{"id":1399,"date":"2012-08-09T00:47:17","date_gmt":"2012-08-08T22:47:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/?p=1399"},"modified":"2012-08-13T16:59:05","modified_gmt":"2012-08-13T14:59:05","slug":"tsunami-theologisch-bedacht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/index.php\/tsunami-theologisch-bedacht\/","title":{"rendered":"Tsunami &#8211; theologisch bedacht"},"content":{"rendered":"<p>(Erstver\u00f6ffentlichung 2004)<\/p>\n<div id=\"attachment_1400\" style=\"width: 191px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/img044.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1400\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-1400 \" title=\"img044\" src=\"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/img044-181x300.jpg\" alt=\"\" width=\"181\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/img044-181x300.jpg 181w, http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/img044.jpg 620w\" sizes=\"(max-width: 181px) 100vw, 181px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1400\" class=\"wp-caption-text\">Die Schattenfrau am 11. September<\/p><\/div>\n<p>Unsere medial gesteuerte Welt ist intensiv auf das Spektakul\u00e4re hin ausgerichtet. Was monstr\u00f6s ist wie ein schweres Eisenbahnungl\u00fcck, spannend wie eine Rettungsaktion nach einem Bergwerksungl\u00fcck oder unvorstellbar schrecklich\u00a0 wie die Tsunami \u2013 Welle wird uns tagelang vor Augen gef\u00fchrt und dadurch auch bei vielen Menschen die Motivation zu Solidarit\u00e4t geweckt. Die andere Seite dieser \u201eBombardierung\u201c\u00a0 mit bad news ist allerdings die wenigstens zeitweise Verdr\u00e4ngung der Todesverfallenheit unserer Welt insgesamt. Besonders betroffen sind wir, wenn es sich um eine bisher nicht oder nicht so bekannte Bedrohung handelt. Dann geht es uns wie den Menschen im Mittelalter, die aufeinmal \u2013 und zwar Reiche und Arme gleicherma\u00dfen \u2013 von einer Seuche bedroht wurden, oder wie im vorigen Jahrhundert, als die Immunschw\u00e4che Aids pl\u00f6tzlich und inflation\u00e4r unser Leben ver\u00e4nderte. Dann \u00fcberf\u00e4llt uns leicht die uralte Angst vor der B\u00fcchse der Pandorra und wir beginnen zu fragen, ob nicht morgen \u2013 also f\u00fcr uns erfahrbar \u2013 die Vereisung Europas durch die Verlagerung des Golfstromes oder ein Vulkanausbruch in der Eifel unser Schicksal sein k\u00f6nnte.<!--more--> Neue Greuelnachrichten \u00fcber den V\u00f6lkermord in Afrika, ein Gro\u00dfbrand in Australien oder die Nachricht \u00fcber den Tod geliebten oder wichtigen Menschen konfrontieren uns ohne R\u00fccksicht auf unserer eigene Befindlichkeit mit der Todesverfallenheit unserer Welt.<\/p>\n<p>Die Theodizee \u2013 Frage \u201eWo bleibt Gott?\u201c kommt auf, aber sie hat nach Auschwitz kein Gewicht, denn Gott als Jahve (der immer bei uns ist) war nicht da.\u00a0 Die Frage \u201e Wie kann das Gott zulassen?\u201c f\u00fchrt ins Abseits, denn Gott l\u00e4sst das alles zu, was wir an Schrecken der Natur und an Schrecklichkeit menschlichen Tuns tagt\u00e4glich erleben. Alle Versuche, Gott in seiner Allmacht und seiner G\u00fcte zu lassen, ihn aber freizusprechen von den Schrecken und Makeln seiner Sch\u00f6pfung, erscheinen makaber und spitzfindig. Das Wort aus dem R\u00f6merbrief \u201eDenn der Lohn der S\u00fcnde ist der Tod, die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserem Herrn\u201c (R\u00f6m 6,23), hat zweifellos einen tiefen Sinn, aber ist missverst\u00e4ndlich. Ob wir in die Natur schauen, in unseren Alltag oder mit dem Hubble \u2013 Teleskop in die Galaxien, immer finden wir den Tod, wenn auch mit vielen Gesichtern. Alles in der uns erfahrbaren Welt lebt vom Austausch. Weil der eine stirbt, lebt der andere. Und wenn wir Menschen (vielleicht als einzige) diesen Austausch als schmerzliches Abtreten von der B\u00fchne des Lebens erleben, erleben wir eben auch, dass wir Teil von Gottes Sch\u00f6pfung sind. Es spricht vieles daf\u00fcr, dass wir in unserer christlichen Tradition den evolution\u00e4ren Charakter der Sch\u00f6pfung theologisch noch lange nicht hinreichend durchdacht haben. Naturkatastrophen sind Teil des Sch\u00f6pfungsgeschehens, also weder etwas B\u00f6ses noch eine Strafe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Sch\u00f6pfungszugeh\u00f6rigkeit bezieht sich auch auf uns Menschen. Jeder von uns wei\u00df, dass er sterben wird. Auch die Menschen, die die Tsunami \u2013 Welle \u00fcberlebt haben, werden morgen oder \u00fcbermorgen sterben. Jeder von uns ist gewisserma\u00dfen ein Todeskandidat auf Abruf, ohne dass wir Genaues um das Wann und Wie und Wo wissen. Seit Einsteins Relativit\u00e4tstheorie\u00a0 k\u00f6nnen wir es uns allerdings vorstellen, dass Zeit und Dauer lediglich ein Moment unseres subjektiven Empfindens sind , so wie den Liebenden keine Stunde schl\u00e4gt und dem Kranken ein Tag zur Ewigkeit werden kann.Vielleicht gibt es auch bei Gott eine Gleichung, die wir nicht kennen, so dass der Wert unseres Lebens wie ein Produkt aus Dauer und Intensit\u00e4t besteht. Wenn es Gott als die Mitte der Sch\u00f6pfung wirklich gibt (auch wir Christen haben hier nur Hoffnung und keineswegs verbriefte Gewissheit), und dieser nicht ein Molloch ist, sondern nach dem Glauben Jesu wie ein liebender Vater, der uns im Blick beh\u00e4lt, dann w\u00fcrde dieses Produkt das Entscheidende f\u00fcr die innere Sinnhaftigkeit unseres Lebens sein. Wenn wir aber nur Zufallsergebnis eines kalten und finsteren Weltalls sind, dann gibt es keine Sinnantwort, wenn ein Kind stirbt oder eine Mutter bei der Geburt oder 200.000 durch eine Riesenwelle umkommen. Dann ist es so und Trost gibt es h\u00f6chstens durch die Zeit<\/p>\n<p>Zu der Todesverfallenheit unseres Lebens geh\u00f6rt auch die Tatsache der S\u00fcnde. Wir tun allerdings gut daran, dieses biblische Wort in unsere Sprache zu \u00fcbersetzen, etwa so: Holocaust, V\u00f6lkermord, Kriegsverbrechen, Mord, Vergewaltigung, Kindersch\u00e4ndung, Ausbeutung, Machtgier, Tierqu\u00e4lerei, Mobbing, Verbrechen\u2026\u2026.. die Liste l\u00e4sst sich fortsetzen. Die Bibel meint bei S\u00fcnde nie die \u201el\u00e4sslichen S\u00fcnden\u201c, die wir als Jugendliche regelm\u00e4\u00dfig beichteten, aber sehr wohl Fanatismus, Gier und diese ganze Legion von inneren Verbiegungen, aus denen dann immer der Schrecken wie eine Schlange aus ihrer H\u00f6hle kriecht. Die j\u00fcdischen V\u00e4ter und M\u00fctter haben nicht umsonst, Schreckensgeschichten an den Anfang ihrer heiligen B\u00fccher gestellt. Weil wir Teil dieser Sch\u00f6pfung sind, lebt in uns das Gesetz des Fressens und Verdr\u00e4ngens und kraft unserer Intelligenz k\u00f6nnen wir die arteigene T\u00f6tung, die es in der Natur nur als entartete Ausnahme gibt, sogar zur allt\u00e4glichen Praxis machen. Es ist ein Irrtum zu meinen, dass Gott eingreift. Der gewaltsame Kreuzestod Jesu sollte uns eines Besseren belehren.<\/p>\n<p>Seit der biblischen \u00dcberlieferung gibt es viele \u00dcberlegungen, eine L\u00f6sung zu finden. \u201eGetr\u00f6st, getr\u00f6st, wir sind erl\u00f6st\u201c, hei\u00dft es in einem Kirchenlied. Mir f\u00e4llt es immer schwerer,<\/p>\n<div id=\"attachment_1404\" style=\"width: 216px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/Bosch-\u00dcbergang-der-Seelen-ins-Licht2.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1404\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-1404 \" title=\"Bosch \u00dcbergang der Seelen ins Licht\" src=\"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/Bosch-\u00dcbergang-der-Seelen-ins-Licht2-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/Bosch-\u00dcbergang-der-Seelen-ins-Licht2-206x300.jpg 206w, http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/Bosch-\u00dcbergang-der-Seelen-ins-Licht2.jpg 704w\" sizes=\"(max-width: 206px) 100vw, 206px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1404\" class=\"wp-caption-text\">Der holl\u00e4ndische Maler Hieronymus Bosch malte den \u00dcbergang von unserem irdischen Leben in die Vollendung. Durch die Erforschung der Nahtoderfahrungen wissen wir, dass solche Bilder vom \u00dcbergang ins Licht und vom Heimkommen in uns genetisch verankert sind. In Grenzsituationen werden uns diese Bilder zug\u00e4nglich.<\/p><\/div>\n<p>diesen Glauben unserer Vorfahren als meinen eigenen zu akzeptieren. Eher kann ich schon in der Treue des Menschensohns zu sich selbst eine Botschaft der Hoffnung erkennen, dass Gott nicht wie ein Deus absconditus aus der Ferne auf das Kriegsget\u00fcmmel auf der Erde schaut sondern mit uns eine L\u00f6sung sucht. Paulus konnte es sich noch sehr gut vorstellen: \u201e Durch einen einzigen Menschen kam die S\u00fcnde in die Welt und durch die S\u00fcnde der Tod; und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle s\u00fcndigten.\u201c (R\u00f6m5,12) Dabei stelllte er sich m\u00f6glicherweise Adam als eine Art \u00dcbermenschen vor, der genau wusste, welche Folgen seine Tat f\u00fcr alle Generationen haben w\u00fcrde. Dieses Erkl\u00e4rungsmodell bleibt uns auf Grund unseres naturwissenschaftlichen und historischen Wissens verwehrt. Wenn wir als Christen ehrlich sind, m\u00fcssen wir sagen, dass die ganze Sch\u00f6pfung in sich und von Anfang an \u201eden Keim zum Fressen und Gefressenwerden\u201c tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Was wir als Christen allerdings wie einen Schatz in uns tragen, ist die Verhei\u00dfung, dass die Sch\u00f6pfung eine Werdewelt ist, nicht eine Entwicklung in den K\u00e4ltetod hinein, nicht ein<\/p>\n<p>ewiger unentrinnbarer Kreislauf. Es gibt im R\u00f6merbrief zwei S\u00e4tze, die unserem heutigen Denken und Wissen sehr entsprechen: \u201e Die Sch\u00f6pfung ist der Verg\u00e4nglichkeit unterworfen, \u2026.aber zugleich gab Er ihr Hoffnung.\u201c\u00a0 und \u201edenn wir wissen, dass die gesamte Sch\u00f6pfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt.\u201c (R\u00f6m 8,20.22). Christlicher Glauben ist zutiefst davon \u00fcberzeugt, dass die Sch\u00f6pfung, so wie wir sie jetzt erleben und deren Teil wir sind, noch nicht vollendet ist. Sch\u00f6nheit und Unvollkomenheit sind die beiden Seiten der Jetztzeit. Diese ist Teil unserer gesamten Gesch\u00f6pflichkeit, in sich wertvoll und durchaus liebenswert, aber eben erst der Anfang, so wie es Elisabeth K\u00fcbler \u2013 Ross mit dem Vergleich von Raupe, Puppe und Schmetterling eindrucksvoll zeichnete.<\/p>\n<p>Weil das jetzige Leben Vorstufe ist, Vorbereitung, Ein\u00fcbung, auch Vorgeschmack und Ersterfahrung, setzen wir Christen unsere Zuversicht auf Gott. Und dieser Gott ist f\u00fcr uns der Gott des Jesus von Nazaret. Auch die aufgrund der Tsunami \u2013 Welle massenweise im Meer Ertrunkenen und vielleicht von Haifischen Gefressenen sind auf dem Weg zu Gott, ihrem Urspung und ihrem Ziel. F\u00fcr diesen Glauben an den Weg eines jeden Menschen zu Gott hin ist uns Jesus Christus Wegweiser, Pilot, Lotse, Prophet, der neue Adam, Erl\u00f6ser, Mittler, Garantie, Eckstein, Quelle, Licht, Brot \u2013Evangelium (gute Botschaft) f\u00fcr alle Zeit. Theologisch gesehen ist die Naturkatastrophe von Asien eine Herausforderung an uns Lebende, den Glauben an Gott weiterzugeben an die n\u00e4chste Generation, die in keiner anderen Welt leben wird, h\u00f6chstens mit anderen Problemen. Human gesehen und auch das geh\u00f6rt zum christlichen Glauben, geh\u00f6rt es zum Sinn dieses Lebens, aktuelle Lebensnot zu lindern, Menschen in Trauer zu tr\u00f6sten und zum Weiterleben zu bef\u00e4higen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Erstver\u00f6ffentlichung 2004) Unsere medial gesteuerte Welt ist intensiv auf das Spektakul\u00e4re hin ausgerichtet. 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