{"id":2086,"date":"2014-11-02T11:43:42","date_gmt":"2014-11-02T10:43:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/?p=2086"},"modified":"2014-11-02T11:43:42","modified_gmt":"2014-11-02T10:43:42","slug":"zur-neutestamentlichen-bewertung-der-ehescheidung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/index.php\/zur-neutestamentlichen-bewertung-der-ehescheidung\/","title":{"rendered":"Zur neutestamentliche Bewertung der Ehescheidung"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der innerkatholischen Auseinandersetzung um die Zulassung geschiedener Wiederverheirateter zur Kommunion wird von den Bisch\u00f6fen immer Bezug genommen auf das Gebot Jesu. Ich habe mir deshalb die M\u00fche gemacht, die betreffenden neutestamentlichen Texte genauer anzusehen und fasse das Ergebnis kurz zusammen.<\/p>\n<p>Der Markustext 10,2-12 schildert zun\u00e4chst einen \u00f6ffentlichen Disput Jesu mit seinen Widersachern (hier als Pharis\u00e4rer benannt) und anschlie\u00dfend eine Sch\u00fclerbelehrung im privaten Raum (im Haus).<br \/>\nHintergrund ist ein Gesetzestext im Buch Deuteronomium. Das Deuteronomium regelt spezielle F\u00e4lle der Mann-Frau-Beziehung und hat dabei immer den rechtlichen Schutz der Frau im Auge. Zuerst geht es um die Verd\u00e4chtigung durch einen Ehemann, der seine Frau nicht mehr liebt. Nur wenn zweifelsfrei bewiesen werden kann, dass die Frau bereits vor der Ehe Geschlechtsverkehr hatte, darf der Mann sie entlassen und dem Gericht \u00fcbergeben (Deut 22, 13-21). Dann geht es um die Bestrafung eines Paares, das des Ehebruchs \u00fcberf\u00fchrt wird (Deut, 22,22) und um das Verbot der sakralen Prostitution (Deut 23, 18-19). Im n\u00e4chsten Kapitel steht die Stelle, auf die der Markustext Bezug nimmt. Es handelt sich wieder um die kasuistische Schilderung eines Falles. Eine Frau war zweimal verheiratet. Der erste Mann hat weggeschickt, weil er sie nicht mehr liebt. Auch der zweite Mann hat sich von ihr getrennt bzw. ist verstorben. Die Frau ist wieder allein. Darf sie nun zu ihrem ersten Mann zur\u00fcckkehren, wenn dieser es w\u00fcnscht? Dies ist die Frage. Hintergrund ist auf der einen Seite, das Recht des Mannes, sich von seiner Ehefrau zu trennen, indem er ihr eine Scheidungsurkunde \u00fcberreicht; auf der anderen Seite, dass alleinlebende Frau rechts- und schutzlos sind. Die Antwort des Deuteronomiums ist eindeutig. Durch die zweite Heirat ist die Frau f\u00fcr ihren ersten Mann unber\u00fchrbar geworden. Eine Wiederheirat ist nicht m\u00f6glich.<br \/>\nMarkus schildert nun, wie die Widersacher Jesu auf diesen Deuteronomiumstext Bezug nehmen und in typisch j\u00fcdischer Diskutierweise eine Fangfrage stellen: \u201eDarf ein Mann seine Frau wegschicken?\u201c Jesus antwortet nicht mit Ja oder Nein sondern reagiert mit einem theologischen Hinweis, dass zwischen dem Deuteronomium und dem Genesisbuch ein eklatanter Widerspruch besteht. Denn das Deuteronomium gibt ein Gesetz des Moses wieder, die urspr\u00fcngliche Sch\u00f6pfungsordnung (Buch Genesis) aber hat Mann und Frau zu einem Fleisch verbunden. Die Schlussfolgerung, die Jesus zieht \u201e Was also Gott zusammengef\u00fcgt hat, soll ein Mensch nicht trennen\u201c (Mk10, 9), bezieht sich eindeutig gegen das Vorrecht des Mannes, sich von seiner Frau durch eine Scheidungsbrief willk\u00fcrlich und ohne Begr\u00fcndung zu trennen. Die g\u00e4ngige Praxis, dass der Mann seine Frau ohne Begr\u00fcndung wegschicken kann, ist gegen die Sch\u00f6pfungsordnung und lediglich ein Zugest\u00e4ndnis. Die heutige Frage, wie bei einer zerst\u00f6rten Ehe zu verfahren ist, wird hier nicht ber\u00fchrt. Auf diese Deutung weist auch die Analyse des Textes hin. Der Evangelist zitiert aus den beiden Sch\u00f6pfungsberichten Genesis 1,27 (&gt;als m\u00e4nnlich und weiblich erschuf er sie) und Genesis 2,24 (das Verlassen). Als Text liegt ihm die Septuaginta (griechische \u00dcbersetzung) vor. Ein Vergleich mit dem hebr\u00e4ischen (urspr\u00fcnglichen) Text hilft zum besseren Verst\u00e4ndnis, was Markus sagen will:<\/p>\n<p>Hebr\u00e4ische Fassung von Genesis 2,24 :<br \/>\nDeshalb wird verlassen ein Mann seinen Vater und seine Mutter und wird anhangen seiner Frau und sie werden zu einem Fleisch. MK 8,10 (Septuaginta)<br \/>\nAus diesem Grund wird ein Mensch seinen Vater und seine Mutter verlassen (und seiner Frau anhangen) , und die zwei werden zu einem einzigen Fleisch. So dass sie nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch sind. Was nun Gott zusammengebunden hat, soll ein Mensch nicht mehr trennen.\u201c (Mk 8,10).<\/p>\n<p>Martin Ebner gibt den Hinweis, dass die Berufung auf die Sch\u00f6pfungsordnung die Gleichartigkeit von Mann und Frau gegen die die \u00dcberordnung des Mannes betonen will. Wie bei einem Ochsengespann sind Mann und Frau zusammengespannt. Die rechtliche Sanktionierung m\u00e4nnlicher \u00dcbermacht wird von Jesus abgelehnt.<br \/>\nIn dem zweiten Teil des Markustextes wird der Ort gewechselt. Dies entspricht j\u00fcdischer (und auch allgemein hellenistischer) Praxis, einen \u00f6ffentlichen Disput im kleineren Kreis fortzusetzen und zu vertiefen. Die J\u00fcnger sind verunsichert, da das Scheidungsrecht g\u00e4ngiges Recht ist. Auch Frauen k\u00f6nnen \u2013 wenn auch unter wesentlich erschwerten Bedingungen \u2013 dem Mann einen Scheidungsbrief ausstellen. Deshalb betont der Evangelist, dass hier das (einseitige) Entlassen gemeint ist.<br \/>\nDiese Deutung des Markustextes wird durch das Matth\u00e4usevangelium best\u00e4tigt, wo wir zwei Stellen finden, die das Scheidungsproblem ansprechen.<br \/>\nMt.19, 3-9 ist die Parallele zum Markustext. Auch hier geht es um das einseitige, willk\u00fcrliche und formalgesetzlich erm\u00f6glichte Fortschicken des Ehepartners. Anders ist es zu bewerten, wenn der Partner durch Unzucht (&gt;= au\u00dferehelichen Geschlechtsverkehr) die Ehe bricht. Die eheliche Beziehung zwischen Mann und Frau schafft einen neuen Menschen (&gt;= ein Fleisch). Deshalb setzt Matth\u00e4us die Entlassung der Neuheirat gleich, wenn der s\u00fcndhafte Bruch der von Gott gewollten ehelichen Verbindung ber\u00fchrt wird.<br \/>\nDie zweite Stelle findet sich bei Mt. 5,32. Sie bringt nichts Neues. Gleiches gilt f\u00fcr Lk 16.18.<br \/>\nZusammenfassend l\u00e4sst sich sagen, dass die Evangelien mit der Berufung auf Jesus das einseitige, willk\u00fcrliche und nicht begr\u00fcndete Mosaische Scheidungsrecht als Versto\u00df gegen die Sch\u00f6pfungsordnung verwerfen.<br \/>\nIm 1. Korintherbrief findet sich im 7. Kapitel eine l\u00e4ngere Abhandlung zum Thema Ehe, Heiraten und Nichtheiraten. Die Autorenschaft des Apostel Paulus gilt als gesichert; der Brief wird einhellig auf die Jahre 53\u201455 datiert. Hintergrund sind aufgekommene Fragen in der (kleinen) Gemeinde von Korinth. Paulus lebt noch ganz in der Erwartung der Wiederkunft Christi: \u201eDies aber sage ich Br\u00fcder, die Zeit ist begrenzt.\u201c (1 Kor 7, 29) . In dieser letzten Zeit \u2013 also im Angesicht der kommenden Verwandlung -\u2013 haben sich die Regeln ge\u00e4ndert. Am besten soll jeder sein Leben unver\u00e4ndert weiter leben (1 Kor.7,17ff). Der Verheiratete soll sein Eheleben weiterf\u00fchren, der Unverheiratete soll keine Beziehung eingehen. Doch Paulus kennt den Menschen und ist ganz Seelsorger; deshalb vermeidet er allen Rigorismus. So gibt er seinen Rat f\u00fcr ganz unterschiedliche Situationen. Die Unverheirateten und Witwen sollen lieber heiraten, wenn die Gefahr besteht, dass sie \u201cvom Feuer (&gt; der Begierde) verzehrt werden\u201c. (1 Kor 7, 8f;39f ). Eheleute sollen die sexuelle Vereinigung pflegen (1Kor. 7,1ff). Wenn in einer Ehe der eine Partner zum Jesusglauben gekommen ist und der andere nicht, dann sind sie beide ebenso wie ihre Kinder geheiligt (a Kor.7, 11 ff). Wenn aber ein \u201eLeben in Frieden\u201c nicht m\u00f6glich ist, sollen sich die Eheleute g\u00fctlich trennen.<\/p>\n<p>Auf diesem Hintergrund der biblischen \u00dcberlieferung ist die Praxis der orthodoxen Kirchen, die Wiederverheiratung Geschiedener differenziert und barmherzig zu beurteilen, durchweg positiv einzusch\u00e4tzen, w\u00e4hrend das starre Festhalten der R\u00f6mischen Kirche am Kommunionsverbot deutlich als unchristlich und klerikales Machtgehabe gebrandmarkt werden muss.<\/p>\n<p>Dieter Kittlau\u00df<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; In der innerkatholischen Auseinandersetzung um die Zulassung geschiedener Wiederverheirateter zur Kommunion wird von den Bisch\u00f6fen immer Bezug genommen auf das Gebot Jesu. Ich habe mir deshalb die M\u00fche gemacht, die betreffenden neutestamentlichen Texte genauer anzusehen und fasse das Ergebnis kurz zusammen. 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