{"id":2554,"date":"2019-11-13T16:42:14","date_gmt":"2019-11-13T15:42:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/?p=2554"},"modified":"2019-11-13T16:42:16","modified_gmt":"2019-11-13T15:42:16","slug":"quo-vadis-katholische-kirche","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/index.php\/quo-vadis-katholische-kirche\/","title":{"rendered":"QUO VADIS katholische Kirche?"},"content":{"rendered":"<p>Nach meiner Erinnerung waren im Erfurter Priesterseminar\nThemen um die Sexualit\u00e4t v\u00f6lliges Tabu; dies galt auch f\u00fcr die Homosexualit\u00e4t\nund den sexuellen Missbrauch, zumal wir diese Vokabeln nicht in unserem\nSprachschatz hatten, sowie f\u00fcr den Weggang eines Seminaristen aus unserem\nSemester. Im Pastoralseminar Neuzelle hatten wir bei dem 70j\u00e4hrigen Regens Ramatschi\nVorlesungen zur Beichtpraxis, die sich aber im Wesentlichen auf die kirchlich\nerlaubte Empf\u00e4ngnisverh\u00fctung und das kirchliche Eherecht bezogen. Dies war die\nZeit vor dem II. Vatikanum. Als durch das Konzil der Z\u00f6libat thematisiert\nwurde, gab es \u2013 jedenfalls in Deutschland \u2013 eine Wende, die (allerdings nicht\nin der DDR) bis zur W\u00fcrzburger Synode (1971 \u2013 74) f\u00fchrte. Doch das\nDiskussionsverbot von Papst Paul VI. noch w\u00e4hrend des Konzils und die \u201eZ\u00f6libatszementierung\u201c\nder nachfolgenden P\u00e4pste, st\u00fcrzten die Katholische Kirche in eine tiefgehende\nKrise; der priesterliche Zwangsz\u00f6libat blieb bis heute ein zentrales Thema und\nwie eine schw\u00e4rende Wunde. In Deutschland mussten Tausende \u2013 meist junger und\nengagierter \u2013 Priester den Dienst aufgeben.<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a>\nDurch die Aufdeckung des sexuellen Missbrauchs (meist) junger Menschen durch\nkatholische Priester, geriet die Katholische Kirche sogar weltweit in eine\nfundamentale Existenzkrise.<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a>\nDennoch ist die Hierarchie bis heute verzweifelt bem\u00fcht, den Z\u00f6libat \u201emit\nKlauen und Z\u00e4hnen\u201c zu verteidigen. Typisch war die Einlassung des Wiener\nKardinals Christoph Sch\u00f6nborn zur Amazonensynode, bei der er die dortige\nZ\u00f6libatsdebatte als \u201esekund\u00e4r\u201c bezeichnete und lediglich die regional erlaubte Diakonats-\nund Priesterweihe f\u00fcr verheiratete (m\u00e4nnliche) Katecheten bef\u00fcrwortete. Es ist\nungewiss, welchen Weg Papst Franziskus nun einschl\u00e4gt, aber auffallend ist es\nschon, wie stark immer noch die Auseinandersetzung um den Pflichtz\u00f6libat mit\neinem Tabu verbunden ist. Obwohl der priesterliche Pflichtz\u00f6libat auch in der\nKatholischen Kirche nur f\u00fcr den Lateinischen Ritus gilt und selbst in diesem \u00f6fters\nnicht praktiziert wird,<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a>\nwird weiterhin von einer ganz engen und (eigentlich zwangsl\u00e4ufigen) Verbindung\nvon Pflichtz\u00f6libat und priesterlichem Dienst gesprochen. &nbsp;Auch alle Erkenntnisse \u00fcber die Jesusgruppe<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a>\nund die fr\u00fchen Christusgemeinden<a href=\"#_ftn5\">[5]<\/a>\nk\u00f6nnen dem \u201eheiligen Z\u00f6libat\u201c nichts antun. Die neuen Richtlinien f\u00fcr die\npriesterliche Ausbildung in der Erzdi\u00f6zese K\u00f6ln erwecken den Eindruck , als ob\nes die Z\u00f6libatsproblematik nicht gibt: \u201eAu\u00dferdem soll in Zukunft die Reifung\nder Pers\u00f6nlichkeit noch st\u00e4rker professionell begleitet werden. Dazu geh\u00f6rt,\ndass Themen wie die z\u00f6libat\u00e4re Lebensweise und eine neue Kultur der\nZusammenarbeit in gemischten Teams im Sinne des Pastoralen Zukunftswegs\nintensiv einge\u00fcbt werden.\u201c<a href=\"#_ftn6\">[6]<\/a>\nDoch&nbsp; ist die Frage mehr als akut, ob der\nPriesterz\u00f6libat, also die von Beruf wegen geforderte Ehelosigkeit und sexuelle\nEnthaltsamkeit \u00fcberhaupt noch bedeutsam sind? W\u00e4hrend meiner Oberschulzeit\nwaren die meisten Lehrerinnen unverheiratet; wir redeten sie mit \u201eFr\u00e4ulein\u201c an.\nNoch einige Jahrzehnte vorher, gab es in Deutschland \u00fcberhaupt keine\nverheirateten Lehrerinnen. Niemand w\u00fcrde das heute behaupten, auch nicht, dass\nein Chefarzt oder ein leitender Ingenieur z\u00f6libat\u00e4r leben muss, wenn er den\nberuflichen Anforderungen gerecht werden will. Wenn schon Z\u00f6libat, dann aus\nfreien St\u00fccken, weil man das so will, oder weil man in einer (gleichgeschlechtlichen)\nGruppe lebt, wie es f\u00fcr viele Ordensgemeinschaften gilt. Nat\u00fcrlich gibt es\nSituationen, die (zumindest auf Zeit) den Verzicht auf bestimmte Lebensformen\nerfordern<a href=\"#_ftn7\">[7]<\/a>.\nDoch ein lebenslang geforderter sexueller Verzicht wegen des Berufes ist h\u00f6chst\n&nbsp;unglaubw\u00fcrdig, was sich mittlerweile\nauch bei vielen (wenn nicht sogar den meisten) z\u00f6libat\u00e4ren Priestern zeigt.\nAber es gibt noch eine viel tiefere Anfrage an den priesterlichen Z\u00f6libat und\ndie ist durchaus theologischer Art. Wir wissen heute ziemlich genau, dass eigentlich\nalle Strukturen und Traditionen<a href=\"#_ftn8\">[8]<\/a>\nder christlichen Kirchen geschichtlich geworden sind; auch der Priesterz\u00f6libat\nist keine g\u00f6ttliche Stiftungsqualit\u00e4t und kann dem Verfall unterliegen. Deshalb\nstellt sich wohl f\u00fcr die Katholische Kirche die bitterernste Frage, ob sie in\ndie Qualit\u00e4t einer Sekte abgleiten will. &nbsp;&nbsp;Aber\ndenkbar und zu erhoffen ist die positive Variante, dass mit der Amazonensynode\neine T\u00fcr ge\u00f6ffnet wurde, um auch die Katholische Kirche aus der \u201eGefangenschaft\ndes Zwangsz\u00f6libates\u201c in die neue Zeit herauszuf\u00fchren. <\/p>\n\n\n\n<p>12. November 2019<br><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Die\nAmazonensynode hat gezeigt, dass die Situation der Katholischen Kirche in den\n\u201edoch katholischen\u201c L\u00e4ndern S\u00fcdamerikas noch viel desastr\u00f6ser ist.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Die\nAnklage gegen Kardinal Bell in Australien ist das j\u00fcngste Beispiel.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Das\nbeste Beispiel ist das neue Kirchenrecht f\u00fcr die konvertierten anglikanischen\nBisch\u00f6fe und Priester,<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> In\nseiner Studie \u201eJesus von Nazaret in seiner Zeit\u201c erl\u00e4utert der katholische\nDogmatiker Martin Ebner die durchaus denkbare Variante von den zw\u00f6lf Ehepaaren.\n(Stuttgarter Bibelstudien Nr. 196 \/2003).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> 1 Tim\n3,2-4<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> Domradio\n10.11.2019<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref7\">[7]<\/a> Wie das\nja auch die eheliche Beziehung fordert.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref8\">[8]<\/a> Dies\ngilt mittlerweile auch f\u00fcr die m\u00e4nnliche Exklusivit\u00e4t des Priesterdienstes.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach meiner Erinnerung waren im Erfurter Priesterseminar Themen um die Sexualit\u00e4t v\u00f6lliges Tabu; dies galt auch f\u00fcr die Homosexualit\u00e4t und den sexuellen Missbrauch, zumal wir diese Vokabeln nicht in unserem Sprachschatz hatten, sowie f\u00fcr den Weggang eines Seminaristen aus unserem Semester. 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