{"id":1783,"date":"2013-07-02T01:19:41","date_gmt":"2013-07-01T23:19:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/?p=1783"},"modified":"2013-07-12T14:04:48","modified_gmt":"2013-07-12T12:04:48","slug":"wendegeschichte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/index.php\/wendegeschichte\/","title":{"rendered":"Wendegeschichte"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_1790\" style=\"width: 226px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Empfang-in-Weimar-k.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1790\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" wp-image-1790   \" title=\"Priesterweihung\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Empfang-in-Weimar-k-300x181.jpg\" width=\"216\" height=\"130\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1790\" class=\"wp-caption-text\">Am 29. Juni 1963 wurde ich im Erfurter Dom zum katholischen Priester geweiht. Damit ging ein siebenj\u00e4hriger Weg zu Ende. Am Abend war Empfang mit Andacht in der Pfarrkirche. Hier steige ich, in der Hand die Stola, aus dem Auto, mit dem mich einer der Kapl\u00e4ne von Erfurt abgeholt hatte. Nun begann ein neuer, ebenfalls siebenj\u00e4hriger Weg. Die folgende Geschichte erz\u00e4hlt dessen Ende<\/p><\/div>\n<p>Von Anfang an habe ich den Standpunkt vertreten, dass meine Entscheidung, mich von der katholischen Klerikerkaste wieder zu l\u00f6sen, meine eigene Entscheidung war. Ich wollte nicht mehr so wie meine \u201eMitbr\u00fcder\u201c leben, dies m\u00f6chte ich hier nicht weiter ausf\u00fchren, sondern nur feststellen. Aber es\u00a0gab da eine Geschichte nach jesuanischer Art, die in mir einen Wendepunkt erzeugte. Diese Geschichte m\u00f6chte ich hier erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ich war damals Di\u00f6zesanjugendseelsorger in Erfurt. In jedem Monat gab es einen Gottesdienst in der Bisch\u00f6flichen Kapelle f\u00fcr alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Seelsorgeamtes mit anschlie\u00dfendem Fr\u00fchst\u00fcck im gro\u00dfen Konferenzsaal des Bischofshauses. Der Gottesdienst wurde regelgetreu in postvatikanischer Tradition gehalten, das bedeutete, dass alle anwesenden Priester \u2013 gekleidet in Messgew\u00e4nder \u2013 sich um den kleinen Altar versammelten und die Anderen in den B\u00e4nken blieben. Auch das gemeinsame Fr\u00fchst\u00fcck war ritualisiert. Am Kopfende der ovalen Tischgruppe sa\u00df der Bischof und zu seinen Seiten die anwesenden Priester. Dann reihten sich rechts und links die Laien ohne feste Ordnung an. Vor den Klerikern war der Tisch gedeckt und entweder die Hausdame des Bischofs oder seine Sekret\u00e4rin besorgten aufmerksam die Bedienung der Kleriker. Die Laien konnten ihre mitgebrachten Fr\u00fchst\u00fccksbrote auspacken und sich aus den bereit stehenden Kannen Kaffee oder Tee einschenken. Zum Schluss gab es f\u00fcr alle ein St\u00fcck Kuchen, den die Bischofsdame meistens selbst gebacken hatte. Als ich diesen Tischritus mehrmals mit erlebt hatte, entstand in mir ein tiefer Groll. Dies hatte mit den offenen Gastm\u00e4hlern Jesu nichts \u2013 aber auch gar nichts \u2013 zu tun. Deshalb wuchs in mir der Wunsch, ein prophetisches Zeichen zu setzen. Eines Tages war es so weit. Ich setzte mich nicht ans Kopfende, wo ich als Kleriker hingeh\u00f6rte, sondern mitten unter das laikale Volk. Die strengen und missbilligenden Blicke der bisch\u00f6flichen Hausdame, lassen mich noch heute fr\u00f6steln. Ich packte mir dann mein Fr\u00fchst\u00fcck aus, das ich mir mitgebracht hatte: eine Wurst, Butter und Brot, dazu ein gro\u00dfes Messer, begann zu schneiden und zu schmieren und lud meine Umgebung ein, freim\u00fctig zuzugreifen. Was ich da tat, wurde von allen verstanden und alle sp\u00fcrten, dass hier ein Rubicon \u00fcberschritten wurde. Nach einem langen eisigen Schweigen unterbrach der Bischof die offensichtlich f\u00fcr die meisten peinliche Situation und erz\u00e4hlte irgendetwas. F\u00fcr mich wurde diese Szene zu einer Art Abendmahlserlebnis. Ich wusste auf einmal, dass ich mich von dieser Klerikerkirche innerlich getrennt hatte. F\u00fcr meinen Bischof mit seinen Klerikern war es klar, dass ich nicht mehr zu ihnen geh\u00f6rte. Was nun folgte war nur Begleitmusik, aber ver\u00e4nderte mein Leben grundlegend. Es war so, als ob die Gesetze der Natur f\u00fcr mich wieder G\u00fcltigkeit hatten. Ich sp\u00fcrte in mir neue Kr\u00e4fte, mich erneut auf unbekanntes Terrain zu wagen und meinem Leben eine neue Richtung zu geben. Es war wie ein Abschied von Nazareth. Im Kino, beim Film \u201eMy fair Lady\u201c, den ich als braver z\u00f6libat\u00e4rer Priester allein besuchte, wuchs in mir eine unb\u00e4ndige Sehnsucht nach Liebe und Familie. Es dauerte nicht lange, da wurden vom Leben die Weichen gestellt. Bei einer Osterreise nach Sofia mit einer kleinen Gruppe von Mitarbeitenden gingen wir am Ostersonntag in die gro\u00dfe Kathedrale zum Sonntagsgottesdienst. Nach dem Gottesdienst blieb der Patriarch beim Auszug aus dem Altar in der Mitte stehen und rief mich zu sich. Er sprach Deutsch und fragte, ob ich katholischer Priester sein? Als ich bejahte (obwohl ich v\u00f6llig zivil gekleidet war) fragte er mich weiter: \u201eSie kommen aus Deutschland?\u201c und nachdem ich v\u00f6llig entgeistert <span style=\"mso-spacerun: yes;\">\u00a0<\/span>genickt hatte, sagte er weiter: \u201eEs ist sehr gut gut, dass Sie sich um die Jugend sorgen; Gott wird sie weiterhin begleiten\u201c. Dann machte er \u00fcber meinem Kopf ein Kreuz und entfernte sich mit seinem Gefolge. Wir waren erstarrt und es dauerte lange, bis wir uns gefangen haben. Ich will es kurz machen. Auf der R\u00fcckreise nach Deutschland sa\u00df ich zuf\u00e4llig im Zug Rosemarie gegen\u00fcber und &#8212;- verliebte mich in sie. Es war Liebe auf den ersten Blick. Zu Hause in Erfurt wuchs unsere Liebe und als Ergebnis entschlossen wir uns, einen offenen Weg mit allen damit verbundenen Risken zu gehen. Aber wie das im Leben so ist. Als wir so weit waren, uns zu outen, bat ich die Bischofssekret\u00e4rin um eine Gespr\u00e4ch beim Bischof. Doch er kam mir zuvor:\u201c Ich habe beschlossen, sie als Pfarrer nach S\u00f6mmerda zu schicken:\u201c Ich wusste, dass dies eine freundliche Art von Zwangsversetzung war, wir stimmten schon lange nicht mehr \u00fcberein. Doch als ich dann mich offenbarte, dass ich im kirchlichen Dienst bleiben aber heiraten wolle, er\u00fcbrigte sich diese Versetzung. Leider erwies sich meine Hoffnung, dass wir (also der Bischof und ich) eine einvernehmliche L\u00f6sung suchen und finden k\u00f6nnten, als naive Illusion. Doch was nun kam, ist eine andere Geschichte.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Anfang an habe ich den Standpunkt vertreten, dass meine Entscheidung, mich von der katholischen Klerikerkaste wieder zu l\u00f6sen, meine eigene Entscheidung war. Ich wollte nicht mehr so wie meine \u201eMitbr\u00fcder\u201c leben, dies m\u00f6chte ich hier nicht weiter ausf\u00fchren, sondern nur feststellen. Aber es\u00a0gab da eine Geschichte nach jesuanischer Art, die in mir einen Wendepunkt [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0},"categories":[14],"tags":[105,104,28],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1783"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1783"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1783\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1783"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1783"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1783"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}