler Kleidung auftreten und durfte nicht an der königlichen Tafel Platz nehmen. Aber die Befürchtungen waren unbegründet, Clemens Wenzeslaus lebte sich ganz schnell in das höfische Leben ein und erwarb sich profunde Kenntnisse über die Sehenswürdigkeiten und Kunstschätze der französischen Metropole. Er gewann sogar die Freundschaft des Dauphins und die Sympathie des französischen Königs Ludwig XV. Diese Erfahrungen in Versailles waren für Clemens Wenzeslaus ein wichtiger Wendepunkt in seinem Leben. In seinem Inneren fühlte er sich getragen durch seine Familie und wurde in seinem Selbstwertgefühl gestärkt. Er spürte aber auch, dass die Bindung an die (katholische) Kirche für ihn seine Berufung sei, und er diesen Weg auch unter Schwierigkeiten unbedingt weitergehen müsse.
Bereits Anfang 1763 unternahm Clemens Wenzeslaus einen neuen Versuch und kandidierte für den vakant gewordenen Lütticher Bischofsstuhl. Das Fürstbistum Lüttich war durch die Gegenreformation rekatholisiert worden. Allerdings hatte der verstorbene Lütticher Kardinalfürstbischof Karl Theodor (Anm.:76), der letzte Sohn des Bayerischen Kurfürsten Max Emanuel, durch seinen unsoliden Lebenswandel die Wittelsbacher und die ganze Katholische Kirche in Deutschland in Verruf gebracht. Aber wegen Stimmengleichheit bei der Wahl durch das Lütticher Domkapitel fiel das Besetzungsrecht an den Papst Clemens XIII. und dieser entschied sich für den Gegenkandidaten. Doch bevor die Entscheidung des Päpstlichen Breve eintraf, öffnete sich bereits eine andere Tür, da die Fürstbistümer Freising und Regensburg ebenfalls vakant wurden. „Freising zählte zu den kleinsten und unbedeutendsten deutschen Fürstbistümern obwohl der kirchliche Herrschaftsbereich des Bischofs fast dem Umfang der heutigen Diözese München entsprach.“ (Anm.:77) 180 Jahre hatten die bayerischen Wittelsbacher, die das Hochstift nur „unsere Pfarr“ nannten, in Freising regiert und waren dem bayerischen Kurfürsten voll ergeben. Der Kurfürst Max Joseph zog alle Register seiner Beziehungen, um seinen Schwager Clemens Wenzeslaus als Kandidaten zu empfehlen. Die Domherren des Freisinger Hochstiftes stimmten auch der Kandidatur von Clemens Wenzeslaus zu, empfahlen aber diesem, sich parallel um das Bistum Regensburg zu bewerben, da die Einkünfte des Freisinger Hochstiftes kaum ausreichten, um den Hof eines Königlichen Prinzen zu finanzieren. (Anm.:78) Auch bei den Domherren des Regensburger Kapitels zeigte sich Bereitschaft, ihre Stimmen für Clemens Wenzeslaus zu geben. Der Einfluss des königlichen Vaters, der Kaiserin und der Geschwister in München und Paris zeigte Wirkung und die positive Beurteilung durch die Nuntien in München und Wien sicherte die Päpstliche Zustimmung. Der Warschauer Nuntius Visconti hatte Clemens Wenzeslaus ein glänzendes Zeugnis über seine „Frömmigkeit und seine echt priesterliche Gesinnung“ ausgestellt und ihm schon vor einiger Zeit bescheinigt, er wollte „im Unterschied zu der Praxis geistlicher Fürsten die Tonsur und die Niederen Weihen empfangen.“ (Anm.:79) In Freising wurden nun ganz schnell Fakten geschaffen. Mitte Februar 1763 teilte Clemens Wenzeslaus vom Krankenlager in München dem Freisinger Domkapitel mit, dass er die Kandidatur annehme und ein Päpstliches Breve über seine Wählbarkeit für Freising und Lüttich vorläge. So wählte das Freisinger Domkapitel am 18. April 1763 einstimmig mit allen 14 Stimmen Clemens Wenzeslaus zum Fürstbischof von Freising. Bereits um sieben Uhr morgens waren die Stadttore geschlossen und die Bürger aufgerufen worden, sich auf dem Domplatz zu versammeln. Nach dem Hochamt fand die geheime Wahl im Kapitelsaal statt, anschließend verkündete der Notar Indobler, begleitet von den Äbten von Ettal und Weihensstephan, im Dom das Wahlergebnis und alle sangen das Tedeum. (Anm.:80) Doch wie unsicher und schwankend Clemens Wenzeslaus in seinen Entscheidungen war, zeigte sich nun bei seiner erneuten Bewerbung und zwar diesmal um Augsburg. Zu dem Augsburger Fürstbischof Joseph hatte Clemens Wenzeslaus eine persönliche Beziehung. So lag dem ziemlich kranken Fürstbischof nahe, Clemens Wenzeslaus zu seinem Nachfolger aufzubauen. Der Weg dazu war die Ernennung zum Koadjutor mit Nachfolgerecht. Obwohl die Würfel für die Kombination Freising / Regensburg gefallen waren und die Bewerbung für das Bistum Lüttich keinesfalls aussichtslos war, ließ sich Clemens Wenzeslaus durch den Augsburger Fürstbischof Joseph beeinflussen, dessen Nachfolge anzustreben und dann eventuell auf Regensburg zu verzichten. (Anm.:81 Obwohl der bayerische Kurfürst Max Joseph erhebliche Bedenken hatte, ob der Clemens Wenzeslaus mit seinen 24 Jahren dieser Aufgabenbreite gewachsen sei, setzte sich Clemens Wenzeslaus durch. Zum Bistum Augsburg gehörte als Landesherrschaft das Hochstift Augsburg, das sich wie ein Schlauch südlich von der Freien Reichsstadt Augsburg bis zur Tiroler Grenze erstreckte und etwa 100.000 „Landeskinder“ hatte. Bereits im 15. Jahrhundert war die Hauptresidenz des Hochstiftes nach Dillingen verlegt und hier 1549 eine Universität gegründet worden, die unter Leitung der Jesuiten zum Zentrum der Gegenreformation wurde. Das wesentlich größere Bistum umfasste neben dem Hochstift zusätzlich bayerisches, österreichisches und württembergisches Gebiet, weshalb der Augsburger Bischof sein Amt nur in vertrauensvoller Zusammenarbeit mit den Wittelsbachern (München) und den Habsburgern (Wien) ausüben konnte. In fünf Städten standen dem Augsburger Bischof attraktive Bischofshöfe zur Verfügung.

Noch vor der Wahl in Freising ging Anfang April 1763 ein Päpstliches Breve ein, in dem Papst Clemens XIII grundsätzlich zustimmte, dass Clemens Wenzeslaus sich als Koadjutor des Augsburger Fürstbischofs bewerbe. Das Breve machte aber den Vorbehalt, dass Clemens Wenzeslaus langfristig neben Augsburg nur ein weiteres Bistum besetzen dürfe. In dieser ziemlich verworrenen Situation zeigte sich Clemens Wenzeslaus weiterhin unsicher und unentschlossen. Da in Lüttich die Bischofswahl noch nicht entschieden war, wollte er Zeit gewinnen und bat den Papst um Verlängerung der dreimonatigen Entscheidungsfrist. (Anm.:82) Die päpstliche Sondergenehmigung wurde gegeben, doch die Regensburger Domherren übten Druck aus und wählten am 24. April 1963 mit Stimmenmehrheit Clemens Wenzeslaus zum Fürstbischof von Regensburg.
Clemens Wenzeslaus war unterdessen in finanzielle Schwierigkeiten gekommen, denn das Leben in Lüttich war teuer und seit Februar hatte er vom Sächsischen Hof keine Zahlung mehr erhalten. Die beiden Schwestern, die Kurfürstin in München und die Dauphine in Paris, sahen sich nicht imstande, ihren Bruder weiter zu unterstützen. Auch von dem Freisinger Domherrn Franz von Hornstein, den das Domkapitel als Berater nach Lüttich geschickt hatte, war keine finanzielle Hilfe zu erwarten, zumal Clemens Wenzeslaus zu diesem ein gespanntes Verhältnis hatte, da er die Reise nach Freising ständig hinausschob. Nach einer eindringlichen Ermahnung des Bayerischen Kurfürsten Max Joseph verließ Clemens Wenzeslaus – überstürzt und ohne Gepäck – Lüttich in der Morgenfrühe des 28. August und fuhr nach Freising, um von dem Fürstbistum Besitz zu ergreifen. (Anm.:83) In Freising bekam Clemens Wenzeslaus wegen seiner Jugend einen Koadministrator an die Seite und wurde am 12. September 1763 inthronisiert. Nun strebte Clemens Wenzeslaus als erstes die Priesterweihe an. Am 21. September 1763 empfing er in Freising durch den Weihbischof Werdenstein die Niederen Weihen und die Subdiakonatsweihe. Am 5. Oktober 1763 starb sein Vater und zwei Monate später sein Bruder Friedrich Christian. Clemens Wenzeslaus nahm sich jetzt Zeit für theologische Studien und führte ein ziemlich zurückgezogenes Leben. Mitte April 1764 unterzog er sich den achttägigen Exerzitien. Da Kaiser Franz in Straubing weilte, unterbrach er die Vorbereitungen auf die Priesterweihe und reiste mit dem bayerischen Kurfürsten nach Straubing, um ihn um Unterstützung der Augsburger Pläne zu gewinnen. Sowohl die hartnäckigen Bemühungen um den Bischofssitz von Lüttich wie jetzt um die der Augsburger Koadjutorie (die ja später zum Bistumsbesitz geführt hätte) hatten den Hintergrund, für Clemens Wenzeslaus und seinen Hof ein gesichertes Einkommen zu gewinnen. Frömmigkeit und irdische Ziele waren keineswegs ein Gegensatz.  Anschließend wurde Clemens Wenzeslaus in München durch den Augsburger Fürstbischof Franz Joseph zum Priester geweiht und feierte am 1. Mai 1764 in der Münchener Jesuitenkirche seine Primiz. Der ganze kurfürstliche Hof war anwesend und viele Menschen hatten sich außerhalb der Kirche versammelt. (Anm.:84).

Primizbild von Clemens Wenzeslaus. Quelle: Wikimedia.

Im Juni 1764 erfolgte die Amtseinführung als Bischof von Regensburg. Dies motivierte die 40 Herren des Augsburger Domkapitels die Wahl von Clemens Wenzeslaus zum Koadjutor des Fürstbischofs von Augsburg am 5. November 1764 durchzuziehen. Die feierlich gestaltete Wahl wurde wie eine Bischofsweihe gestaltet. Um 7 Uhr begann der Wahlakt mit der Messe De Spiritu Sancto und dem Hymnus Veni Creator. Anschließend erfolgte der eigentliche Wahlakt im Kapitelsaal. In Abwesenheit wurde Clemens Wenzeslaus zum Koadjutor des Fürstbistums Augsburg gewählt. Erst nach vier Jahren – nach dem Tode des Bischofs Joseph und bereits zum Kurfürsten von Trier gewählt – übernahm Clemens Wenzeslaus allerdings die geistliche und weltliche Leitung des Hochstiftes Augsburg.

Die ersten größeren Amtshandlungen von Clemens Wenzeslaus wurden die Hochzeiten von Kaiser Joseph II. mit Marie Josepha von Bayern und des Kronprinzen Leopold mit der spanischen Infantin Marie Luise. Bei den Gesprächen nach der Trauung sagten Kaiser und Kaiserin Clemens Wenzeslaus zu, ihn bei seinen Bewerbungen zu unterstützen. Clemens Wenzeslaus war in dieser Zeit ständig unterwegs. Kraus bemerkt zu Recht: „Man sieht nicht, wie der Prinz Zeit gefunden habe, sich auf seine geistlichen Obliegenheiten vorzubereiten: er ist um jene Zeit fortwährend auf Reisen und Besuchen an den verwandten Höfen zu Wien, Paris, München, Dresden.“ (Anm.:85) Dies dürfte auch der Grund sein, warum Clemens Wenzeslaus keinen akademischen Grad erringen konnte und deshalb vor seiner Ernennung für den Bischofsstuhl Freising eine Dispens „super defectu gradus doctoratus ac Presbyteratus“ (Anm.:86) vom Wiener Nuntius einholen musste. Allerdings bescheinigten ihm später seine Mitarbeiter „gründliche Kenntnisse in der Moraltheologie und im Kanonischen Recht.“ (Anm.:87) Am 10. August 1766 erfolgte die Bischofsweihe in Freising. Damit war die klerikale Integration in die katholische Hierarchie vollzogen. Über die Bischofsweihe in Freising gibt es einen Augenzeugenbericht des Freisinger Hofkavaliers Ferdinand Wilhelm Freiherr von Bugniet des Croisettes vom 10. August 1766. (Anm.:88) Der Bericht beginnt mit Lobpreisungen auf das Ereignis mit blumenreichen Worten: „Hat Freysing nicht Ursach genug, mit seinem gnädigsten Lands-Herrn Groß zuthun, die Empfindungen seiner ausserordentlichen Freude zu äusseren, und sich vor vielen anderen Länderns vollkommen glückseelig zu schätzen. Ein sicheres Zeugniß seiner zärtlichsten Freude legte Freysing den 10.ten August-Monat ab; ein seltener Jubel, und Frohlocken hat die ganze Stadt belebet, da selber das Beneydenswürdige Glücke wiederfahren, so viele höchste Gäste in ihren Mauren zu bewürden, welche der feyerlichsten Weyhung St. Königl. Hoheit unsers gnädigsten Herrn beyzuwohnen, und diese heilige und höchst ansehnliche Handlung mit der höchsten Gegenwart noch ansehnlicher zu machen gnädigst ruheten.“ Der Freiherr berichtet dann, dass Clemens Wenceslaus bereits am 2. August in Altötting „das Heil. Meß-Opfer verrichtet“ habe und am nächsten Tag in Freysing eintraf. Am 8. August versammelte sich das Freisinger Domkapitel, um den neuen Domdechanten zu wählen. Anschließend informierten die beiden Domherren Baron Egher und Graf Trauner „Ihro Königl. Hoheit“ über die Wahl und erfuhren dero „gnädigste Zufriedenheit“ und „darzu Dero Höchste Begnehmigung“. Zu gleicher Zeit wurden zwei Regensburger Domherren zu Clemens Wenzeslaus begleitet, um die Glückwünsche des Regensburger Domkapitels zu überbringen. Durch den Stadtpfleger wurde die „gesammte Burgerschaft zu Pferdt; und zu Fuß aufgezogen, und wurde die Cavallerie außerhalb dem Zollhaus auf denen Aengerns vor dem Münchner-Thor postiret“, um den Augsburger Bischof Joseph zu begrüßen. „Die auf dem Platz mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel paradirende Infanterie machte drey Salve.“ Nach einem Essen begaben sich Bischof Joseph und Clemens Wenzeslaus in die Hochfürstliche Residenz, die eigens neu möbliert worden war. Dann begaben „sich beed gnädigsten Herren zu Ruhe.“ Am Morgen des 9. August 1766, es war ein Samstag, empfing Clemens Wenzeslaus die Abordnungen der Domkapitel von Freising und Regensburg. Danach holte er Bischof Joseph ab, zeigte diesem Dom und Domschatzkammer, und speiste mit ihm zu Mittag. Für Nachmittag sollte für Freising nochmals „eine Glücks-Sonne aufgehen“, denn „das Durchlauchtigste Chur-Haus Bayrn“ war angekündigt. Zur würdigen Begrüßung wurde diesmal die gesamte Bürgerschaft durch ein „Cavallerie-Corps mit Trompeten, Paucken und Estandardt von einem Rittmeister geführet“. „Bis zu der Ankunft der Chur-Bayrischen höchsten Herrschaften wurde in den Zimmeren Ihro Hochfürstl. Durchlaucht Bischoffen von Augspurg gespielet.“ Gegen 7 Uhr abends wird der Bayerische Kurfürst mit seiner Begleitung von einer Abordnung an der Grenze begrüßt, in die Stadt geführt und mit 50 Kanonenschüssen der aufgestellten Kavallerie und drei Salven der Bürgerwehr empfangen. Nach einer ersten Begegnung mit allen angereisten Gästen war die Abendtafel hergerichtet.

Am nächsten Tag, es war Sonntag, der 10. August 1766, zog Clemens Wenzeslaus um 9 Uhr mit den Konsekratoren, Bischof Joseph und zwei Weihbischöfen, in feierlicher Prozession durch ein langes Spalier zum Dom. Hier standen die Domkapitel von Freising und Augsburg zum Empfang bereit. Clemens Wenzeslaus wurde Weihwasser zur Bekreuzigung gereicht und mit einem Tragekreuz wurde die Weiheprozession zum Tabernakel geführt und von hier aus zum Altar. Nun verlas der Notar Erdmann die Päpstlichen Dokumente: In einer Bulle hatte Papst Clemens XIII. die Wahl des neu gewählten Bischofs Clemens Wenzeslaus bestätigt und in der „Dispensatione aetatis“ vom eigentlich erforderlichen Mindestalter dispensiert. Dann begann das Hochamt. Die Kurfürstlichen Durchlauchten aus München hatten auf den beiden Fürstenemporen Platz genommen und wohnten der dreistündigen Zeremonie bei. „Was vor Freuden-volle Thränen bey dieser Handlung vergossen worden, ist nicht zu beschreiben, besonders da Beed diese Hohe Priester das Heil. Abendmahl samt dem Heil. Blut getheilet, der neu Consecrierte Bischof nach vollendten Hoch-Amt den Bischöflichen Segen allen anwesenden in Herabtretung von dem Hoch-Altar in der ganzen Kirchen herumgehend, und auf der Evangelii-Seiten zurückkomend auf mildseeligste Weis ertheilet. Unter angestimt-Ambrosianischen Lob-Gesang wurden von der Burgerlichen Infanterie drey Salve mehrmalen gegeben, nach jed-welchen 20. Kanonen-Schüße abgelöset wurden.“ Nach den Glückwünschen im Bischöflichen Apartment begann um 2 Uhr das Mittagmahl „mit Paucken und Trompeten“. Die Chronik benennt eine große Tafel in Form eines Hufeisens mit 120 Plätzen, einen Speisesaal mit 35 Plätzen und außerdem 6 andere Tafeln für „die übrige Gäste und Hofstaat“. Nach einem Coffée zog die ganze Festgesellschaft in den Hofgarten zur Aufführung der Kantate „Frohlockende Religion“ des Sächsischen Kapellmeisters Andreas von Camerlocher. Nach der Aufführung zog eine ausgewählte Festgesellschaft durch die illuminierte Stadt in die Hochfürstliche Residenz zum Dinner. Am nächsten Tag gab es eine Kammermusik. Nach dem Mittagessen für 85 Gäste zog die Festgesellschaft über die Isar zu einer Hetzjagd. Von dem zweistöckigen Jagdstand aus wurden 68 Hirsche und 31 Stück anderes Wild erlegt. Anschließend konnten sich die Gäste bis zum Dinner an Spieltischen amüsieren. Anschließend erlebte man von den Fenstern aus ein Serenadenkonzert auf dem Vorplatz. Die Festlichkeit wurde am Dienstag mit der Aufführung der Lateinischen Oper MAGNUM AARONIS SACERDOTIUM im Hof des Lyzeums der Benediktiner beendet. „Nachdeme hierauf das Mittagmahl eingenohmen worden, so reiseten die Höchste Herrschaften unter Abfeurung der Kanonen nach zärtlichst genohmenden Abschied, und bezeigt vollkommenster Zufriedenheit über Dero Aufenthalt allhier, dann die Ausnehmende Sorgfalt Sr. Königl. Hoheit Dieselbe auf das Beste zu bewürthen, nachher Nymphenburg ab.“ Den Abend nutzten Clemens Wenzeslaus und Bischof Joseph zu einem Spiel. Am Mittwoch früh las Bischof Joseph in seinem Zimmer die Heilige Messe, wie er es auch sonst immer hielt, und reiste gegen 14 Uhr mit seinem Gefolge ab. Die nächsten beiden Tage waren gefüllt mit Begegnungen mit den unterschiedlichen Organen des Bistums. Der Bericht schließt: „Allein wer sollte einen Lieb-vollist-Gnädigsten Fürsten und Herrn zu Verherrlichung einer solchen Begängnuß nicht alle Kräfte wiedmen, deme der Himmel selbst mit denen schönsten Tägen zu seinen Vergnügen beygestanden, damit alles erreichen konnte einen in unsern Herzen niemals vergeßlichen Anfang, und in best und schönster Ordnung, mit getröster Zufriedenheit erhaltenes Ende.“ Der Augenzeugenbericht des Freisinger Hofcavaliers über die Bischofsweihe von Clemens Wenzeslaus zeigt sehr anschaulich, wie sehr dieser ständig mit der „strukturellen Schizophrenie“ von persönlicher Frömmigkeit und gesellschaftlich garantierter Privilegienexistenz zu kämpfen hatte. Auf der einen Seite wollte er ein frommer Mann der katholischen Kirche sein und bescheiden priesterlich leben, auf der anderen Seite war er als Königliche Hoheit in das Netz von politischen Machtinteressen und Privilegien unauslösbar eingebunden.
Unterdessen hatte sich der Gesundheitszustand des Trierer Kurfürsten Johann Philipp von Walderdorff radikal verschlechtert. Deshalb beschleunigte sich im Kurfürstentum Trier die Suche um einen Koadjutor mit Nachfolgerecht, um beim Tod des Kurfürsten einen reibungslosen Übergang zu ermöglichen. Es gab drei aussichtsreiche Kandidaten. (Anm.:89) An der ersten Stelle stand der Domdechant Franz Karl Boos, Günstling des Kurfürsten und wohl der mächtigste Mann im Kurfürstentum. Aber Boos hatte einen „Flecken am Kleid“: er lebte in der Ehrenbreitsteiner Dechanei mit einer Konkubine zusammen und hatte mit dieser 7 Kinder. Boos war gefürchtet und geldgierig. Im Vatikan und am Wiener Hof sprach man vom „Ungeheuer in Ehrenbreitstein“.
Der zweite Kandidat war der Trierer Dompropst Karl Ernst von Breidbach – Bürresheim. Er hatte die Unterstützung seines Bruders, des Mainzer Kurfürsten, und war in den vatikanischen Kreisen beliebt. Aber seine herrische Art und seine Ablehnung des Kaiserhauses sprachen auch gegen ihn.
Der dritte Kandidat war Clemens Wenzeslaus als einer „extra gremium“ – also von außerhalb. Da verzichtete Boos – wohl aus taktischen Gründen – auf seine Kandidatur und stellte sich hinter die Bewerbung von Clemens Wenzeslaus. Er will für ihn die Mehrheit der Stimmen im Domkapitel sichern, verlangte aber als Preis seine eigene Absicherung. Boos gelang es tatsächlich von dem zeitweilig im Koma liegenden Kurfürsten Walderdorff die Zustimmung zu seinem Plan zu erhalten. Dann reiste er sofort nach Freising, um mit Clemens Wenzeslaus die Wahlkapitulation, d.h. den Vertrag zwischen dem Domkapitel und dem Kandidaten, abzustimmen. Danach sollte Clemens Wenzeslaus die Privatschulden des Kurfürsten in Höhe von 100.000 Gulden übernehmen, sich beim französischen König Ludwig XV. für die Zahlung der ausstehenden Kriegsentschädigungen einsetzen, jedem Domkapitular 12.000 Gulden zahlen, der Familie und Hofhaltung des Kurfürsten Straffreiheit zusichern und die Personalentscheidungen des Domkapitels während der Vakanz nachträglich billigen. Außerdem musste Clemens Wenzeslaus zusichern, erst nach dem Tod des Kurfürsten oder wenn dieser ihn (wider Erwarten) zur Mitarbeit rufe, in das Kurfürstentum zu kommen. Als Gegenleistung sicherte Boos die einstimmige Wahl zum Koadjutor mit Nachfolgerecht durch das gesamte Domkapitel zu.
Aufgrund der politischen Großwetterlage (Seeblockade Englands) und der bürgerkriegsähnlichen Unruhen im Kurfürstentum (Studentenrevolte), gab es zwar noch erhebliche Widerstände gegen Clemens Wenzeslaus, doch nach Eingang eines päpstlichen Breve, galt seine Wahl durch das Trierer Domkapitel als gesichert und sollte am 19. Januar 1768 stattfinden. Doch am 10. Januar starb der Kurfürst Johann Philipp von Walderdorff und wurde im Trierer Dom beigesetzt. Statt der Wahl eines Koadjutors stand nun die Wahl des neuen Kurfürsten an. Die Empfehlung der Kaiserin Maria Theresia und neue Zusicherungen an das Domkapitel gab den Ausschlag für Clemens Wenzeslaus als neuer Kurfürst von Trier. Durch päpstliches Breve wurde außerdem gesichert, dass dieser Freising und Regensburg bis zur Übernahme des Bistums Augsburg beibehalten durfte. Am 10. Februar 1768 wurde Clemens Wenzeslaus nach einer Messe mit Weihbischof Hontheim vom Trierer Domkapitel einstimmig per Akklamation gewählt. Der Domdekan nahm in seinem Namen die Wahl an. Als Kurfürst von Trier schloss Clemens Wenzeslaus seine Karriere durch einen weiteren erfolgreichen Pfründenhandel ab: Der Fürstpropst von Ellwangen, Anton Ignaz von Fugger, vermittelte dem 13jährigen kaiserlichen Prinzen Maximilian Anton, Sohn von Kaiser Franz und seiner Gemahlin Maria Theresia, die Mitgliedschaft im Kölner Domkapitel und damit die Voraussetzung für seine spätere Wahl zum Kölner Kurfürsten. Dafür setzte sich Clemens Wenzeslaus dafür ein, dass der Fürstpropst seine Nachfolge als Bischof von Regensburg antreten konnte. Als Abschluss dieses „Wettiner Kuhhandels“ wurde Clemens Wenzeslaus Koadjutor von Ellwangen und später dessen Fürstpropst. (Anm.:90) Damit war er einer der einflussreichsten Hierarchen der Katholischen Reichskirche.

Das Wappen von Clemens Wenzeslaus. Quelle: wikimedia.

Anmerkungen
66 Raab, Bischof und Fürst (1989) 319; vgl. ders. Art. Geistlichkeit, in: Lexikon zum aufgeklärten Absolutismus in Europa (2005).
67 Das Päpstliche Besetzungsrecht war durch den Westfälischen Frieden außer Kraft gesetzt worden; ebd. 325.
68 Die vier Sitzungen des Konzils fanden zwischen 1545 und 1564 statt.
69 In der Regel durch einen Nuntius bzw. dessen Delegaten ausgesprochn.
70 Aministrator für die staatlichen und kirchlichen Belange. Vgl. Raab Bischof und Fürst (1989), 329.
71 So sein Alter, das Fehlen der theologischen Ausbildung und der höheren Weihen.
72 Marx gibt den 17. Mai als Datum an.
73 Gleichzeitig Fürstbischof von Münster, Hildesheim, Paderborn und Osnabrück. Vgl. Raab, Clemens Wenzeslaus (1962), 129.
74 —1758 hatten die Landstände des Herzogtums Kurland den Bruder von Clemens Wenzeslaus, den Sachsenprinzen Karl, zum Herzog gewählt. Als Entschädigung für annektierte Gebiete wollte Russland dem gewählten Herzog die säkularisierten Hochstifte Paderborn und Hildesheim anbieten. Dieser Länderschacher wurde aber vom Sächsischen Kurfürsten Friedrich August II. in seiner Eigenschaft als polnischer König vereitelt. So zerschlugen sich alle Hoffnungen für Clemens Wenzeslaus.
75 Im Abkommen von Engers verzichtete der Trierer Kurfürst gegen beträchtliche Geldzahlungen und Rechte auf seine Kandidatur. Vgl. Raab, Clemens Wenzeslaus (1962), 174.
76 Der gleichzeitig Bischof von Regensburg und Freising war.
77 Raab, Clemens Wenzeslaus (1962), 184.
78 So beschreibt es Clemens Wenzeslaus in einem Brief an seinen Bruder Friedrich Christian; vgl. Raab, Clemens Wenzeslaus (1762), 190.
79 Ebd. 158.
80 Vgl.ebd. 194
81 Die päpstlichen Dispensen erlaubten mittlerweile in der Regel nur die Besitznahme von 2 Bistümern.
82 Wenn die im Breve genannte Besetzungsfrist nicht eingehalten wurde, konnte die Entscheidung an den Papst zurückfallen.
83 Vgl. ebd. 239f.
84 Vgl. Wächter, Degen und Krummstab (1978),128ff.
85 Vgl. Kraus, ADB (1876),
86 Raab, Bischof und Fürst (1989); >Dispens wegen fehlendem Doktorgrad und fehlender Priesterweihe.
87 Ebd. 329
88 Heim Manfred, Die Bischofsweihe (2003). Der Bericht ist in der Sprache der barockenen Hofsprache verfasst. Deshalb wird hier der Originalbuchtitel wieder gegeben. „Beschreibung derer Bey vorgewest- unterm 10.ten August des Ein Tausend Siebenhundert Sechs- und Sechzigsten Jahrs Vollzogene Consecration Des Hochwürdigst-Durchlauchtigen Fürsten und Herrn Clementis Wenceslai Bischoffen zu Freysing und Regenspurg, Dann Koadjutoris zu Augspurg, Königl. Prinzen in Pohlen, und Lithauen, Herzogen zu Sachsen, Jülich, Cleve, Bergen, Engern und Westphalen, Landgrafen in Thüringen, Marggrafen zu Meißen, dann der Ober- und Niedern-Laußniz, des Heil.Röm. Reichs Fürsten, gefürsteten Grafen zu Henneberg, Grafen zu der Mark, Ravensperg, Barby und Hanau, Herrn zu Rabenstein etc.etc. Vorangegangenen Feyerlichkeiten. Verfaßt Von einem in tieffster Ehrforcht treu gehorsamsten Diener, Zu Freysing, Im offentlichen Druck gegeben bey Philipp Ludwig Böck, Hochfürstlich Bischöflichen Hof- und Lyceischen Buchdrucker.“
89 Vgl. Raab, Clemens Wenzeslaus (1962), 263ff
90 Raab, Bischof und Fürst (1989); 326.

III. Seine Eminenz

1. Erzstift und Erzbistum Trier
Bischof und Landesherr
Erzbistum und Kurfürstentum Trier um 1600.

Clemens Wenzeslaus als Kurfürst. Quelle: Wikimedia.

Als geistlicher Kurfürst kam Clemens Wenzeslaus in eine doppelte Funktion: als Kurfürst wurde er Landesherr des Erzstiftes Trier und als Erzbischof oberster Geistlicher des Bistums. Außerdem waren mit dieser Doppelfunktion andere Aufgaben verbunden; als einer der sieben deutschen Kurfürsten hatte er das Wahlrecht für den deutschen König, als Erzbischof war er zuständig für die Suffraganbistümer Metz, Toul und Verdun. Die beiden Gewalten Kurfürst und Erzbischof waren nicht deckungsgleich, denn das Erzstift war wesentlich kleiner als das Erzbistum und in den protestantischen Gebieten sowie in den vielen Kleinherrschaften hatte der Kurfürst keine Macht oder nur sehr eingeschränkt, oft war auch der Grenzverlauf unregelmäßig und unklar. Das Erzbistum Trier umfasste auch die französischen und einige Landesherrschaften auf der rechten Rheinseite. Die kirchliche Leitung der Erzdiözese lag deshalb weitgehend in der Hand der Weihbischöfe.
Nach einer Zählung von 1789 umfasste das Kurfürstentum Trier 217 762 Einwohner und sein Territorium 5404 Quadratkilometer, dies entsprach einer Bevölkerungsdichte von 40,3 Einwohner pro Quadratkilometer. (Anm.:91) Die Verwaltung des Kurfürstentums war zweigeteilt in das Oberstift (Trier) und das Niederstift (Koblenz). 1672 hatte Kurfürst Johann Hugo von Orsbeck die gesamte kurfürstliche Verwaltung nach Ehrenbreitstein verlegt, die unter Kurfürst Franz Georg Schönborn mit Dikasterialgebäude, Marstall und Hafen repräsentative Gebäude erhielt. Das Domkapitel des Kurfürstentums bestand aus 40 Domherren, die ausschließlich adliger Herkunft waren.
Auch das Trierer Domkapitel war eine autonome Körperschaft eigenen Rechts, von Steuern und Abgaben befreit und hatte das Recht der freien Zuwahl neuer Mitglieder. An der Spitze standen der Dompropst und der Domdechant. Der Domdechant war gleichzeitig der Vertreter des Kurfürsten in der Kommunalverwaltung der Stadt Trier. Für die Bewilligung von Steuern des Kurfürstentums waren seit 1501 die Landstände zuständig, die in die geistliche Kurie (Klerus) und weltliche Kurie (Städte) gegliedert waren. Als Landesherr hatte der Kurfürst den Hofrat an seiner Seite, der für die Vorbereitung von Gesetzen und Erlassen, für Justiz, Polizei und Sozialwesen zuständig war, und die Aussicht über alle Verwaltungen im Kurfürstentum führte. 1768 schuf Clemens Wenzeslaus eine übergeordnete Behörde, die Geheime Staatskonferenz, die in vier Departements gegliedert war und als Regierungskabinett unter dem Vorsitz des Kurfürsten die gesamte Verwaltung des Kurfürstentums koordinierte. (Anm.:92)

Erzstift und Kurfürstentum.

Der Erzbischof war oberster Geistlicher des Trierer Bistums : Nach einer Statistik von 1788 – 93 hatte das Bistum Trier 540 Pfarreien mit 340.112 Katholiken und 1667 Geistlichen. Da der Andrang auf Klerikerstellen sehr groß war, wurde seit dem Trienter Konzil nur geweiht, der über einen so genannten „Weihetitel“ – also eine materiell abgesicherte Pfründe verfügte. Weil in den Archiven nur die Namen der adligen Kleriker festgehalten wurden, ist ein Überblick über die tatsächliche Zusammensetzung des Klerus nicht möglich. Es gab zwei unterschiedliche Wege zur Priesterweihe.
a) Für Mitglieder des Adels gab es zur Vorbereitung den Besuch eines tridentinischen Seminars und dann die Absolvierung eines Universitätsstudiums. Für den Hohen Adel gab es außerdem die Möglichkeit des Studiums in Rom (Germanicum).
b) Für die Masse der Kleriker führte der Weg über ein langjähriges Praktikum bei einem amtierenden Geistlichen.
Die Priesterweihe erfolgte durch einen Bischof in den Hofkapellen oder in einer anderen größeren Kirche. In der Regel folgte dann die Primiz, das „erste Lesen der heiligen Messe“, je nach sozialer Stellung mit unterschiedlichem Aufwand. In der Regel konnten nur Mitglieder des Adels die gut dotierten Pfarreien besetzen. Die anderen Priester hatten entweder eine finanziell abgesicherte Kaplansstelle oder dienten als „Magister in spiritualibus“ für Kost und Logis bei einem Pfarrer. Um überleben zu können, arbeiteten diese Hilfspriester oft als Schulmeister oder Küster – manche lebenslang. Im Alter verarmten diese Priester oft, besonders wenn sie nicht mehr lesen konnten und so die Messstipendien wegfielen. (Anm.:93) Die Einführung eines Pfarrers war regional durch die Tradition geregelt. Allgemein erfolgte sie aber in Form einer Besitzergreifung: der neue Pfarrer wurde in die Kirche geleitet, leistete hier vor einem Notar und vor Zeugen den Treueeid, berührte nacheinander Altar, Taufstein, Beichtstuhl und die Hostien im Tabernakel, zum Abschluss setzte er sich das Birett auf und erhielt die Schlüssel des Pfarrhauses. Dann las er die erste Messe als Pfarrer.
Seit dem dreißigjährigen Krieg waren viele Pfarrhäuser zerstört oder im desolaten Zustand. In diesem Fall mussten die Geistlichen irgendwo zur Miete wohnen. Dies änderte sich erst im 18. Jahrhundert, nun wurden auch in den Städten z.T. luxuriöse Pfarrhäuser gebaut. Die Einkünfte des Pfarrers kamen aus dem kleinen Zehnt (Naturalabgaben), dem Wittum (pfarreigene Felder) und den Stolgebühren (Abgaben bei Kulthandlungen). Noch im 16. Jahrhundert gab es unter den Geistlichen viele Konkubinarier. Dies änderte sich erst unter dem Kurfürsten Hugo von Orsbeck, der am 24. April 1690 allen Geistlichen verbot, „in ihren Haushaltungen Frauenzimmer, welche im Verdacht eines unzüchtigen Lebens stehen, aufzunehmen.“ (Anm.:94) Aber die Einhaltung des Zölibats blieb ein Dauerthema. Geldstrafen, Priestergefängnis oder sogar die Suspension (Amtsenthebung) wurden angedroht bzw. auferlegt. Die Gläubigen wurden regelmäßig zur Denunziation ermahnt. 1759 beschwerte sich Papst Clemens XIII. bei Kurfürsten von Walderdorff, dass nicht wenige Kanoniker mit Frauen leben würden und sie sogar aus dieser Beziehung Kinder hätten. Der Kurfürst ließ dieses Schreiben vor dem Domkapitel verlesen, wies aber den Vorwurf als Verleumdung zurück. (Anm.:95)
Das Trienter Konzil hatte für Geistliche eine eigene Kleidung vorgeschrieben. In der Regel war dies die schwarze Soutane, die in der katholischen Kirche den schwarzen Gelehrtenrock verdrängte, und ein weißer Kragen. 1678 erließ der Kurfürst von Orsbeck ein Dekret, in dem er unter Androhung schwerer Strafen vorschrieb, dass Geistliche Klerikalkleidung von schwarzer Farbe, kurzes Haar und eine anständige Tonsur tragen müssten. Auch auf Reisen müsse sich der Geistliche so kleiden, dass er von einem Laien deutlich zu unterscheiden sei. Aber auch hier gab es die Möglichkeit einer Dispens bis hin zum Tragen einer Perücke. (Anm.:96)
Zu der Vielschichtigkeit des Pfarrklerus kamen die Kollegiatsstifte (Anm.:97), die sich seit dem Mittelalter gebildet hatten. Die feste Zahl der Kanoniker war materiell gut ausgestattet und zum gemeinsamen Chorgebet verpflichtet. Im Bistum Trier gab es zu Beginn des 18. Jahrhunderts 18 Kollegiatsstifte, darunter St. Severus in Boppard, St. Marien in Kyllburg und St. Florin in Koblenz. Durch die Einbindung in die Seelsorge hatte das jeweilige Stiftskapitel eine Fülle von Aufgaben zu organisieren.
Zu den bischöflichen Aufgaben gehörte auch die Aufsicht über die Klöster, soweit sie nicht in den reformatorischen Gebieten bereits aufgelöst waren. Wegen der genossenschaftlich und die Ländergrenzen überschreitenden Organisation der traditionellen Klöster und den vielen päpstlichen Privilegien war es schon immer zu Spannungen zu den Bischöfen gekommen. Im 18. Jahrhundert bezog sich die Einflussnahme der Bischöfe besonders auf Anhebung des Bildungsstandes der Ordenspostulanten, Einbeziehung der Priestermönche in die Seelsorge und die Abschaffung von Missbräuchen wie Aufnahmegelder, körperlicher Züchtigung und Zölibatsverstößen. (Anm.:98)
Ein besonders schwieriges Problem wurde die Wahl eines neuen Abtes. Für die Prämonstratenserabtei Sayn war der Pater Abbas des Mutterklosters Steinfeld zuständig. Dieser nominierte einen Kandidaten, moderierte selbst oder durch einen Delegaten die Wahl und gab dem Neugewählten die Bestätigung. Danach wurde der Gewählte dem Erzbischof präsentiert und von diesem im Rahmen eines feierlichen Gottesdienstes geweiht (Benediktion). Der Geweihte war verpflichtet, seinem Erzbischof Ehrfurcht und Gehorsam zu versprechen und dieses Gelöbnis durch Unterschrift und Siegel zu bekräftigen.
Bereits der Sayner Graf Heinrich IV., der für die ganze Grafschaft den lutherischen Glauben einführte, versuchte 1592 die Abtswahl zu beeinflussen, um für die katholisch gebliebene Abtei wenigstens einen ihm genehmen Kandidaten durchzusetzen. Doch dem Kurfürsten Johann gelang es mit Hermann Kray einen ihm genehmen Kandidaten überstürzt wählen zu lassen, obwohl der Pater Abbas von Steinfeld seine Zustimmung zu Kandidat und Verfahren verweigerte. Da 1604, nach dem Tod von Graf Heinrich IV. von Sayn Kurtrier das diesem verliehene Lehen zurücknahm und Sayn damit wieder Teil des Trierer Erzstiftes wurde, gingen die Ansprüche der Kurfürsten auf die Abtswahl weiter. 1698 kam es zum offenen Konflikt, als Erzbischof Johann Hugo darauf bestand, zur Abtswahl einen bischöflichen Kommissar zu schicken und durch diesen die Wahl moderieren und die Bestätigung des Gewählten geben zu lassen. Dem gewählten Abt Colendal gelang es aber, die alten Rechte durchzusetzen. Die Abtswahl 1777 vollzog sich nach der alten Ordnung unter der Leitung der Äbte von Steinfeld und Rommersdorf. Nach der Wahl wurde der neue Abt Adolph Hirsch am 1. September 1777 um 12 Uhr dem Kurfürsten Clemens Wenzeslaus in Kärlich vorgestellt. Dieser zeigte sich von seiner besten Seite, bestätigte ohne Vorbehalt die Wahl und lud den neuen Abt zum Mittagessen ein. Am 20. September 1777 erfolgte in der Hofkapelle die Abtsweihe durch den Kurfürsten mit Assistenz der Äbte von Maria Laach und Rommersdorf die Abtsweihe.
„Nach der Feier suchte Abt Hirsch mit den beiden anderen Äbten das Antichambre Sr. Durchlaucht auf und baten um Audienz, die ihnen durch Vermittlung des Obristkämmerers auch gewährt wurde. Diese Gelegenheit benutzte der Geweihte zu einer sehr verbindlichen Dankansprache an den Kurfürsten, worauf dieser dem Abt Glück wünschte und sich in die Gebete des Sayner Konventes empfahl. Sodann folgte man einer Einladung zur kurfürstlichen Tafel und nahm beim Festmahl die Plätze nach Anweisung des Hofmarschalls ein, Abt Hirsch neben der bei Hofe weilenden Prinzessin Cunigunde. Nachdem die Tafel aufgehoben war, wurden die drei Prälaten mit der Hofkutsche zu ihren Quartieren geleitet. Hiermit nahm ein festlicher und für den Sayner Abt bedeutender Tag sein Ende.“ (Anm.:99) Aber bereits bei der nächsten Abtswahl 1789 war die alte innerklösterliche Ordnung aufgegeben. Der „Geist des Febronius“ hatte sich auch in der Sayner Abtei durchgesetzt. Ohne Widerstand der Mutterabtei wurde Kurfürst Clemens Wenzeslaus vom Konvent gebeten, die Wahl durch einen Bischöflichen Wahlkommissar zu moderieren. Damit war eine zweihundertjährige Auseinandersetzung zwischen der Mutterabtei Steinfeld und dem Trierer Kurfürsten zu dessen Gunsten beendet.
Das liturgische Leben der Trierischen Kirche (Anm.:100):
Die Antwort der katholischen Kirche auf die Reformation war ein vielstimmig. Neben der dogmatischen Bekräftigung der römischen Glaubenslehre kamen auch viele Erneuerungen der kirchlichen Praxis. Zwar wurde die lateinische Sprache beibehalten, da das Deutsche mittlerweile zu einem Kennzeichen der evangelischen Gottesdienste geworden war. Aber die aktivere Einbeziehung des Kirchenvolkes in die katholische Messe war ein deutliches Anliegen. Deshalb wurden die Priester zu Katechese und Predigt neu verpflichtet. Da das Konzil die Herausgabe neuer liturgischer Bücher nicht mehr leisten konnte, wurde diese Aufgabe an den Papst delegiert. Damit entstand eine Spannung zur traditionellen bischöflichen Zuständigkeit für die Gottesdienste. In rascher Folge erschienen in Rom eine Reihe päpstlich approbierter liturgischer Bücher: Das Römische Brevier, das Tridentinische Messbuch, das Römische Martyrologium, das Bischöfliche Zeremoniarbuch und als letztes das Römische Sakramentenbuch (Rituale Romanum). Die katholische Liturgie wurde nun zunehmend eine Kopie der Römischen Praxis. Alle Versuche, die alten regionalen Bistumstraditionen wieder zu beleben, scheiterten letztlich bis auf tolerierte Einzelstücke wie die Festtage für Ortsheilige. Die 1588 durch Papst Sixtus V. neu eingerichtete Ritenkongregation der römischen Kurie sollte diesen Prozess koordinieren und korrigieren.
Das gottesdienstliche Leben ist uns über das Trierer Provinzialkonzil von 1549, das für das Bistum Trier das Trienter Konzil beenden sollte, überliefert. Die Reform der katholischen Kirche wurde mittlerweile auch durch den Kaiser vorangetrieben. Das Provinzialkonzil hatte vor allem die großen Kirchen als Vorbilder im Blick. Stundengebet und Konventmesse wurden neu verpflichtet. Auch in den Zeiten von Ernte und Lese durften die Gottesdienste nicht unterbrochen werden. Die Privatmessen an den Nebenaltären wurden eingeschränkt. Die Priester sollten nicht während der Konventamtes in der Kirche herumlaufen und dabei ihr Brevier (im Gehen) beten. Ein fast unlösbares Problem war die gebannte Fixierung der Gläubigen auf die Elevation der Hostie bei der Wandlung. Hier gab es viele Missbräuche wie das Hostienlaufen (von Kirche zu Kirche laufen und immer bei der Wandlung dabei sein) oder das sofortige Verlassen der Kirche nach der Wandlung. Auf Schwierigkeiten stießen die Ermahnungen zur öfteren Kommunion. Die angemahnte viermalige Kommunion zu den Hochfesten bürgerten sich nur in wenigen Gemeinden ein. Dies hing auch mit der geforderten Beichte zusammen.
Die Sonntagsmesse wurde grundsätzlich als lateinisches Choralamt gefeiert. In den kleineren Gemeinden musste man sich behelfen, da eine Schola oder ein Chor nicht zur Verfügung stand. Hier musste oft der Küster einspringen oder die Texte wurden nur angesungen. — „Für die Mehrzahl der Anwesenden bestand die Teilnahme an der Messe im Schauen und Hören dessen, was der Priester am Altare tat und im Wechsel mit dem Küster bzw. den Ministranten und Choralsängern betete und sang. Den Gläubigen wurde gesagt, sie sollten während der Messe still für sich beten und das Leiden Christi betrachten…..Im Gang des Priesters zum Altar sah man den Gang Jesus zum Ölberg abgebildet. Die Erhebung der Hostie bei der Wandlung bedeutete Christi Erhöhung am Kreuz. Wenn der Priester gegen Ende des Kanons sich an die Brust schlug, fühlte man sich an den Hauptmann unter dem Kreuz erinnert. Der Abschlusssegen erinnerte an den Segen des Auferstandenen bei der Himmelfahrt.“ (Anm.:101)

Das Volk betete laut oder leise den Rosenkranz. Die Teilnahme des Volkes an der Messe bestand im Schauen und Hören, was der Priester am Altare tat.
Im Mittelpunkt der katholischen Eucharistiefrömmigkeit stand die Anbetung der Hostie. Während der Priesterkommunion wurde den Gläubigen empfohlen, — „geistlich sich mit Jesus zu vereinen“. Hier war der Grenzgraben auch zu den Lutheranern ganz scharf gezogen. Die verpflichtende Osterkommunion – verbunden mit der Beichte – wurde durch bischöfliches Dekret angeordnet und kontrolliert (Beichtzettel). Da das einfache Volk nicht lesen konnte, brauchte es auch keine Gebetbücher. Rosenkranz, Litaneien und Mariengebete waren der Grundstock für die persönliche Gottesdienstteilnahme. Das Trienter Konzil machte auch die Predigt in der Volkssprache verpflichtend. Nach der Predigt wurden oft die Erweckung von Glaube, Hoffnung und Liebe verlangt.
Da die katholische Kirche die Kindertaufe sofort nach der Geburt eines Kindes beibehielt, bezogen sich die nachtridentinischen Reformen auf die Beseitigung von Missständen. (Anm.:102) Während es den Herrscherhäusern erlaubt war, die Taufe in ihrer jeweiligen Privatkapelle vollziehen zu lassen, wurde den „normalen“ Gläubigen die Taufe in der zuständigen Pfarrkirche vorgeschrieben. Da es offensichtlich viele Versuche gab, dieses Gebot zu unterlaufen, drohte 1719 der Kurfürst Franz Ludwig von Pfalz- Neuburg den ungehorsamen Priestern mit der sofortigen Suspension. Im Mittelalter hatte der Missbrauch, die Zahl der Paten inflationär zu steigern, zugenommen. Dagegen anzugehen, sahen sich auch die reformatorischen Landesherrn in der Pflicht. Im Bistum Trier wurde die Begrenzung des Trienter Konzils auf höchstens zwei Paten übernommen. Relativ erfolglos waren die Bemühungen der Kurfürsten, auf den Dörfern die Zahl der begleitenden Nachbarsfrauen einzuschränken. 1784 erließ sogar der Kurfürst Clemens Wenzeslaus ein Dekret, das nur vier „Nachbarsweiber“ bei der Taufe in der Kirche und der anschließenden Feier zu Hause zuließ. Um die Heiligenverehrung bei der Tauffeier zu integrieren, musste dem getauften Kinde der Name eines Heiligen gegeben werden. Namenspatron und Namenstag wurden so zu einem typischen katholischen Unterscheidungsmerkmal gegenüber der Reformation. Unnachgiebig blieb die katholische Kirche im Verbot, ungetaufte totgeborene Kindern in geweihter Erde zu bestatten. Noch 1599 zählte der Kurfürst Lothar von Metternich einen Verstoß zu den schweren Strafdelikten.
In der katholischen Kirche blieb die Privatbeichte in einem Beichtstuhl bei einem geweihten Priester vorgeschrieben. Wenn die vorgeschriebene Osterbeichte außerhalb der eigenen Pfarrei geleistet wurde, war in der Regel der Nachweis durch einen Beichtzettel gefordert. Im Bistum Trier gab es noch bis zur Säkularisation den Brauch, dass die öffentliche Kirchenbuße verhängt wurde. An drei Sonntagen musste der Pönitent mit einer brennenden Kerze in der Hand vor dem Allerheiligsten knien oder an einem Marienwallfahrtsort beichten. (Anm.:103) Brautleute mussten vor der Hochzeit beichten und bei der Trauungsmesse zu Kommunion gehen.
Die Firmung wurde in der Regel durch die Weihbischöfe vollzogen, wenn sie zu einer beliebigen Gelegenheit anwesend waren. Das gläubige Volk hatte kaum Verständnis für den sakramentalen Sinn der Handlung. Dazu kamen magische Vorstellungen. Die gesalbte Stirn musste durch eine Binde vor unwürdigem Berühren geschützt werden. Erst durch die Aufklärung setzte sich die Firmvorbereitung durch. Es war ein Novum, als der Kurfürst Clemens Wenzeslaus am 14. April 1782 in Koblenz Liebfrauen selbst die Firmung spendete. Für die katechetische Vorbereitung der Firmlinge aus Koblenz und Umgebung hatte er vorher eine genaue Anweisung gegeben. Clemens Wenzeslaus schafft auch die Firmbinde ab und lässt statt dessen nach der Salbung, die Stirn des Firmlings durch einen Priester mit einem Wattebausch reinigen. (Anm.:104)
Eigentlich alle Trierer Kurfürsten mussten gegen die vielen Übertreibungen und Missbräuche im Bestattungswesen ankämpfen. 1777 erließ Clemens Wenzeslaus eine Ordnung gegen „eitele Ceremonien, Ueppigkeiten und verderbliche Verschwendungen bei Sterbefällen“ (Anm.:105) Allerdings wurden die vielen Beschränkungen vom Adel unter Berufung auf Traditionsregeln unterlaufen. Durchgesetzt haben sich aber u.a. das Verbot der Bestattung in Kirchen, die Anlage von Reihengräbern und die Durchführung von Familienfesten auf dem Friedhof. Unter Berufung auf die Volksgesundheit wurden neue Friedhöfe in der Regel außerhalb der Stadt angelegt und die Ossuarien (Beinhäuser) verboten.

Anmerkungen
91 Vgl. Laufner Richard, Die Aufklärung (1989).
92 Ebd.
93 Vgl. Persch Martin, Der Klerus des Erzbistums; in: Geschichte des Bistums Trier Bd. III, Kirchenreform und Konfessionsstaat, hg. Von Bernhard Schneider, Trier 2010.
94 Vgl. Persch Martin, Der Klerus des Erzbistums (2010), 220.
95 Vgl. Persch Martin, Der Klerus des Erzbistums (2010), 220. Ob sich die Rüge des papstes nur auf die Kapitulare des Domkapitels bezog oder aber auch die der Stiftskapitel, konnte nicht geklärt werden.
96 Vgl. Persch Martin, Der Klerus des Erzbistums (2010), 223.
97 Vgl. Persch Martin, Der Klerus des Erzbistums (2010), 233 ff.
98 Vgl. Kemp, Abtswahl
99 Kemp, Sayner Abtswahl
100 Vgl. Heinz Andreas, Das liturgische Leben der Trierischen Kirche zwischen Reformation und Säkularisation; in:Geschichte des Bistums Trier, Bd. III Kirchenreform und Konfessionsstaat, hg. Von Bernhard Schneider, Trier 2010, S. 267 ff.
101 Vgl. Heinz Andreas, Das liturgische Leben der Trierischen Kirche zwischen Reformation und Säkularisation; in:Geschichte des Bistums Trier, Bd. III Kirchenreform und Konfessionsstaat, hg. Von Bernhard Schneider, Trier 2010, S. 291 ff.
102 Vgl. Heinz Andreas, Das liturgische Leben, 297 (2010). Im Laufe der Aufklärung kam es aber zu einer vorübergehenden Zulassung der Privattaufe. Der Trierer Bischof Josef von Hommer empfahl sie sogar, wenn es die Eltern wünschten.
103 Vgl. Heinz Andreas, Das liturgische Leben, 305ff, (2010)
104 Vgl. Heinz Andreas, Das liturgische Leben, 304ff, (2010)
105 Vgl. Heinz Andreas, Das liturgische Leben, 311ff, (2010)

2. Die Vorgänger auf dem Trierer Kurfürstenstuhl. (Anm.:106)

„Nicht ohne höchliche Mißbilligung muß der Kirchenhistoriker die Beobachtung machen, daß während des siebenzehnten und achtzehnten Jahrhunderts die von älteren und neuern Canones so streng verbotene Cumulation von Benefizien an den deutschen Erz- und Hochstiften zu einem häßlichen Uebermaß angewachsen ist“, rügte Marx in seiner Trierer Kirchengeschichte 100 Jahre später. (Anm.:107) Die Kumulation, die sich zunächst nur auf das Benefizium (Vermögen) bezog, unterlief auch die Residenzpflicht, und das päpstliche Dispenswesen unterhöhlte die geistliche Aufgabe.
Lothar von Metternich (1599-1623), Domkapitular in Minden, Münster und Trier, erhielt die Priester- und Bischofsweihe nach Wahl durch das Domkapitel und der Päpstlichen Bestätigung.
Philipp Christoph von Sötern (1623-1652), ein qualifizierter Kirchenbeamter und erfolgreicher Pfründenjäger, wurde 1610 Bischof von Speyer und ließ sich zwei Jahre später die Bischofsweihe erteilen. Unter Beibehaltung all seiner bisherigen Ämter wurde er 1723 Kurfürst von Trier.
Karl Kaspar von der Leyen (1652-1676) wurde als Trierer Koadjutor 1652 Kurfürst von Trier und empfing im Trierer Karthäuserkloster im gleichen Jahr die Bischofsweihe.
Johann Hugo von Orsbeck (1676 . 1711) wurde auf Vorschlag seines kurfürstlichen Onkels zum Trierer Koadjutor gewählt, wurde dann Bischof von Speyer und unter Beibehaltung seiner Ämter Kurfürst von Trier. 1674 erhielt er die Priesterweihe und ein Jahr nach seiner Ernennung zum Kurfürsten ließ er sich durch seinen Weihbischof die Bischofsweihe erteilen.
Karl Josef von Lothringen (1711-1715) war ein barocker Fürst durch und durch. Als Jugendlicher hatte er die Bistümer Olmütz und Osnabrück als Pfründen erhalten und ließ sich dann noch zum Kurfürsten von Trier wählen. Er hatte weder die Priester- noch die Bischofsweihe.
Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg (1716-1729) wurde Fürstbischof von Breslau und Worms, Hochmeister des Deutschen Ordens und Fürstpropst von Ellwangen. Unter Beibehaltung der bisherigen Ämter wurde er Trierer Kurfürst. Priester- und Bischofsweihe ließ er sich nicht erteilen, wohl aber das Koadjutorrecht des Mainzer Kurfürstentums. 1729 tauschte er die Kurwürde von Trier gegen Mainz.
Franz Georg von Schönborn ( 1729 – 1756), Inhaber vieler Domherrenpfründen, wurde als Trierer Dompropst zum Kurfürsten von Trier gewählt. Marx schrieb über ihn: “ Als Franz Georg (von Schönborn 1729 – 1756) sich sogleich nach seiner Erwählung die bischöflichen Weihen hatte geben lassen und im Dom das Hochamt celbrirte, die Gesta dieses als etwas Außerordentliches aufzeichneten, mit dem bemerken, daß solches in beiläufig 140 Jahren nicht mehr im Dome gesehen worden sei.“ (Anm.:108) Franz Georg Schönborn war eine der positivsten Gestalten unter den Trierer Kurfürsten. Obwohl er in seinem Umgang mit den Menschen als unbeherrscht beschrieben wurde, war er Landesherr und Bischof in gültiger Weise.

Aufgrund des französischen Einflusses wurde Johann Philip von Walderdorff (1756-1786), der bereits die Trierer Laufbahn durchlaufen hatte, sein Nachfolger im Kurfürstenamt. Bei ihm waren die geistlichen Formalien richtig gelaufen: Domherr, Generalvikar, Domdechant, Koadjutor, Erzbischof. Er ließ sich sowohl die Priester- wie die Bischofsweihe erteilen. Marx bescheinigte ihm „Herzensgüte“, „leutselig und freundlich ging er mit seinen Unterthanen wie ein Vater mit seinen Kindern um“. Aber „war er auch fromm, so schlug doch der ganze Ton an seinem Hofe stark ins Weltliche, Prunkende; die Liebhabereien an Uhren Tabatieren, Kleiderpracht, Schmucksachen, kostbaren Meubeln, an der Jagd und kleinen Hunden lassen, bei allen sonstigen liebenswürdigen Eigenschaften, den nöthigen Ernst des Mannes und die Würde des Bischofs vermissen.“ (Anm.:109) Während seiner Regierungszeit wurde erlebte das Kurfürstentum ziemlich friedliche Zeiten, da es lediglich als Durchmarschgebiet der französischen Truppen im Siebenjährigen Krieg berührt wurde. Jedoch hatten die Verschwendungssucht und Baulust des Kurfürsten die Kassen blank gefegt und den Kurstaat überschuldet.
Anmerkungen
106 Vgl. Pauly Ferdinand, Aus der Geschichte des Bistums Trier, Trier 1973;
Schmid Wolfgang, Die Erzbischöfe-Biographische Skizzen; in: Kirchenreform und Konfessionsstaat, hg. Von Schneider Bernhard, Trier 2010.
107 Marx J. Dr., Geschichte des Erzstifts Trier, III. Abteilung, 5. Band; S. 9, Trier 1864
108 Marx J. Dr., Geschichte des Erzstiftes Trier, III. Abteilung, 5. Band. S. 14, Trier 1864
109 Marx J.Dr. Geschichte des Erzstiftes Trier, III. Abteilung, 5. Band. S. 27, Trier 1864

3. Seine Eminenz: Erzbischof und Kurfürst von Trier. (Anm.:110)

Clemens Wenzeslaus als Kurfürst. Quelle: Uni Leipzig. Erlaubnis erteilt.

Die Inthronisation des neuen Kurfürsten Clemens Wenzeslaus wurde auf den 21. Februar 1768 festgesetzt. Mit Rücksicht auf die hohe Verschuldung des Kurfürstentums und vielleicht auch, weil er der exzessiven Feierlichkeiten aus Süddeutschland überdrüssig war, ordnete Clemens Wenzeslaus eine Huldigungsfeierlichkeit ohne kostspieligen Aufwand an. Mittags um 12 Uhr wurde der neue Kurfürst mit Glockengeläut, Böllerschüssen und Trommelwirbel in Trier empfangen. Der Weihbischof von Hontheim hielt eine lateinische Begrüßungsrede. Am folgenden Tag, dem Fest der Stuhlfeier des hl. Petrus, erfolgte die Inthronisation im Dom und die Huldigung durch die Stadtväter auf dem Markt.
Erstaunlich schnell setzte Clemens Wenzeslaus die Reorganisation der kurfürstlichen Verwaltung durch: Protokollpflicht für alle Regierungsstellen, Quartalsberichte durch die Dechanten, regelmäßige Visitation der Klöster. Als Kind der Aufklärung konzentrierte sich Clemens Wenzeslaus zunächst auf das Schulwesen. Bereits im ersten Jahr seiner Regierungstätigkeit konzentrierte er sich auf die Reform der Universität. Da die Professoren der Juristischen Fakultät durch Nebenjobs ihre Lehrtätigkeit vernachlässigt und dadurch viele Studenten Trier verlassen hatten, verbot der den kurfürstlichen Behörden die Beschäftigung von Professoren und machte das juristische Examen zur Voraussetzung für eine Anstellung im kurfürstlichen Dienst. In der theologischen Fakultät schritt er maßregelnd gegen die scholastischen Streitereien ein und unterband durch vorgeschriebene Handbücher das stundenlange bloße Diktieren von Texten. An den Mittelschulen erhöhte er zur Bekämpfung der Korruption die Aufnahme- und Prüfungskriterien.
Als 1773 Papst Clemens XIV. mit der Bulle „Dominus ac Redemptor“ den Jesuitenorden auflöste, gelang es Clemens Wenzeslaus erstaunlich gut, den Schaden für das Kurfürstentum zu begrenzen. Die Vorschrift der Bulle, alle jesuitischen Einrichtungen zu schließen und den gesamten Besitz der Jesuiten für „fromme Zwecke“ zu verwenden, legte er zugunsten der Bildungseinrichtungen des Kurfürstentums aus. Er gründete ein Priesterseminar und stattete dieses mit Räumlichkeiten und Vermögen der Jesuiten aus. Die Jesuiten wurden in den kurfürstlichen Dienst übernommen. Er ließ die baulichen Voraussetzungen des höheren Bildungswesens großzügig verbessern und reorganisierte den Zugang zu diesem: Elementarunterricht auf einer Mittelschule bzw. einem Gymnasium, Vorbereitungslehrgang zur Verbesserung des sprachlichen Wissens, 5 Jahre Gymnasium, Universität. Das Volksschulwesen war traditionell in kirchlicher Hand, der jeweilige Dechant hatte die Dienstaufsicht über Unterricht und Lehrer und musste auch die Finanzierung organisieren. Bereits Kurfürst Johann Hugo hatte 1685 für alle Kinder zwischen dem 7. Und 11. Lebensjahr die Schulpflicht eingeführt. Clemens Wenzeslaus ließ ab 1779 die bauliche Ausstattung der Schulen sowie die Qualifizierung der Lehrer durch eine eigene Kommission untersuchen. Doch die Qualität der Lehrerschaft ließ überall zu wünschen übrig. Deshalb gründete der Kurfürst 1784 im Erzbischöflichen Collegium in Koblenz eine Normalschule zur Ausbildung von Volksschullehrern und machte den erfolgreichen Abschluss zur Anstellungsvoraussetzung. Unter großen Widerständen verpflichtete er die reichen Abteien und Stifte zur Mitfinanzierung eines Schulfonds.
Anmerkung
110 Vgl. Marx J. Dr., Geschichte des Erzstifts Trier, III. Abteilung, 5. Band; Trier 1864

4. Die Auseinandersetzung um die Thesen des Febronius. (Anm.:111)

Weihbischof von Hontheim. Quelle: Wikimedia.

Zwischen den Fronten: Im deutschen Reich waren auch zu Beginn der Neuzeit viele Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens päpstlich-bischöflich geregelt. Durch die Reformation wurden diese katholischen Ordnungskräfte abgelöst. Um das Vakuum aufzufüllen, mussten die protestantischen Landesherrn auch die Verantwortung für die Kirche in ihrer Landesherrschaft übernehmen. In den katholisch gebliebenen Gebieten des Reiches blieb es bei der bisherigen Ordnung. Kaiser, Papst, Landesherr, Bischof und Gebietskörperschaften (z.B. Reichsfreie Städte und Stifte) teilten sich nach oft sehr komplizierten Regeln die Zuständigkeit. Durch seinen Weihbischof Johann Nikolaus von Hontheim wurde Clemens Wenzeslaus in eine sehr tief gehende Auseinandersetzung über die Kompetenzen des Papstes und der Bischöfe hineingezogen.
Nikolaus von Hontheim stammte aus Trierer Beamtenadel. Sein Vater war in Trier Hofgerichts- und Ratsschöffe, also Richter für kirchliche und weltliche Sachen. Durch Beziehungen der Mutter wurde der zwölfjährige Nikolaus Mitglied des Trierer Kollegiatstiftes St. Simeon (Anm.:112) und empfing die Tonsur. An der Trierer Universität, an der die Jesuiten das Sagen hatten, studierte er Rechtswissenschaften und Theologie. Ab 1722 wurde dem jungen Kanoniker Hontheim das Studium in Löwen und in Leiden erlaubt. Die Universität in Leiden, von Wilhelm von Oranien gegründet, stand der Reformation nahe. Hier lernte Hontheim die in der katholischen Kirche verpönte Bibelwissenschaft. An der Universität Löwen wurde er mit der jansenistisch-gallikalen Theologie Frankreichs vertraut gemacht, die sich u.a. für den Abbau der päpstlichen Zentralgewalt einsetzte und in ständiger Auseinandersetzung mit dem Jesuitenorden stand. In dieser Zeit wurde Hontheim das Ärgernis der Kirchenspaltung immer deutlicher. 1724 promovierte Hontheim zum Doktor der Theologie und wurde anschließend vom Simeonsstift nach Rom geschickt, um hier in einem beim Vatikan anhängigen Prozess als Verteidiger des Stiftes zu wirken. Welchen Eindruck auf ihn der Gegensatz zwischen dem aszetischen Papst Benedikt XIII. und der geldgierigen vatikanischen Kurie machte, ist nicht bekannt. 1730 kehrte er nach Trier zurück und empfing die höheren Weihen. Bald wurde er zum Professor an die Trierer Universität berufen. Um sich für die Stärkung der bischöflichen Zuständigkeit einzusetzen, gab er zwei wichtige liturgische Bücher heraus, das Trierische Brevier und das Trierische Missale. Als ihn Kurfürst Georg von Schönborn zum Offizial des Niederen Erzstiftes (Koblenz) ernannte, wurde er in das quirlige Leben des kurtrierischen Hofes hinein gezogen. 1748 wurde Hontheim Nachfolger des verstorbenen Weihbischofs Nalbach und wirkte nun 30 Jahre lang als Weihbischof des Bistums Trier und als kurfürstlicher Generalvikar (für den kirchlichen Bereich) und Offizial (für den weltlichen Bereich) des Obererzstiftes Trier. Dieser Teil des Trierer Bistums umfasste auch weite Gebiete in Luxemburg, Lothringen und Frankreich die Hontheim weitgehend selbstständig leitete. Zu den Aufgaben gehörte auch die Vertretung des Erzbischofs in den Suffraganbistümern Metz, Toul und Verdun. Hontheim musste sich deshalb mit den unterschiedlichsten Rechtsauffassungen von Kirche und Staat auseinandersetzen. Persönlich lebte er (bis auf das gute Essen) sehr aszetisch, nahm morgens und abends am Stundengebet des Stiftes teil und blieb trotz seiner vielen Aufgaben weiterhin Gelehrter. Bei aller Liebe und Treue zum Papst war Hontheim davon überzeugt, dass als unabdingbare Voraussetzung für die Wiedervereinigung der getrennten Kirchen im Reich der überall spürbare Einfluss der Päpstlichen Kurie zurückgedämmt werden müsse. 1763 erschien in Göttingen das Buch „Justini Febronii Juris Consulti De statu ecclesiae et legitima potestate Romani Pontificis liber singularis, ad reuniendos dissidentes in religione christianos compositus“ (Einzelschrift des Rechtsgelehrten Justinus Febronius über den Zustand der Kirche und die legitime Gewalt des Römischen Papstes, zusammengestellt zur religösen Wiedervereinigung der christlichen Dissidenten). Das Buch erschien unter dem Pseudonym Justinus Febronius und dem Phantasiedruckort Bouillon. Es löste eine Diskussionswelle aus und stieß sofort auf heftigsten Widerstand des Vatikans, zumal kolportiert wurde, der Verfasser sei „ein sehr vornehmes Mitglied der römischen katholischen Kirche in Deutschland“ und das Buch in Wirklichkeit bei dem Verlag Johann Georg Esslinger in Frankfurt, der sich zum Sprachrohr der französischen Aufklärung gemacht hatte, gedruckt. Anliegen des ganzen Buches ist es, in Anlehnung an den Kirchenvater Cyprian und an das allgemeine Konzil von Konstanz (1514-1522) die päpstliche Gewalt auf den Stifterwillen Jesu Christi zurückzuführen, die Aufgabe der Bischöfe und das Allgemeine Konzil als letzte Entscheidungsinstanz zu verdeutlichen. Der wirkliche Autor, Nikolaus von Hontheim, blieb ein Jahr lang unentdeckt, bis die Autorenschaft durch eine gezielte Indiskretion des Frankfurter Kanonikers Damian Friedrich Dumeiz, der zum Kreis um den kurtrierischen Kanzler La Roche gehörte und ein Freund Goethes war. Dumeiz hatte Hontheim die Aufsicht über den Druck des Buches erteilt und nun wollte dieser die weitere Verbreitung dieses bahnbrechenden Werkes begünstigen und veröffentlichte die wahre Autorenschaft. Doch Hontheim leugnete die Autorenschaft des Buches, das zwischenzeitlich vom Papst auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt worden und deshalb auch im Trierer Bistum verboten war. Aber er bot dem Kurfürsten Johann Philipp Walderdorff seinen Rücktritt an. Doch dieser, nicht nur ein leidenschaftlicher Jäger sondern auch ein Freund der Aufklärung, stellte sich hinter seinen Weihbischof.

Da sich zwischenzeitlich die Diskussion über die Thesen des „Febronius“ in ganz Deutschland verselbstständigt hatte, übernahm Clemens Wenzeslaus als neuer Kurfürst ein schwieriges Erbe. Clemens Wenzeslaus hatte zu seinem Weihbischof ein gutes Verhältnis und schätzte sowohl seine praktische Arbeit wie sein wissenschaftliches Profil. Inwieweit der Kurfürst die ganze Breite der Diskussion überschaute, muss offen bleiben, aber als Freund der Aufklärung stand er bei aller Papsttreue dem Anliegen der Febronianischen Reformen grundsätzlich offen. Doch als der Druck aus Rom immer stärker wurde und das Beraterumfeld des Kurfürsten aufklärungsfeindlicher und klerikaler wurde, verlor Clemens Wenzeslaus den Mut. Anlass für sein Umschwenken war ein theologischer Streit in Mainz über die Bedeutung des Jesaja – Zitates „Ecce virgo concipiet“ im Matthäusevangelium. Der Mainzer Orientalist Isenbiel vertrat die Auffassung, dass der hebräische Jesaja-Text in seinem ursprünglichen Sinn nur von einer jungen Frau spräche und mit diesem Vergleich das Volk Israel gemeint sei. Als Weihbischof Hontheim die Thesen von Isenbiel öffentlich unterstützte, zog Clemens Wenzeslaus die Reißleine. In seinem Brief vom 4. April 1778 warf er seinem Weihbischof Hontheim Unwissenheit, Unbesonnenheit und unversöhnlichen Groll gegen die Kirche vor und forderte ihn zum Widerruf des „Febronius“ auf. Am 1. November 1778 musste sich der Weihbischof Nikolaus von Hontheim als Verfasser des „Febronius“ offenbaren, seine Thesen widerrufen und alle Rechte des Papstes ohne Vorbehalt anerkennen. Nach einigem Hin und Her zog sich Hontheim aus der Öffentlichkeit ganz zurück und starb am 2. November 1790 auf seinem Schloss Montquintin.

Anmerkung
111 Vgl. Raab Heribert, Johann Nikolaus von Hontheim; in: Reich und Kirche in der Frühen Neuzeit, Freiburg , (1989);
Seibrich Wolfgang, Das Erzbistum in theologischen und kirchenpolitischen Kontroversen des 17. Und 18. Jahrhunderts; in: Schneider Bernhard (hrg.), Kirchenreform und Konfessionsstaat, Trier (2010).
112 In der Porta Nigra.

5. Clemens Wenzeslaus und die Aufklärung. (Anm.:113)

Die Aufklärung war ein geistiger Prozess, der seit dem 16. Jahrhundert Europa erfasste: Lösung von Traditionen und sich leiten lassen von der Vernunft, Befreiung von der ideologischen und politischen Macht der Kirche, Beseitigung der Standesgesellschaft mit den Vorrechten des Adels und Anerkennung der Bürgerrechte für alle, waren wichtige Leitideen. „Die Entwicklung der Technik und der Naturwissenschaften führten zu einem rationalen Denken, das weite Teile des Bürgertums und des Adels erfaßt hatte. Bücher, Zeitschriften, Korrespondenzen und Besuche verbreiteten das philosophische, naturwissenschaftliche und technische Wissen. Bildungshunger setzte ein und führte zum Aufbau und zur Erweiterung von Schulen und Akademien. Das Bürgertum erfuhr in seiner gesellschaftlichen Stellung und wirtschaftlichen Bedeutung einen großen Aufschwung.“ (Anm.:114)
Clemens Wenzeslaus war im Geist der Aufklärung erzogen worden. Dies bedeutete vor allem Aufgeschlossenheit für Kunst, Kultur und Bildung, aber auch Respekt vor der Würde eines jeden Menschen. Doch nie ging er so weit, die Katholische Kirche als „wahre und eigentliche Kirche“ infrage zu stellen. Alle Toleranz gegenüber Protestanten und Juden entsprang dem Nützlichkeitsdenken oder der Einsicht in die Notwendigkeit. Darin unterschied sich aber Clemens Wenzeslaus nicht von den protestantischen Landesherrn. „Dort, wo der Kurfürst-Erzbischof von Trier geistliche und zugleich weltliche Herrschaft ausüben konnte, hatte die neue Lehre überhaupt keinen Eingang gefunden oder war, wie in der Stadt Trier der Reformationsversuch des Caspar Olevian, als Rebell schnell unterdrückt worden.“ (Anm.:115)
Dass Clemens Wenzeslaus aber in der Toleranzfrage elastisch reagieren musste, ergab sich auch aus der besonderen Situation des Niederen Erzstiftes (Koblenz), das bis nach Wetzlar reichte und durch ein Neben- und Ineinander der Konfessionen gekennzeichnet war. Der katholische Historiker Heribert Raab berichtete von einer Merkwürdigkeit in Wetzlar: Der Dom gehörte einem katholischen Stiftskapitel, aber seit 1542 durften die Protestanten das Kirchenschiff als Pfarrkirche nutzen. Als 1592 das Reichskammergericht nach Wetzlar verlegt wurde, beschloss der Rat der Stadt Wetzlar, den Katholiken das Nutzungsrecht für das Kirchenschiff während der Tagung des Gerichtes zu überlassen. Bei der Wahl des evangelischen Pfarrers hatte das Domkapitel Mitwirkungsrecht. Deshalb oblag dem katholischen Stiftsdechanten – in Chormantel und Stola – die Amtseinführung des evangelischen Pfarrers. (Anm.:116) Ähnlich komplizierte Verwicklungen gab es auf den rechtsrheinischen Gebieten.
Reserviert blieb Clemens Wenzeslaus wohl zeitlebens gegenüber der deutschen Sprache und der deutschen Klassik, weil beide für ihn einen „protestantischen Geschmack“ hatten. Völlig ablehnend stand er jedoch zur kritischen Haltung der Aufklärung gegenüber der Katholischen Kirche und dem Papsttum; hier war Clemens Wenzeslaus nur für interne Reformen offen, die das „System Katholische Kirche“ unberührt ließen. Diese Haltung zeigte sich besonders deutlich bei seinen Auseinandersetzungen mit der Kirchenpolitik des Kaisers Joseph II.
1765 hatte Clemens Wenzeslaus seine Schwester Maria-Josepha mit dem österreichisch-kaiserlichen Prinzen Joseph verheiratet. Der österreichische Erbherzog Joseph, das vierte Kind von Kaiserin Maria-Theresia, war 1764 in Frankfurt zum deutschen König gewählt worden. Ein Jahr später trat er als römisch – deutscher Kaiser Joseph II. die Nachfolge seines Vaters an. Joseph II. war ein Kind der absolutistischen Aufklärung; „Alles für das Volk und nichts durch das Volk“ war sein Motto; Handeln nach der Vernunft, Staatsraison und Einordnung der Kirche in den Staat waren die Ideen, die ihn prägten. Nach dem Tod seiner Mutter 1780, als er für die habsburgischen Kernlande die alleinige Verantwortung erhielt, setzte er sofort durch eine Reihe von Dekreten seine Ideen politisch durch: Er hob die Leibeigenschaft auf, reorganisiert den ganzen Staat, fördert Gesundheitspflege und nationale Kunst, führt ein allgemeines Gesetzbuch ein und humanisierte das Strafrecht. Durch seine Kirchenpolitik versuchte er, die Kirche unter die Kontrolle des Staates zu kommen. In einer Fülle von kaiserlichen Dekreten gewährte er grundsätzliche Religionsfreiheit, löste die rein kontemplativen Orden (die nicht sozial tätig waren) auf und unterwarf die katholische Kirche der staatlichen Ordnung. Für alle päpstlichen Erlasse verlangte er das vorherige kaiserliche Placet.
Clemens Wenzeslaus wurde durch die Josephinische Kirchenpolitik als Erzbischof von Trier und als Bischof von Augsburg berührt, da das Herzogtum Luxemburg und das österreichische Oberland zum Habsburger Reich gehörten. Der erhaltene Briefwechsel zwischen dem Kaiser und dem Kurfürsten lässt erkennen, dass Clemens Wenzeslaus die Eingriffe des Kaisers in kirchliche und päpstliche Rechte grundsätzlich ablehnte. Am 1. Juni 1781 schrieb er einen ersten Brief an den Kaiser und appellierte an diesen als Schirmherr der Kirche. Der Kaiser antwortete ihm jedes Mal, einmal sogar aus dem Feldlager, aber wich keinen Schritt zurück. Ganz gegen seine sonstige Art zeigte Clemens Wenzeslaus Mut und Standhaftigkeit: „Ja, Sire, ich sage es mit der Freimüthigkeit meines Amtes, das mir anvertraut ist: Wie immer es gegenwärtig mit der Festigkeit bestellt sein mag, mit der Sie entschlossen zu sein scheinen, auf dem betretenen Wege fortzuschreiten, es wird der Tag kommen, wo Sie darüber untröstlich sein werden. Möge dieser Tag nur nicht jener der Ewigkeit sein.“
Aber Clemens Wenzeslaus hatte nicht nur den Kaiser gegen sich, er stand auch unter den betroffenen Bischöfen an einsamer Front. Aber sein Einsatz für die Rechte der Päpstlich – katholischen Kirche wird belohnt. Am 2. Mai 1782 machte Papst Pius VI. bei seiner Reise nach Wien einen Umweg und blieb mehrere Tage in Augsburg. Mit kleinem Gefolge traf Papst Pius VI. am 22. März 1782 in Wien ein und verhandelte mit dem Kaiser Joseph II. Da sich nach einem Monat keinerlei Annäherung zeigte, verließ der Papst Wien und traf sich in München mit dem bayerischen Kurfürsten Karl Theodor. Um Clemens Wenzeslaus für seinen Einsatz für Papst und Kirche zu ehren, machte der Papst bei seiner Rückreise einen Umweg und blieb mehrere Tage in Augsburg. Am 2. Mai 1782 gegen Abend empfing Clemens Wenzeslaus mit Domkapitel, allen Geistlichen des Bistums und den katholischen Mitgliedern des Magistrates den Papst am „Roten Tor“ und brachte ihn mit einer achtspännigen Kutsche in die Hofburg. Über den Sinn seines Besuches (Anm.:117) nach der freien Reichsstadt Augsburg ließ der Papst keinen Zweifel: „Daß wir hierher nach Augsburg gekommen sind, ist den wiederholten Dienstleistungen des trefflichen Churfürsten von Trier, Eures Bischofs, zuzuschreiben, der uns wegen seiner hohen Tugenden und seiner ausgezeichneten Verdienste um den römischen Stuhl und unsere Person Uns, wie es nicht anders sein kann, sehr theuer ist…“.(Anm.:118)
Die Anerkennung durch den Papst vor aller Öffentlichkeit hat Clemens Wenzeslaus motiviert, die anstehenden Aufgaben im Kurfürstentum Trier neu anzugehen. Äußerer Anlass war das Ausscheiden des konservativ – klerikalen Generalvikars Beck. Bereits zu Beginn seiner Regierungszeit hatte der neue Kurfürst durch zahlreiche Reformen die auswuchernde Volksfrömmigkeit eingegrenzt, wozu die Reduzierung der Feiertage gehörte. Diesen Kurs setzte er ab 1784 fort, um die katholische Kirche im Sinne der Aufklärung zu modernisieren. Die theaterähnlichen Bräuche während der Flurprozessionen und Gottesdienste wurden abgeschafft; ebenso das öffentliche Mittragen einer Monstranz mit der geweihten Hostie und längere Wegstrecken als eine Stunde. Durch die Beschränkung mussten z.B. die Wallfahrten zum Gnadenbild in der Marienkapelle Hausenborn eingestellt werden (Anm.:119) Verboten wurde das abergläubische Wetterläuten bei Gewittern und das Hexenläuten im Mai, das Erzählen von Geschichten und Witzen während der Predigt, der lebende Palmesel und die gespenstischen Nachtandachten.(Anm.:120)
Zu den Reformen gehörten auch soziale Dekrete, wie die Überprüfung der Gefängnisse, die Institutionalisierung der Lehrerausbildung durch die Gründung der Koblenzer Normalschule und die allgemein verpflichtende Brandversicherung in der Stadt Trier. Der Kurfürst ließ die Riesling-Rebe importieren und an der Mosel anpflanzen. Durch ein Toleranzedikt ermöglichte er Juden und Protestanten die begrenzte Ansiedlung im Kurstaat. 1784 wurden die Klöster angewiesen, neue Ordensmitglieder vorher durch die kirchliche Behörde überprüfen zu lassen. Aber im Unterschied zu vielen anderen Landesherrschaften unterließ Clemens Wenzeslaus die Kontrolle des Privatlebens seiner Bürger.(Anm.:121) 1786 erließ er die Verordnung „zur Aufmunterung des Landmannes, besonders wegen Urbarmachung öder Ländereien und Gründe“, um die Landwirschaft zu fördern. Bei den sozialen Unruhen zwischen 1787 und 1789, wo sich schon der Einfluss des revolutionären Frankreich ankündigte, benahm sich der Kurfürst „ebenso fest als human“.(Anm.:122)
Doch der Reformeifer wurde für Clemens Wenzeslaus zur Falle. Im Unterschied zum Trierer Kurstaat waren in Mainz, Köln und Salzburg die Ideen des Febronius lebendig. Als es dem bayerischen Kurfürsten Karl Theodor gelang, bei Papst Pius VI. die Zustimmung zu einer Nuntiatur in München zu erreichen, mussten die Einzugsgebiete der drei bisherigen Nuntiaturen Wien, Luzern und Köln verkleinert werden. Da die deutschen Erzbischöfe einen Eingriff in ihre Kompetenzen befürchteten, kam es 1786 zu einem Kongress in Ems (heute Bad-Ems an der Lahn), um ihre Rechte gegenüber dem Papst neu zu formulieren. Die drei Kurfürsten, der Erzbischof von Salzburg und der Bischof von Freising entsandten Bevollmächtigte nach Ems, um mit Unterstützung eines Kaiserlichen Reskriptes die Rechtsbefugnisse der Nuntien einzuschränken; allerdings nicht im Sinne des kaiserlichen Josephinismus zugunsten des Kaisers sondern zugunsten der Bischöfe selbst. Das so genannte Emser Konkordat, das vereinbart wurde, hatte aber kaum eine Auswirkung, da die Französische Revolution die Gesamtsituation in Europa veränderte. Clemens Wenzeslaus wurde aber seitdem von Rom sehr kritisch eingeschätzt.

Anmerkungen
113 Vgl. Marx, Geschichte des Erzstift Trier, (1864) 129 ff., Wachter Dorothea, Degen und Krummstab (1978), S. 213ff, Raab Heribert, Toleranz im Kur- und Erzstift Trier (1989).
114 Wachter Dorothea, Degen und Krummstab (1976), S. 213.
115 Raab Heribert, Toleranz (1989),441.
116 Raab Heribert, Toleranz (1989), 442f.
117 Der Papst kam nicht nur in das Geistliche Erzstift und das katholische Bistum Augsburg, sondern zwangläufig auch in die freie Reichsstadt Augsburg, in der die Konfessionen nebeneinander lebten.
118 Marx Geschichte (1864), 149.
119 www.st-martin-engers.de/html/hausenborn.html;
www.baybach.de/muchlenm/Kapelle/kreuz_backes_text.htm
120 Das ständige Schießen bei Flurprozessionen war bereits 1751 verboten worden.
121 So ließ der Großherzog von Baden das Kaffeetrinken verbieten, um den Zuckerimport einzuschränken.
122 Wikisource / ADB, Art, Clemens Wenzeslaus (10.01.2012)

6. Protestanten und Juden im Erzstift und im Erzbistum. (Anm.:123)

Clemens Wenzeslaus zeigte zwar keinerlei Toleranz gegenüber protestantischen Ideen, konnte sich aber als Erzbischof außerhalb des Erzstiftes kaum durchsetzen. Im Erzstift aber, also im Bereich seiner Landesherrschaft, setzte er die Glaubenspolitik seiner Vorgänger lange Zeit fort. Im Oberen Erzstift (Trier) waren die Versuche der Eheleute Olevian durch Kurfürst und Stadtrat erfolgreich mit Ausweisung und Wegzug vereitelt worden. 1608 wurde die Marianische Bürgersolidität gegründet, deren Mitglieder sich verpflichteten, „ihr Hab und Gut, ihr Blut und Leben für die Verteidigung des römisch – katholischen Glaubens einzusetzen.“ (Anm.:124) Die jährliche Dankprozession für den Sieg über die Türken und die Bewahrung der Einheit der Kirche wurde bis in die 60ger Jahre des vorigen Jahrhunderts gehalten. Im Unteren Erzstift (Koblenz) war die Situation zwar schwieriger durch die ständigen protestantischen Infiltrationen aus den benachbarten Landesherrschaften, aber Kurfürst und Stadtrat waren sich in der Ausgrenzung der Nichtkatholiken einig. Abweichungen gab es nur – bedingt durch die politische Gemengelage – in einzelnen Fällen. 1753 legte der Industrielle Wilhelm Remy, aus Bendorf; der Kurfürstlichen Regierung in Ehrenbreitstein ein Gutachten vor, nach dem sich durch die vorhandene Wasserkraft, die reiche Waldung und die günstige Verkehrslage die Eisenverhüttung anböte. Die geplante Eisenhütte in Sayn, das zum Kurstaat gehörte, sollte unter Leitung des Katholiken Carl Caspar Seitz stehen. Wilhelm Remy bat um die Erlaubnis, dass benötigte evangelische Fachkräfte den evangelischen Gottesdienst in Bendorf besuchen dürften. Als Clemens Wenzeslaus 1670 in Sayn eine eigene Hütte baute, genehmigte er die Leitung durch den Bendorfer evangelischen Hüttenverwalter Johann Konrad Ziller. (Anm.:125)
Ein gutes Beispiel für die interkonfessionelle Einstellung von Clemens Wenzeslaus war seine Beziehung zur Familie La Roche. Georg Michael Frank La Roche, Ziehkind eines Grafen von Stadion, war 1771 in den kurfürstlichen Dienst getreten. Seine Frau Sophie La Roche, eine pietistisch erzogene Augsburger Arzttochter, hatte sogleich in Ehrenbreitstein einen literarischen Salon eröffnet, der international, unter anderem durch Wieland, Goethe, Basedow und Lavater bekannt wurde. Von Goethe stammte sein berühmtes Gedicht „Diner in Coblenz“, das er 1774 nach einem Gespräch mit den reformierten Theologen Lavater und Basedow schrieb, und das mit den Versen endete: „Und, wie nach Emmaus, weiter ging’s mit Geist- und Feuerschritten, Prophete rechts, Prophete links, das Weltkind in der Mitten.“ Michael Frank La Roche selbst war kritisch katholisch und gegen alle päpstliche Vorherrschaft. Aber es war ihm dennoch wichtig, durch Einhaltung aller Bräuche die Zugehörigkeit zum Katholizismus zu praktizieren. (Anm.:126) Bereits 1771 hatte er aber ganz im Geist der Aufklärung eine anonyme Kampfschrift gegen das Mönchwesen geschrieben. Aus der katholisch geschlossenen Mischehe mit Sophie kamen acht Kinder, die alle katholisch getauft wurden. Clemens Wenzeslaus hatte zu La Roche (aber wohl weniger zu seiner Frau) ein vertrauensvolles Verhältnis, so dass La Roche schließlich Mitglied der Regierung wurde. La Roche bekam großen Einfluss auf die Schul- und Bildungspolitik des Kurfürsten im Sinne der Aufklärung. Er setzte die pädagogische Methode „Felbinger“ durch, die durch kindgerechtes Lernen einen lebenstüchtigen und aufgeklärten Menschen zum Ziel hatte und gründete in Koblenz eine öffentliche Bibliothek.

Als 1780 eine Fortsetzung der Mönchbriefe durch einen anderen Autor erschien, kam die erste Auflage und damit auch sein zwischenzeitlich bekannt gewordener Autor La Roche erneut ins Gerede. Dies benutzte der neue geistliche Berater Beck, der das Vertrauen des Kurfürsten gewonnen hatte, zu einer Intrige gegen La Roche. Als sich der Päpstliche Kölner Nuntius in die Auseinandersetzung einmischte, rächte es sich, dass La Roche in Trier ein Einzelkämpfer geblieben war. Der Kurfürst gab schließlich dem Druck nach und entließ La Roche am 26.9.1780. Durch den Wegzug der Familie erledigte sich auch das unangenehm gewordene Problem des „ketzerischen Salons“ seiner Frau. (Anm.:127) La Roche schrieb dem Kurfürsten am 6. Oktober 1780 einen Brief, in dem die ganze Tragik des Konfliktes deutlich wird: „Ich wünsche dem Kurfürsten Glück und ein nestorianisches Alter, aber auch er ist ein Mensch. Um mich mit meinem Schicksal besser abfinden zu können und mein Leben vor weiteren künftigen Umwälzungen zu sichern, habe ich, wie euer Exzellenz wohl weiß, dass hohe Domkapitel gebeten, mir die Pension nach der Bestimmung seiner Hoheit und den Inhalt meiner Bittschrift zu bestätigen. Ich rechne auf Ihre Unterstützung und die Energie, die sie für mich aufwenden werden, um meine Gegner im Zauber zu halten und eine ehrenvolle Familie zu beruhigen, welche durch Kabale und den – – – zu Boden gedrückt ist. Wenigstens hoffe ich, dass sie mir auch in Speyer wie früher in Augsburg und Koblenz ihr Wohlwollen und ihre Freundschaft bewahren werden. Wenn ich Ihnen meinerseits jetzt schon irgendwie dienlich sein kann, erwarte ich gern Ihrer Aufträge.“ (Anm.:128)
Durch das Toleranzpatent des Kaisers Joseph II. erhielten die Nichtkatholiken ab 1781 ein begrenztes Bürgerrecht, das sich auch auf die Niederlande und Luxemburg (damals beide habsburgisch) bezog. Auch Clemens Wenzeslaus musste sich der neuen Situation anpassen, wobei auch wirtschaftliche Aspekte eine Rolle spielten. Als 1783 der protestantische Kaufmann Adolf Böcking in Ehrenbreitstein einen Kohlen- und Salzhandelsbetrieb errichten wollte, stimmte Clemens Wenzeslaus zu: „er sei nach dem Beispiel mehrerer katholischer Landesfürsten entschlossen, dass die durch die Reichsgesetze geduldeten Lutheraner und Calvinisten sich im Kurstaat häuslich niederlassen und ihr Gewerbe und ihre Handlung zum allgemeinen Nutzen des Staates ungestört ausüben können.“ (Anm.:129)
Gegen den Widerstand seiner eigenen Behörden setzte sich Clemens Wenzeslaus mit einem Erlass vom 3. Dezember 1784 durch. Auch gegen den Widerstand des Kölner Nuntius blieb er bei seiner Entscheidung, selbst ein mahnendes Breve von Papst Pius VI. konnte ihn nicht abbringen. Bemerkenswert war es, dass der Kurfürst seine Entscheidung vor allem mit dem Hinweis auf die Liebe gegenüber den Irrenden theologisch begründete. Allerdings zeigte Clemens Wenzeslaus bei der praktischen Durchführung sofort wieder seinen Wankelmut. Nichtkatholische Gottesdienste blieben in der Öffentlichkeit untersagt, ebenfalls Schulen und Kirchhöfe, evangelische Geistliche durften auf der Straße nur Zivil tragen, Konversionen wurden als Abfall gewertet und in Mischehen war die katholische Erziehung der Kinder angeordnet. Positiv zu werten war dagegen, dass er den Orden die öffentliche Agitation gegen protestantische Bürger untersagte.
Rein wirtschaftliche Gründe waren auch die Gründe für die Zulassung von einzelnen Juden im Kurstaat der Frühen Neuzeit. In der Goldenen Bulle hatte Kaiser Karl IV. die kaiserliche Zuständigkeit für die Judengesetzgebung an die Landesherren abgegeben (Judenregal). Vorangegangen waren die massenweisen Verfolgungen der vielen jüdischen Gemeinden im Rheinland seit dem Pestjahr 1349. Kurfürst Werner von Falkenstein setzte 1418 einen Schlusspunkt, indem die restlichen Juden aus dem Kurstaat ausgewiesen wurden.

Nach zwei Generationen wurde durch die Praxis des landesherrschaftlichen Schutzjudentums einzelnen, normalerweise wohlhabenden Juden der Zuzug gestattet. Der jüdischen Haushaltung wurde ein Schutzbrief für einen konkreten Ort und für eine bestimmte Zeit ausgestellt, für den bestimmte finanzielle bzw. wirtschaftliche Leistungen zu erbringen waren. Im 18. Jahrhundert „diente die Befristung der Geleite allein fiskalischen Zwecken. Die Erneuerung der Aufenthaltsrechte, verbunden mit der Ausfertigung neuer Schutzbriefe durch die kurfürstliche Kanzlei bildete den Anlass für die Erhebung einer zusätzlichen Abgabe an die Landesherrschaft sowie die Zahlung von Gebühren an die Verwaltungsbeamten.“ (Anm.:130)
Eine größere jüdische Gemeinde konnte sich allerdings erst 1518 in Koblenz bilden, als fünf jüdischen Haushalten durch ein kurfürstliches Privileg das Aufenthaltsrecht gegeben wurde. 1723 gab es im Erzstift 160 jüdische Familien an 49 Orten. Die jüdischen Schutzjuden durften sich in den beiden Teilen des Kurstaates in Landjudenschaften organisieren, um ihre internen Dinge zu regeln und als Ansprechpartner für die kurfürstliche Verwaltung. Die Judenverordnung von 1723 legte allerdings die Höchstzahl der Schutzjuden im Kurstaat auf 165 Haushalte fest. Die Landjudenschaften waren auch für die Besoldung der beiden Rabbiner in Koblenz und Trier zuständig, ebenfalls für die Anmietung der „Judenstuben“ und die Anstellung der „Judenschreiber“.
Das jüdische Leben zeigte ein hohes Maß an sozialer Verantwortung füreinander und pflegte ganz nach jüdischer Tradition Bildung und Wissensvermittlung. Aufgrund der Zunftordnung waren Juden von den meisten Berufen ausgeschlossen und mussten sich in der Regel auf Geldschäfte und Warenhandel beschränken. Als der Kurfürst Lothar von Metternich 1622 minderwertige Münzen prägen ließ, waren Schutzjuden maßgeblich an der Durchführung beteiligt. Im 18. Jahrhundert waren jüdische Hoflieferanten maßgeblich an der Versorgung der kurfürstlichen Hofhaltung beteiligt. Für das konkrete Zusammenleben von Juden und Christen waren meist die Städte und Gemeinden verantwortlich; dies bezog sich z.B. auf das Tragen eines Judenzeichens, auf Einschränkung christlichen Personals oder auf konkrete Wohnrechte.
Den letzten Gewaltakt gegen Juden gab es im Kurstaat Ende des 17. Jahrhunderts in Trier nach der Schlacht an der Konzer Brücke. Für den Sieg des Reichsheers wurden Sabotageakte der Juden verantwortlich gemacht und daraufhin die Synagoge geschändet und mehrere Juden ermordet. Dass jüdische Mitbürger lediglich geduldet wurden, zeigt die Judenordnung von 1723, in der zwischen jüdischen Häusern und christlichen Kirchen ein Mindestabstand von vier Häusern gefordert wurde. (Anm.:131) Das Toleranzrescript von 1784 setzte die bisherige Politik gegenüber den Juden fort, aber ermöglichte ein neues Miteinander von Christen und Juden im Kurstaat.

Anmerkungen
123 Franz Gunther, Von der Konfrontation zur ‚Toleranz‘: Protestanten im Kurfürstentum Trier;
Göller Andreas, Juden im Erzbistum Trier; beides in: Geschichte des Bistums Trier, Bd.3. hg.Manfred Schneider, Trier 2010;
Schabow Dietrich, Zur Geschichte der Juden in Bendorf, hg. Hedwig-Dransfeld-Haus e.V. Bendorf, 1979
124 Franz Gunther, Von der Toleranz (2010), 469.
125 Vgl. Franz Gunther, Von der Toleranz (2010), 476;
Schabow Dietrich, Wilhelm Remy ist auch der Vater der Concordiahütte, www.bendorf-geschichte.de/bdf-0050.htm;
Wikipedia, Art. Bendorfer Hütten
126 Man würde heute von einem Reformkatholiken sprechen.
127 http://www.reocities.com, Artikel : Georg Michael Frank La Roche (5.1.2012)
128 www.bendorf-geschichte.de
129 Franz Gunther, Von der Toleranz (2010), 478,
130 Göller Andreas, Juden im Erzbistum Trier, (2010),484.
131 Göller Andreas, Juden im Erzbistum Trier, (2010),490f.

7. Königliche Hoheit, Kurfürstliche Gnaden, Fürstbischöfliche Eminenz.

Das gängige Klischee unter den Historikern ist die Darstellung, dass Clemens Wenzeslaus für seine öffentlichen Auftritte den Luxus liebte und im Privatleben bescheiden und einfach gelebt hat. Diese private Einfachheit mag für die Kriegsjahre in Dresden gelten, die Clemens Wenzeslaus in seiner Jugend durchlebte, aber kaum für die Zeit als Bischof und Erzbischof. Denn Ihre Königliche Hoheit hatte als Eminenz und Kurfürstliche Gnaden praktisch kein Privatleben. Sein Leben wurde durch und durch von seinen Aufgaben bestimmt. Bereits als Kleinkind war er von einer eigenen Hofhaltung umgeben, die Tag und Nacht für ihn sorgte, für sein Wohlergehen, für seine Bildung und für seine körperliche Ertüchtigung. Als Bischof genoss er alle Vorrechte der adligen Oberschicht.
Der Kurfürst von Trier verfügte über das Bischöfliche Palais in Trier, die (allerdings ungemütliche) Philippsburg in Ehrenbreitstein und später das neue Schloss in Koblenz, dazu kamen u.a. die Jagdschlösser in Engers, Daun, Prümm und Montabaur. Als Fürstbischof von Augsburg unterhielt er in der Freien Reichsstadt Augsburg eine prächtige Hofburg und hatte neben Oberdorf noch mehrere andere Sommersitze. Als Fürstpropst von Ellwangen stand ihm eine luxuriös ausgestattete Sommerresidenz zur Verfügung, die seine Vorgänger im barocken Stil ausgebaut hatten. Auch nach der Säkularisation musste Clemens Wenzeslaus seine Hofhaltung in Oberdorf kaum einschränken. Neben den Restitutionsleistungen durch den Bayerischen Kurfürsten, die Stadt Augsburg und den Reichsdeputationshauptausschuss zahlte Württemberg neben einer einmaligen Abfindung jährlich 20.000 Gulden für die Fürstpropstei Ellwangen. Als Wettiner Prinz bezog Clemens Wenzeslaus eine lebenslange Apanage des Dresdner Hofes. Über seinen Schwager Karl III. von Spanien kamen Leibrenten aus spanischen und spanisch-amerikanischen Bistümern. Dass Clemens Wenzeslaus nicht nur seinen teuren Hofstaat weiter finanzieren konnte sondern auch 350.000 Gulden als Barvermögen neben vielen Kostbarkeiten und Wertsachen nach seinem Tod hinterließ, ist ein Beweis für seine gut geführte Haushaltung. (Anm.:132)
Außerhalb der öffentlichen Auftritte trug Clemens Wenzeslaus die Kleidung des Adels, immer eine gepuderte Perücke und liebte die Volksnähe. Dies gilt besonders für die letzten Jahre in Oberdorf. Wenn er im Schlossgarten mit seiner Schwester Kunigunde frühstückte, durften sich die Kinder ihm nähern. Er liebte Ausflüge, Theaterspiele und eine offene Tafel an warmen Abenden. Nach den Chronisten geht auch das Getränk „Kalte Ente“ auf den Kurfürsten zurück. 1771 habe er Sekt und Wein mit Wasser verdünnt und mit Zitrone abgeschmeckt, dann zum Abschluss der Feier als „Kaltes Ende“ servieren lassen. Das Rezept änderte bald den Namen auf „Kalte Ente“ und wurde international bekannt. (Anm.:133) Aber auch privat wusste Clemens Wenzeslaus die Vorteile seiner gehobenen Existenz zu leben. In Oberdorf machte er seine Ausflüge mit einer sechsspännigen Kutsche, wobei die Pferde einheitlich Schimmel oder Rappen waren. 1773 ließ er sich und seinen Hofstaat auf den Grünten (1738 m bei Sonthofen) tragen. Für den flacheren Anstieg standen 51 Pferde zur Verfügung, im Hang mussten 56 Bauern die Tragsessel schleppen. (Anm.:134). Doch das einfache Volk liebte ihn und schmückte oft seinen seinen Weg zur Pfarrkirche in Oberdorf mit Girlanden. Bei seinen offiziellen Auftritten als Kurfürst und Erzbischof entfaltete er mit viel Geschmack und Kunstsinn den Pomp, den das Volk liebte. Dies war wohl auch der Hintergrund, dass er 1782 in Koblenz selbst die Firmung spendete. (Anm.:135)

Die Kurfürstliche Yacht. Quelle: Bundesarchiv.

Bereits nach 1770 hatte Clemens Wenzeslaus den Auftrag für den Bau einer Rheinflotte erteilt. Neben dem Ausbau des Rheinhafens in Ehrenbreitstein („im Dal“) war ihm der Bau einer kurfürstlichen Jacht besonders wichtig. Nach den wenigen vorhandenen Unterlagen war im Vordersteven das kurfürstliche Wappen mit den beiden Löwen in strahlender Vergoldung angebracht. Im Vorderteil der Jacht befanden sich die Räume für Kapitän und Mannschaft sowie die Vorratslager. Im Hauptteil waren vier Räume, die zu einem großen Saal verbunden werden konnten. Im Heck befand sich die Kajüte des Kurfürsten. Die Jacht hatte reiches Schnitzwerk, einen Mast zum Segeln, Pferdegeschirr für 14 Heuerpferde und war im Inneren sehr kostbar ausgestattet. Nach den Aufzeichungen des Reisemarschalls Waldeck von Boos im Rheinischen Antiquarius lagen die Herstellungskosten allein für die Jacht bei über 40.000 Gulden.
Zur Kaiserkrönung von Joseph II. 1790 fuhr Clemens Wenzeslaus zusammen mit seiner Schwester Kunigunde mit seiner Jacht nach Frankfurt. Der kurfürstlichen Jacht fuhr ein Polizeiboot mit zwei kleinen Kanonen voraus; dann folgten eine zweite kleinere Jacht, in der bei Bedarf das Mittagessen eingenommen werden konnte; es folgten zwei Schiffe für Personal und Küche. Clemens Wenzeslaus blieb über 4 Wochen und gab auf seiner Yacht viele kostspielige Empfänge und Veranstaltungen. Am 6. Und 12. Oktober speiste hier die kaiserliche Familie. Die Jacht war bis in die späte Nacht illuminiert. (Anm.:136) Für Clemens Wenzeslaus war es ein Anliegen, die Bindungen an das katholische Reich zu festigen, auch wenn die Kosten die Möglichkeiten des Kurstaates maßlos überstiegen. Ende Oktober kehrte der Kurfürst mit seiner Schwester Kunigunde nach Ehrenbreitstein zurück. Den Abschluss bildete ein großes Volksfest.
Auch in den folgenden Krisenjahren gestaltete Clemens Wenzeslaus sein Leben standesgemäß. Als der Kurfürst Ende 1792 das erste Mal aus Koblenz flüchten musste, lehnte er die Asylangebote des Kölner Kurfürsten ab und zog sich lieber nach Augsburg zurück. Im Sommer 1793 zog Clemens Wenzeslaus mit großem Gefolge in das Jagdschloss Oberdorf und blieb hier sechs Wochen.Der Schulmeister Christoph Bonaventura schrieb über diese Zeit eine Chronik: An der Grenze des Amtsbereiches wurde der Fürstbischof durch eine große Abordnung empfangen und zum Schloss geleitet. Eine Bürgerwehr von 32 Mann in grünen Uniformen versah den Wachdienst. Am 3. August eine „geschlossene Lustjagd in den Höllenwaldungen“. Am 4. August feierliche Firmung in der Pfarrkirche unter Teilnahme aller Geistlichen des Dekanats. Am 8. August Empfang des Fürstabtes von Kempten. Da dieser vor seiner Rückreise an einem Schlaganfall starb, erfolgte am Folgetag die Beerdigung mit einem feierlichen Requiem. 13. August Klopfjagd, am 17. August Kesseljagd von Rotwild, am 5. August große Jagd am Kuhsteinweiher. Nach mehreren Ausflügen eine Reise nach der „Grenzstadt Füssen“. Hier spendete Clemens Wenzeslaus in der Klosterkirche Sankt Mang die Firmung. Die nächsten Tage Gemsjagd, Firmung, Schützenfest und üppige Festessen. „Die hohen Herrschaften äußerten mehrmals ihre höchste Befriedigung über den hiesigen Aufenthalt; sie zeigten sich überaus gnädig gegen die Untertanen, nahmen eigenhändig die zahlreichen Bittschriften entgegen und waren bestrebt, jedem Bedrängten nach Tunlichkeit zu helfen.“ (Anm.:137) Es kann schon nachdenklich machen, wenn man sich vergegenwärtigt, wie sorglos hier das Leben verlief, während anderswo die Lunten brannten.
Der kurfürstliche Hof in Ehrenbreitstein entfaltete unter den letzten beiden Kurfürsten seine ganze barocke Pracht. (Anm.:138) Die Liebe von Clemens Wenzeslaus zu Musik und Theater begünstigte die Errichtung des Koblenzer Theaters und die Unterhaltung einer Hofkapelle, eines der besten Orchester der barockenen Klassik. 1787 baute der Architekt Peter Krahe innerhalb von sieben Monaten ein Theater mit einer klassizistischen Fassade und einer Innengestaltung, in die Mozart’s „Entführung aus dem Serail“ zur Einweihung genau passte. Die Theatergruppe unter Johannes Böhm wurde vom Kurfürsten geschätzt und geachtet. Bereits 1783 gab es am Hof die erste Mozartaufführung, mit dem neuen Theater war eine die stimmungsvolle Kulisse geschaffen. (Anm.:139) Durch die Kunstförderung des Kurfürsten, der Stifte, Klöster und Städte gab es gute Voraussetzungen für zahlreiche Kunstwerkstätten, Künstler und Bauleute. Clemens Wenzeslaus ist es hoch anzurechnen, dass er die ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten auch für Kunst und Kultur einsetzte. Allerdings zeigte sich gerade bei seinem letzten großen Werk, dem neuen Schloss in Koblenz, die ganze Zwiespältigkeit. Weil die Philippsburg in Ehrenbreitstein den Ansprüchen des barocken Landesherrn Clemens Wenzeslaus nicht genügte, zog er bereits 1777 in das schlossähnliche Dikasterialgebäude und brachte die kurfürstliche Verwaltung im so genannten Palais Coenen in der Hofstraße unter. Dadurch blieb er in der Nähe seines Yachthafens und konnte die andere Rheinseite leicht über die leichte Flussbrücke erreichen. Doch bereits 1776 hatte der Kurfürst mit der Planung eines neuen Schlosses in Koblenz begonnen. Zwar gab es in Trier massenhafte Proteste gegen die endgültige Verlegung der Residenz und auch wegen der hohen Kosten erhebliche Bedenken bei den Landständen, die die Finanzierung genehmigen mussten, doch der Kurfürst setzte sich durch. Dabei spielte wohl eine große Rolle, dass er gleich durch einen neuen Stadtteil die Erweiterung von Koblenz vorsah und für Handel und Gewerbe gute Chancen in Aussicht stellte. Das Schloss wurde im neoklassizistischen Stil gebaut. Dazu wurde rheinseitig die Stadtbefestigung aufgebrochen. In der geplanten Neustadt sollte sich die geistige Oberschicht des Kurstaates ansiedeln. In rascher Folge entstanden der Trierer Hof, das Komödienhaus (jetzt Stadttheater), die Neustadt, das Schloßrondell und die Schloßstraße. Auf dem Clemensplatz ließ der Kurfürst den Clemensbrunnen mit der Inschrift ‚Vicinis suis‘ errichten, wie der Magistrat geziemend sich ausdrückte, „als ein unvergeßliches Denkmal kurfürstlicher Milde zum allgemeinen nützlichen Gebrauch der Stadtbewohner“ (1791).
Dazu kamen manche Verbesserungen im Innern der Stadt. Der bisher mit Weinstöcken bepflanzte Jesuitenplatz und der Kirchhof bei der Liebfrauenkirche wurden geebnet und in freie Plätze verwandelt. Statt der qualmenden Pech- und Feuerpfannen, mit denen man sonst die Straßen beleuchtet hatte, wurden große, mit Reflexspiegeln versehene Laternen verwendet. Eine noch vorhandene gusseiserne Wasserleitung führte vom Kimmelberge bei Metternich frisches Quellwasser in die Stadt. Die Bevölkerung vermehrte sich rasch; gegen Ende der kurfürstlichen Zeit zählte man fast 10.000 Einwohner. An fremden Besuchern war kein Mangel. Sie erhielten von der energisch aufstrebenden Stadt den vorteilhaftesten Eindruck und fanden das alte Wort bestätigt, daß unter dem Krummstabe gut wohnen sei. (Anm.:140)
1786 konnte der Kurfürst zusammen mit seiner Schwester Kunigunde das Schloss beziehen. Für Kunigunde war die neue Hofhaltung eine große Herausforderung, die sie mit Bravour bestand. Für die junge Prinzessin Kunigunde waren einstmals alle Heiratspläne der Dresdner Familie gescheitert. Die Pläne, sie dem russischen Zaren, mit dem Kaisersohn Joseph oder dem Erbprinzen von Orleans zu verheiraten, ließen sich nicht verwirklichen. Aus dieser Zeit stammte der Wiener Hofklatsch, sie sei hässlich und ungebildet. Dem Wiener Kaiserhof gelang es dann doch – mittels Bestechung – , die Pfründe einer Fürstäbtissin von Essen für Kunigunde zu gelangen. Damit war sie eine souveräne Regentin ohne Residenzpflicht. 1777 nutzte sie den Umzug, um selbst zu ihrem Bruder zu ziehen und bis zu seinem Tod mit ihm zu leben. Im Kurstaat wurde sie die heimliche Kurfürstin. Bekannt wurde sie durch ihre Tanzleidenschaft und ihren männlichen Reitstil. Für ihren Bruder Clemens Wenzeslaus war sie zeitlebens die wichtigste Ratgeberin.
Der Kurfürst nahm die Vorzüge seines Standes mit Selbstverständlichkeit, aber er bewahrte sich auch den Blick für Not und Elend um ihn herum. Als im letzten Quartal des 18. Jahrhunderts die Leineweber durch die Baumwollspinnmaschinen ersetzt wurden, war auch Augsburg besonders betroffen. Dazu kamen ostindische Billigtextilien, die über die Niederlande importiert waren. Clemens Wenzeslaus konnte die Situation nicht verändern, aber er ließ eine Armenfürsorge entwickeln, die vielen Notleidenden das Überleben ermöglichte. Und dass er in seinem Testament seine Mitarbeiter zu Haupterben machte, ehrte ihn über seinen Tod hinaus. Die Geschichte, dass er in Oberdorf bei seinen Ausflügen in den herumliegenden Sachen der arbeitenden Menschen Geldstücke versteckte, zeigt zumindest, dass er diese Menschen im Blick hatte.
Bedrückend ist die Not seines Hofmalers Heinrich Foelix, von dem wir die vielen Bilder der letzten beiden Kurfürsten haben. In einem Geheimen Konferenzprotokoll vom 7. Juni 1790 (wurde) festgehalten, dass Foelix der Witwe von Coenen, in deren Palais in Ehrenbreitstein die Familie des Hofmalers lebte, „zeit langen Jahren 31 Rthler (Reichstaler) für Hauszins schuldig seyn“. Als die Familie zwei Jahre später mit der Flucht des Kurfürsten Dienstherr und Auftraggeber verloren hatten, wurde die Situation noch bedrückender. (Anm.:141) Um diese Diskrepanz zu verstehen, muss man das letzte Bild, das Heinrich Foelix 1789 vom Kurfürsten malte, aufmerksam anschauen. Foelix malte den Fürsten als Personifikation des Landes, aufrecht stehend, im purpurroten Mantel mit Hermelinpelz, die Hand fest auf dem Kurhut. Auf dem Tisch sind die Mitren, die ihm als Erzbischof von Trier, Fürstbischof von Augsburg und Fürstpropst von Ellwangen zustehen, dazu das vom Papst verliehene Pallium und das Band des Großen Sächsischen Adlerordens. Der Kurfürst schaut in die ferne Zukunft, ruhig heiter und doch seltsam unberührt.(Anm.:142)
Zu guter Letzt; muss die glückliche Hand des Kurfürsten, dem Kurstaat viele Jahre den Frieden zu bewahren, erwähnt werden. Bei dem Pfälzer Erbfolgekrieg (1688-97) waren die französischen Truppen unter Marschall Bouffier bis Koblenz gekommen. Von der Kartause und der Lützelhöhe wurde die Stadt mit Brandkugeln (Karkassen) beschossen und zum größten Teil zerstört. Nach dem Abzug der Franzosen brach eine hundertjährige Friedenszeit an, in der „das Leben aus den Ruinen“ neu erblühte. Die Kurfürsten verstanden es, den Kurstaat aus den großen Kriegen herauszuhalten. Auch während des siebenjährigen Krieges blieb der Kurstaat von Kämpfen verschont. Die französischen Truppen auf dem Ehrenbreitstein und auf der Karthause kämpften auf kaiserlicher Seite und waren keine Gefahr, und in den späteren Jahren wurde Koblenz lediglich vom Durchmarsch befreundeter Truppen berührt. (Anm.:143) In der Festschrift des Kaiserin – Augusta – Gymnasium aus dem Jahre 1913 wird nicht zu Unrecht eine zeitgenössische Lobeshymne auf die Politik des letzten Kurfürsten Clemens Wenzeslaus erwähnt: „Die letzten zehn Jahre, schrieb 1789 ein genauer Kenner unserer Stadt, haben hier in Gebräuchen, Sitten, Ton, Denk- und Lebensart einen so merkbaren Unterschied gemacht, als ihn sonst ein Jahrhundert nicht machte. Ja, er ist so groß, so wichtig und auffallend, daß ein Reisender, der vor dieser Zeit hier gewesen ist, an einen nie gesehenen Ort zu kommen glaubt.“ Auch ein zitiertes Goethewort ist mehr als eine schöne Landschaftsbeschreibung: „Wie schön ist die nähere und weitere Umgebung, wie angebaut und gartenreich der Raum zwischen Schloß und Stadt! Die herrliche Lage des Ortes, die schönen Straßen und Gebäude, die günstigen Wohnräume sind für den Einheimischen erfreulich, für den Fremden einladend.“ (Anm.:144)

Anmerkungen
132 Vgl. Wachter Dorothea, Degen und Krummstab, (1978). 281f.
133 Wikipedia Art. „Kalte Ente“ (10.01.2012)
134 Webseite „Lochstein“.
135 Vgl. Heinz Andreas, Das liturgische Leben (2010), 304.
136 Vgl. Wagner J. Jac., Die große Leibjacht des letzten trierischen Kurfürsten Clemens Wenzeslaus.
137 Wachter Dorothea, Degen und Krummstab (1978), 227.
138 Vgl. Schmid Wolfgang, Kirche, Kunst und Kultur (2010), Ein letzter Glanz (2003).
139 Ludwig Gera druckte ein „Historisches Taschenbuch für Liebhaber der Trierischen Geschichte auf das Jahr 1797“ mit Illustrationen des Nürnberger Kupferstechers Küffner, das sehr anschaulich die Mozart-Euporie der damaligen Zeit wieder gibt. Das Büchlein enthielt ein Brustbild von Clemens Wenzeslaus, der beretis Koblenz verlassen hatte. http://ubttest.opus.hbz-nrw.de/volltexte/2006/369/pdf/Tamino.pdf (10.1.2012)
140 Schröder Prof .Dr., Coblenz in vergangenen Tagen; in: Heimatkunde von Coblenz Teil I, Beilage zum Osterbericht Ostern 1913, hg. Vom Königlichen Kaiserin-Augusta-Gymnasium Koblenz
141 Ein letzter Glanz (2003), S. 15.
142 Ein letzter Glanz (2003), S. 47
143 So zogen auch die Truppen des berühmten Prinz Eugen durch Koblenz.
144 Schröder Prof .Dr., Coblenz in vergangenen Tagen; in: Heimatkunde von Coblenz Teil I, Beilage zum Osterbericht Ostern 1913, hg. Vom Königlichen Kaiserin-Augusta-Gymnasium Koblenz

8. Auf der Flucht, Machtverlust und Säkularisation.

Wie durch einen Tsunami veränderte sich zum Ende des 18. Jahrhunderts die Situation in Europa. (Anm.:145) Angesichts der drohenden Französischen Revolution hatte Clemens Wenzeslaus die Zügel angezogen und viele Freiheiten wieder eingeschränkt. 1789 wurden die Grenzen des Erzstiftes nach Frankreich geschlossen, um das Eindringen von Freischärlern zu verhindern. Der militärisch schwache Kurstaat begann zusätzliche Soldaten zu rekrutieren und Kanonen an allen Stützpunkten in Stellung zu bringen. Unglücklicherweise hatte der Kurfürst schon 1787 seine gesamten Pulvervorräte an die Franzosen verkauft. Trotz der unsicheren Zeiten nahm der Kurfürst seinen Urlaub in Oberdorf, auch um die wichtigsten Dinge in Augsburg zu regeln, denn über Füssen kamen die ersten Flüchtlinge aus Frankreich. Bei dieser Gelegenheit konsekrierte er am 12. Juli 1789 die aufwendig sanierte Pfarrkirche St. Stephanus in Pfaffenhausen. (Anm.:146) Aufgrund seiner verwandtschaftlichen Beziehungen zum französischen Königshof musste der Kurfürst Tausende von französischen Emigranten aufnehmen. Koblenz wurde zum Zentrum der Gegenrevolution. Die militärische Koalition gegen Frankreich bildete sich aber nur sehr langsam. März 1792 war der Kaiser Leopold II. plötzlich gestorben, sein Sohn trat als Franz II. die Nachfolge an. Weil die Schulden der letzten Krönung noch nicht bezahlt waren und vor allem weil sich die Truppen der Anti-Napoleon-Koalition schon bewegten, erfolgte die Krönung in Frankfurt ohne jeglichen Prunk. Nach dem Reichsfürstenkongress in Mainz fuhr Clemens Wenzeslaus im Eiltempo nach Koblenz, um hier den preußischen König Friedrich Wilhelm II. zu empfangen, der seinen Truppen voraus geeilt war.
Ende 1792 erreichten die französischen Revolutionstruppen das Rheinland. Clemens Wenzeslaus hatte bereits die Koffer gepackt und floh mit seinem engsten Hofstaat am 21. Oktober 1792 über Bonn und Düsseldorf nach Münster, wo ihm der Kölner Kurfürst Asyl angeboten hatte. Unterwegs und in Münster war der Kurfürst krampfhaft bemüht, realistische Anweisungen an seine Landesregierung zu schicken. Dann entschloss er sich aber nach Augsburg zu fahren. Am vierzehnten November 1792 traf er in Augsburg ein. Am 21. Januar 1793 wurde der französische König, Ludwig XVI. in Paris hingerichtet. Zu der neuen antifranzösischen Koalition gehörte nun auch Russland. Am 9. August 1793 fiel Trier in die Hand der französischen Truppen, wurde geplündert und verwüstet.
Weil sich jedoch die Reichstruppen durchsetzten, kehrte der Kurfürst am 31. Oktober 1793 nach Koblenz zurück. Marx beschreibt die Begrüßung durch den Stadtmagistrat als sehr herzlich. Als der Kurfürst „in der Liebfrauenkirche seine Danksagung gehalten hatte, fand er beim Austreten aus der Kirche seinen Wagen von den Bürgern aus der Fuhrzunft bespannt und vorgeführt. Auf dem Bock saß des Poststallmeisters Barth zehnjähriges Söhnchen und hatte ein gelbseidenes Leitseil in den Händen. Der Churfürst dankte und sagte: ‚Ich habe meine Unterthanen viel zu lieb und schätze sie zu werth, als daß ich mich von ihnen statt der Pferde ziehen lassen sollte; ich will in euren Herzen getragen, aber nicht von euch gezogen sein.‘ Und hierauf ging er zu Fuß unter Begleitung des Volkes nach der Residenz. ‚Noch fufzig Johr!‘ riefen die Einen, überlauf Vivat! Riefen die Andern abwechselnd.“ (Anm.:147) Der Kurfürst setzte sich nun an die Spitze der Bürgerbewegung, Koblenz eine sichere Verteidigungsstruktur neu zu geben. Selbst die Klöster stifteten von ihrem Kirchensilber. Doch die französischen Revolutionstruppen waren nicht aufzuhalten; ihre hohe Motivation machte die ärmliche Ausrüstung wett. Durch die Aufgabe der klassischen Kolonnenformation hatten die französischen Freischärler eine große Beweglichkeit. Bereits im April 1792 war der Trierer Domschatz und das Archiv von Trier nach Ehrenbreitstein gebracht worden. Als sich die militärische Lage zuspitzte wurde das ganze Archiv des Kurfürstentums auf Schiffe verladen und über Düsseldorf nach Niederwesel gebracht und hier im Karmeliterkloster eingelagert. Da sich die Lage entspannte, wurde das ganze Archiv wieder nach Koblenz zurückgeholt. Doch die Atempause war nur kurz. Nun musste man damit rechnen, dass die Franzosen die ganze linke Rheinseite erobern und besetzen würden. Am 14. Januar 1794 richtete Clemens Wenzeslaus das Amt des Flüchtlingskommissars“ ein, um die Verlagerung der kurfürstlichen Verwaltung vorzunehmen. Das Hauptarchiv wurde per Schiff in das Fürstbistum Augsburg nach Dillingen gebracht und später in Dresden eingelagert. Die übrigen Akten kamen nach mehreren Zwischenstationen bis nach Hanau. (Anm.:148) Auch die kostbarsten Möbel aus dem Schloss wurden auf Schiffe verladen und in die Hofburg nach Augsburg gebracht.
Angesichts der drohenden Eroberung von Koblenz floh der Kurfürst zum zweiten Mal – diesmal mit seiner Yacht – von Koblenz. Am 5. Oktober 1794 verließen die Schiffe den Hafen von Ehrenbreitstein. Unter der Bevölkerung war die Stimmung umgeschlagen, weil sie erlebten, dass sie der Kurfürst nicht mehr schützen werde; Koblenzer Bürger sollen bei der Abfahrt der Schiffe am Ufer applaudiert haben. Der Prinz aus dem Sachsenland hatte die Partie verloren. Achtzehn Tage nach seiner Flucht besetzten die französischen Truppen Koblenz und setzten vor der kurfürstlichen Residenz den Freiheitsbaum mit der roten Jakobinermütze.Aber auch in Augsburg wurde Clemens Wenzeslaus mit den revolutionären Unruhen konfrontiert. Der Kurfürst war von der sich umgreifenden Revolution so verschreckt, dass er auch im Augsburger Fürstbistum (Landesherrschaft) alle Reformen zurücknahm. Da Preußen 1795 wegen seiner Polenpläne die Reichskoalition verließ und mit Frankreich einen Separatfrieden schloss, konnten sich die französischen Revolutionsstruppen konzentrieren und neu angreifen. Ende Juni 1796 überquerten sie den Rhein und stießen nach Süddeutschland vor.
Clemens Wenzeslaus konnte vor dem Einmarsch der Franzosen fliehen und suchte mit seinem Hofstaat in Dresden Zuflucht. Nach dem erfolgreichen Vorstoß der Reichstruppen kam er nach Augsburg sofort zurück, aber er kam in ein Land, das voller sozialer und politischer Unruhen war. Im Sommer 1800 floh der Kurfürst erneut nach Dresden. Durch den Frieden von Luneville am 9. Februar 1801 wurde der Kurfürst endgültig ein Fürst ohne Land. Das linksrheinische Erzstift Trier fiel an Frankreich, das Fürststift Augsburg an die Reichsstadt Augsburg bzw. später an Bayern, die Fürstpropstei Ellwangen an Württemberg und die rechtsrheinischen Gebiete des Erzstiftes Trier an Nassau. Die Säkularisierung durch den Reichsdeputationshauptschluss regelte auch für Clemens Wenzeslaus Abfindungen und Pensionen.

Anmerkungen
145 Vgl. Wachter Dorothea, Degen und Krummstab (1978), 213ff
146 Vgl. Webseite Bistum Augsburg, Art. St. Stephanus
147 Marx, Geschichte (1864), 287.
148 Vgl. www.landeshauptarchiv.de/index.php?id=453

9. Heimgang (Anm.:149)

Der Trauerzug zur Beerdigung. Quelle. Wikimedia.

In seiner Augsburger Zeit verbachte Clemens Wenzeslaus die Sommermonate im Oberdorfer Schloss, erteilte in der Pfarrkirche das Sakrament der Firmung und hielt einen intensiven Kontakt zur Bevölkerung. Ende Juni 1812 erkrankte er schwer. Die Menschen waren angerührt, als die Glocken überall läuteten und den nahenden Tod ankündigten. Schwester Kundigunde wich nicht von seinem Bett. Nach dem Empfang der Sterbesakramente starb Clemens Wenzeslaus in der Nacht vom Sonntag zum Montag um 0,30 Uhr am 27. Juli 1812 im Alter von 73 Jahren. Vierundvierzig Jahre hatte er Regierungsverantwortung getragen.Der tote Leib wurde im Chor der Oberdorfer Pfarrkirche drei Tage lang aufgebahrt. Dann erfolgte die Einbalsamierung durch den Hofarzt Ahorner. Das Herz wurde in einer Silberkapsel im Augsburger Münster beigesetzt, die Bestattung des Leichnams erfolgte am 4. August 1812. Um 16 Uhr zog der Trauerzug von der Pfarrkirche zum Friedhof. Die Trauerfeier leitete der Augsburger Weihbischof von Hohenlohe-Schillingsfürst. Einschließlich des Augsburger Domkapitels nahmen der ganze Klerus, Generalkommissar von Reisach, der gesamte Hof und die Augsburger Bürgerwehr an der Trauerfeier teil. Ein langer Trauerzug der Bevölkerung gab dem toten Churfürsten das Geleit. In seinem Testament hatte Clemens Wenzeslaus seine Dienerschaft zum Universalerben bestimmt, für die Oberdorfer und Augsburger Armenkasse hatte er ein Vermächtnis eingesetzt, ebenfalls für die Oberdorfer Lehrgeldstiftung, eine Ausbildungsstätte für Jungen aus unteren sozialen Verhältnissen. Seine Schwester Kunigunde erhielt lediglich einige persönliche Erinnerungsstücke und zog sich an den Dresdener Hof zurück. Die kurfürstlichen Mobilien wurden öffentlich versteigert. Einen Teil der Möbel kaufte der Bayerische Staat und verteilte sie auf verschiedene Schlösser. Das Oberdorfer Schloss wurde zu Verwaltungszecken umgewidmet.

Die Grabkapelle in Oberdorf. Quelle: Wikimedia.

1823 ließ Kunigunde eine Grabkapelle im klassizistischen Stil an die Pfarrkirche anbauen und hierin Clemens Wenzeslaus umbetten. Eine weiße Marmortafel trägt die goldene Inschrift:
Hic requiescit in Domino/reverendissimus ac celsissimus/Princeps Elector/Archi-Episcopus Trevirensis/Et Episcopus Augustanus/Praepositus Ellwacensis/Regius Princeps Poloniae/Dux Saxoniae etc. etc./ Clemens Wenceslaus/ natus Die 23. Nov. 1739 (Anm.:150)/ denatus in sua residentia aestivali Oberdorfii Die 27. Juli 1812 – Amantissmimus Domini habitabit con-/fidenter in eo, quasi in thalamo inter/ humerus ejus requiescit/ Deuteronome C. 33,v.12
Hier ruht im Herrn /der Hochwürdigste und Erhabenste Kurfürst/ und Erzbischof von Trier, /(und) der Bischof von Augsburg, /der Abt von Ellwangen, der königliche Prinz Polens,/ der Fürst Sachsens etc. etc./ Clemens Wenceslaus / geboren am ………./ verstorben in seiner Sommeresidenz Oberdorf am 27. Juli 1812 – Der Liebling des Herrn wohnte im Vertrauen auf ihn, er ruht wie in einer Kammer zwischen seinen Schultern. Deuteronomium 33,12.

Anmerkungen
149 Wachter, Dorothea, Degen & Krummstab,(1978), 278 ff
150 Das Geburtsdatum ist ein Fehler, denn Clemens Wenzeslaus wurde am 28. September 1739 geboren.

10. Resümee
Clemens Wenzeslaus war zweifelsohne ein frommer katholischer Priester und ein papsttreuer Prälat der Römischen Kirche. Als Reichsfürst war er ein treuer Freund der deutschen Kaiser und fühlte sich für die deutschen Lande verantwortlich. Als Landesherr behielt er das Wohl der Menschen im Auge und bemühte sich nach besten Kräften die Verhältnisse zu verbessern oder wenigstens erträglicher zu machen. Mit Selbstverständlichkeit lebte er nach den Regeln und Möglichkeiten seiner hohen sozialen Stellung. Er war überaus gebildet und ein großer Musikliebhaber. Den Idealen der Aufklärung war er aufgeschlossen, solange sie nicht seine katholische Identität berührten. Seine Beziehung zum Protestantismus und zum Judentum wurde pragmatisch durch seine Erziehung zur Toleranz und durch wirtschaftliche Gesichtspunkte bestimmt. Sein großes Pflichtgefühl bewahrte ihn davor, die ihm anvertrauten Landesherrschaften zum Vorteil für sich und seine Familie auszusaugen, wie es viele Landesherren mit Selbstverständlichkeit taten. Er litt unter den Kriegen und fühlte sich ihnen oft hilflos ausgeliefert. Trotz guten Willens konnte er die Zeitenwende nicht aufhalten. Die Einschätzung des Koblenzer Historikers Domenicos dürfte zutreffend sein: „seine Regierung hat über die letzte Zeit des Trierischen Kurfürstenthums dennoch reichen Segen verbreitet; sie bildet das milde Abendroth vor dem Einbrechen einer dunkeln Periode der Zerstörung und fremder Gewalt, die erst nach mehr als einem halben Menschenalter einer neuen Morgenröthe weichen sollte.“
Zum Schluss sei noch einmal der Hinweis erlaubt, dass wir auch Clemens Wenzeslaus im Kontext seiner Zeit sehen und beurteilen müssen. Es war die Zeit des Barock, wo sich der Adel mit Selbstverständlichkeit als Führungsschicht verstand, der auch zunächst und vor allen die materiellen Ressourcen, die von allen erarbeitet wurden, für sich beanspruchte. Dies galt nicht nur für den katholischen Adel. Die protestantischen Landesherren lebten in derselben Gesinnung. Da die geistlichen Fürsten zum hohen Adel gehörten, nahmen sie auch dessen Privilegien in Anspruch. Die Ideale der Französischen Revolution „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ haben langfristig gesehen Europa verändert. Dass sie aber nur sehr mühsam und bruchstückhaft verwirklicht wurden, sieht man an den Gewalttaten der Revolutionäre, an den imperialistischen Kriegen Napoleons und an der Wiederkehr der hierarchischen Monarchie. In diesem Licht seiner Zeit muss Clemens Wenzeslaus gesehen und beurteilt werden.

Eingesehene und eingearbeitete Literatur:

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Bender Eva, Die Prinzenreise, Schriften zur Residenzkultur Bd. 6, Lukas Verlag 2011. Digitaler Porträtindex, Universitätsbibliothek Leipzig, Bereich Sondersammlungen und Digitalisierung; Porträts Clemens Wenzeslaus Inv. Nr. 9/258 und 9/259
Dominicus AL., Coblenz unter dem letzten Kurfürsten von Trier, Clemens Wenceslaus, 1768-1794. Coblenz 1869.
Ein letzter Glanz, hg. Vom Mittelrhein-Museum Koblenz, Koblenz 2003
Fellmann Walter, Prinzessinnen: Glanz, Einsamkeit und Skandale am Sächsischen Hof, Leipzig 1996.
Feuerstein-Praßer Karin, Augusta, Kaiserin und Preußin, TB Piper München 2011
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Franz Gunther, Von der Konfrontation zur ‚Toleranz‘: Protestanten im Kurfürstentum Trier; in: Geschichte des Bistums Trier, Bd.3. hg. Manfred Schneider, Trier 2010.
Göller Andreas, Juden im Erzbistum Trier; in: Geschichte des Bistums Trier, Bd.3. hg. Manfred Schneider, Trier 2010.
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Raab Heribert, Clemens Wenzeslaus von Sachsen und seine Zeit, Bd.I Dynastie, Kirche und Reich im 18. Jahrhundert, Freiburg 1962
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Wagner J. Jac., Die große Leibjacht des letzten trierischen Kurfürsten Clemens Wenzeslaus; in: Rhein. Heimatblätter Heft 2, 1. Jahrg. Koblenz 1926
Wikepedia, Artikel „Bendorfer Hütten“ (6.1.2012) Wikipedia: Artikel „August der Starke“ (2.11.2011) Wikipedia: Artikel „Clemens Wenzeslaus“ (2.11.2011) Wikipedia: Artikel „August III. (Polen)“, (2.11.2011) Wikipedia: Artikel „Maria Josepha von Österreich“ (2.11.2011)

 

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Kittlauss Jul 23rd 2012 05:10 pm Heimatgeschichte,Theologie Keine Kommentare bisher Facebook Kommentare Trackback URI Comments RSS

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