{"id":1352,"date":"2012-08-05T03:05:37","date_gmt":"2012-08-05T01:05:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/?p=1352"},"modified":"2013-11-21T07:33:20","modified_gmt":"2013-11-21T06:33:20","slug":"zu-neuen-ufern-wandlungen-im-leben-eines-katholischen-priesters","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/index.php\/zu-neuen-ufern-wandlungen-im-leben-eines-katholischen-priesters\/","title":{"rendered":"Zu neuen Ufern: Wandlungen im Leben eines katholischen Priesters"},"content":{"rendered":"<p>Erstver\u00f6ffentlichung 2010: Wie ein zweites Leben, Biografisches im Umbruch, hrg.Gottfeid h\u00e4nisch, Wartburverlag Weimar 2010<\/p>\n<p><strong>Kindheit und Jugend<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/1941-Dieter-Erstkommunion-Wei\u00dfer-Sonntag-St.-Nikolai-Breslau-.bmp\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft  wp-image-1353\" title=\"1941 Dieter Erstkommunion Wei\u00dfer Sonntag St. Nikolai Breslau\" src=\"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/1941-Dieter-Erstkommunion-Wei\u00dfer-Sonntag-St.-Nikolai-Breslau-.bmp\" alt=\"\" width=\"336\" height=\"529\" \/><\/a>Die Kriegs- und Fl\u00fcchtlingskinder, von denen in letzter Zeit \u00f6fters berichtet wurde, seien meistens tief in ihrer Seele verwundet, dass daran etwas Wahres ist, habe ich im vorigen Jahr\u00a0 erfahren. Mit meiner Frau Anne und einem befreundeten Ehepaar aus Erfurt waren wir eine Woche bei polnischen Freunden im Glatzer Bergland und an einem Tag auch in Breslau, wo ich 1936 in der Leuthenstra\u00dfe als Kind aufgewachsen bin.\u00a0 Als ich auf dem noch vorhandenen alten Kopfsteinpflaster der Leuthenstra\u00dfe stand, erinnerte ich mich auf einmal an meinen gro\u00dfen Stabilbaukasten, den ich Weihnachten 1944 bekommen und noch schnell im Keller unter den Kartoffeln versteckt hatte, bevor ich Hals \u00fcber Kopf mit Mutter, Schwester Rosel und Tante Emmy hastig zum letzten Zug rennen musste. Ich erinnerte mich auch an die N\u00e4chte im Luftschutzkeller, an mein Weinen nach der Kinderlandverschickung, an den roten Himmel \u00fcber dem brennenden Dresden, den wir vor Schrecken erstarrt aus dem Zugfenster sahen, an die \u201eChristb\u00e4ume\u201c der Bomber im Erzgebirge, an die abgest\u00fcrzten Piloten, die wir als Kinder mit offenem Gehirn auf dem Feld fassungslos anstarrten. <!--more-->Obwohl vieles in unserer \u00a0Erinnerung auch abenteuerlich \u00fcberdeckt ist, haben wir zweifellos viele \u00c4ngste in unser weiteres Leben mitgenommen. Aber unsere verwundete Seele wurde auch abgeh\u00e4rtet, eine Kraftquelle f\u00fcr das Leben und f\u00e4hig zu Widerstandskraft und Verantwortungsbereitschaft. \u00a0Bei der Flucht Richtung Westen hat es mich immer ge\u00e4rgert, dass mich meine Mutter sofort nach Ankunft an einem Ort schon am n\u00e4chsten Tag in die Schule brachte. Heute wei\u00df ich, was sie damit geleistet hat. Ich wei\u00df auch, was ich meinem Vater zu verdanken habe, der nach dem Krieg beruflich nie wieder richtig Boden unter die F\u00fc\u00dfe bekam, aber mich und meine Schwester auf\u00a0 die Oberschule schickte, um das Abitur zu erwerben. Ganz selbstverst\u00e4ndlich\u00a0\u00a0\u00a0 mussten wir Kinder in der Nachkriegszeit \u00a0bei der Nahrungsbeschaffung helfen. Das hie\u00df: stundenlanges Schlangestehen vor Gesch\u00e4ften, Kohlen klauen von G\u00fcterz\u00fcgen, Holz im Wald \u00a0und Pferde\u00e4pfel auf der Stra\u00dfe \u00a0sammeln, ebenso Fall\u00e4pfel, Getreide\u00e4hren, wilde Himbeeren, Pilze und so genannte Stoppelkartoffeln. Mein spezieller Beitrag waren sechs H\u00fchner und vier Kaninchen,\u00a0 die ich im Keller hielt, sowie ein kleines St\u00fcck Gem\u00fcsegarten vor dem Haus. Wie f\u00fcr viele Fl\u00fcchtlinge wurde auch f\u00fcr unsere Familie die Kirche eine neue Heimat, deshalb wurde meine ganze Jugendzeit wesentlich von der katholischen Diasporapfarrei Weimar \u00a0bestimmt. Acht Priester, ein Dutzend Ordensschwestern und eine gro\u00dfe Gruppe engagierter Jugendf\u00fchrer f\u00fchrten uns in das christliche Leben ein, wobei Gottesdienste, Fr\u00f6mmigkeit und Jugendarbeit mit dem ganzen Gemeindeleben eine organische Einheit bildeten. F\u00fcr junge Leute von heute mag es seltsam klingen, aber es war wirklich so, dass wir damals als Jugendliche mit dem Kirchenjahr lebten. Die gro\u00dfen Feste mit ihren Br\u00e4uchen und Liedern, die Gemeinschaftsmessen, wo wir Jugendliche unter uns waren, die Monatsbeichte und die Komplet am Samstag Abend, die Fronleichnamsprozession und die Wallfahrten, die Mai- und Rosenkranzandachten, die Volksmissionen durch die Redemptoristenpatres, das pers\u00f6nliche Gebet und die Danksagung nach der Kommunion und so vieles mehr bestimmten unseren Lebensrhythmus. Selbstverst\u00e4ndlich, mit Einsatz und Freude, \u00fcbernahmen wir fr\u00fchzeitig Aufgaben und Verantwortung und erlebten in den Pfarrh\u00e4usern offene T\u00fcren. \u00a0Junge Kapl\u00e4ne, die durch die Schrecken des Krieges tief verwundet und f\u00fcr die priesterliche Aufgabe motiviert worden waren, vermittelten uns eine weite Sicht der Welt. Kirche wurde f\u00fcr uns Jugendliche so zur Heimat in der von uns verachteten DDR\u2013Welt. Nicht die atheistischen Funktion\u00e4re sondern Wissenschaftler\u00a0 wie Max Planck, Werner Heisenberg und Albert Einstein wurden unsere Vorbilder. Wir lernten es, uns mit Themen wie Urknall, Sch\u00f6pfung und Evolution auseinanderzusetzen und fragten nach den tats\u00e4chlichen gesellschaftlichen Kr\u00e4ften. Neben dem Sportverein bestimmte die Diasporagemeinde auch unsere Freizeit. Im Unterschied zu unseren evangelischen Freunden hatten wir Katholiken wesentlich mehr Freiheiten.\u00a0 Tanzabende und Laienspiele im Gemeindesaal, V\u00f6lkerball auf dem Gemeindehof, Fasching, Radtouren und \u00a0Wanderungen geh\u00f6rten dazu. Bis 1950, so erinnere ich mich,\u00a0\u00a0\u00a0 fuhren wir in der Adventszeit mit einem Bus der CDU (Ost) \u00fcber die D\u00f6rfer im Landkreis Weimar und boten unser Weihnachtsspiel in den Kirchen und Gasth\u00e4usern an. Zum historisch richtigen Verst\u00e4ndnis der DDR geh\u00f6rt es, die Kirchenfeindlichkeit des Regimes differenziert zu werten. Die Unterdr\u00fcckung traf die Evangelischen Kirchen wesentlich sch\u00e4rfer als die Katholische Kirche, die fast \u00fcberall eine Minderheitskirche war, sich \u00a0nach M\u00f6glichkeit unpolitisch verhielt und zentral gelenkt wurde. Die Funktion\u00e4re f\u00fcrchteten die Evangelische Kirche und bek\u00e4mpften sie, der Katholischen Kirche zollten sie eher Respekt. H\u00f6chstwahrscheinlich spielte hier die \u00c4hnlichkeit in der Organisationsstruktur zwischen der leninistischen Diktatur und der Katholischen Kirche eine wichtige Rolle. Als 1952 an der Schiller-Oberschule Weimar alle sich offen bekennenden Mitglieder der Jungen Gemeinde von der Schule entfernt wurden, durfte ich als Katholik ungehindert mein silbernes Bekenntniskreuz tragen und bekam keinerlei Schwierigkeiten. Eigentlich wurde die katholische Kirche nur dann bedr\u00e4ngt, wenn sie sich direkt mit zentralen Anliegen des DDR-Staates anlegte; z.B. bei der offenen Ablehnung der Jugendweihe. Doch im Allgemeinen trafen dann die Repressalien eher die einzelnen Katholiken in Beruf und Ausbildung und nicht so sehr die Institution und ihre Priester. Im Gegensatz zur Einbindung in die katholische Diasporagemeinde, hatte die sozialistisch\u2013atheistische Gesellschaft wenig pr\u00e4genden Einfluss auf meine Entwicklung. Jedenfalls machte es mir nichts aus, dass wir in der sozialistischen Oberschule nur eine Handvoll aktiver Christen waren und uns an unseren kleinen Bekenntniskreuzen erkannten. Eine Rolle spielte es sicherlich, dass damals die Schiller-Oberschule Weimar noch sehr stark b\u00fcrgerlich gepr\u00e4gt war. Neben den Neulehrern hatten wir \u00a0viele Lehrer vom alten Schlag. Unsere Geschichtslehrerin Frau v. H., (\u2020) eine gepflegte alte Dame im schwarzen Kost\u00fcm und mit einem silberfarbenen Dutt war eine leidenschaftliche Altkommunistin. Nie verlangte sie ein Bekenntnis von uns, aber unerbittlich war sie in ihrer Forderung nach Faktenwissen und Erkl\u00e4rung von Zusammenh\u00e4ngen. Auch den damals neuernannten Direktor H., (\u2020) der die reaktion\u00e4re Schule umkrempeln sollte,\u00a0 habe ich im Unterschied zu den meisten meiner Klassenkameradinnen und \u2013 kameraden zwar als Agitator erlebt, f\u00fchlte mich aber von ihm\u00a0\u00a0\u00a0 nicht schlecht behandelt. Vielleicht lag das gerade an meinem katholischen Silberkreuz, das ich auch in seinem Unterricht, es hie\u00df damals Gegenwartskunde, ohne Probleme trug. Typisch f\u00fcr meine Schulerfahrung war es auch, dass ich wenig direkte politische Einfl\u00fcsse auf unser Leben erlebte. Mit Schuleintritt wurden wir zwar alle Mitglieder der FDJ, bezahlten unseren Beitrag und kauften flei\u00dfig Solidarit\u00e4tsmarken, aber das war es auch.\u00a0 Versammlungen, Schulungen, im Blauhemd antreten, Fahnenappelle, vormilit\u00e4rische Ausbildung und intensive Werbung f\u00fcr die Volksarmee habe ich in meiner Schulzeit nicht erlebt, das alles kam erst sp\u00e4ter auf. Pflicht war jedoch der obligatorische Umzug am 1. Mai so wie \u00a0die Fahrt zum Deutschlandtreffen nach Berlin im Jahre 1951. Wir wurden in G\u00fcterwagen nach Ostberlin gefahren, hatten aber dort viele Freiheiten, auch f\u00fcr Ausfl\u00fcge nach Westberlin. Gut kann ich mich auch daran erinnern, wie wir am 5. M\u00e4rz 1953 in die Aula gerufen wurden und informiert wurden, dass Stalin gestorben war. Bei einigen Sch\u00fclerinnen gab es Tr\u00e4nen, aber eine Trauerfeier fand nicht statt. Im Gegensatz zu diesem noch unterentwickelten politischen Leben gab es allerdings im Wissensabfragen harte Forderungen. Zum Unterrichtsstoff geh\u00f6rte die ganze Palette des Marxismus-Leninismus wie die f\u00fchrende Rolle der SED, die Wissenschaftlichkeit des Sozialismus, die unverbr\u00fcchliche Freundschaft zur Sowjetunion, die Ausbeutungsmentalit\u00e4t des Kapitalismus und seine Feindseligkeit gegen\u00fcber der sozialistischen Friedensbewegung. Da wir aber zwischen memoriertem Wissen und innerer \u00dcberzeugung unterscheiden konnten, gab es in meiner Klasse (wir blieben vier Jahre zusammen) keinen einzigen \u201eRoten\u201c. Das \u00a0System DDR eroberte damals weder unsere Herzen noch unsere Gedanken. Wenn ich abends mit meinem kleinen Radio (G\u00f6bbelsschnauze genannt) die Bundestagsdebatte h\u00f6rte, war ich \u201ein meinem Staat\u201c. Mit dieser Schilderung will ich keineswegs die DDR verniedlichen, aber sehr wohl die Schizophrenie deutlich machen, in der viele Menschen damals und auch sp\u00e4ter lebten.<\/p>\n<p>Die Pr\u00e4gung durch die katholische Diasporagemeinde weckte bei mir den Wunsch, katholischer Priester zu werden. Um noch etwas Zeit f\u00fcr eine Entscheidungsreifung zu gewinnen, suchte ich nach einer Zwischenl\u00f6sung und lernte deshalb nach dem Abitur ab September 1954 Maschinenschlosser im Weimarer M\u00e4hdrescherwerk. Wir waren zu zweit,denn mein Schulkamerad J. war sich unsicher, ob er und zwar Musik studieren sollte. In einer sehr soliden Berufsausbildung (Lehrwerkstatt und Berufsschule waren in den Betrieb integriert) lernten wir alle handwerklichen Grundfertigkeiten des Metallgewerbes. Im Unterschied zur Oberschule erlebten wir hier den massiven politischen Druck in der Arbeitswelt. T\u00e4glicher Fahnenappell mit kommunistischen Liedern und Parolen, Aufm\u00e4rsche,\u00a0 vormilit\u00e4rische Ausbildung bei der GST, FDJ-Lehrjahr und permanente\u00a0 Selbstverpflichtungen\u00a0 geh\u00f6rten zum Alltag. Mit J. hatte ich nur deshalb die M\u00f6glichkeit, uns diesem politischen Druck etwas zu entziehen, da wir uns als \u201eFreiwillige Helfer der Volkspolizei\u201c werben lie\u00dfen. Mit roter Binde am Arm mussten wir ab und zu nach\u00a0 der Arbeit bzw. am Wochenende durch das Gel\u00e4nde des gro\u00dfen Betriebes gehen und die Tore kontrollieren. Dadurch kamen wir an die frische Luft und mussten nicht im Blauhemd zu den politischen Versammlungen. Doch zweimal wurde ich doch dazu gezwungen. Einmal wurde ich ausgew\u00e4hlt, eine Lehrerkonferenz \u00a0im Weimarer Rathaus begr\u00fc\u00dfen und ein andermal musste ich an einer Ged\u00e4chtnisfeier zur Oder-Nei\u00dfe-Friedensgrenze auf der Wartburg teilnehmen und dar\u00fcber vor allen Lehrlingen und Ausbildern berichten. \u00a0Immer waren die Redetexte vorher vorzulegen. Ich wei\u00df noch genau, dass ich damals ein sehr ungutes Gef\u00fchl hatte und auch von einem unserer katholischen M\u00e4dchen heftige Vorw\u00fcrfe bekam. Aber \u201etypisch DDR\u201c wagte ich keinen Widerstand und spulte die Texte nach au\u00dfen mit \u00dcberzeugung und nach Innen mit Distanz ab.<\/p>\n<p><strong>Auf dem Weg zum Priester<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_1354\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/Sprachenkurs-Halle-1957-.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1354\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-1354 \" title=\"Sprachenkurs Halle 1957\" src=\"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/Sprachenkurs-Halle-1957--300x183.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"183\" srcset=\"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/Sprachenkurs-Halle-1957--300x183.jpg 300w, http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/Sprachenkurs-Halle-1957--1024x627.jpg 1024w, http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/Sprachenkurs-Halle-1957-.jpg 1193w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1354\" class=\"wp-caption-text\">In der DDR gab es nur wenige Oberschulen mit altsprachlichem Kurs. Deshalb wurde der Sprachenkurs Halle geschaffen. Chef war der Studentenpfarrer Brockhoff. Was wir an ihm hatten, haben wir erst sp\u00e4ter verstanden. In drei Klassen wurde von pensionierten Oberstudienr\u00e4ten Griechisch und Latein vermittlt. Jeden Tag 2 Stunden Griechisch, 2 Stunnden Latein, eine Stunde Geschichte. Wir wohnten in Wohngemeinschaften in privaten Wohnungen. Der Staat hat dies trotz regulierter Wohnwirtschaft geduldet. Mittags a\u00dfen wir in der Mensa mit den Studenten und Studentinnen. F\u00fcrhst\u00fcck wurde bereitet. Abendbrot haben wir uns selbst versorgt. Dazu gab es ma\u00dfenhafte Carpakete. Ame Sonntag waren wir in Kleingruppen in den katholischen Krankenh\u00e4usern und Altenheime eingeladen.Als Abschluss erhielten wir ein Zeugnis nach den Richtlinien der Weimarer Republik. Eigentlich alle wurden von den Heimatpfarreien finanziell so unterst\u00fctzt, dass es keine existentiellen Probleme gab. F\u00fcr die Heimatfahrten erhielten wir den Studententarif durch die ##ddr-Bahn.<\/p><\/div>\n<p>Nach der f\u00fcr Abiturienten vorgezogenen Gesellenpr\u00fcfung war meine Entscheidung gereift und ich meldete mich im Fr\u00fchjahr 1956 beim Bisch\u00f6flichen Generalvikariat in Erfurt als Priesteramtskandidat an. Da ich noch zwei Monate in der Montage der Kartoffelvollerntemaschine und drei Monate in einer technologischen Sonderabteilung arbeitete, gab es ein richtiges Spie\u00dfrutenlaufen, als meine Studienpl\u00e4ne bekannt wurden. Neben sehr massiver Beeinflussung mit konkreten Zusagen f\u00fcr eine berufliche Karriere, gab es auch eine Mischung von Verwunderung und Mitleid.\u00a0 Aber ich ging meinen Weg, ohne mich beirren zu lassen. Im Juli 1954 begann ich einen vierw\u00f6chentlichen Einf\u00fchrungskurs in\u00a0\u00a0\u00a0 Bad K\u00f6sen zusammen mit etwa f\u00fcnfzig jungen M\u00e4nnern aus der ganzen DDR. Der Kursleiter war der damalige Magdeburger Seelsorgeamtsleiter Hugo Aufderbeck (\u2020). Er f\u00fchrte uns in das regulierte klerikale Leben mit straffer Tagesordnung ein und hat uns mit seinem Wissen und seiner ganzen Pers\u00f6nlichkeit sehr beeindruckt. Ich wei\u00df noch, dass ich mich vor einer Messe bei ihm entschuldigte, weil ich zu den R\u00e4delsf\u00fchrern einer Kissenschacht in der vergangenen Nacht geh\u00f6rte, und er bei seiner vorzeitigen R\u00fcckkehr \u00fcber die St\u00f6rung des silentium religiosum (religi\u00f6ses Schweigen) pers\u00f6nlich richtig getroffen war. F\u00fcr alle, die kein altsprachliches Abitur hatten, kam anschlie\u00dfend ein Sprachenkurs in Halle: Ein Jahr lang von Montag bis Samstag paukten uns zwei pensionierte Oberstudienr\u00e4te Griechisch und Latein ein und der Studentenpfarrer Adolf Brockhoff (\u2020). versuchte verzweifelt, unser marxistisches Geschichtsbild in der f\u00fcnften Stunde zu korrigieren. Sehr wichtig f\u00fcr unsere Entwicklung war das Zusammenleben mit der sehr aktiven Studentengemeinde in der Heilig-Kreuz-Gemeinde, da wir als katholische Theologen durch den Staat mit seiner marxistisch-leninistischen Ideologie nicht bedr\u00e4ngt wurden und von der Wehrpflicht befreit waren. Im Unterschied zu den anderen Studierenden lebten wir bereits als Theologen wie in einem besch\u00fctzten Raum. Durch den allt\u00e4glichen Kontakt mit der Studentengemeinde und besonders bei der kircheneignen Mensa, erlebten wir die Schwierigkeiten f\u00fcr katholische Studentinnen und Studenten durch den politisierten und atheistisch orientierten Hochschulbetrieb. Nach diesem Jahr Altsprachen folgten neun Semester Philosophie und Theologie am Philosophisch-Theologischen Studium in Erfurt. Diese Zeit habe durchgehend in guter Erinnerung. Die Professoren kamen entweder von der fr\u00fcheren Universit\u00e4t Breslau oder aus den westlichen Di\u00f6zesen M\u00fcnster und Paderborn. Sie f\u00fchrten uns ein in die Weite abendl\u00e4ndischen Denkens und christlicher Weisheit. Biblische Orientierung, historisch-kritische Methode, moderne Philosophie und Sprachlogik sowie kritische Sicht der Kirchengeschichte erm\u00f6glichten uns eine moderne wissenschaftliche Ausbildung, auch wenn nicht wenige meiner Kommilitonen sich \u00fcberfordert f\u00fchlten. Die Vorlesungen und Seminare waren konzentriert auf die gro\u00dfen Nebenr\u00e4ume des altehrw\u00fcrdigen Domes, wo bereits Martin Luther gelehrt hatte. Das Philosophisch-Theologische Studium f\u00fchlte sich ganz in der Nachfolge der alten Theologischen Fakult\u00e4t und hatte deshalb auch deren Namen gew\u00e4hlt.\u00a0 Dank westdeutscher Hilfe waren die Seminarr\u00e4ume hinsichtlich Literatur und Zeitschriften hervorragend ausgestattet. Die Hochschule hatte zwar keine Anerkennung durch den DDR-Staat und wurde nur als \u00a0innerkirchliche Einrichtung geduldet, aber es gab auch durch den Staat keine bemerkenswerten Behinderungen. Mit unseren kirchlichen Studentenausweisen bekamen wir sogar die \u00fcbliche Erm\u00e4\u00dfigung bei der Reichsbahn. Das Diplomzeugnis wurde uns allerdings wegen der fehlenden staatlichen Anerkennung der Hochschule nicht ausgestellt, hier hielt sich die Katholische Kirche \u00a0an die deutsche Hochschulordnung. \u00a0Als das Philosophisch-Theologische Studium Erfurt nach der Wende die staatliche Anerkennung als Theologische Hochschule erhielt, konnte ich mir 32 Jahre sp\u00e4ter das Diplom nachtr\u00e4glich anerkennen lassen.<\/p>\n<p>Im Unterschied zum Studienbetrieb der Hochschule war das Leben im Priesterseminar straff reglementiert. Ich bin aber durch die Seminarzeit ganz gut hindurch gekommen, da ich mir immer Freir\u00e4ume verschaffen konnte. So hatte ich f\u00fcr einige \u00a0Semester die Betreuung einer \u00a0der gro\u00dfen Zentralheizungen -beheizt mit Rohbraunkohle- \u00fcbernommen und stand deshalb unter dem Schutz der Ordensschwestern. Ich hatte nicht nur einen eigenen Hausschl\u00fcssel sondern bekam auch jeden Tag Sonderverpflegung, sogar mit einer Flasche Bier, wenn ich dies wollte. Als Nachteil handelte ich mir freilich ein gewisses Misstrauen des Regens ein, der mich bei jedem Semestergespr\u00e4ch eindringlich fragte ob ich wirklich bleiben wolle? Doch mit einem Notendurchschnitt von 1,1 beendete ich 1962 das Studium und absolvierte dann drei Pastoralsemester im Priesterseminar Neuzelle. Bereits in Erfurt waren wir auf das Leben als katholische Kleriker vorbereitet worden. Wir mussten uns eine neue Soutane mit 33 Kn\u00f6pfen, die an die Lebensjahre Jesu erinnern sollten, schneidern lassen, dazu Priesterkragen und Birett. Aus Nachl\u00e4ssen verstorbener Pfarrer besorgten wir uns schwarze Anz\u00fcge. Wir kauften uns das lateinische Brevier und bekamen einen Ausweis mit Foto in klerikalem Outfit. In Neuzelle begann dann das neue Leben als Kleriker der Katholischen Kirche. In meiner Erinnerung waren mir das stundenlange Breviergebet, die klerikale Kleidung und die w\u00f6chentliche Beichtpflicht nicht sehr angenehm. Dies galt auch f\u00fcr die pflichtm\u00e4\u00dfige\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Teilnahme am sonnt\u00e4glichen Hochamt in der Stiftskirche. Nach Fr\u00fchmesse und Fr\u00fchst\u00fcck zogen wir sehr zur Freude der Studentinnen der p\u00e4dagogischen Hochschule im gegen\u00fcberliegenden Schlossteil\u00a0\u00a0 in langer Kolonne mit Talar, Rochett und Birett \u00fcber den Schlossplatz in die Stiftskirche und nahmen im Altarraum Platz. Hut ab und Hut auf mit tiefer Verneigung sowie Aufstehen, Setzen und Hinknien war unser Beitrag zum Gottesdienst. Ich hatte auch gro\u00dfe Probleme mit dem Leben unserer Alumnatsoberen, die im Gro\u00dfen und Ganzen sehr weltabgeschieden lebten. Die Frage, ob ich diesen klerikalen Lebensstil wirklich wolle, kam schon hin und wieder auf. Aber der Wunsch nach Seelsorge f\u00fcr die Menschen \u00fcbert\u00f6nte dieses kritische Fragen, so dass ich insgesamt auch diese Zeit des Alumnats gut \u00fcberstanden habe. Finanziell hatte ich weder als Student noch sp\u00e4ter als Seminarist kaum Probleme, denn wir wurden regelm\u00e4\u00dfig von ganz unterschiedlichen Seiten unterst\u00fctzt und versorgt, auch im betr\u00e4chtlichem Ma\u00dfe vom Westen. Am 29. Juni 1963 war es dann so weit, im Erfurter Dom wurde ich durch den Weihbischof \u00a0Freusberg (\u2020). zum r\u00f6misch-katholischen Priester geweiht. Durch die lange Ausbildung war ich hoch motiviert. Als Neupriester erfuhren wir durch die Gemeinden eine f\u00fcr Dritte nicht vorstellbare Verehrung. F\u00fcr einen kostbaren Messkelch war gesammelt worden, eine Schwestergemeinschaft im Eichsfeld, die mir bereits die neue Soutane finanziert hatte, bezahlte die angelaufenen Studiendarlehen, zur Fr\u00fchmesse im Altenheim der Caritasschwestern wurde ich mit dem Auto abgeholt. Der frisch geweihte Priester\u00a0 erhielt Vorschusslorbeeren wie andere erst nach einem langen Berufsleben. Der Z\u00f6libat spielte damals keine Rolle, ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass es irgendwelche Probleme gab; ohne dass es ein direktes Gebot oder Verbot gab, hatten wir bereits als Theologiestudenten mit dem Tanzen aufgeh\u00f6rt. Eher war der st\u00e4ndige Kampf gegen die Onanie ein Problem. Sie galt als schwere S\u00fcnde\u00a0 und musste nach Zahl und Umst\u00e4nden gebeichtet werden. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass die Sexualit\u00e4t irgendwann ein Thema unter uns Studenten war. Im Rahmen der spirituell-klerikalen Erziehung ging es in der Regel nur um Vermeidungsstrategien gegen\u00fcber Frauen und innerhalb der pastoralen Einf\u00fchrung in das Beichth\u00f6ren drehte sich alles um moraltheologische Wertungen von sexuellen Verfehlungen.<\/p>\n<p><strong>Als Kaplan <\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_1355\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/Primiz-in-Weimar-k.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1355\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-1355 \" title=\"Primiz in Weimar k\" src=\"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/Primiz-in-Weimar-k-300x205.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"205\" srcset=\"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/Primiz-in-Weimar-k-300x205.jpg 300w, http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/Primiz-in-Weimar-k.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1355\" class=\"wp-caption-text\">Am 28. Juni 1963 wurde ich im Mariendom in Erfurt zum katholischen Priester geweiht. Am folgenden Sonntag war die Primizfeier in der Pfarrgemeinde Weimar. Wir waren zu zweit. Das ganze kann man nur als Insider verstehen.<\/p><\/div>\n<p>Zum 1. August 1963 \u00a0wurde ich vom Weihbischof \u00a0Freusberg (\u2020). zum Kaplan der Pfarrei J. ernannt und mir \u201edie Jurisdiktion f\u00fcr Kanzel und Beichtstuhl \u2026 f\u00fcr den ganzen Bereich der Di\u00f6zese Fulda\u201c gegeben.\u00a0 Das Gebiet des katholischen Generalvikariates Erfurt geh\u00f6rte kirchenrechtlich immer noch zur Di\u00f6zese Fulda und deshalb war ich auch zum Fuldaer Priester geweiht worden. In der katholischen Johannespfarrei J. stie\u00df ich auf eine sehr lebendige Diasporagemeinde, zu der viele Intellektuelle, junge Familien, Jugendliche und Kinder geh\u00f6rten, die uns junge Priester \u2013 wir waren zu dritt &#8211; in jeder Hinsicht, also auch intellektuell und haltungsm\u00e4\u00dfig einforderten. Zwar fehlte uns f\u00fcr unsere vielf\u00e4ltigen Aufgaben die Ausbildung, aber mit dem uns anerzogenen Selbstbewusstsein \u201esprangen wir \u00fcber Mauern\u201c, ganz nach dem Spruch im Seminar: \u201cErst 12 Semester Stroh fressen und dann t\u00fcchtig Milch geben.\u201c \u00a0Unser Pastor war ein erml\u00e4ndischer Grandseigneur. Er war von gro\u00dfer Gestalt und trotz seines Alters von ungebrochenem Selbstbewusstsein. Um 12 Uhr Mittags mussten wir drei Kapl\u00e4ne mit ihm den Angelus in der Kirche beten und dann mit ihm zu Mittag speisen. Meine Woche war rund um die Uhr ausgef\u00fcllt: Fr\u00fchmesse in der Pfarrkirche oder in der katholischen Frauenklinik, vier M\u00e4dchengruppen, die sich w\u00f6chentlich trafen, ein Kreis von Elisabethfrauen, die Hausbesuche machten, w\u00f6chentlich entweder \u201eFamilienkreis Nazaret\u201c oder Kreis f\u00fcr Krankenschwestern, zehn Stunden Religionsunterricht in der Woche im benachbarten Gemeindehaus, Hausbesuche, Krankenkommunionen, Beerdigungen, Trauungen, Betreuung des gesamten Klinikums, zwei Au\u00dfenstationen. An jedem Sonntag von fr\u00fch bis abends, Messe, Beichte h\u00f6ren, Kommunion austeilen, nachmittags Au\u00dfenstation und abends Familienbesuch. Es waren drei Jahre, die mich erf\u00fcllten und pr\u00e4gten. Eine gro\u00dfe Rolle spielte auch der konziliare Aufbruch in der ganzen Katholischen Kirche. \u00dcberall sp\u00fcrte man Aufbruchsstimmung. \u00a0Wie es der Jesuitenpater Mario von Galli bei einem Eucharistischen Kongress enthusiastisch formuliert hatte, war auf dem bisher versteinerten Antlitz der Katholischen Kirche ein schelmisches L\u00e4cheln zu erkennen. Doch bereits in J. bekam meine priesterliche Identit\u00e4t einen ersten Bruch. Im Krieg \u00a0hatte unser Chef \u00a0als deutscher Milit\u00e4rpfarrer in Paris vielen Franzosen beigestanden und war deshalb nach dem Krieg von\u00a0\u00a0 der Franz\u00f6sischen Regierung mit einem hohen Orden ausgezeichnete worden. Die Gemeinde hatte er lebendig entwickelt und die Kirche umgebaut. Nun aber war er \u201eein alter F\u00fcrst\u201c geworden. Mit gro\u00dfz\u00fcgigen Geschenken behandelte er uns Kapl\u00e4ne wie seine S\u00f6hne und im n\u00e4chsten Moment mit recht groben Beschimpfungen als seine Hilfspriester. Er hatte um sich einen Kreis von Frauen, die ihn rund um die Uhr versorgten. Der Orangensaft ans Bett geh\u00f6rte ebenso dazu wie das Ausf\u00fchren des Hundes. Zweimal im Jahr zog er sich fein an, stieg in seinen privaten Wartburg und fuhr mit einer jungen Dame f\u00fcr eine Woche weg. Ob diese seine Tochter war, haben wir nie genau erfahren. Uns Kapl\u00e4ne schwei\u00dfte die Tyrannei unseres Chefs zusammen, zumal wir sehr unterschiedlich waren: Der eine war schwul, der andere sexuell verklemmt. In der Gemeinde waren noch zwei weitere Priester. Der eine war Hermann Vell (\u2020), ein alter Redemptoristenpater, dem man in den letzten Kriegstagen im Zuchthaus bereits das wei\u00dfe Totenhemd angezogen hatte, bevor er durch die Amerikaner gerettet wurde. Er lebte ganz franziskanisch in einem kleinen Zimmer im Altenheim und betete meistens kniend sein Brevier. Weil er vor der geplanten Hinrichtung wei\u00dfe Haare bekommen hatte, scherte er sich nun lebensl\u00e4nglich eine Vollglatze. Ich liebte und verehrte ihn \u00fcber alles, wenn auch seine Frauenkomplexe oft schwer auszuhalten waren. Der andere Priester war ein Jesuit in besten Jahren. Weil er die Studentinnen st\u00e4ndig unter den Rock fasste, verschwand er eines Tages von der Bildfl\u00e4che. Man sagte, dass er nach dem Westen abgeschoben worden sei. Zu diesen Negativerfahrungen kam eine andere Belastung. Zu mir kamen \u00f6fters Seelsorgehelferinnen aus der ganzen Region zum Beichten, die sich ihre ganze Not vom Herzen redeten, weil ihre geistlichen Chefs zu ihnen eine geheime Beziehung hatten. Solche Erfahrungen weckten bei mir antiklerikale Gef\u00fchle, auch wenn ich sie immer wieder verdr\u00e4ngte. Die Liberalisierung des II. Vatikanischen Konzils beeinflusste dann auch das Leben von uns jungen Priestern. Wie die evangelischen Pfarrer trugen wir auf einmal Krawatte und das war mehr als eine \u00e4u\u00dferliche Ver\u00e4nderung. Wir weigerten uns, das Brevier nachzubeten (z.B. das Morgengebet am Abend) und dies als S\u00fcnde zu beichten. Ich lie\u00df meine Seelsorgehelferin nicht mehr zu Fu\u00df in die Klinik laufen, sondern nahm sie auf dem R\u00fccksitz meines Motorrollers mit, und tanzte bei Gemeindefesten.<\/p>\n<p><strong>Als Jugendseelsorger <\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_1356\" style=\"width: 212px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/1964-mit-Gitarre-.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1356\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-1356 \" title=\"1964 mit Gitarre\" src=\"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/1964-mit-Gitarre--202x300.jpg\" alt=\"\" width=\"202\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/1964-mit-Gitarre--202x300.jpg 202w, http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/1964-mit-Gitarre-.jpg 242w\" sizes=\"(max-width: 202px) 100vw, 202px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1356\" class=\"wp-caption-text\">Wir durften junge Leute ein St\u00fcck begleiten. Wir hatten zwei Jugenh\u00e4user und Zwei Teams, Im Unterschied zu den evangelischen Freunden hatten wir Katholiken Narrenfreiheit: Tanzabende, Zeltlager, Theaterspiele im Pfarrheim und auf den D\u00f6rfern unter dem Dach der DDR-CDU. Wir waren als Schmugglerorganisation durchorganisiert. Geld spielte keine Rolle. Wir schmuggelten Betw\u00e4sche und Besteck f\u00fcr die Jugendh\u00e4user, Autos f\u00fcr unsere Arbeit, Abzugspapier f\u00fcr die Kopiermaschinen. Wir besorgten \u00fcber Genex Koks f\u00fcr die Jugendh\u00e4user, Fotoapparate.und schmuggelten Goldbarren.Es ist immer noch ein Meisterst\u00fcck, dass die Katholische Kirche diese DDR-Geschichte v\u00f6llig verschleiert hat.<\/p><\/div>\n<p>1966 kam der Berufswechsel als Di\u00f6zesanjugendseelsorger nach Erfurt. \u00a0Als mich mein Vorg\u00e4nger \u00a0bei einem gro\u00dfen Ministrantentag erlebte, war er offensichtlich von meiner Art, mit jungen Leuten umzugehen, so beeindruckt, dass er mich zu \u00a0seinem \u00a0Nachfolger vorschlug. Mir unterstanden nun als Leiter des Bisch\u00f6flichen Jugendseelsorgeamtes acht hauptamtliche Mitarbeiter und zwei Bildungsh\u00e4user mit dem dazugeh\u00f6renden Personal. Als Mitglied des Seelsorgeamtes war ich aufgaben- und rangm\u00e4\u00dfig dicht beim Bischof angesiedelt und hatte einen eigenen Etat. Gut f\u00fcnf Jahre standen nun vor mir, die mich beruflich enorm herausforderten und mein Leben total ver\u00e4nderten. Es war aber auch eine wundersch\u00f6ne Zeit. Die erste Lektion \u00fcber den gesch\u00e4ftlichen Teil meines Seesorgeauftrages erhielt ich, als von der Heizung einen Zigarrenkiste geholt und mir \u00fcbergeben wurde: \u201e Das ist die Portokasse\u201c. Ich war sicherlich etwas erstarrt, denn noch nie hatte ich in meinem Leben 40.000 Mark (es waren sogar mehr) vor mir gesehen. Dann wurde noch erw\u00e4hnt, dass ein Kilo-Goldbarren als Eiserne Reserve im Tabernakel in M. l\u00e4ge. Auf einmal war ich mitten in der klerikalen Gesch\u00e4ftswelt und damit auch im West-Ost-Handel. Autos, Kopierger\u00e4te, Gold, Bettw\u00e4sche, Koks, B\u00fccher, Ersatzteile, Benzin, Tonb\u00e4nder und Zeitschriften wurden inoffiziell auf diversen\u00a0 Schmuggelwegen oder offiziell \u00fcber GENEX beschafft. Ich hatte sogar eine Art Reiseb\u00fcro, indem ich den Pfarreien die Busfahrt f\u00fcr ein Wochenende in einem der Jugendh\u00e4user ganz offiziell erstattete. Ich richtete Rentenfonds f\u00fcr die Altersversorgung ein, beschaffte Hausger\u00e4te f\u00fcr kinderreiche Familien und chauffierte illegal Westg\u00e4ste quer durch die Republik. Dass es bei aller ideologischen Gegens\u00e4tzlichkeit auch sehr grunds\u00e4tzliche Einvernehmlichkeiten zwischen Staat und Kirche gab, erlebte ich nun direkt. Wir wussten uns als bisch\u00f6fliche Mitarbeiter in Augenh\u00f6he mit den Vertretern des Staates, ja f\u00fchlten uns ihnen sogar \u00fcberlegen. Auf der anderen Seite habe ich \u00fcber die Beziehungen zu den staatlichen Organen h\u00f6chstens ab und zu durch Zufall etwas erfahren, da ich nicht zum internen Kreis der politischen Kontaktleute geh\u00f6rte. So erfuhr ich, dass ich wegen Verwicklung in einen Goldschmuggel von der strafrechtlichen Verfolgung durch einen gr\u00f6\u00dferen Betrag freigekauft wurde und dass ein Pfarrer, der M\u00e4dchen nackt fotografiert hatte,\u00a0 von einem Tag auf den anderen einen Ausreisepass bekommen hatte. Auch \u00fcber Ausreisevisa f\u00fcr kirchliche Mitarbeiter zu Kongressen und Tagungen gab es offensichtlich direkte Abmachungen zwischen Staat und Kirchleitungen, wir Studenten- und Jugendseelsorger geh\u00f6rten leider nicht zum Ausreisekader. Sozialistischer Staat und Katholische Kirche hatten offensichtlich in ihren Strukturen viele \u00c4hnlichkeiten. Zu den Ost-West-Gesch\u00e4ften kamen Konferenzen auf den unterschiedlichen Ebenen, Weiterbildungen, Seminare und Kurse, Vortr\u00e4ge in den Gemeinden, Freizeiten und Einzelbesuche sowie die \u00fcbliche Verwaltungsarbeit. Besonders wichtig waren die Impulse, die von unseren westlichen Partnern kamen, mit denen wir uns regelm\u00e4\u00dfig in Ostberlin, im In- und (\u00f6stlichen) Ausland trafen. Als junge Priester einer abgekapselten Diasporakirche waren wir begierig auf neuzeitlich Theologie, auf die neuen Theorien von Jugend- und Gruppenarbeit, auch auf Analyse der politischen Entwicklung. Die intensive Kommunikation innerhalb der kirchlichen Jugend- und Studentenseelsorge in der DDR beg\u00fcnstige den Austausch und durch die Kontakte zur evangelischen Jugendarbeit wurden wir auf die Reflexion \u00fcber das konkrete Leben der Christen im sozialistischen Staat gesto\u00dfen.\u00a0 Fragen wie \u201eDarf ein katholischer Jugendlicher im FDJ-Hemd in die Kirche kommen?\u201c, \u201eD\u00fcrfen katholische Sch\u00fcler im Geschichtsunterricht aus Selbstschutz die Unwahrheit sagen?\u201c, \u201eD\u00fcrfen junge Katholiken guten Gewissens die vormilit\u00e4rische Ausbildung mitmachen?\u201c oder \u201ekann man den vorehelichen Verkehr bei bestimmten Voraussetzungen in der Beichte verschweigen?\u201c gingen weit \u00fcber die offiziellen Grenzziehungen der Kirchenleitungen wie das Verbot der Jugendweihe hinaus und ber\u00fchrten direkt die Lebenswelt der jungend Generation. Ich denke,\u00a0 es war typisch f\u00fcr die damaligen jungen Priester in der Katholischen Kirche in aller Welt, dass sie am Leben der Menschen teilnehmen wollten und die klerikale Abgrenzung ablehnten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Zu neuen Ufern<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/1970-Dieter-links-Ostern-in-Bulgarien1.bmp\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft  wp-image-1358\" title=\"1970 Dieter (links) Ostern  in Bulgarien\" src=\"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/1970-Dieter-links-Ostern-in-Bulgarien1.bmp\" alt=\"\" width=\"542\" height=\"687\" \/><\/a>Nun n\u00e4here ich mich der Frage, wie es zum Bruch mit meiner priesterlichen Vergangenheit kam? Den ersten und wichtigsten Punkt habe ich mit der wachsenden Entfremdung vom klerikalen Lebensstil schon angedeutet. In Erfurt, beg\u00fcnstigt durch eine sehr\u00a0 kommunikatives\u00a0\u00a0\u00a0 Leben, verst\u00e4rkte sich dieser Prozess und bekam ein zunehmend bestimmendes Gewicht. \u00c4u\u00dferlich zeigte sich das z.B. daran, dass ich mich der so genannten Messpflicht entzog; die Eucharistiefeier war f\u00fcr mich nur mit einer Gemeinde vorstellbar und nicht f\u00fcr isoliert an einem Altar. Deshalb nahm ich den mir offiziell zugewiesenen Messplatz im Waisenheim bald nicht mehr in Anspruch. Die vielen, oft sehr kreativ gestalteten Gottesdienste mit Jugendlichen waren meine Welt. Ein zweiter Punkt war ein typischer Generationenkonflikt zwischen meinem Bischof und mir. Er sah in mir seinen Sohn, deshalb durfte ich oft mit ihm und seiner Hausdame. fr\u00fchst\u00fccken. Aber es gab st\u00e4ndig Auseinandersetzungen, weil er vor allem Gehorsam und Einordnung verlangte, w\u00e4hrend ich Anerkennung meiner Leistung erwartete. \u00a0Die katholischen Bisch\u00f6fe hatten beim Konzil einen Lernprozess durchgemacht, der sie ver\u00e4nderte. Aber als sie von Rom nach Hause gekommen waren, erz\u00e4hlten sie zwar voller Enthusiasmus von ihren Konzilserfahrungen, hatten aber gleichzeitig\u00a0 viel Angst, dass dieser \u00a0Denk- und Ver\u00e4nderungsprozess weiter gehen k\u00f6nne und sie das Ruder aus der Hand verl\u00f6ren. Bewusst oder unbewusst suchten sie bei dem alten klerikalen Denken Halt und verlangten vor allem Disziplin und Unterordnung Wir jungen Priester aber wollten unsere Ideale und Ideen einbringen, Kirche ver\u00e4ndern und gestalten. So war es keineswegs ein Zufall, dass der Berliner Kardinal Alfred Bengsch (\u2020) die Arbeitsgemeinschaft der katholischen Jugendseelsorge der DDR mit harten Strafandrohungen \u201esistierte\u201c, weil sie sich mit gesellschaftlichen und innerkirchlichen Themen befasst hatte. Erst nach dem Versprechen, in Zukunft die Hinf\u00fchrung zu \u201eGebet, Opfer und Stille\u201c zu beachten, wurden die Sanktionen aufgehoben. Noch bedeutsamer aber wurden die vielen negativen Erfahrungen bei meinen priesterlichen Mitbr\u00fcdern, die nicht nur durch ihre Frauengeschichten meinen Abstand zu ihnen vergr\u00f6\u00dferte. Sie waren zweifellos oft t\u00fcchtige und fromme M\u00e4nner, aber wenn man hinter ihre Kulissen und Mauern schaute, zeigten sich nicht selten Abgr\u00fcnde.\u00a0 Das Ende dieses Prozesses war f\u00fcr mich der Wunsch nach einem anderen Leben, nach pers\u00f6nlicher Sinnerf\u00fcllung, nach mehr Geborgenheit und auch nach mehr Ehrlichkeit. Wiederholt provozierte ich die klerikale Welt, von den J\u00fcngeren beklatscht, von den \u00c4lteren geradezu feindselig angesehen. Nun bedurfte\u00a0\u00a0\u00a0 nur eines Funkens, um einen Fl\u00e4chenbrand in meinem Leben zu entfachen. Es kam dann alles auch sehr schnell. Eine angek\u00fcndigte\u00a0 Versetzung und die pl\u00f6tzlich erwachende Liebe zu einer Mitarbeiterin, machten aus dem katholischen Kleriker und \u00a0unbescholtenen Z\u00f6libat\u00e4ren (der ich immer war) auf einmal einen jungen Mann, der sich bis \u00fcber alle Ohren verliebt erlebte und zu neuen Ufern f\u00e4hig f\u00fchlte. Wie f\u00fcr viele andere Menschen war diese Zeit meiner ersten Liebe wie ein St\u00fcck Himmel auf Erden. Als im Mai 1973 unser Sohn geboren wurde, waren wir eine richtige Familie, allerdings wie Josef, Maria und das Jesuskind f\u00fcr lange Zeit auf der Herbergssuche.<\/p>\n<p>Da ich mir mit Rosemarie einig war, dass f\u00fcr uns selbst der Versuch einer geheimen Beziehung etwa unter dem Deckmantel Pfarrer \u2013 Haush\u00e4lterin nicht infrage k\u00e4me, legte ich meinem Bischof Anfang Februar 1971 die Karten auf den Tisch, voll guten Willens, den Konflikt m\u00f6glichst zu entsch\u00e4rfen, aus heutiger Sicht ziemlich naiv. Die katholische Diaspora-Kirche war damals in der Ausgrenzung von Abweichlern noch durch und durch vorkonziliar \u00a0Weil es in der modernen Gesellschaft nicht m\u00f6glich war, uns zu verbrennen, wurden wir wenigstens ge\u00e4chtet; das hie\u00df fristlose K\u00fcndigung, Berufs- und T\u00e4tigkeitsverbot f\u00fcr den gesamten innerkirchlichen und kirchennahen Bereich und Kontaktsperre zu kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Das Odium von Verrat und Abfall machte uns unrein wie im alten Israel und wurde auch auf alle Menschen \u00fcbertragen, die weiter zu uns hielten. Auch Rosemarie wurde umgehend gek\u00fcndigt, fand aber gl\u00fccklicherweise in der privaten Apotheke in Eisenach, wo sie gelernt hatte, als Helferin eine neue Anstellung. Es war manchmal richtig makaber, wenn uns staatliche Stellen gegen die kirchlichen Nachstellungen in Schutz nahmen. Was uns sch\u00fctzte und immer wieder neuen Mut gab, war unser gro\u00dfer Freundeskreis in Ost und West. F\u00fcr mich wurde jedoch die Berufssuche immer aussichtsloser. Meine kirchlichen Zeugnisse waren nichts wert und in den Augen des Staates war ich eher so eine Art\u00a0 f\u00fcnfter Kolonne der Katholischen Kirche. Es w\u00e4re ungerecht, zu verhehlen, dass es auf staatlicher Seite ernsthafte Versuche gab, mir Wege f\u00fcr eine berufliche Zukunft zu erm\u00f6glichen. Da\u00a0 ich mich aber ideologisch nicht umdrehen lie\u00df, blieb ich ein Fremdk\u00f6rper dieses DDR-Staates und st\u00e4ndig misstrauisch be\u00e4ugt und kontrolliert. Nach l\u00e4ngerer\u00a0\u00a0\u00a0 Arbeitslosigkeit arbeitete ich in berufsfremden Jobs, so im Kassenh\u00e4uschen des Zooparks, als Versicherungsagent, beim Tapetenverladen. Auch ein begonnenes Fachschulstudium \u00d6konomie \u00e4nderte nichts an meiner Situation. Finanziell \u00fcberlebten wir durch die Hilfe unseres gro\u00dfen internationalen Freundeskreises. Genauso wichtig f\u00fcr mein Selbstwertgef\u00fchl als Mensch und Theologe waren die offenen T\u00fcren in der Evangelischen Kirche, wo ich viele Freunde hatte und neue gewann. Die ehrenamtliche Mitarbeit als katholischer Theologe in einer Erfurter Neubaugemeinde und in der Pfarrerweiterbildung versch\u00e4rfte aber die Konflikte zur Katholischen Kirche. Aber der Schutzschirm der Evangelischen Kirche und meine fr\u00fchere herausgehobene Position in der Jugendseelsorge bewahrten mich vor direkter Verfolgung, auch wenn ich die kalten Klauen der Staatssicherheit oft in meinem Nacken sp\u00fcrte. Es war Anfang April 1975, als meine berufliche Situation immer aussichtsloser wurde, da sagte eine uns besuchende Schweizer Freundin: \u201eIn solcher Situation muss man auswandern!\u201c Die erste Reaktion war ein verwundertes Lachen, denn schlie\u00dflich hatte sich die DDR mit einer Mauer umgeben. Doch \u00a0je l\u00e4nger wir dann dar\u00fcber sprachen, umso deutlicher kamen die Verhandlungen von Helsinki in unseren Blick, wo Erich Honecker die Beachtung der Menschenrechte zugestanden hatte. Ich wusste, dass ein Ausreiseantrag eine Gradwanderung darstellte. Neben der radikalen Ablehnung stand die Gefahr von Inhaftierung und Verurteilung. Doch wir fanden den Mut zu diesem Schritt. Nach R\u00fccksprache mit allen Personen, die nahe standen bzw. f\u00fcr mich wichtig waren, auch mit meinem fr\u00fcheren Bischof, schickte ich den formlosen Antrag auf Ausreise aus der DDR f\u00fcr mich und meine Familie am 12. April 1975 per Einschreiben an die Abteilung f\u00fcr Innere Angelegenheiten beim Rat des Bezirkes Erfurt. Zur Begr\u00fcndung verwies ich lediglich darauf, dass sich die DDR zur Einhaltung der Menschenrechte verpflichtet und ich nach dem Ausscheiden aus dem kirchlichen Dienst im gesellschaftlichen Leben der DDR keinen Platz gefunden h\u00e4tte und auch f\u00fcr die Zukunft keine Chance s\u00e4he. Als Methode entschied ich mich f\u00fcr eine Art Huckepack, indem ich\u00a0 durch Ausnutzung der Eingabeverordnung nach jeder Ablehnung \u00a0an eine andere staatliche Stelle einen neuen Antrag stellte und den ganzen bisherigen Schriftverkehr dazuf\u00fcgte. Flankierend stellten meine Freunde im Westen einen Antrag auf\u00a0 Familienzusammenf\u00fchrung, der aber durch die Katholische Kirche nicht unterst\u00fctzt wurde.Erstaunlicherweise haben sich die Offiziere der Staatssicherheit, wo ich unter der Nummer ECL 1884 gef\u00fchrt wurde, \u00a0st\u00e4ndig an meine Argumentation angelehnt: \u201eKittlau\u00df findet nach dem Ausscheiden aus dem Kirchendienst im gesellschaftlichen Leben keinen Halt, ist mit den ihm angebotenen Arbeitsstellen nicht einverstanden, sieht f\u00fcr sich in der DDR keine Existenzm\u00f6glichkeit.\u201c Erst sp\u00e4ter, also nach der erfolgten Ausreise, wurde ich \u201ezum Feind des Staates\u201c erkl\u00e4rt. Leider gibt es keinerlei Hintergrundberichte, wieso es \u00fcberhaupt und dann sogar sehr rasch Ausreisegenehmigung kam. Die wahrscheinlichste Erkl\u00e4rung k\u00f6nnte darin liegen, dass sowohl der DDR-Staat wie die Katholische Kirche der DDR mich loswerden wollten und in bew\u00e4hrter Zusammenarbeit eine L\u00f6sung dieses Problems erm\u00f6glichten. M\u00f6glicherweise gab es aber daneben noch zwei andere Faktoren, die wichtig waren. Zuf\u00e4llig war im Presbyterium eines mit mir befreundeten Westberliner Pfarrers einer der Rechtsanw\u00e4lte, die von westlicher Seite aus f\u00fcr Ausreise und Freik\u00e4ufe t\u00e4tig waren. Diesen Rechtsanwalt, der durch die Evangelische Kirche bestellt war, durften wir im Ostberliner B\u00fcro von Dr. Vogel besuchen. Nachdem Herr W. vergeblich versucht hatte, \u00a0mich zum Evangelischen Pfarrerdienst, der als Angebot bereits ausgesprochen war, zu \u00fcberreden, \u00fcbernahm er unseren Antrag zur weiteren Bearbeitung, aber betonte gleich, dass es allein an der DDR l\u00e4ge, eine T\u00fcr zu \u00f6ffnen und es k\u00f6nne auch Jahre oder Jahrzehnte dauern. Nach dem Alter unseres Sohnes gefragt, kam der lapidare Satz: \u201eDer kostet dann nichts.\u201c Wir f\u00fchlten uns damals wie auf dem Sklavenmarkt. Sp\u00e4ter erfuhren wir, dass unser Fall \u00fcber das Kontingent Evangelische Kirche abgewickelt wurden. \u00a0An zweiter Stelle ist ein fast vierst\u00fcndiges Gespr\u00e4ch mit dem \u201eStellvertreter des Vorsitzenden f\u00fcr Inneres\u201c am 10. Juni 1975 zu erw\u00e4hnen. Nach meiner Erinnerung sp\u00fcrte ich nach dem ungew\u00f6hnlich langen Gespr\u00e4ch im Hochhaus des Bezirkes bei diesem hochrangigen Staatsfunktion\u00e4r so etwas wie Respekt f\u00fcr meine gesamte Haltung. Ein Signal war auch seine Bitte, keine weiteren Schritte mehr zu unternehmen. Wir wissen, dass in dem ganzen System der DDR einzelne Personen gro\u00dfen Einfluss hatten, wenn sie sich im Rahmen des M\u00f6glichen f\u00fcr eine bestimmte Sache einsetzten. Aber vielleicht gab es noch andere Einfl\u00fcsse. Nicht von der Hand zu weisen ist der Versuch, mich als Agenten in der Bundesrepublik langfristig aufzubauen. Aber das habe ich von vornherein durch eine totale Offenheit gegen\u00fcber den bundesdeutschen Beh\u00f6rden unterlaufen. Ende August ging dann alles sehr schnell. Beim Rat des Stadtbezirkes Erfurt-Mitte wurden wir aufgefordert, am 26. August ein Blankoformblatt f\u00fcr die Ausreise zu unterschreiben. Am 4. Oktober 1975 sind wir mit dem Auto am Grenz\u00fcbergang Wartha ausgereist. Hier war noch ein Zwischenfall zu bestehen. In der Woche zuvor war ich nach Berlin gefahren und hatte unter abenteuerlichen Umst\u00e4nden beim DDR- Handelsministerium die Genehmigung zur Ausreise mit unserem PKW erhalten. Da der urspr\u00fcnglich genehmigte Grenz\u00fcbergang Gerstungen im Widerspruch zu unserem Erscheinen in Wartha stand, gab es hier eine gro\u00dfe Verwirrung bei den DDR-Beamten, w\u00e4hrend wir \u2013 ziemlich ver\u00e4ngstigt- mehrere Stunden vor dem letzten Grenztor warten mussten. Da unser zweij\u00e4hriger Sohn dauernd laut schrie, war dies auch f\u00fcr die Diensthabenden eine ganz neue Grenzerfahrung. Es war bereits ein merkw\u00fcrdiges Gef\u00fchl, als wir Eisenach-West auf die Autobahn Richtung Frankfurt fuhren, noch nie war ich diese Strecke befahren. Nun wurde diese Erfahrung noch viel st\u00e4rker, als wir nach dem letzten Grenztor auf der langen Br\u00fccke das gro\u00dfe DDR-Emblem passierten und dann auf westlicher Seite waren. Freunde nahmen uns in Essen zun\u00e4chst bei sich auf, so dass uns das \u00dcbergangslager erspart blieb.<\/p>\n<p><strong>Wechsel<\/strong><\/p>\n<p>Wie alle Aus- und \u00dcbersiedler mussten auch wir \u201eim Westen\u201c den Schock einer fremden Welt aushalten, wobei uns die fremde Sprache erspart blieb. Die f\u00fcr uns besorgte Wohnung im 5. Stock in der N\u00e4he des Klinikums war v\u00f6llig heruntergekommen, vorher hatte eine Prostituierte hier gewohnt. Wir waren v\u00f6llig isoliert und unsere Freunde hatten wenig Zeit oder wohnten weit weg. Schwieriger und eigentlich auch lebensbedrohend, wurde meine Berufssuche. Gewisse Kreise der Katholischen Kirche in der DDR setzten ihre Nachstellungen fort, um mir den Makel eines Kirchenfeindes anzuh\u00e4ngen. Im innerkirchlichen Informationssystem als \u201ebegabter Theologe aber Feind der Kirche\u201c einmal gekennzeichnet, schlossen sich recht schnell die nach einem ersten Gespr\u00e4ch ge\u00f6ffneten T\u00fcren. Im au\u00dferkirchlichen Bereich war nicht nur das fehlende Diplom ein starkes Hemmnis\u00a0 sondern vor allem, dass ma\u00dfgebliche katholische Stellen meine Studien \u00fcberhaupt abqualifizierten. Aufgrund \u00f6kumenischer R\u00fccksichten fand ich auch bei evangelischen Tr\u00e4gern kein Entgegenkommen, wobei hier eine Rolle spielte, dass ich f\u00fcr soziale Aufgaben zwar Praxis aber keine Qualifikationen hatte. Wie es sich dann langsam herausstellte, war mir von der DDR auch das Odium eines Spions nachgeschickt worden. Eine legale Ausreise mit Auto und M\u00f6beln erschien damals vielen nur m\u00f6glich, wenn die DDR-Stellen ein besonderes Interesse daran hatten. Es folgten Wochen, wo das gew\u00e4hrte Arbeitslosengeld langsam auslief. Wenn im Briefkasten ein gro\u00dfer Kuvert steckte, wusste ich schon vorher, dass es die zur\u00fcckgeschickten Bewerbungsunterlagen waren. Aber ich verlor nicht den Mut und beschrieb allen unseren Freunden und Bekannten den Ablauf und die Hintergr\u00fcnde unserer \u00dcbersiedlung und bat um Hilfe. Dies war genau richtig. Von Tag zu Tag zeigten sich dann auch mehr Lichtblicke. Die Katholische Theologische Fakult\u00e4t\u00a0 der Uni Bonn fand einen Weg, um meine Studien als Hochschulstudium anzuerkennen. Nach mehreren ernsthaften Stellenangeboten vom VHS-Verband und vom Arbeitsamt entschied ich mich f\u00fcr das Bendorfer Hedwig-Dransfeld-Haus (HDH)\u00a0 weil wir hier hoffen konnten, neben einer beruflichen Aufgabe f\u00fcr mich auch f\u00fcr die ganze Familie eine neue Heimat zu finden.<\/p>\n<div id=\"attachment_1362\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/Haus-am-Berg.-Tadesse-ist-schon-tot2.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1362\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-1362 \" title=\"Haus am Berg. Tadesse ist schon tot\" src=\"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/Haus-am-Berg.-Tadesse-ist-schon-tot2-300x204.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"204\" srcset=\"http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/Haus-am-Berg.-Tadesse-ist-schon-tot2-300x204.jpg 300w, http:\/\/www.bendorfer-lehrhaus.de\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/Haus-am-Berg.-Tadesse-ist-schon-tot2.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1362\" class=\"wp-caption-text\">Tadesse war mein Freund. Sp\u00e4ter wurde er in New York erschossen.<\/p><\/div>\n<p><strong>Die zweite Chance:\u00a0<\/strong>Das HDH hatte seine Wurzeln in der Katholischen Frauenbewegung und sich nach 1945 zu einem engagierten Verein weiterentwickelt, der sich ganz unterschiedlichen Aufgaben wie Jugendbildung, \u00f6kumenischer Dialog. Christlich-j\u00fcdische Initiativen, M\u00fcttergenesung und Behindertenintegration stellte. Keinesfalls zuf\u00e4llig war der Satz \u201eAlles wirkliche Leben ist Begegnung\u201c des j\u00fcdischen Religionsphilosophen Martin Buber zum Motto des Vereins gew\u00e4hlt worden. Die Themen, die Atmosph\u00e4re und die Menschen gefielen uns sofort ungemein. Welche Probleme die ausgeschriebene Stelle eines Direktionsassistenten hatte, merkte ich erst sp\u00e4ter. Die Konflikte mit der Katholischen Kirche l\u00f6sten die Bendorfer Frauen sehr kreativ. Da die Direktorin des HDH eine sehr freundschaftliche Beziehung zu den beiden Spitzen der Trierer Bistumsleitung hatte, wurde meine ganze Vergangenheit einfach weggewischt. \u201eJetzt sind Sie bei mir, vergessen Sie alles, was war\u201c, mit diesem Wort des\u00a0\u00a0\u00a0 Bischofs bekam ich gewisserma\u00dfen eine neue innerkirchliche Identit\u00e4t. Die ma\u00dfgeblichen Bendorfer Frauen sahen es wohl als eine F\u00fcgung Gottes an, dass ihnen ein verheirateter Priester mit seiner Frau \u00fcber den Weg geschickt wurde. Es wurde eine wunderbare Zeit. Ich konnte alle meine F\u00e4higkeiten und Erfahrungen einbringen. Wir erhielten Wohnung und meine Frau Rosemarie wurde wie die Pfarrfrau in einem evangelischen Pfarrhaus die Seele des HDH. Konflikte gab es mehr als genug: zu wenig Geld, kaputte H\u00e4user, interne K\u00e4mpfe und vor allem der \u00dcbergang der Direktorin in den Ruhestand. 1981 wurde ich nur mit der \u00dcbergangsleitung betraut, weil ein verheirateter Priester auch im kirchennahen Raum keine Leitungsaufgabe \u00fcbernehmen durfte. Vier Jahre sp\u00e4ter gab der neue Trierer Bischof seinen Widerstand auf. Wie durch eine weitsichtige F\u00fcgung wurde ich durch mein Leben bis nach Bendorf gef\u00fchrt. Hier konnte ich all das tun, was mir wichtig war. Seminare zur Lebensf\u00fchrung und Glaubensfindung mit jungen Menschen aus ganz unterschiedlicher Tradition, direkte Begegnung mit j\u00fcdischen und muslimischen Menschen, mit Frauen der Heilsarmee und der Freikirchen, Mitarbeiterf\u00fchrung, Vorbereitung von Gottesdiensten, Bauen und Organisieren. \u00a0Die Kapelle, f\u00fcr die ich nun auch verantwortlich war, war eine lebendige Zelle christlicher Kirche. Hier feierten Reformierte Juden den Schabbat, katholische und evangelische Christen waren in der Eucharistie vereint, Offiziere der Heilsarmee. haben hier gepredigt, anglikanische und altkatholische Priesterinnen zogen ein in feierlicher Prozession, muslimische Suffis aus aller Welt feierten mit dem DIKR ihre Heilige Nacht. Es war f\u00fcr alle mehr als beeindruckend, als an einem Pfingstsonntag Mitglieder einer Negro &#8211; Kirche aus London und Birmingham die Eucharistie gestalteten. Sie tanzten, legten Kranken die H\u00e4nde auf. In ihrer Mitte ihr Bischof in vollem Ornat, der in London als Taxifahrer arbeitete. Erinnerungsw\u00fcrdig auch die feierliche Ordination des evangelischen Pfarrers im HDH, die Gottesdienste der altkatholischen deutschen Pfarrer mit ihrem Bischof, die vielen Meditationen mit jungen Menschen, die eigentlich mit Kirche nicht mehr viel anzufangen wussten, die leidenschaftlichen T\u00e4nze mit afrikanischen Christen. Tausende Menschen aus aller Welt haben in dieser kleinen Kapelle gebetet und gefeiert. Ich wei\u00df zwar, dass diese\u00a0\u00a0\u00a0 Welt nur eine Kirche auf Zeit war, zwischenzeitlich ist sie auch Vergangenheit, aber vielleicht gilt das f\u00fcr ganze Leben.<\/p>\n<p><strong>Ausblick \u00a0<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr mich ging die Bendorfer Zeit 1997 zu Ende, denn von einem Tag auf den anderen und unter vielen Konflikten musste ich unvorbereitet in den Ruhestand gehen. Darin ging es mir wie vielen M\u00e4nnern und Frauen. Zu der leeren Stra\u00dfe kamen neue gesundheitliche Einschr\u00e4nkungen. Als meine Frau Rosemarie schwer erkrankte, war es allerdings gut, dass ich nun Zeit hatte, so konnte ich sie pflegen bis sie im Oktober 1999 starb. Nach einer neuen Erfahrung hereinbrechender Nacht fand ich ins Leben zur\u00fcck und in Anne wurde mir eine neue Lebensgef\u00e4hrtin zugef\u00fchrt. Von den neuen Aufgaben will ich nur von einer erz\u00e4hlen. Es war im Sommer 1997, als wir auf unserer Terrasse beim Nachmittagskaffee sa\u00dfen, und dunkle Wolken \u00fcber unserem Leben hingen. Da kam auf einmal um das Haus herum die Pastoralreferentin der Bendorfer Pfarrei St. Medard. Sie trug einen eleganten langen Rock und einen unwahrscheinlich gro\u00dfen Hut mit einer breiten Schleife. Nach Einladung setzte sie sich zu uns, und wir plauderten miteinander. Mit einem charmanten L\u00e4cheln erkl\u00e4rte dann die junge Frau ihr Anliegen. Der Pastor h\u00e4tte geh\u00f6rt, dass ich in einer unsch\u00f6nen Geschichte auf die Stra\u00dfe gesetzt worden sei. Das t\u00e4te ihm leid. Doch dadurch h\u00e4tte ich jetzt Zeit und k\u00f6nnte bei den Gottesdiensten im Seniorenzentrum der AWO mithelfen. Mir verschlug es die Sprache, denn seit meiner Entlassung aus dem priesterlichen Dienst im Februar 1971 war ich nie am Altar aufgetreten oder sonst wie als Priester t\u00e4tig gewesen. Auch hatte ich nun nach meinen erneuten negativen Erfahrungen mit meiner katholischen Kirche \u00fcberhaupt keinen Grund, auf dieses Ansinnen einzugehen. Das barsche Nein lag mir schon auf den Lippen, doch dann lie\u00df ich mich umstimmen. Mittlerweile gehe ich schon im zw\u00f6lften Jahr an zwei bis drei Sonntagen im Monat in das AWO-Pflegeheim auf der Vierwindenh\u00f6he. Ich halte Gottesdienst in einer wundersch\u00f6nen Kapelle, teile die Kommunion aus, singe und bete auf den Stationen, laufe mit Albe und Stola durch das Haus, spreche mit den alten Menschen auf den Fluren\u00a0 und habe schon viele Sterbende in den Tod begleiten k\u00f6nnen. Ja, es ist wie ein Wunder, dass ich die vielen \u201eIrrungen und Wirrungen\u201c heil \u00fcberstanden und immer wieder ein neues Ufer gefunden habe. Davon wollte ich erz\u00e4hlen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erstver\u00f6ffentlichung 2010: Wie ein zweites Leben, Biografisches im Umbruch, hrg.Gottfeid h\u00e4nisch, Wartburverlag Weimar 2010 Kindheit und Jugend Die Kriegs- und Fl\u00fcchtlingskinder, von denen in letzter Zeit \u00f6fters berichtet wurde, seien meistens tief in ihrer Seele verwundet, dass daran etwas Wahres ist, habe ich im vorigen Jahr\u00a0 erfahren. 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