{"id":2549,"date":"2019-04-10T17:23:02","date_gmt":"2019-04-10T15:23:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/?p=2549"},"modified":"2019-04-10T17:23:04","modified_gmt":"2019-04-10T15:23:04","slug":"ein-sehr-persoenlicher-rueckblick-von-dieter-kittlauss-auf-die-jahreshauptversammlung-der-vereinigung-katholischer-priester-und-ihrer-frauen-vkpf-im-wilhelm-kempf-haus-in-wiesbaden-naurod-am-23-b","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/index.php\/ein-sehr-persoenlicher-rueckblick-von-dieter-kittlauss-auf-die-jahreshauptversammlung-der-vereinigung-katholischer-priester-und-ihrer-frauen-vkpf-im-wilhelm-kempf-haus-in-wiesbaden-naurod-am-23-b\/","title":{"rendered":"Ein sehr pers\u00f6nlicher R\u00fcckblick Von Dieter Kittlau\u00df  auf die Jahreshauptversammlung  der Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen (VkPF) im Wilhelm-Kempf-Haus in Wiesbaden-Naurod am 23. bis 24. M\u00e4rz 2019"},"content":{"rendered":"<p>Es waren 24 M\u00e4nner und\nFrauen, die im Wilhelm-Kempf-Haus in Wiesbaden-Naurod zum Sonntagsgottesdienst\nin der Runde sa\u00dfen; Anlass war die 35. Jahreshauptversammlung der Vereinigung\nkatholischer Priester und ihrer Frauen. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In seiner Jesusstudie\n\u201eJesus von Nazaret in seiner Zeit\u201c<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a>\nhat der katholische Exeget Martin Ebner die k\u00fchne Frage aufgeworfen, ob die 12\nApostel nicht in Wirklichkeit 12 Ehepaare waren, also 24 M\u00e4nner und Frauen, die\nmit Jesus aus Nazaret durch Galil\u00e4a zogen. Als mir dies durch den Kopf ging,\nbekam unser Kreis auf einmal eine ganz andere Bedeutung. Doch dann gab es noch\neinen anderen Bezug. &nbsp;Martin Ebert beschreibt\nn\u00e4mlich &nbsp;die Jesusgruppe als soziale\nAussteiger, ge\u00e4chtet und verachtet von den Frommen im Lande und der damaligen\nj\u00fcdischen Hierarchie. Waren nicht auch wir, die verheirateten Priester, und unsere\nFrauen, die sich auf eine Ehe mit einem katholischen Priester einlie\u00dfen, in den\nAugen vieler frommer Katholiken und vor allem auch immer der Bisch\u00f6fe, Schw\u00e4chlinge\nund Versager, die ihrer Berufung und ihrem Versprechen untreu geworden sind? Aber\ngeh\u00f6ren wir vielleicht in Wirklichkeit zu den wahren Zeugen dieser mehr als\n2000 Jahre alten Jesusnachfolge? Vielleicht war dieser Vergleich zu k\u00fchn, aber\nso abwegig war er gar nicht. Jedenfalls hatte ich auf einmal das Gef\u00fchl, auf der\nrichtigen Seite zu stehen und der Gottesdienst, den wir zusammen feierten, war\nnahe an den Urspr\u00fcngen der fr\u00fchen Kirche. Kein goldener Kelch und kein\npr\u00e4chtiges Messgewand, kein feierlicher Einzug und keine Trennung von Klerus\nund Laien; aber Brot und Wein und die uralten Worte der Verhei\u00dfung und\nZuversicht. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Liturgie gab\neine \u00c4nderung, die mir bedeutsam erschien, n\u00e4mlich dass der Friedensgru\u00df am\nAnfang stand, ganz biblisch: bevor Du zum Altar gehst, vers\u00f6hne dich erst mit\nDeinem Bruder. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Bibelwort\nmotiviert mich, eine kleine Geschichte zu erz\u00e4hlen. Beim \u00d6kumenischen\nKirchentag 2003 in Berlin fanden in der evangelischen Gethsemaniekirche zwei\n\u00f6kumenische Gottesdienste statt, zu denen die Initiativen \u201eKirche von unten\u201c\nund \u201eWir sind Kirche\u201c eingeladen hatten. &nbsp;Etwa 2000 Personen waren jeweils in der Kirche,\nTausende h\u00f6rten drau\u00dfen die Lautsprecher\u00fcbertragung. Am Fest Christi\nHimmelfahrt war die katholische Messe, die der katholische Priester, Prof. Dr.\nGotthold Hasenh\u00fcttl aus Saarbr\u00fccken, als Zelebrant leitete; der evangelische\nGottesdienst erfolgte am Freitag. Hasenh\u00fcttl, ein schm\u00e4chtiger Mann, betonte zu\nBeginn, dass es sich um eine Sonderform anl\u00e4sslich des \u00d6kumenischen\nKirchentages handle, und dass sich jeder ernsthaft pr\u00fcfen m\u00fcsse, ob er zur\nKommunion gehe. Beide Gottesdienste wurden auch als Abendmahlsfeier korrekt\nnach den liturgischen Regeln der eigenen Kirche durchgef\u00fchrt; die Predigt hielt\njeweils ein Vertreter der anderen Konfession, was im gewachsenen \u00f6kumenischen\nVerst\u00e4ndnis \u2013 zumindest in Deutschland \u2013 durchaus nicht un\u00fcblich war. Ich war mit\nErnst Sillmann (\u2020), dem damaligen Vorsitzenden der VkPF, zwei Stunden vorher\ngekommen, so dass wir bei beiden Gottesdiensten in der Kirche waren. Bemerkenswert\nwar die \u00fcberaus emotionale Zustimmung bei beiden Gottesdiensten; wie bei den\nKirchentagen ging mir durch den Sinn. &nbsp;Als die gro\u00dfe Gemeinde den Choral \u201aNun danket\nalle Gott\u2019 sang, kamen manchem die Tr\u00e4nen. Im katholischen Binnenraum gab es nachher\naufgrund des gro\u00dfen Medienechos Aufregung, aber es war auch deutlich\nZur\u00fcckhaltung und Respekt f\u00fcr die gew\u00e4hlte Form zu sp\u00fcren. Doch ganz anders der\nTrierer Bischof Reinhard Marx; er sah wohl eine Chance, sich zu profilieren, weil\ner genau wusste, dass Joseph Ratzinger, der m\u00e4chtige Chef der vatikanischen\nGlaubensbeh\u00f6rde,&nbsp; den deutschen\nTheologieprofessor aus Saarbr\u00fccken schon lange im Visier hatte?&nbsp; Jedenfalls am 17. Juli 2003 suspendierte\nBischof Marx den Prof. Hasenh\u00fcttl vom Priesteramt und drohte ihm anschlie\u00dfend mit\ndem Entzug der kirchlichen Lehrerlaubnis, falls er nicht reum\u00fctig einlenke. Wie\nMartin Luther in Worms blieb sich allerdings Gotthold Hasenh\u00fcttl treu und\nwiderstand. Auch die Sch\u00fctzenhilfe des Bundespr\u00e4sidenten, der &#8222;als\nevangelischer Christ&#8220; die Haltung der katholischen Kirche zum\nAbendmahlsstreit kritisierte, half nicht. Doch dann wurde es ganz schnell\ndeutlich, worum es bei der ganzen Sache eigentlich ging. Wenige Tage sp\u00e4ter gab\nKardinal Ratzinger der Koblenzer Rheinzeitung ein Interview: \u201e\u00dcbrigens darf man\nnicht vergessen, dass Hasenh\u00fcttl eine Dogmatik geschrieben hat, in der er uns\nsagt, dass es Gott als eine in sich seiende Wirklichkeit gar nicht gibt,\nsondern lediglich ein Beziehungsereignis sei. Insofern ist das, was er auf dem\n\u00d6kumenischen Kirchentag angestellt hat, noch relativ gering im Vergleich zu\ndem, was er im Ganzen von sich gegeben hat. Und Hasenh\u00fcttl wei\u00df selber, dass\ndas nicht der katholische Glaube ist.\u201c Auf die Frage des interviewenden\nkatholischen Chefredakteurs Martin Lohmann &#8222;W\u00fcrden Sie also sagen:\nHasenh\u00fcttl ist nicht mehr katholisch?&#8220;, antworte Ratzinger ohne Wenn und\nAber: &nbsp;\u201eWas im Innersten seines Herzens\nist und vorgeht, das \u00fcberlassen wir dem lieben Gott. Aber was er geschrieben\nhat, ist nicht katholisch.&#8220; Damit war alles gesagt; Ratzinger als\nVertreter der R\u00f6mischen Kirche lie\u00df eine Alternative nicht zu, und statt\ntheologischem Disput gebrauchte die R\u00f6mische Kirche ihre Macht. Anstatt sich als\nder zust\u00e4ndige Bischof wie ein guter Verteidiger sch\u00fctzend vor Gotthold\nHasenh\u00fcttl zu stellen, schl\u00fcpfte Reinhard Marx sofort in die Rolle eines\np\u00e4pstlichen Vollzugsbeamten; sicherlich nicht zum eigenen Schaden. Aber diese\nschlimme Geschichte geht noch weiter,&nbsp;\ndenn ich habe in den Folgejahren nicht nur Reinhard Marx sondern anl\u00e4sslich\ndes Bischofswechsels auch den Di\u00f6zesanverwalter, das Trierer Domkapitel und\nauch den neuen Trierer Bischof durch viele Briefe inst\u00e4ndig und immer wieder gebeten,\ndas Unrecht an Gotthold Hasenh\u00fcttl wieder gut zu machen und Frieden zu stiften.\nDoch ohne Erfolg und ohne eine einzige Antwort.&nbsp;\n<\/p>\n\n\n\n<p>Damit komme ich zu\nmeiner Erinnerung an den Friedensgru\u00df bei der Messfeier der\nJahreshauptversammlung zur\u00fcck. Eines der systemischen Grund\u00fcbel der\nKatholischen Kirche ist die Macht des Klerus und dessen Bu\u00dfunf\u00e4higkeit. Bis in\ndie Gegenwart wurden katholische Eheleute, die (gleich aus welchen Gr\u00fcnden) zum\nzweiten Mal heirateten, lebenslang von der Kommunion ausgeschlossen. Seit dem\nII. Vatikanischen Konzil wurden allein in Deutschland Tausende Priester (und es\nwaren nicht die schlechtesten) gnadenlos auf die Stra\u00dfe gejagt, nur weil sie\ndas Versprechen der Ehelosigkeit korrigieren und ihren priesterlichen Dienst in\nAufrichtigkeit f\u00fchren wollten. Bis in unsere Zeit wurde Verzweifelten und\npsychisch Kranken, die keine Kraft zum Weiterleben hatten, die kirchliche\nBeerdigung verweigert und in katholischen D\u00f6rfern wurde M\u00e4dchen wegen einer\nau\u00dferehelichen Schwangerschaft lebenslang diskriminiert. Inzwischen haben sich\ndie Zeiten etwas ge\u00e4ndert. Als Antwort auf die Aufdeckung des Missbrauchs von\nKindern und Jugendlichen durch katholische Priester zeigt sich der M\u00fcnchener\nKardinal Reinhard Marx auf einmal auffallend bereit, sich f\u00fcr die schon lange\n\u00fcberf\u00e4lligen Reformen in der Katholischen Kirche einzusetzen: Machtverzicht des\nKlerus, Diskussion um den Z\u00f6libat und Verantwortung f\u00fcr Frauen sind&nbsp; erstaunlicherweise seine sehr konkreten\nForderungen. Doch Skepsis ist immer noch angebracht, ob die R\u00f6mische Kirche zu\ntiefgreifenden Reformen f\u00e4hig ist, denn offensichtlich l\u00e4sst die Macht der\nrotgewandeten Pr\u00e4laten selbst den guten Papst Franziskus erzittern. Aber auf\nder anderen Seite erinnerte \u201edie kleine Herde\u201c hier im Tagungsraum des\nkatholischen Wilhelm-Kempf-Hauses, die sich mit Brot und Wein im Namen Jesu\nversammelte, an \u201edas kleine Senfkorn Hoffnung\u201c der immer noch ganz lebendigen\nVerhei\u00dfung des Evangeliums. Und war es nicht ein Wunder, dass diese 24 Frauen\nund M\u00e4nner, alle in die Jahre gekommen, so v\u00f6llig frei von Hass und Rachsucht\n\u00fcber erfahrenes Unrecht, sich mit dieser oft skandalgesch\u00fcttelten Kirche immer\nnoch verbunden f\u00fchlten und wie die J\u00fcnger und J\u00fcngerinnen vor 2000 Jahren zu\nder Frohbotschaft Jesu bekannten? Vor 48 Jahren bat ich den Erfurter Bischof\nHugo Aufderbeck, mir trotz meines Heiratswillens den weiteren Dienst in meiner\nKirche zu erm\u00f6glichen. Ich wusste, dass dieser Weg f\u00fcr alle nicht einfach\nwerden w\u00fcrde. Was ich nicht wusste, war die ungeheure Welle an Verachtung und\nAblehnung, die ich dann \u00fcber Jahre erfuhr. Die katholische Diasporakirche in\nder DDR war damals von dem Geist der W\u00fcrzburger Synode noch weit entfernt und\nhatte keinerlei Hemmungen, mich dem atheistischen Staat zum Fra\u00df vorzuwerfen. Heutzutage\nhat sich auch in Erfurt das Blatt gewendet; der Erfurter Bischof schrieb mir\neinen freundlichen, ja sogar liebensw\u00fcrdigen Brief. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem ITE MISSA EST\ngingen wir wieder auseinander; nach der christlichen Tradition immer auch\nSendung in die Welt, unsere Mutter Erde, ein jeder an seinen Platz und in sein\nLeben. <br><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a>\nStuttgarter Bibelstudien, Stuttgart 2004.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es waren 24 M\u00e4nner und Frauen, die im Wilhelm-Kempf-Haus in Wiesbaden-Naurod zum Sonntagsgottesdienst in der Runde sa\u00dfen; Anlass war die 35. 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