{"id":563,"date":"2012-07-03T15:25:15","date_gmt":"2012-07-03T13:25:15","guid":{"rendered":"http:\/\/wordpress.p130205.webspaceconfig.de\/?p=563"},"modified":"2012-07-09T23:56:05","modified_gmt":"2012-07-09T21:56:05","slug":"markusevangelium-der-engelgleiche-priester-am-altar","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/index.php\/markusevangelium-der-engelgleiche-priester-am-altar\/","title":{"rendered":"Der engelgleiche Priester am Altar &#8211; Die Umdeutung von Mk 12,18-27"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_566\" style=\"width: 173px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-566\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" wp-image-566 \" title=\"Christus als Weisheitslehrer im Gewand eines r\u00f6mischen Konsuls\" src=\"http:\/\/wordpress.p130205.webspaceconfig.de\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Christus-als-Weisheitslehrer-im-Gewand-eines-r\u00f6mischen-Konsuls-138x300.jpg\" alt=\"\" width=\"163\" height=\"356\" \/><p id=\"caption-attachment-566\" class=\"wp-caption-text\">Christus als Weisheitslehrer im Gewand eines r\u00f6mischen Consuls. 6. Jahrhundert. Heute: Berlin. Quelle: wikipedia Commens.<\/p><\/div>\n<p>Anhand des Textes 12,18\u201327 aus dem Markusevangelium l\u00e4sst sich sehr gut zeigen, wie die Irrlehre vom engelgleichen Priester biblisch begr\u00fcndet wurde und durch den Bezug auf das Evangelium geradezu wie ein unangreifbarer Virus geworden ist.<!--more--><\/p>\n<p>Die nachfolgende lineare (= w\u00f6rtliche) \u00dcbersetzung\u00a0 von Ernst Dietzfelbinger, lehnt sich an den griechischen (=urspr\u00fcnglichen)\u00a0 Originaltext an, auch wenn die deutsche Sprache dadurch sperrig wird:\u00a0 <strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #003366;\"><strong>Markusevangelium 12,18-27 \u00a0<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #003366;\"><strong>18 Und es kommen Sadduz\u00e4er zu ihm, welche sagen, dass Auferstehung nicht ist, und fragten ihn, sagend:<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #003366;\"><strong>19 Meister, Mose hat geschrieben uns: Wenn jemandes Bruder stirbt und zur\u00fcckl\u00e4sst eine Frau und nicht hinterl\u00e4sst ein Kind, soll nehmen sein Bruder die Frau und soll erstehen lassen Nachkommenschaft seinem Bruder.<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #003366;\"><strong>20 Sieben Br\u00fcder waren; und der erste nahm eine Frau, und sterbend, nicht hinterlie\u00df er Nachkommenschaft;<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #003366;\"><strong>21 und der zweite nahm sie und starb; auch nicht hinterlassen habend Nachkommenschaft; und der dritte ebenso;<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #003366;\"><strong>22 und die Sieben nicht hinterlie\u00dfen Nachkommenschaft. Zuletzt von allen auch die Frau starb.<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #003366;\"><strong>23 In der Auferstehung, wenn sie auferstehen, wessen von ihnen wird sein die Frau? Denn die sieben haben gehabt sie als Frau.<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #003366;\"><strong>24 Es sagte zu ihnen Jesus: Nicht deswegen irrt ihr, nicht kennend die Schriften und nicht die Macht Gottes.<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #003366;\"><strong>25 Wenn n\u00e4mlich von den Toten sie auferstehen, weder heiraten sie, noch lassen sie sich heiraten, sondern sie sind wie die Engel in den Himmeln.<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #003366;\"><strong>26 Aber betreffs der Toten, dass sie auferstehen, habt ihr nicht gelesen im Buch des Mose, beim Dornbusch wie gesagt hat zu ihm Gott, sagend: Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs?<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #003366;\"><strong>27 Nicht ist er Gott der Toten, sondern der Lebenden; sehr irrt ihr.<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #003366;\"><em>\u00a0<\/em><\/span><\/p>\n<p>Nach den Kommentatoren handelt es sich um einen Text, den Markus vorgefunden hat; es spricht sogar vieles daf\u00fcr, dass wir hier am Denken Jesu sehr nahe sind.<\/p>\n<p>Geschildert wird ein innerj\u00fcdischer Theologendisput. Theologen aus der Schule der Sadduz\u00e4er sehen in Jesus den theologischen Gegner aus dem Rabbinerlager und fordern ihn mit einem fiktiven Beispiel heraus.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst zwei Hinweise, um den Text verstehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<ul>\n<li>Der urspr\u00fcnglich j\u00fcdische Glaube geht davon aus, dass es nur dieses Leben gibt. Erst im Fr\u00fchjudentum, also mit und nach dem Babylonischen Exil (598-539 v.Chr.) entwickelt sich der Glaube an die individuelle Auferstehung. Eine Ausnahme bildete nur die uralte Vision, dass die Urv\u00e4ter nach ihrem Tod bei Gott leben d\u00fcrfen und dem auserw\u00e4hlten Volk Schutz und F\u00fcrsprache geben. Die Sadduz\u00e4er waren also theologisch gesehen Traditionalisten; sie lehnten die nachbabylonische j\u00fcdische Theologie und damit auch die Auferstehung ab.<\/li>\n<li>Ein weiterer Hinweis: Im Text klingen alte und sich teilweise sogar widersprechende religi\u00f6se Vorstellungen an, die im Fr\u00fchjudentum verbreitet waren: So etwa dass die Engel unsterblich und geschlechtslos seien; \u00a0dass M\u00e4nner und Frauen im Paradies wie die Engel leben werden.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Markus\u00a0 schildert in seiner Geschichte einen theologischen Disput zwischen Jesus und einigen Sadduz\u00e4ern, die ihm offensichtlich nicht wohlgesonnen sind. Ganz in rabbinischer Weise l\u00e4sst Jesus seine Gespr\u00e4chsgegner zun\u00e4chst auflaufen: Ihr glaubt zwar an die alten \u00dcberlieferungen, aber nicht die einmal kennt ihr. Denn auch nach den alten Lehren ist eure Geschichte Unsinn. Das d\u00fcrfte in etwa der Sinn der Verse 24 und 25 sein. Jesus will sich offensichtlich nicht auf die Diskussionsebene seiner Antipoden einlassen.<\/p>\n<p>Aber auf die wichtige Frage nach dem \u201eOb\u201c der Auferstehung gibt er eine klare Antwort. Er verweist auf den lebendigen Gott, der nach den alten \u00dcberlieferungen die V\u00e4ter Abraham, Isaak und Jakob nicht in das Totenreich fallen lie\u00df. Und weil Gott das Leben liebt, hat er auch f\u00fcr alle anderen Menschen eine Zukunft \u00fcber den Tod hinaus. Das ist die Position Jesu und das ist der Topos (die Kernaussage) des \u00fcberlieferten Textes<strong>. Der Text ist also in seiner theologischen Aussage ein \u00f6sterlicher Hoffnungstext<\/strong>. Jesu Gottesbild wird uns \u00fcberliefert und mit ihm sein Vertrauen auf den lebendigen Gott. Die Antwort Jesu soll uns \u201ejetzt und in der Stunde unseres Todes\u201c Hoffnung geben und die Angst vor dem R\u00fcckfall in das Nichts nehmen. Bereits im Judentum gab es daf\u00fcr das Bild von der Hand Gottes, die uns auff\u00e4ngt. Der Priestermaler Sieger K\u00f6der hat diese Botschaft in unserer Zeit in dem wunderbaren Bild \u201eGeborgen in Gottes H\u00e4nden\u201c gemalt.<\/p>\n<p>Doch in der Fr\u00fchen Kirche haben Theologen den Markustext pervertiert. Einmal \u00fcberwucherte der Volksglaube von H\u00f6lle und Vergeltung die Frohe Botschaft, zum anderen wurde der Vers 25 zum Schl\u00fcssel des ganzen Textes umgedeutet und zu einer zentralen Aussage der Botschaft Jesu umfunktioniert; etwa so: \u201eDie eigentliche Bestimmung des Menschen ist die Ehelosigkeit der Engel.\u201c Nun war der Weg nicht weit, die Schlussfolgerung zu ziehen:\u201cEs entspricht zutiefst der menschlichen Bestimmung schon <strong>jetzt<\/strong> engelgleich zu leben.\u201c \u00a0Generationen von Christen haben das verinnerlicht: Vollkommenheit hei\u00dft sexuelle Enthaltsamkeit. Der \u201ejungfr\u00e4uliche\u201c Mensch, der schon auf Erden wie ein Engel lebt, ist der eigentliche J\u00fcnger Jesu. Deshalb haben in der r\u00f6mischen Kirche Verheiratete schlechte Chancen bei der Heiligsprechung.<\/p>\n<p>Bei der ganzen Auseinandersetzung in der R\u00f6mischen Kirche um den Zwangsz\u00f6libat spielt das Leitbild vom \u201eengelgleichen Priester am Altar\u201c eine ganz entscheidende Rolle, es ist tief im kollektiven Bewusstsein der r\u00f6mischen Kirche verankert, wie eine Festung, gegen die alle rationalen Argumente wirkungslos erscheinen: Weder biblische Argumentation (Petrus und die anderen Apostel waren verheiratet), noch soziologisch unwiderlegbare Fakten (es gibt Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Ausrichtungen), \u00a0noch tiefenpsychologische Analysen (freiwlliges Single-Leben ist etwas anderes als Verordneter Z\u00f6libat) werden akzeptiert.<\/p>\n<p>So geht es auch heute in der R\u00f6mischen Kirche um die Frage: Lassen wir uns auf ein Scheingefecht ein oder verinnerlichen wir wie Jesus in uns das Vertrauen auf das Leben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 &nbsp; Anhand des Textes 12,18\u201327 aus dem Markusevangelium l\u00e4sst sich sehr gut zeigen, wie die Irrlehre vom engelgleichen Priester biblisch begr\u00fcndet wurde und durch den Bezug auf das Evangelium geradezu wie ein unangreifbarer Virus geworden ist.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0},"categories":[25,4],"tags":[29,32,30],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/563"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=563"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/563\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=563"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=563"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=563"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}