Antisemitismus vor Ort

Viele haben mitgemacht, zugeschaut oder sind stillschweigend vorbeigegangen

Nach Ostern 1096 war es in rheinischen Gemeinden, besonders in den größeren Städten, wie Speyer, Mainz und Worms, fast alltäglich, dass Juden auf offener Straße verfolgt wurden. Alte jüdische Männer, die schon an ihrer Kleidung und an ihren Bärten gut zu erkennen waren, wurden aufgegriffen und eingeschüchtert, dann schnitt man ihnen die Bärte ab. Die langen Bärte sind noch heute gerade bei älteren Juden ein Zeichen der Würde und Weisheit, folglich wurden die Männer, denen man die Bärte abschnitt, entwürdigt und vor allen gerade zufällig Anwesenden lächerlich gemacht. Mehrere Quellen weisen das folgende Ereignis auf, das sich am Karfreitag des Jahres 1096, dem 11. April, in Stromberg, einer kleinen Stadt in den nordöstlichen Ausläufern des Hunsrücks in der Nähe von Bingen, ereignet haben soll. Ob wahr oder frei erfunden, ist nicht mehr festzustellen. Es zeigt aber in welchen Ausmaßen sich der Judenhass zu dieser Zeit bewegte.

Nach der Passionsmesse strömten die Gläubigen in großer Zahl aus der Kirche. Auf dem Dorfplatz stand der plumpe Kastenwagen eines jüdischen Händlers, der anscheinend von einigen Leuten angehalten und an der Weiterfahrt gehindert worden war. Im Nu war er von einer schreienden Menge umstellt. Die Menschen, die ihn umringten, riefen ihm böse Beschimpfungen zu.
„Verfluchter Wucherer!“
„Christusmörder!“
„Schamloser Jude!“
„Jüdische Schlangenbrut!“
Aus der Menge, die rasch anwuchs, kamen empörte Anklagen, laut und voller Hass hinausgeschrien.
„Du wagst es, an diesem Tag prahlend durch unseren Ort zu kutschieren? Hast du etwa vergessen, dass deinesgleichen den Messias an diesem Tag durch die Straßen Jerusalems gegeißelt und auf Golgatha ans Kreuz genagelt hat? Zur Hölle mit dir und deinesgleichen, du elender Gotteslästerer!“
„Du und dein auf ewig verfluchtes Judenvolk, ihr habt das Blut unseres Heilands an euren Händen!“
„So sind sie, die Juden! Leugnen nicht nur, dass Jesus Gottes Sohn ist, sondern treten auch noch alles mit Füßen, was uns heilig ist!“
Der jüdische Händler versuchte verzweifelt die auf gebrachte Menge zu beruhigen.
„Ihr tut mir Unrecht, gute Leute! Nichts liegt mir ferner,
als euren Glauben zu verhöhnen und eure Gefühle zu verletzen.“
„Wer glaubt schon einem dreckigen Juden?“
Bösartiges, nach Gewalt gierendes Gelächter ertönte.
„Du bist und bleibst ein dreckiger Christusmörder!“
„Juden sind zu allem fähig. Es heißt, sie vergiften Messwein und entweihen heimlich Hostien!“
„Lasst uns das Blut des Gekreuzigten rächen!“
Zuerst bewarf die Menge den fahrenden Händler mit Dreck und Pferdeäpfeln, doch schon Augenblicke später bückten sich die Ersten
nach Steinen, denn sie wollten Blut fließen sehen.
Im Handumdrehen ging ein wahrer Hagel allen Seiten auf den Händler nieder, der die Arme schützend vor das Gesicht hob.
Ein Stein riss ihm den Hut vom Kopf. Als das erste Blut aus einer Platzwunde auf der Stirn floss, ging ein triumphierender, jubelnder Schrei durch die Menge.
„Holt ihn vom Wagen!“
„Schlagt ihn tot!“
„Steinigt ihn!“
Der Blutrausch packte die Menschen. Wieder schleuderten sie Steine auf den Wehrlosen.
Der Händler stürzte unter den Steinwürfen und Knüppelschlägen vom Kutschbock.
(aus: Rainer Maria Schröder, „Das Vermächtnis des alten Pilgers“, Arena Verlag 2001)

 

Kittlauss Nov 4th 2012 05:20 pm Holocaust Keine Kommentare bisher Facebook Kommentare Trackback URI Comments RSS

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