{"id":627,"date":"2004-01-31T20:42:15","date_gmt":"2004-01-31T19:42:15","guid":{"rendered":"http:\/\/wordpress.p130205.webspaceconfig.de\/?p=627"},"modified":"2013-11-21T07:31:10","modified_gmt":"2013-11-21T06:31:10","slug":"gedanken-zu-meinem-priesterjubilaum","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/index.php\/gedanken-zu-meinem-priesterjubilaum\/","title":{"rendered":"Gedanken zu meinem 40j\u00e4hrigen Priesterjubil\u00e4um"},"content":{"rendered":"<div>(Erstver\u00f6ffentlichung: &#8222;Lebenswege &#8211; Hoffnungswege&#8220;,hrg. Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen, Berlin PRO BUSINESS 2004)<\/div>\n<div id=\"attachment_630\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-630\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-630 \" title=\"100-0027_IMG\" src=\"http:\/\/wordpress.p130205.webspaceconfig.de\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/100-0027_IMG-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/100-0027_IMG-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/100-0027_IMG-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/100-0027_IMG.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-630\" class=\"wp-caption-text\">Seit meiner Priesterweihe 1961 gab es viele Wechsel: Kaplan in Jena, Di\u00f6zesanjugendseelsorger in Erfurt, arbeitslos, Hilfsarbeiter im Th\u00fcringer Zoo, Versicherungsagent, Arbeiter im Papier- und Tapetengro\u00dfhandel, Evangelischer Gemeindehelfer, Ausreise,Arbeitslosigkeit, doch dann normalisierte sich alles<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vor vierzig Jahren wurde ich im Erfurter Mariendom zum katholischen Priester geweiht.<!--more--> Deshalb stehe ich in diesem Jahr vor der Frage, wie ich es mit diesem Jubil\u00e4um halten solle, obwohl sich in diesen vierzig Jahren sowohl in der Welt wie auch bei mir pers\u00f6nlich vieles ver\u00e4ndert hat. Der Bischof, der mich damals geweiht hat, ist schon lange tot, der andere Bischof, der mir die \u201eLaisierung\u201c ausgesprochen hat, ebenfalls. Ihre Gr\u00e4ber sind im Innenhof des Erfurter Domes. Der r\u00f6mische Papst wird nicht mehr auf dem gro\u00dfen Tragesessel durch die Menge getragen, sondern f\u00e4hrt auch aus Sicherheitsgr\u00fcnden in einem Hightech \u2013 Roller. Von der Berliner Mauer, die doch nach Erich Honecker noch in hundert Jahren bestehen sollte, gibt es nur noch kl\u00e4gliche Reste, einige davon in meinem B\u00fccherregal. In Bendorf, wo ich seit 1976 lebe, gibt es eine orthop\u00e4dische Klinik, wo das Einsetzen k\u00fcnstlicher Gelenke Routine ist, so wie E-Mails, die ich auf meinem PC schreibe und in alle Welt verschicke. Die erste Weltraumsonde mit Ionenantrieb, bisher nur eine Story in der Science \u2013 Fiktion \u2013 Szene, macht sich dieses Jahr auf den Weg zum Mond. Solche Beispiele lie\u00dfen sich beliebig fortsetzen. Vielleicht noch viel wichtiger ist der Wandel in Wertvorstellungen, ich denke an die Ver\u00e4nderungen der Beziehungen zwischen Frauen und M\u00e4nnern und die Entwicklung der globalen Welt. Manche sagen, es h\u00e4tte noch nie eine Generation wie die unsrige gegeben, die so viele Ver\u00e4nderungen ihrer Lebensbedingungen erleben konnte. Die andere Seite der Medaille ist ebenso aufregend: Auch ich selbst habe mich ver\u00e4ndert. Ich bin nicht nur \u00e4lter geworden, mittlerweile im Ruhestand und habe dem Tod mehrmals ins Angesicht geschaut, sondern es hat sich auch in meinem Denken und in meinen Lebensidealen vieles ver\u00e4ndert. So verstehe ich heute besser, wie sich innerhalb einer Generation das Christentum aus seinen j\u00fcdischen Wurzeln emanzipieren konnte und dass sich die christlichen Kirchen wie jede Institution entwickelt haben. Ich bin auf der einen Seite in vielem gelassener geworden, oft aber neugieriger, hartn\u00e4ckiger und radikaler. Es gibt bei mir auch Dinge, die in mein Leben zur\u00fcckgekehrt sind, nachdem sie l\u00e4ngere Zeit \u00fcberhaupt keine Rolle gespielt haben. So liebe ich das Rosenkranzgebet und genie\u00dfe es, das Neue Testament in der griechischen Ursprache zu lesen. Ja, Ver\u00e4nderung und Kontinuit\u00e4t \u2013 beides geh\u00f6rt zu mir. Es ist mir wichtig, dies sehr deutlich zu machen, gewisserma\u00dfen als Hintergrund dieser \u00dcberlegungen. Denn die Frage, wie ich es als laisierter katholischer Priester mit meinem 40j\u00e4hrigen Weihejubil\u00e4um halten soll, ist keineswegs selbstverst\u00e4ndlich und noch weniger einfach zu beantworten.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">\u00a0\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst h\u00e4tte ich wie jeder Beamter oder Maurermeister das Recht, mein Berufsjubil\u00e4um zu feiern. Viele Formen w\u00e4ren hier m\u00f6glich, sowohl ein gro\u00dfes Fest wie auch die Feier im kleinsten Kreis. Aber hier dr\u00e4ngt sich sofort die Frage auf, ob ich nicht durch meine Entscheidung zur Heirat und die dann erfolgte \u201eLaisierung\u201c alle Rechte auf ein Jubil\u00e4um verloren habe? Geht es mir nicht so wie einem entehrten Offizier, dem die Epauletten abgeschnitten wurden, und der aus der Armee ausgesto\u00dfen ist? Aber irgendwie regt sich bei mir Protest gegen dieses Denken, vielleicht auch weil wir aus der Geschichte wissen, wie relativ solche Entehrung sein kann. Gar nicht selten wurden bei \u00c4nderung der gesellschaftlichen oder kirchlichen Verh\u00e4ltnisse Entehrte rehabilitiert und dann hoch verehrt. Aus der langen Reihe der Zeugen seien die Jungfrau Johanna von Orleans, der schlesische Dichterpriester Joseph Wittig und der Politiker Nelson Mandela als Beispiele genannt. Nein, gegen\u00fcber einem blo\u00dfen amtlichen Federstrich, und auch nach dem p\u00e4pstlichen Selbstverst\u00e4ndnis ist die \u201eLaisierung\u201c nicht mehr als ein Beh\u00f6rdenakt, Also habe ich weiter gefragt und schaute mir zun\u00e4chst einmal die Texte an, wie ich es als Methode in der biblischen Exegese gelernt habe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da ist zuerst das Laisierungsschreiben v. 18.7.1972, in dem mir der damalige Erfurter Kommissarbischof Hugo Aufderbeck (\u2020) lapidar mitteilte: \u201e Am 15. Dezember 1971 haben Sie an den Heiligen Vater das Gesuch um R\u00fcckversetzung in den Laienstand gerichtet. Unter dem 19. Mai 1972 teilte die SACRA CONGREGATIO PRO FIDE (Prot. Nr. 1851\/72) mit, dass Ihrem Antrag entsprochen wurde. Das genannte Rescript enth\u00e4lt die Laisierung und die Dispens von den Weiheverpflichtungen als unzertrennbare Einheit.\u201c Kurz und knapp hei\u00dft das: Rausschmiss und Beendigung der Berufskarriere. Merkw\u00fcrdig ist es allerdings, dass sich der Bischof auf ein Schreiben von mir bezog, das ich so \u00fcberhaupt nicht geschrieben hatte. Ich hatte n\u00e4mlich nur um Heiratserlaubnis gebeten und eindeutig meine Bereitschaft zum weiteren priesterlichen Dienst erkl\u00e4rt, auch zu anderen Aufgaben, falls sich dies mit R\u00fccksicht auf die Weltkirche nicht anders machen lie\u00dfe. Weil sich deshalb die Entscheidung der r\u00f6mischen Kirchenbeh\u00f6rde ausdr\u00fccklich auf einen Antrag von mir bezog, den ich \u00fcberhaupt nicht gestellt hatte, muss gefragt werden, ob nicht sogar eine irrt\u00fcmliche Entscheidung vorlag, diese also null und nichtig war? Eigenartig ist es auch, wenn es in dem bisch\u00f6flichen Schreiben hei\u00dft: \u201e Das genannte Rescript enth\u00e4lt die Laisierung und die Dispensierung von den Weiheverpflichtungen als unzertrennbare Einheit. \u2026. Die Aus\u00fcbung irgendwelcher Weihefunktionen ist von jetzt ab f\u00fcr Sie nicht mehr m\u00f6glich, unbeschadet der Vorschrift von Canon 882 und 892, \u00a72.\u201c Das hei\u00dft doch in verst\u00e4ndlichem Deutsch: Ich bin weiterhin Priester, allerdings mit eingeschr\u00e4nkten Befugnissen, also nur noch, wenn ein anderer Mensch in schwerer Lebensgefahr ist, dann aber sogar als Pflicht auferlegt, und von den eingegangenen Verpflichtungen wie Ehelosigkeit, Breviergebet und Dienstgehorsam befreit. Also im Sinne des r\u00f6mischen Kirchenrechtes w\u00e4re gegen das Priesterjubil\u00e4um gar nichts grunds\u00e4tzlich einzuwenden, vielleicht nur sollte die Feier \u201esine pompa et organu\u201c\u00a0 sein (ohne Pomp und Orgelspiel), also bewusst schlicht und zur\u00fcckhaltend, weil ich ja gewisserma\u00dfen zu einem freigestellten Priester ohne Pensionsanspr\u00fcche wurde?<\/p>\n<p>Soweit so gut. Doch hilft dieses rechtliche Denken \u00fcberhaupt weiter? Widerspricht das nicht meiner ureigensten Entwicklung? K\u00f6nnte ich auf solcher Basis ein Jubil\u00e4um feiern? So schaute ich deshalb als n\u00e4chstes in meine Weiheurkunde hinein, die \u00fcbrigens sehr sch\u00f6n gestaltet ist, ganz im Unterschied zu dem. Laisierungsschreiben von Bischof Aufderbeck, das wie ein trivialer Beh\u00f6rdenbrief aussieht. In der Weiheurkunde hei\u00dft es in gro\u00dfen Lettern, gesiegelt und unterschrieben von dem damaligen Erfurter Weihbischof Joseph Freusberg: \u201e Am 29. Juni im Jahre des Heils 1963 weihte ich durch die Gnade Gottes und durch die Auflegung meiner H\u00e4nde zum Priester den Diakon Dieter Kittlauss\u201c. Und dann folgt gewisserma\u00dfen als Kommentar ein uralter Text, der so wundersch\u00f6n ist, dass ich ihn vollst\u00e4ndig zitieren will:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00a0\u201e Der ewige Hohepriester Jesus Christus hat Dich mit unverg\u00e4nglichem Siegel gezeichnet, er hat Dich ausgesondert zu makellosem Dienst und bestellt zum Verwalter heiliger Geheimnisse. + Nicht mehr Knecht bist Du sondern Freund des Herrn, erw\u00e4hlt von ihm, geheiligt in der Wahrheit. + In Einheit mit dem Bischof bist du dem Herrn der Kirche unl\u00f6sbar verbunden. + Beharre in der Lehre der Apostel, im Gehorsam, in mannhafter Treue. + Gesalbte H\u00e4nde hebst du zum Gebet empor. Du ents\u00fchnst und weihst die ganze Sch\u00f6pfung zum Dienst Gottes, des alleinigen Herrn. + In jungfr\u00e4ulicher Vaterschaft baust du die Kirche auf, Christi leib. + In der Taufe f\u00fchrst du die Menschen aus der Finsternis zum Erbe der Heiligen im Licht. + In der Feier der Eucharistie bringst du dich und das heilige Volk des Herrn im Erl\u00f6sungsopfer Christi zur Verherrlichung des Vaters dar und teilst das heilige Brot des Lebens aus. + Du bist von Gott zum Stellvertreter seiner Liebe, zum Richter und Arzt der S\u00fcnder bestellt. + Du darfst die Kranken segnen und sie zum Todeskampf weihen. + Sei Lehrer des Glaubens, \u00c4ltester in W\u00fcrde und Zucht, + bew\u00e4hrt und reif in Wissen und Werk, verk\u00fcnde das Evangelium der seligen Herrlichkeit im Geiste der Kraft und Liebe und Besonnenheit. + Tue alles im Einklang mit dem Bischof. + Liebe die Einheit. + Schwer und gefahrvoll ist dein Dienst. + Harre aus in der Hoffnung des ewiges Lebens, das dir Christus Jesus geben wird mit allen, die sein Wort treu verwaltet haben seit Anbeginn\u201c.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Ich gestehe, dass es mir fast den Atem raubte, als ich dieses Dokument nach vielen Jahren wieder las. Und ich musste es mehrmals wieder lesen, um mir jedes Wort zu verinnerlichen. Hier ist kein Wort \u00fcber Z\u00f6libat, Laisierung, Dienstverpflichtung, Rescript, kirchliche Canones, Klerus, Weihefunktionen oder Kirchenstrafen. Hier atmen Geist und Buchstabe des Neuen Testamentes und ich f\u00fchle mich beim Lesen in meinem innersten Denken und F\u00fchlen angesprochen. Ja, das ist mein Glaube, mein Leben, der Grund meines Adsum, ganz tief verankert in meinem Herzen: das Evangelium der seligen Herrlichkeit, die Liebe zu den Kranken und Schwachen, der Auftrag wie die Apostel ein Bote dieses Jesus von Nazaret zu sein. Und ich h\u00f6re in dem Text die Botschaft von dem priesterlichen Volk und dem Licht in der Finsternis, in dem ich mich mit besonderer Leidenschaft engagieren soll. Ich h\u00f6re auch die Mahnung zu Selbstzucht und jungfr\u00e4ulicher Vaterschaft (ein wunderbares Bild, das in seinem urspr\u00fcnglichen Sinn \u00fcberhaupt nicht sexuell gemeint war). Und gewichtig \u2013 mahnend \u2013 tr\u00f6stend fast wie ein Bachchoral das Wort: \u201e Unl\u00f6sbar dem Herrn verbunden\u201c. Unl\u00f6sbar wie sp\u00e4ter mein zweifaches Eheband, das nur Gott durch den Tod l\u00f6sen kann.<\/p>\n<p>Doch wie ist das mit meiner Beziehung zum Bischof? Denn im Text hei\u00dft es auch: \u201eIn Einheit mit dem Bischof\u201c und \u201eim Einklang\u201c mit ihm. Bin ich nicht fortgelaufen wie der verlorene Sohn und habe in der biblischen Bildsprache die breite und bequeme Stra\u00dfe gew\u00e4hlt? Klingen mir nicht noch im Ohr die oft feindseligen Worte mancher \u201eFrommen\u201c vom abtr\u00fcnnigen Priester und vom s\u00fcndhaften Bruch des feierlichen Gel\u00f6bnisses? Nein, ich muss widersprechen. Das alles trifft weder auf meine damalige Entscheidung noch auf mein weiteres Leben zu. Mein Weg war alles andere als bequem, im Gegenteil habe ich damals mit Sicherheit und ganz bewusst den f\u00fcr mich schwierigeren Weg gew\u00e4hlt. Das Abenteuer neuer Lebensgestaltung, die m\u00fchsame neue Berufsfindung mit 35 Jahren in einer mir unfreundlich gesinnten wenn nicht sogar feindlichen Umwelt, die konkrete Verantwortung f\u00fcr die n\u00e4chste Generation und die wiederholte Preisgabe von Heimat, Freunden und Bindungen waren keinesfalls eine breite Stra\u00dfe. Ich erinnere mich noch an die Gespr\u00e4che mit meinem Heimatpfarrer (\u2020) und einem Pallotinerpater (\u2020), mit beiden war ich sehr verbunden. Sie warnten mich beide, denn ich w\u00fcrde alle Sicherheiten und Annehmlichkeiten meines jetzigen Lebens verlieren und mich den M\u00fchsalen eines Verheirateten ausliefern. Nein, die Wahrheit ist: ich w\u00e4hlte bewusst die \u201eenge und steile\u201c Stra\u00dfe der Wahrhaftigkeit und Lauterkeit. Und deshalb hei\u00dft die Wahrheit: Nicht ich bin fortgelaufen, sondern der Bischof hat mich infolge seiner totalen Unterwerfung unter die innerkirchliche Disziplin weggeschickt und sich selbst aus aller Verantwortung gel\u00f6st. Als ich den Wunsch \u00e4u\u00dferte, die Form meines Lebens zu \u00e4ndern, um das Leben eines Z\u00f6libat\u00e4ren aufzugeben, um mich in der Tradition der Apostel an eine Lebensgef\u00e4hrtin zu binden, habe ich meine Bereitschaft zum Leben und Dienst im Gottesvolk des Neuen Bundes nicht zur\u00fcckgezogen. Im Gegenteil, ich war ungebrochen hoch motiviert zum Dienst in Welt und Kirche, und bin dies \u2013 wenn ich dies in aller Bescheidenheit sagen darf \u2013 bis zu heutigen Tag. Doch bevor ich dem nachgehe, will ich nach den Wurzeln meines Adsum fragen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Meine Jugendjahre habe ich in der katholischen Diasporakirche Weimar verlebt und wurde von dieser ganz stark gepr\u00e4gt. Ein Pfarrer, drei Kapl\u00e4ne, vier Pallotinerpatres, ein Dutzend Ordensschwestern und viele engagierte Christen aller Altersschichten f\u00fchrten uns Kinder und Jugendliche in das christliche Leben ein, wobei Gottesdienste, Fr\u00f6mmigkeit und Jugendarbeit untereinander und mit dem ganzen Gemeindeleben eine organische Einheit bildeten. F\u00fcr junge Leute von heute mag es seltsam klingen, aber es war wirklich so, dass wir damals als Jugendliche mit dem Kirchenjahr lebten. Die gro\u00dfen Feste mit ihren Br\u00e4uchen und Liedern, die Gemeinschaftsmessen, wo wir Jugendliche unter uns waren, die Monatsbeichte und die Komplet am Samstag Abend, die Fronleichnamsprozession und die Wallfahrten, die Mai- und Rosenkranzandachten, die Volksmissionen durch die Redemptoristenpatres, das pers\u00f6nliche Gebet und die Danksagung nach der Kommunion und so vieles mehr bestimmten unseren Lebensrhythmus. Selbstverst\u00e4ndlich, mit Einsatz und Freude, \u00fcbernahmen wir fr\u00fchzeitig Aufgaben und Verantwortung und erlebten in den Pfarrh\u00e4usern offene T\u00fcren. Im Gegensatz dazu hatte die sozialistisch\u2013atheistische Gesellschaft keinen tiefen Einfluss. Es machte mir nichts aus, dass wir in der sozialistischen Oberschule nur eine knappe Handvoll aktiver Christen und davon noch weniger Katholiken waren. Das Bekenntniskreuz auf der Jacke war uns ein Zeichen unserer Berufung. Aus dieser kirchlichen Sozialisation heraus erwuchs der Wunsch, Priester zu werden. Der Z\u00f6libat spielte dabei \u00fcberhaupt keine Rolle und der Satz \u201e ich werde nicht heiraten\u201c kam mir aufgrund meiner pers\u00f6nlichen Entwicklung sowieso v\u00f6llig unproblematisch \u00fcber die Lippen. Diese Motivation zum priesterlichen Dienst wuchs dann weiter in Studium und ersten Dienstjahren, denn wir waren damals eingebettet in die Bewegung des II. Vaticanums. Um mit Mario von Galli zu sprechen: Die strenge und manchmal versteinerte r\u00f6misch &#8211; katholische Kirche erlebten wir wie eine Frau, die sich nicht nur eine neue Frisur zulegte und adrett kleidete, sondern vor allem jetzt ihr wahres Wesen zeigte und in ihrem Gesicht auf einmal ein liebensw\u00fcrdiges L\u00e4cheln hatte, voller Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Welt und alle Menschen. Wir waren angesteckt und begeistert von der \u201eecclesia semper reformanda\u201c (= der Kirche, die sich st\u00e4ndig erneuern muss), diesem wandernden Gottesvolk durch die Geschichte der Welt, und haben uns voll identifiziert. 1963 zog ich als junger Vikar nach Jena und kam in eine lebendige Diasporagemeinde, zu der viele Intellektuelle, junge Familien, Jugendliche und Kinder geh\u00f6rten, die uns junge Priester \u2013 wir waren zu dritt &#8211; in jeder Hinsicht, also auch intellektuell, einforderten. Wir\u00a0 jungen Priester waren zwar nur ungen\u00fcgend f\u00fcr diese vielf\u00e4ltigen Aufgaben ausgebildet und vorbereitet, aber mit dem uns anerzogenen Selbstbewusstsein \u201esprangen wir \u00fcber Mauern\u201c und merkten die Defizite erst mit der Zeit.<\/p>\n<p>Doch es gab noch eine zweite Erfahrung, die in meinem priesterlichen Dienst von Jahr zu Jahr zunahm, sie war weniger sch\u00f6n und wurde zunehmend belastend. Je mehr ich in kirchliche Interna Einblick bekam, umso st\u00e4rker erlebte ich die Konflikte vieler Priester, die nach au\u00dfen oft verborgen blieben, aber nicht selten zu doppelb\u00f6digem Leben, Abartigkeiten oder Abh\u00e4ngigkeiten \u2013 oft zu Lasten von Frauen-\u00a0 f\u00fchrten und dann zu dem gew\u00e4hlten Berufsideal in Widerspruch gerieten . Diese negativen Erfahrungen \u2013 und sie waren keine tragischen Einzelf\u00e4lle \u2013 lie\u00dfen bei mir die \u00dcberzeugung wachsen: \u201e So will ich nicht dauernd leben\u201c. Mir wurde deutlich, dass der Pflichtz\u00f6libat ohne Einbindung in eine Gemeinschaft bzw. ohne homoerotische Pr\u00e4gung nur selten zu der eigentlich intendierten Befreiung der vorgeschriebenen Ehelosigkeit f\u00fchrte. Jedenfalls hatte ich den Eindruck, dass ich zu dieser Minderheit nicht geh\u00f6rte. Zu dieser sehr pers\u00f6nlichen Einsch\u00e4tzung kam die theologische Diskussion, die die traditionelle \u00dcberbewertung des Pflichtz\u00f6libates relativierte und nach einer neuen Bewertung von Liebe, Sexualit\u00e4t und Ehe verlangte. In dieser hinterfragenden Wertediskussion ver\u00e4nderte sich innerhalb meiner Kirche das kollektive Ged\u00e4chtnis. Es wurde von den verheirateten Aposteln der Urkirche und den verheirateten Priestern der Ostkirchen gesprochen. Durch die Wiederentdeckung der j\u00fcdischen Wurzeln wurde der Pflichtz\u00f6libat als ein nichtbiblisches Lebensmodell erkannt, das auch durch die freiwillige Ehelosigkeit eines Apostels Paulus nicht zu legitimieren war. So war es kein Wunder, dass die Freiheitsbewegung des II. Vaticanums auch die katholische Priesterschaft erfasste. Mit diesen Ver\u00e4nderungen in mir und um mich herum war es auch f\u00fcr mich nur ein kleiner Schritt zu einer konkreten Ver\u00e4nderung meiner Lebensform. Anlass war die Liebe meiner verstorbenen Frau Rosemarie, durch die mir ein neuer Zugang zum Leben geschenkt wurde. Da irgendwelche \u201eAlternativmodelle\u201c f\u00fcr uns grunds\u00e4tzlich nicht infrage kamen, legte ich meinem Bischof die Karten auf den Tisch, um mit ihm zu \u00fcberlegen, wie meine Entscheidung nach au\u00dfen hin und in unsere Kirche hinein m\u00f6glichst konfliktarm gestaltet werden konnte. Doch das war eine Illusion. Innerhalb kurzer Zeit erfolgte die institutionelle \u201eAbwicklung meines Falles\u201c, f\u00fcr mich ein ganz tiefer Schock. Ich erlebte nun am eigenen Leib die \u201eKetzerverfolgung\u201c, die ich auf der Oberschule immer leidenschaftlich bestritten hatte. Da damals von der katholischen Kirche in der DDR f\u00fcr \u201ePriester ohne Amt\u201c jegliche berufliche oder ehrenamtliche T\u00e4tigkeit im kirchlichen oder kirchennahen Raum grunds\u00e4tzlich abgelehnt wurde, stand f\u00fcr mich neben dem Broterwerb auch die Frage nach meiner menschlichen Identit\u00e4t. Aber ich machte auch die Erfahrung, dass jede Krise neue Chancen bringt. Es gab viele neue Kontakte, vor allem die Geborgenheit einer gl\u00fccklichen Partnerschaft, das Geschenk eines Kindes, neue Freunde und die aufgezwungenen Herausforderungen vieler Lernprozesse. W\u00e4hrend ich in meiner Kirche zunehmend in eine nicht gewollte Au\u00dfenseiterposition geriet und mir die erfahrene Feindschaft sehr schwer fiel zu ertragen, bekam ich in der evangelischen Kirche einen befreienden Lebensraum. Durch meine T\u00e4tigkeit als Di\u00f6zesanjugendseelsorger waren vielf\u00e4ltige Kontakte und Freundschaften zu evangelischen Pfarrern, Diakonen und Presbytern \/ Presbyterinnen gewachsen. Dies erwies sich jetzt als Segen. Obwohl ich mich in der \u00d6ffentlichkeit als katholischer Theologe bekannte und auch das Angebot des evangelischen Pfarrdienstes nicht annahm, (da wir und hier ziehe ich Rosemarie bewusst ein, den Schritt einer Konversion nicht gehen wollten und uns zu stark in der katholischen Tradition beheimatet f\u00fchlten), \u00f6ffneten sich viele T\u00fcren f\u00fcr ehrenamtliches Engagement sowohl in der evangelischen Gemeindearbeit in Erfurt wie in \u00fcberpfarrlichen Aufgaben der evangelischen Kirchenprovinz Sachsen, die f\u00fcr \u00d6kumene offener war als die Lutherische Landeskirche Th\u00fcringens.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was ist aus meinem priesterlichen Adsum geworden? Diese Frage steht hinter der Frage nach dem 40j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um. Wenn ich zur\u00fcckschaue, sehe ich bei mir eine kontinuierliche Spur von Engagement, Verantwortung, Verk\u00fcndigung des Evangeliums, liturgischen Diensten, Liebe zu den kleinen Leuten, theologischer Weiterbildung und Streben nach Glaubensidentit\u00e4t. Besonders die junge Generation wuchs mir immer ans Herz und ich empfinde es als Reichtum in meinem Leben, so vielen jungen Menschen den Weg gewiesen zu haben. In den drei Jahren als Kaplan in Jena, der Stelle meiner ersten Berufsliebe, hatte ich bereits die Chance, viele junge Leute auf ihrem Lebensweg zu begleiten. In Erfurt wurden mir dann \u00fcber f\u00fcnf Jahre geschenkt, in denen ich volle Berufserf\u00fcllung fand. Die Verantwortung f\u00fcr zwei Teams und zwei Jugendh\u00e4user, der Austausch im Rahmen der katholischen Jugendseelsorge der DDR und der konziliare Lernprozess, der immer auch Abbau des klerikalen Denkens bedeutete, die Auseinandersetzung mit der damals aufkommenden Gruppendynamik, die liturgischen Experimente und die vielen \u00f6kumenischen, innerdeutschen und europ\u00e4ischen Kontakte gaben berufliche Tiefe und Breite. Nat\u00fcrlich wurde es dann gerade deshalb schwierig und kompliziert, als ich meinen Broterwerb von einem Tag auf den anderen au\u00dferhalb von katholischer Kirche suchen musste. Noch heute schaue ich staunend zur\u00fcck, wie selbstverst\u00e4ndlich ich mich damals auf die Suche in die mir unbekannte, sozialistische Berufswelt machte, zumal meine kirchlichen Qualifikationen und Berufserfahrungen nicht nur wertlos sondern auch\u00a0 hinderlich waren. Die Palette der vergeblichen Berufssuche war breit, sie lag zwischen dem Erfurter Schlachthof und der Wartburgstiftung. Doch erst musste die Erfahrung von acht Monaten Arbeitslosigkeit (die es eigentlich in der DDR gar nicht geben durfte) durchgestanden werden. Der erste gegl\u00fcckte Job beim Th\u00fcringer Zoopark war dann ziemlich dem\u00fctigend, denn ich hatte lediglich die Wahl zwischen der tagt\u00e4glichen Indoktrinanz durch drei Frauen, denen es offensichtlich Spa\u00df machte, einen Priester wie ihren Haussklaven zu halten, und dem dem\u00fctigenden Verkauf von Eintrittskarten in einer schmierigen Holzh\u00fctte am Zooeingang. R\u00fcckblickend ist es jedoch erstaunlich, wie ich mich gerade in diesem Jahr in meinen Bem\u00fchungen um Kontemplation Fortschritte machte und meine theologischen Studien vertiefte. Sp\u00e4ter bei der Staatlichen Versicherung der DDR ging es mir besser, aber die verlangte r\u00fccksichtslose Jagd nach Vertragsabschl\u00fcssen lie\u00df sich mit meiner Sicht von Versicherungsberatung \u00fcberhaupt nicht vereinbaren, vielleicht war ich auch einfach nicht geeignet f\u00fcr diese Aufgabe. So war es kein Wunder, dass ich schlie\u00dflich beim Staatlichen Handelskontor landete, um Tapeten zu verladen und Bleistifte zu z\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Da gab es noch ein Zwischenspiel. Die Verwaltungsleiterin beim Th\u00fcringer Zoopark, eine tief \u00fcberzeugte SED &#8211; Parteifrau, sah es als ihre Aufgabe an, mich aus meinen Bindungen an Kirche und Religion zu l\u00f6sen und umzuerziehen. So delegierte sie mich zu einem Fernstudium bei der Finanzschule Gotha. Zun\u00e4chst sah ich darin eine Chance, bis ich merkte, dass es hier im wesentlichen um Marxismus \u2013 Leninismus und Erziehung zur Parteilichkeit ging. Im Gegensatz zu meiner Oberschulzeit wurde allerdings Bekenntnis verlangt und unserem Polit-Dozenten machte es offensichtlich Spa\u00df, dem ehemaligen Priester antikirchliche und religionsphilosophische Themen zu stellen, nat\u00fcrlich ganz aus der Sicht der marxistisch \u2013 atheistischen Ideologie. Sein \u201eBeweisen sie, dass \u2026.\u201c klingt mir noch heute im Ohr. Damals begriff ich, wie schwer es f\u00fcr viele Christen war, in dieser Welt des realexistierenden Sozialismus nach ihrem Gewissen zu leben. Aber es wiederholte sich auch die Erfahrung meiner Oberschulzeit, dass es auch im Unterdr\u00fcckungssystem Freiheitsr\u00e4ume gibt. Mein eigentliches Leben spielte sich in unserer f\u00fcr viele Menschen offenen Wohnung und innerhalb der evangelischen Kirche ab. Ich lernte viele ganz unterschiedlichen Menschen kennen und meine\u00a0 Vorurteile gegen\u00fcber anderen Traditionen und Lebenseinstellungen abzubauen. Ich konnte Werte entdecken, die ich in meiner eigenen katholischen Kirche oft schmerzlich vermisst hatte. Ich erinnere mich, wie es mich \u00fcberaus beeindruckte, als mir nach einer Abendveranstaltung in einer evangelischen Gemeinde eine \u00e4ltere evangelische Frau sagte: \u201eSie sind ein echter J\u00fcnger Martin Luthers\u201c. Und als ich zum ersten Mal am evangelischen Abendmahl teilnahm, war es wie eine Befreiung.<\/p>\n<p>Allerdings \u2013 will ich ehrlich zugeben &#8211; war es keineswegs einfach, in der sozialistischen Gesellschaft der DDR als verheirateter katholischer Priester zu \u00fcberleben. F\u00fcr die staatlichen Funktion\u00e4re war ich Mann der Kirche, ein Klassenfeind der \u201edritten Kolonne\u201c, f\u00fcr die institutionellen Vertreter meiner Kirche wurde ich dagegen mit der Etikette eines abtr\u00fcnnigen Kirchenfeindes belegt. Aber auch dies hat sich dann zum Guten gewendet. Durch den Drang der DDR \u2013 Funktion\u00e4re im Rahmen der Helsinki \u2013 Verhandlungen internationaler Anerkennung zu bekommen, vielleicht auch aufgrund des \u00dcberdrusses gegen\u00fcber meiner Person bei Staat und Kirche, sicher aber auch durch Unterst\u00fctzung vieler Menschen \u00f6ffnete sich f\u00fcr mich und meine Familie die Mauer f\u00fcr mein weiteres Leben im westlichen Teil Deutschlands. Nach f\u00fcnf Monaten Angst vor den H\u00e4schern des DDR \u2013 Staates verlie\u00dfen wir am 2. Oktober 1975 hinter Eisenach das Territorium der DDR. Unser Sohn war damals 2 Jahre alt. Wir haben kein Alleluja gesungen, es war keine Hurrafahrt, eher eine Fahrt ins Ungewisse ohne R\u00fcckfahrkarte. Ich musste meine kranken Eltern und meine Geschwister, Rosemarie ihre Mutter zur\u00fccklassen. Wir gaben unsere Heimat auf, unsere vielen Freunde und Freundinnen, unsere Wurzeln, das Land, in dem wir Christen uns als Sauerteig f\u00fcr eine bessere Welt f\u00fchlten. Und der \u201egoldene Westen\u201c empfing uns keineswegs sehr freundlich. Ein Freund, damals Studentenpfarrer in Essen, hatte uns \u2013 was angesichts unserer ungekl\u00e4rten finanziellen Verh\u00e4ltnisse sehr schwierig war &#8211; eine abgewohnte Wohnung in Essen besorgen k\u00f6nnen, die preiswert war, da in ihr vorher eine Prostituierte gewohnt hatte. Die katholische Kirche war nicht bereit, meine Erfurter Zeugnisse zu legitimieren (das Erfurter Philosophisch \u2013 theologische Studium ist erst nach der Wende staatlich anerkannt worden, so dass ich nach drei\u00dfig Jahren mein Diplom bekommen konnte). Viel schlimmer war das Odium des Spions, des Kirchenfeindes und auch eines gef\u00e4hrlichen Versagers, das mir aus der DDR nachgeschickt worden war. Dazu kam die Isolation. Das alles hie\u00df auch wieder Arbeitslosigkeit und monatelange Perspektivlosigkeit. Doch dann lichtete sich das Dunkel. Auf einmal waren viele Menschen da, die sich f\u00fcr uns einsetzten. Ab Juni 1976 erhielt ich im Bendorfer Hedwig \u2013 Dransfeld \u2013 Haus (HDH), einem freien Tr\u00e4ger, eine Anstellung. Es waren die mutigen Bendorfer Frauen, die sich lieber auf ihr eigenes Urteil verlie\u00dfen und auch Widerst\u00e4nde nicht scheuten. Ich erhielt optimale Aufgaben, schlie\u00dflich sogar mit Billigung des Trierer Bischofs \u00fcber sechzehn Jahre lang die Leitungsverantwortung, und dies war selbst f\u00fcr den nur kirchennahen Raum ein kleines Wunder. Das HDH kam aus der Tradition der katholischen Frauenbewegung und hatte als Aufgabenziel den Slogan \u201eBildung, Begegnung und Erholung\u201c, wichtiger war der Leitsatz \u201e Alles wirkliche Leben ist Begegnung\u201c, ein Satz des j\u00fcdischen Religionsphilosophen Martin Buber. Es war eine wunderbare Zeit. Ich verlor endg\u00fcltig die mir anerzogene konfessionelle Enge und wurde durch und durch \u00f6kumenisch geformt. Ich lernte den Dialog mit dem Judentum und dem Islam. Auch wenn ich mich aus kirchenpolitischen Gr\u00fcnden aus dem \u201e Dienst am Altar\u201c heraus hielt, stand ich doch auf einmal wieder mitten in der Gottesdienstgestaltung mit unterschiedlichen Gruppen.\u00a0 Zu meiner gro\u00dfen Verbl\u00fcffung erkl\u00e4rte mir der damalige Trierer Dompropst, dass ich Rektor der Kapelle sei, also daf\u00fcr verantwortlich, auch wenn ich dies nie schriftlich testiert bekam. Ja, es war wirklich so: ich konnte alle meine F\u00e4higkeiten und Ideale einbringen und Kirche mitgestalten, wie ich es mir immer ertr\u00e4umt hatte. Nicht vergessen werde ich den Trierer Bischof Stein, der mir damals eine neue Chance gab. Als er mir bei einem Empfang die Hand gab und sagte: \u201e Jetzt sind Sie bei mir, fangen Sie neu an\u201c, war dies wie eine Wiederholung meiner Priesterweihe. Ich wei\u00df, dass dieser \u201eFr\u00fchling\u201c in meiner Kirche bereits wieder vorbei ist. Machtdenken und Restauration alter Strukturen setzen sich jeden Tag mehr durch. \u201eWinter in Rom\u201c k\u00f6nnte man in Anlehnung an Reinhold Schneider diesen Wandel beschreiben.<\/p>\n<p>Heute bin ich im Ruhestand und die Wunden eines sehr belastenden Berufsausstieges sind vernarbt. Mir geht es sehr gut. Eigenartig ist es schon, dass ich wieder in die urspr\u00fcngliche seelsorgliche Rolle zur\u00fcckgeschl\u00fcpft bin, die ich \u00fcber viele Jahre ganz bewusst nicht wahrgenommen hatte, wenn ich im Pflegeheim \u2013 und dies nun schon seit sechs Jahren &#8211; die Hochbetagten auf ihren Tod vorbereite und ihnen das eucharistische Brot austeile.<\/p>\n<p>Kommen wir zur\u00fcck zu der Frage nach meiner priesterlichen Identit\u00e4t und dem Jubil\u00e4um. Ich m\u00f6chte eine mathematische Formel der Mengenlehre gebrauchen: Immer war es mir wichtig, Schnittstelle zu sein zwischen dem Jesus von Nazareth und unserer heutigen Welt. Sicherlich war ich innerlich nie ein Kleriker, deshalb w\u00fcrde ich heute lieber von meiner Entklerikalisierung als von \u201eLaisierung\u201c sprechen.<\/p>\n<p>Angesichts meines 40j\u00e4hrigen Weihjubil\u00e4ums darf ich in mir Gef\u00fchle der Dankbarkeit und der Freude aufkommen lassen. War mein Lebensweg auch \u00e4u\u00dferlich ein Zick \u2013 Zack, so war er doch in seiner innersten Richtung gradlinig und immer ein spirituell getragener Prozess. Dies ist die innere Mitte meines Jubil\u00e4ums. Mit den Worten des 116. Psalms kann ich deshalb beten:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">\u201e Ja, du hast mein Leben dem Tod entrissen, meine Tr\u00e4nen getrocknet, meinen Fu\u00df bewahrt vor dem Gleiten. Ich gehe meinen Weg vor dem Herrn im Land der Lebenden\u201c.<\/p>\n<p>\u00a0Meine Freunde wissen von dem gro\u00dfen Gl\u00fcck, das mir nach dem Tod von Rosemarie 1999 mit Anne Egbert eine neue Lebensgef\u00e4hrtin geschenkt wurde. Es ist geradezu eine Wiederholung der Paradiesesgeschichte, als ob Gott wei\u00df, dass er mich nicht allein lassen darf. Deshalb kann ich auch Menschen um mich herum an meiner dankbaren Freude teilnehmen lassen. Die Formen, die sich ergeben, sind unwesentlich. Ich bin ja in der gl\u00fccklichen Lage, dass ich v\u00f6llig unabh\u00e4ngig bin. Ich kann schweigen und singen, fasten und feiern, beten und miteinander reden, alles ist m\u00f6glich. Nur echt muss es sein. So werde ich mir durch eine Wallfahrt nach Taiz\u00e9 einen lang gehegten Traum erf\u00fcllen, denn Taiz\u00e9 ist mir schon lange wie eine Neugeburt des Katholischen. Ich werde in kleinem Kreis mit Menschen die mir nahe stehen mein Jubil\u00e4um feiern. Und meine Hochbetagten werden sich freuen, wenn ich Ihnen davon erz\u00e4hle.<\/p>\n<p>Ich will schlie\u00dfen mit einem j\u00fcdischen Gebet aus dem Lukasevangelium:<\/p>\n<p align=\"center\">\u00a0\u201eNun entl\u00e4sst Du Deinen Knecht in Frieden,<\/p>\n<p align=\"center\">denn<\/p>\n<p align=\"center\">\u00a0meine Augen haben geschaut Dein Heil,<\/p>\n<p align=\"center\">das Du bereitet hast<\/p>\n<p align=\"center\">\u00a0vor aller V\u00f6lker Angesicht\u201c.<\/p>\n<p>Bendorf, 31. M\u00e4rz 2003<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">(Dieser Beitrag wurde zum 20 j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um der Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen \u2013 VkPF \u2013 2004 in dem Heft \u201eLebenswege \u2013 Hoffnungwege\u201c in seinem Textgehalt ver\u00f6ffentlicht)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Erstver\u00f6ffentlichung: &#8222;Lebenswege &#8211; Hoffnungswege&#8220;,hrg. 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